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Hitzewelle 2003: 500 Stunden mehr Sonne

Foto: Martin_Gerten/ dpa

Rekordsommer 2003 Die vergessene Jahrhundertkatastrophe

Dieser Sommer war ein Desaster! Im August 2003 stiegen die Temperaturen in Europa auf bis zu 47,5 Grad. Doch der in den Medien gefeierte Märchensommer war tatsächlich eine der größten Naturkatastrophen in der Geschichte des Kontinents. Wälder brannten, Flüsse trockneten aus - und Zehntausende Menschen starben.

Auf einmal lag selbst das unterkühlte Hamburg gefühlt in den Tropen: Die eher aschblonden Elbstrände der Hansestadt waren so beliebt, als lägen sie in der Karibik. Und selbst in der notorisch kalten Nordsee ließ es sich stundenlang wie in einer lauwarmen Badewanne planschen.

In Freiburg maßen die Meteorologen im Sommer 2003 an 53 Tagen Temperaturen von mehr als 30 Grad, und die Werte kletterten immer weiter, überstiegen bald sogar 40 Grad. Deutschland schwitzte, ganz Europa schwitzte - und die Menschen überschlugen sich mit Superlativen zu dem Hochdruckgebiet "Michaela": Hitzesommer! Rekordsommer! Nein, zu schwach: Jahrhundertsommer!

"Ein Hoch auf Michaela", witzelte die "taz" am 6. August 2003, denn Michaela sei die stärkste Frau Deutschlands. "Ihrer Standhaftigkeit verdanken wir die Affenhitze." Zeitungen überschlugen sich mit Ratschlägen, an welchen Flüssen, Stränden und Seen man sich am besten abkühlen könne. "Jahrhundertsommer", das klang meist nach grenzenlosem Spaß und Sonne pur.

In Wahrheit aber brachte der Sommer 2003, so zumindest das Ergebnis einer späteren umfangreichen Studie, vermutlich etwa 70.000 Menschen in Westeuropa den Tod, darunter waren 7000 Deutsche. Damit war der Jahrhundertsommer 2003 eine der verheerendsten Naturkatastrophen in der Geschichte Europas - und besonders hart traf er Frankreich.

Als die Temperaturen am 14. August erstmals 39 Grad überstiegen, brachen allein auf den Straßen von Paris 40 Menschen leblos zusammen. Klimaanlagen versagten, Kliniken waren heillos überlaufen, es fehlte überall an Krankenbetten - versorgt wurden viele Hitzeopfer notdürftig in den Gängen. "Manche Patienten müssen wir kniend auf dem Boden behandeln", sagte der Leiter einer Notaufnahme im Pariser Vorort Villeneuve-Saint-Georges einem Reporter. "Wir arbeiten, als ob Krieg wäre - wie in einem Feldlazarett."

Es war ein sehr stilles, einsames Sterben der Alten in Frankreich, vor allem in der Hauptstadt. Die Kinder und Enkelkinder badeten vergnügt irgendwo am Mittelmeer oder Atlantik. Ihre Eltern und Großeltern kämpften derweil daheim gegen Müdigkeit, Schwindelattacken und die brutale Hitze an. Viele starben in ihren Häusern, ohne dass es irgendein Angehöriger auch nur bemerkte.

Mangel an Leichenhallen

In Paris verschieden derart viele Menschen, dass die Bestattungsinstitute mit den Beerdigungen nicht mehr nachkamen und für die Leichname kein freier Platz mehr in den Kältekammern blieb. Provisorisch wurde auf dem Großmarkt Rungis südlich der Hauptstadt ein großes Kühllager für Lebensmittel zur größten Leichenhalle Frankreichs umfunktioniert - Raum für weitere 700 Tote.

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Hitzewelle 2003: 500 Stunden mehr Sonne

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Dazu kamen immense materielle Schäden: Sie beliefen sich nach groben Schätzungen in ganz Europa auf mehr als zehn Milliarden Euro.

Wälder standen in Flammen, Felder verdörrten, Fische verendeten. Wegen der dauerhaften Trockenheit vermehrten sich die Borkenkäfer massenhaft und setzten den Wäldern schwer zu. Die Pegel mächtiger Ströme wie Rhein, Elbe und Donau sanken derart stark, dass die Schifffahrt teilweise eingestellt werden musste. Längst vergessene Wracks tauchten auf einmal wieder auf. Bei Düsseldorf maß der Rheinpegel zeitweilig nur noch 74 Zentimeter, und die Dürre riss in den sonst so sattgrünen Uferboden tiefe Risse. Europa trocknete aus.

Urlaubspaß mit apokalyptischem Beigeschmack

Schon der Juni und Juli 2003 waren ungewöhnlich warm gewesen, doch in der ersten Augusthälfte kam es europaweit zu Hitzerekorden: 37,9 Grad am Londoner Flughafen Heathrow, 41,5 Grad im Kanton Graubünden - der höchste je in der Schweiz gemessene Wert. In Südportugal wurde gar ein Spitzenwert von 47,5 Grad gemessen. Gleich mehrere Orte in Deutschland erreichten mit 40,2 Grad die alte Höchstmarke aus dem Jahr 1983. Selbst Hamburg brachte es im Jahr 2003 auf insgesamt auf fast 2000 Sonnenstunden - etwa 500 Stunden mehr als sonst üblich.

Insgesamt war es im Juni, Juli und August 2003 damit in Deutschland durchschnittlich 3,4 Grad wärmer als im langjährigen Mittel - der höchste Wert seit Beginn solcher Aufzeichnungen im Jahr 1761. Der Superlativ "Jahrhundertsommer" war daher auch keine rein mediale Überhöhung, zumal selbst seriöse Klimaforscher zum ersten Mal ein einzelnes Wetterereignis in einen direkten Zusammenhang mit dem globalen Klimawandel setzten. Unermüdlich warnten sie, Extremphänome wie Dauerregen, Dürre oder Orkane würden in Zukunft immer häufiger auftreten.

Derweil machten Eisdielen und Schwimmbäder das Geschäft ihres Lebens, und in den Städten eröffneten reihenweise neue Beach-Clubs mit eilig herangekarrtem Sand. Der Dauerdurst bescherte den Münchner Biergärten ein sattes Umsatzplus von zehn Prozent, und die Winzer sollten am Ende des Jahres über einen besonders wertvollen Wein jubeln.

Manchmal jedoch bekam der ungebremste Urlaubsspaß fast apokalyptische Züge. So regnete es etwa im portugiesischen Touristenzentrum Lagos an der Algarve plötzlich - und zwar Asche. Im Inland hatte es schon seit Tagen lichterloh gebrannt; große Regionen Portugals und Spaniens waren längst zu Katastrophengebieten erklärt worden.

Ein zynischer Streit um die Opfer

Die Hitze trieb die Menschen gemeinsam an den Strand - und riss doch die Gesellschaft auseinander, denn der Tropensommer machte dem Land brutal die Grenzen seiner innerfamiliären Solidarität deutlich. In Frankreich etwa mussten etliche Bürger ohne Trauerfeier beigesetzt werden, weil sich niemand um sie gekümmert hatte oder die Angehörigen noch ahnungslos im Urlaub weilten.

"300 Familien ist nicht aufgefallen, dass ihre Oma, ihr Opa oder ihre Mutter gestorben ist", empörte sich der Staatssekretär für Senioren, Hubert Falco, in einem Interview. "Das ist schockierend." Die konservative Zeitung "Le Figaro" wollte gar eine "französische Barbarei" erkannt haben.

Der Sommer brachte selbst Regierungen in arge Bedrängnis, zu schnell war etwa das französische und italienische Gesundheitssystem unter der Belastung der vermehrten Notfälle zusammengebrochen. Staatspräsident Jacques Chirac geriet zudem in die Kritik, weil er erst spät aus seinem Urlaub im kühlen Kanada nach Paris zurückgekehrt war, während in der Hauptstadt bereits Tausende gestorben waren. Wochenlang lieferten sich danach Opposition und Regierung einen zynischen Streit über die zusätzliche Zahl der meist älteren Opfer, die - im Vergleich zum August im Vorjahr - an den Folgen der Dauerhitze gestorben waren. Die traurige Bilanz schwankte, je nach Untersuchung, zwischen rund 10.000 und 14.000.

Nicht nur in Frankreich wurde danach viel und aufgeregt über "Maßnahmen gegen die Einsamkeit", neue Notfallpläne und bessere Frühwarnsysteme diskutiert. Bringt das aktuelle Sommerhoch Europa weiter so viel Sonne, könnte sich bald zeigen, ob die Menschen wirklich etwas aus dem Jahrhundertsommer von 2003 gelernt haben.