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Jim Morrison: Das Ende

Foto: ZUMA Wire / imago images

Popstar Jim Morrison Der Schamane, der sich selbst zerstörte

Vor 50 Jahren starb Jim Morrison an einer Überdosis Heroin in der Badewanne seiner Pariser Wohnung. Der charismatische Sänger der Rockband The Doors war ein düsterer Engel, den alles Destruktive anzog.

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Der verwunschene Pariser Friedhof Père Lachaise mit seinen großen Bäumen und verwitterten Gräbern am 7. Juli 1971: Fünf Trauernde folgen dem weißen Sarg an diesem warmen Sommertag. Es ist der engste Kreis um den Verstorbenen – seine Frau Pamela Courson, seine Assistentin Robin Wertle, Alain Ronay, ein alter Freund aus gemeinsamen Studententagen in Los Angeles, dessen Freundin Agnès Varda, belgische Filmemacherin, und Bill Siddons, Manager der Rockband des Toten.

This is the end, my only friend, the end...

Im Sarg liegt Jim Morrison, Poet, Sänger, Säufer. Frontmann von The Doors, Sexsymbol, einer der größten Popstars seiner Zeit. Ein düsterer Engel. Bill Siddons war sofort von Los Angeles nach Paris geflogen, um die Beerdigung »möglichst unauffällig« über die Bühne zu bringen, ohne Fotografen: »Jim wurde mit jenem Respekt beerdigt, den er als großer Künstler verdiente!«

James Douglas Morrison wurde am 8. Dezember 1943 in Melbourne, Florida, geboren, als ältester Sohn eines ranghohen Offiziers der US-Navy, der selten zu Hause war, und einer dominanten Mutter. In der Schule redete er am liebsten ungefragt, ein einsamer Junge, geltungssüchtig und wild, provokant und rebellisch.

Marihuana, LSD und Alkohol in rauen Mengen

Im Februar 1964 begann Morrison ein Filmstudium in Los Angeles. Ein Professor erinnerte sich später: »Alles Destruktive zog ihn an. Er roch es und wärmte sich die Hände an diesem Feuer.« In Kalifornien begann die Zeit der Hippies und der Drogen, Flower Power, Make Love not War. In Venice Beach rauchte Morrison Marihuana und schluckte LSD, in enormen Mengen. Bald wog er nur noch 59 Kilo. Ein friedlicher Hippie wurde er nie.

Morrison freundete sich mit Ray Manzarek an, ebenfalls Filmstudent. Er hatte eine klassische musikalische Ausbildung, spielte Orgel, war begeistert von Jims Texten und kam auf die Idee, aus ihm einen Sänger zu machen. Manzarek heuerte auch John Densmore, 20, als Schlagzeuger an. Er hatte ihn in einem Kurs für Transzendentale Meditation kennengelernt, ebenso Robby Krieger, den er als Gitarristen in die Band holte.

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Den Namen »The Doors« schlug Morrison vor. Er hatte den englischen Romantiker William Blake gelesen, der schrieb: »If the doors of perception were cleansed every thing would appear to man as it is: Infinite.« – »Wenn die Türen der Wahrnehmung gereinigt würden, würde dem Menschen alles so erscheinen, wie es ist: unendlich.« Der Schriftsteller Aldous Huxley (»Schöne neue Welt«) hatte seine Drogenerfahrungen mit LSD und Mescalin unter dem Titel »The Doors of Perception« veröffentlicht, die Pforten der Wahrnehmung.

Als Morrison seinem Vater schrieb, er sei jetzt Sänger einer Rockband, antwortete dieser, das sei doch »Spinnerei«. Morrison war so wütend, dass er seinen Eltern nie mehr schrieb und den Kontakt weitgehend abbrach, bis zu seinem Tod. Als seine Mutter später eines seiner Konzerte besuchte, weigerte er sich, sie anschließend zu treffen.

Aus dem Nichts ganz an die Spitze

In Los Angeles lernte Morrison die Kunststudentin Pamela Courson, 18, kennen. Die rothaarige, sommersprossige Kalifornierin wurde die Liebe seines Lebens. Er war polygam, brach viele Herzen, war ein Narzisst, kehrte aber immer wieder zu Courson zurück. Er sei homosexuell, erklärte er hingegen bei seiner Musterung für die Army, zu der er vollgepumpt mit Drogen antrat. Er wurde als untauglich eingestuft und entging so einem Einsatz in Vietnam, wo die USA einen sinnlosen Krieg führten.

Im Dezember 1965 ergatterten die Doors ihr erstes richtiges Engagement, im heruntergekommenen »London Fog« am Sunset Boulevard in Los Angeles. Danach traten sie im benachbarten »Whisky a Go Go« auf, dem damals wichtigsten Klub der Stadt. Sie entwickelten einen psychedelischen Sound, dominiert von der Orgel anstelle von Gitarren, und scharten erste Fans um sich.

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Beim apokalyptischen Song »The End«, schon in der Albumversion über elf Minuten lang und live oft schier endlos, improvisierte Morrison eines Abends die ödipalen Textzeilen: »And he came to the door, and looked inside. Father? Yes, son? I want to kill you. Mother... I want to fuck you.« Der Klubbesitzer feuerte die Doors auf der Stelle.

Anfang Januar 1967 veröffentlichte das Label Elektra das Album »The Doors«. Die Nummer »Light My Fire« erreichte gleich Platz eins der US-Single-Charts. Bei den Konzerten vibrierte die Luft – Morrison in schwarzem Leder oder einem Anzug aus Schlangenhaut, offenem weißen Hemd, breitem Silbergürtel. »Auf der Bühne wurde Jim zum Schamanen«, erinnerte sich der Fotograf Frank Lisciandro in seinem Buch »Jim Morrison: Die Stunde der Magie«.

»Man weiß nie, was genug ist, bis man weiß, was mehr als genug ist.«

William Blake, englischer Dichter (1757 bis 1827)

Die Manager der Plattenfirma witterten das Potenzial des Sängers als Pop-Pin-up und ließen ihn mit nacktem Oberkörper fotografieren. Doch bald rebellierte Morrison gegen die völlige Vermarktung. Als seine Bandkollegen im Herbst 1967 einem Verkauf der »Light My Fire«-Rechte an die Automobilfirma Buick für einen Werbespot zustimmten, war er außer sich.

Erstmals von Polizisten bei einem Konzert festgenommen wurde er im Dezember 1967 in New Haven, Connecticut. Mitunter torkelte Morrison sturzbetrunken über die Bühne, warf sich auf den Boden, schrie und schrie. Offenbar hatte er keinerlei Angst vor einem Kontrollverlust. Und da er ein Star war, wurde sein Alkoholismus geduldet. In seiner Umgebung hieß es höchstens: »Oh Gott, er trinkt zu viel.«

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Jim Morrison: Das Ende

Foto: ZUMA Wire / imago images

Bis 1968 war Morrison zehnmal festgenommen worden, zumeist weil er betrunken randaliert hatte. Er lebte – und zerstörte sich – gemäß der Devise von William Blake: »The road of excess leads to the palace of wisdom.« Der Romantiker hatte auch geschrieben: »You never know what is enough until you know what is more than enough.«

Folgenschweren Ärger mit der Justiz gab es im März '69. Was genau Morrison, der zuvor LSD genommen und getrunken hatte, beim Auftritt in Miami tat, ist bis heute unklar, es gibt weder Fotos noch Videos. Er hatte sich das Hemd ausgezogen, nachdem ein Fan eine Flasche Sekt über ihm geleert hatte. Dann soll er seine Hose heruntergelassen und Leute aus dem Publikum es ihm nachgetan haben.

Verurteilt wegen »unziemlicher Entblößung«

Mit Tonaufnahmen auf YouTube dokumentiert  ist Morrisons Publikumsbeschimpfung in Miami: »You are such fucking idiots. Maybe you love it when your face is stuck in the shit. You are a bunch of slaves. I will push you around.« Auf die Festnahme während des Konzerts und das Bezahlen einer Kaution von 5000 Dollar folgten zwei Anklagen, wegen »unziemlicher Entblößung« und der »Verwendung obszöner Sprache«. Die Doors galten jetzt als Skandaltruppe; Veranstalter sagten Konzerte ab, weil sie Krawalle fürchteten.

»Mugshot«: Dieses Bild machte die Polizei 1963, da hatte Morrison gerade mit dem Studium begonnen. Viele weitere Begegnungen mit Polizeifotografen sollten noch folgen.

»Mugshot«: Dieses Bild machte die Polizei 1963, da hatte Morrison gerade mit dem Studium begonnen. Viele weitere Begegnungen mit Polizeifotografen sollten noch folgen.

Foto: AP/ Florida Dept of State

So wie über Jimi Hendrix, John Lennon und andere Stars der Gegenkultur, die den Vietnamkrieg ablehnten, legte das FBI über Morrison und die Doors eine Akte an, von der heute 95 Blatt im Internet zugänglich sind . FBI-Direktor J. Edgar Hoover schrieb über die Musik: »Sie ist abstoßend für rechtdenkende Menschen und kann ernsthafte Auswirkungen auf unsere jungen Leute haben.«

Viele junge Leute waren von Jim Morrison und den Doors fasziniert. Die Gruppe war auf der Ebene der Beatles und Rolling Stones angekommen. In sechs Jahren nahm sie sechs Langspielplatten auf, alle in den Top Ten der US-Album-Charts.

Entnervt vom Popstarleben

Morrisons Texte waren lyrisch und mystisch, er dichtete Zeilen wie: »Before I sink into the big sleep, I want to hear, The scream of the butterfly.« Er hatte ein Faible für Magie und Schamanentum, nahm auch gesprochene Lyrik auf und veröffentlichte zwei Bände mit Gedichten, die allerdings keine Bestseller waren.

Der Alkohol, die Drogen, die Angst, im Gefängnis zu landen – als die Doors im August 1970 in England beim Festival auf der Isle of Wight auftraten, wirkte Morrison mit langem Vollbart nur noch düster, in sich gekehrt. Zwei Monate später verurteilte ein Gericht in Florida ihn zu 60 Tagen Zwangsarbeit und zwei Jahren Haft auf Bewährung, wegen »Entblößung« beim chaotischen Konzert in Miami, die nicht bewiesen worden war.

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Er bekam Haftverschonung gegen Kaution und sagte dazu in einem TV-Interview: »Ich glaube wirklich, es war mehr ein bestimmter Lebensstil angeklagt als irgendein bestimmter Vorfall.« Erst viel später, im Dezember 2010, wurde das Unrechtsurteil aufgehoben.

Ende 1970 wollte Morrison keine Konzerte mehr geben. Er hatte es satt, Popstar zu sein, immerzu erkannt zu werden, all die Leute, die sich anschleimten und durchschnorrten. Eine Platte nahm die Band noch auf: »L.A. Woman«, mit dem emblematischen Song »Riders On The Storm«.

Leblos in der Badewanne

Morrison aber war ausgebrannt, sein Körper vom Alkohol aufgeschwemmt. Bevor er Mitte März 1971 mit seiner alten Gefährtin Pamela Courson nach Paris zog, erzählte er seinen Bandkollegen, er wolle wieder Gedichte schreiben. Organist Manzarek bestärkte ihn, wie er in einer TV-Dokumentation erklärte: »Sei ein Künstler, nicht ein Rockstar.«

Pamela und Jim wohnten in Paris in einer möblierten Vierzimmerwohnung im Marais, einem traditionell jüdischen Viertel. Beide sprachen kein Französisch und lebten relativ isoliert. Sie nahm Heroin, er trank.

Am 2. Juli 1971 war Morrison mit seinem Freund Alain Ronay unterwegs, am Abend ging er mit Courson ins Kino. Zu Hause, so sagte Morrisons Frau später, sei sie gegen 2.30 Uhr eingeschlafen, er habe wohl noch etwas von ihrem Heroin geschnupft. Als sie um sechs Uhr morgens aufgewacht sei, habe sie Morrison in der Badewanne gefunden: noch lebend, aber aus seiner Nase floss Blut. Sanitäter konnten ihn nicht mehr retten, ein Arzt attestierte einen Tod durch Herzversagen und verzichtete auf eine Autopsie.

Wie nach dem Tod des Rolling-Stones-Gitarristen Brian Jones, der am 3. Juli 1969, exakt zwei Jahre vor Morrison, in seinem Swimmingpool ertrunken war und über den Morrison ein langes Gedicht geschrieben hatte, entwickelten sich schnell Spekulationen – bis zum Gerücht, der Sänger sei gar nicht tot.

Für immer Mitglied im »Club 27«

Sam Bernett war damals Manager des Klubs »Rock’n'Roll Circus«, den Morrison regelmäßig besuchte. In einem 2007 veröffentlichten Buch behauptete er, der Sänger sei nach heftigem Trinken und Schnupfen von Heroin im Klub auf der Toilette tot zusammengebrochen. Um Ärger mit der Polizei zu vermeiden, hätten ihn zwei Dealer in seine Wohnung getragen und in die Badewanne gelegt. Die französische Justiz leitete keine Ermittlungen ein, weil mögliche Straftaten verjährt waren. Daher wird sich nie mit letzter Sicherheit sagen lassen, wie Morrison zu Tode kam.

Auf jeden Fall war er in Paris dem »Club 27« beigetreten: In den zwei Jahren vor Morrisons Tod waren schon drei prominente Popmusiker mit 27 Jahren zu Tode gekommen. Stones-Gründer Brian Jones ertrank, Gitarrist Jimi Hendrix starb an Schlaftabletten und die Sängerin Janis Joplin an einer Überdosis Heroin. Alle hatten zuletzt harte Drogen genommen. Später starben noch Kurt Cobain und Amy Winehouse ebenfalls mit 27.

When the music's over / turn out the lights...

Lizzie James, eine gute Freundin von Morrison, sagte zehn Jahre nach seinem Tod in einem Interview: »Wenn sie seinen Leichnam untersucht hätten, hätten sie sicher herausgefunden, dass die Todesursache Jim Morrisons einfach Verzweiflung gewesen ist.«

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