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Psychiatrie-Spektakel: Hysterie und Voyeurismus

Bizarre Forschung Showtime in der Nervenklinik

Eigentlich sollte sie in der Psychiatrie geheilt werden, stattdessen wurde Augustine zum Star eines unmenschlichen Spektakels: Der Neurologe Jean-Martin Charcot führte die Teenagerin Ende des 19. Jahrhunderts in Vorlesungen als Fallbeispiel für Hysterie vor - und begeisterte Gäste aus ganz Europa.

Dieser Schrei! Augustine ist wie von Sinnen: Sie schnaubt, verrenkt die Arme, rast über das Parkett des Hörsaals. Die Beine verdreht bis zum Schmerz, die langen Haare fliegen. Sie kreischt, streckt die steife Zunge aus dem Hals, zieht schreckliche Grimassen, stößt Sprachfetzen aus. "Mama, Mama", ruft sie, "ich habe Angst! Sie haben mir weh getan." Sie wirft die Hände zum Himmel, reckt den Kopf, bekreuzigt sich, betet - und sinkt plötzlich zusammen. Die Schreie verhallen. Das Mädchen wird ohnmächtig.

"Das ist also Augustine, ihr Lieblingsfall, meine Herren", kommentiert der Gastgeber und Nervenarzt Jean-Martin Charcot. Die Zuschauer können den Blick nicht abwenden von diesem Spektakel aus Elend und Ekstase. Bereits seit 1863 lädt der Neurologe jeden Dienstag in die Pariser Klinik Salpêtrière. In seinen Vorlesungen präsentiert er junge Frauen, die an Hysterie leiden. Unter diesem Namen fasst man zu der Zeit eine ganze Reihe angeblich weiblicher Krankheiten zusammen, für die es heute etliche unterschiedliche Diagnosen gibt: Epilepsie, nervöse Leiden, psychische Störungen, die keineswegs nur bei Frauen auftreten.

Doch damals ist Charcot sich sicher: Hysterie existiert. Für seine Vorlesungen lässt er jeweils vier oder fünf Patientinnen adrett herrichten, führt sie in den Hörsaal und löst mit Rauschmitteln wie Äther oder per Hypnose die Symptome der gespenstischen Erkrankung aus - natürlich nur zu Forschungszwecken, wie er versichert. Dabei sitzen im Publikum nicht nur Studenten: Ärzte, Politiker, Schriftsteller und Schauspieler aus ganz Europa zieht es zu den Vorführungen. Der Wiener Mediziner Sigmund Freud, der schwedische Dramatiker August Strindberg, die Schauspielerin Sarah Bernhardt und der Neurologe Gilles de la Tourette reisen an, um die bizarre Show zu sehen.

Einzug in die "weibliche Hölle"

Jean-Martin Charcot hat sich zum Ziel gesetzt, das Geheimnis der rätselhaften Krankheit Hysterie zu lüften. Seine Methode: die genaue Skizzierung, Dokumentation und Fotografie der einzelnen Phasen des hysterischen Anfalls. Unter seiner Regie gerät die Krankheit zu einem Schauspiel, die Salpêtrière zu seiner Bühne - und Augustine zum Star. Sie ist schön, ihre Anfälle verlaufen immer nach dem gleichen Muster. Und sie spielt mit.

Als Augustine 1873 in die Salpêtrière eingewiesen wird, ist sie 15 Jahre alt. Seit zwei Jahren plagen sie hysterische Attacken, unkontrollierbare Bewegungen, begleitet von heftigen Unterleibsschmerzen. Sie ist eine von über 4000 internierten Frauen in der Klinik. Eine Statistik des zuständigen Präfekten aus dem Jahr 1862 protokolliert das Elend zwischen den Mauern der Psychiatrie: ein Arzt für 500 Kranke, rund 250 Todesfälle im Jahr, eine Genesungsquote von unter zehn Prozent. "Weibliche Hölle" nennen die Pariser die Salpêtrière, eine "zweite Bastille". Mit seinen Kerkern, Gummizellen und Wachtposten ist Frankreichs größtes Hospiz mehr Zuchthaus als Heilanstalt.

Unter all den Internierten fällt Augustine dem Nervenarzt Charcot besonders auf. Begeistert notiert er in seinen Aufzeichnungen, sie sei hübsch, groß, stark, kokett, aktiv, intelligent, zärtlich, etwas launisch. Und: "Sie mag es, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen." Augustine ist nicht ihr richtiger Name, die Ärzte geben ihn ihr. Was das Mädchen sagt, wie es sich fühlt, ist in Charcots Schriften und Bildersammlungen nicht überliefert. Um die Heilung des Leidens geht es dem Arzt nicht, mehr noch, er verhindert die Genesung willentlich, sonst verlöre er sein Studienobjekt. Er opfert Augustine für die Erforschung einer Krankheit. Schließlich sind viele vor ihm an einer Einordnung des Leidens gescheitert.

Die wandernde Gebärmutter

Schon in der Antike beschäftigten sich Gelehrte wie Platon und Hippokrates mit der Hysterie, nannten sie ein "Frauenleiden", weil sie die Ursache in der Gebärmutter (altgriechisch: "hystera") vermuteten. Noch bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts gingen Ärzte davon aus, dass die Gebärmutter, wenn sie nicht regelmäßig mit Samen "gefüttert" werde, im Körper der Frau umherwandere und sich schließlich im Gehirn festsetze. Später beschrieben Ärzte die Hysterie als "Neurose des weiblichen Zeugungsapparats" oder "Krankheit der Empfindung" - jedoch ohne konkrete Definition ihrer genauen Ursache.

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Die Symptome der Krankheit machten Mediziner ratlos: Spasmen, Schüttelkrämpfe, Ekstasen, Gebärmutterschmerz, Eierstockbrennen, Delirien bis zum Bewusstseinsverlust - und all das ohne ersichtliche, organische Ursache. Entsprechend hanebüchen waren die Behandlungsmethoden. Aufgrund der Annahme, dass die Gebärmutter aus natürlichem Instinkt den Gestank meide, zwang man Hysterikerinnen die übelsten Gerüche einzuatmen: Verkohlte Männer- und Ziegenbockhaare, Schießpulver oder Schwefelöl sollten das Organ zu seinem eigentlichen Platz zurückbewegen. Am weitesten trieben es Chirurgen, die zur Genesung kurzerhand die Entfernung der inneren Geschlechtsorgane und damit die Ursache des Übels vorschlugen.

Attacken wie aus dem Musterbuch

Auch Charcot vermutet ein physisches Leiden und entwickelt seinen eigenen Ansatz: Durch genaue Beobachtung will er Regelmäßigkeiten der Erkrankung feststellen. Augustine, laut Charcot ein "klassisches Beispiel", erweist sich als ideales Studienobjekt. Ihre Anfälle scheinen sich unendlich oft zu wiederholen, immer nach dem gleichen Muster. Klinikfotografen dokumentieren die verschiedenen Ausprägungen ihrer Attacken mit zahlreichen Bildtafeln. Charcots Assistenzarzt Paul Richer, ein begabter Grafiker, skizziert insgesamt 68 verschiedene "Figuren".

Die Beobachtung Augustines ermöglicht es Charcot, die Krankheit in vier Phasen einzuteilen. Die "epileptoide" Phase, bei der die Hysterische eine erste Attacke erleidet, gefolgt vom Stadium des "Clownismus", in welchem sie alle Gliedmaßen verrenkt. In der Phase der "leidenschaftliche Haltungen" bäumt sich Augustine auf und verharrt in einer Gebetspose, bevor sie schließlich im Delirium wirr zu sprechen beginnt.

Doch Zeichnungen und Fotografien reichen Charcot nicht. Er führt die Hypnose als Forschungsmethode ein, ein Verfahren, das bisher im medizinischen Bereich als Scharlatanerie verschrien war. Vor den Augen des schaulustigen Publikums betastet, streichelt und beschwört er seine weiblichen Versuchspersonen, richtet ihren Blick auf sich gleichförmig bewegende Gegenstände und löst dadurch die Anfälle aus. Durch Stromstöße oder Faustschläge auf die Lende, wo die Gebärmutter liegt, sollen diese zum gewünschten Zeitpunkt wieder gestoppt werden.

Charcot wird so zum Dirigenten dieses Spektakels, zum heldenhaften Bändiger der chaotischen Hysterie. Oder sind die so hervorgerufenen Symptome vielleicht doch nur die Konstruktion eines eitlen Nervenforschers?

Denn die Grenzen zwischen wirklichem und gespieltem Anfall verlaufen in den Vorlesungen fließend. Auch die Fotos von Augustine lassen zumindest Zweifel aufkommen, ob das Modell nicht mit seinem Betrachter kokettiert. Charcot selbst fördert das Zusammenspiel von Künstlichkeit und Realität, indem er seine Patientinnen zu ihren hysterischen Bewegungen "inspiriert" und die Symptome pantomimisch vorspielt.

Flucht aus der Klinik

Die aus der Gesellschaft weggesperrten Frauen in der Salpêtrière streben regelrecht danach, von Charcot entdeckt und auf das Podest der Fallbeispiele gehoben zu werden. Der Schriftsteller Alphonse Daudet, ein regelmäßiger Besucher der Dienstagsvorlesungen, schreibt in seinen Aufzeichnungen: "Ich habe Patienten von Charcot gesehen, die das Verschwinden eines Symptoms oder eines Reflexes, von dem sie wussten, dass es dem Wissenschaftler besonders wertvoll war, sehr verdrießlich stimmte: 'Was wird er davon halten? Er wird sich nicht mehr für meinen Fall interessieren!'"

Auch Augustine lässt sich immer mehr auf das Spiel Charcots ein. Die beiden verbinde ein "Pakt", ein "außergewöhnliches Einverständnis", schreibt der französische Kunsthistoriker Georges Didi-Huberman in seiner Studie zur Salpêtrière. Doch gleichzeitig verschlimmert sich Augustines Leiden mit jedem Bild, das sie von sich machen lässt, jeder Auftritt treibt sie mehr in den Wahnsinn. Wutausbrüche häufen sich, sie schlägt bei Berührungen um sich, einmal zerreißt sie sogar ihre Zwangsjacke - und fasst eines Nachts einen Entschluss: In Männerkleidern schleicht sie aus der Anstalt, klettert über die Klinikmauer. Der Star der Hysterie-Show läuft davon. Niemand hat Augustine je wiedergesehen.

Charcot indessen führt seine Forschung weiter, eröffnet 1881 seinen eigenen Lehrstuhl für klinische Nervenkrankheiten und wird noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts als großer Diagnostiker und Wegbereiter der heutigen Psychiatrie gefeiert. In ihren zwischen 1895 und 1922 veröffentlichten "Studien über Hysterie" führen Sigmund Freud und Josef Breuer die Erkrankung auf psychische Ursachen zurück und begründen damit das Ende der "klassischen" Hysterieforschung. Auch der Begriff selbst verschwindet langsam aus den Medizinlehrbüchern. 1980 streichen ihn Forscher aus dem international gebräuchlichen Diagnosehandbuch psychischer Störungen. Die Hysterie hat sich ohne großes Aufsehen aus dem Staub gemacht - genau wie Augustine damals aus der Salpêtrière.

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