Juden auf Mauritius Gefangen am Traumstrand

Sie wollten ins Gelobte Land und landeten hinter Gefängnismauern: Fast 1700 jüdische Flüchtlinge wurden im Zweiten Weltkrieg von den Briten auf der Insel Mauritius im Indischen Ozean interniert - Palästina sollte einige von ihnen nie erreichen.

Ronald Friedmann

Anfang September 1940 trat ein seltsamer Konvoi von vier Ausflugsschiffen der Wiener Donau-Dampfschifffahrtsgesellschaft seine abenteuerliche Reise von der slowakischen Hauptstadt Bratislava zum rumänischen Schwarzmeerhafen Tulcea an. An Bord der Schiffe, die eigentlich nur für wenige Hundert Ausflügler bestimmt waren, herrschte eine drangvolle Enge - fast 4000 Menschen und ihr Gepäck mussten untergebracht werden. Die Reisenden kamen aus Berlin und Wien, aus Danzig und Prag und aus zahlreichen anderen Orten des hitlerdeutschen Machtbereichs. In ihren Pässen prangte ein großes "J", das sie als Juden kennzeichnete, und laut den Einreisevisa, die sie sich unter großen Mühen und zumeist für ihr letztes Geld erkämpft hatten, wollten sie nach Paraguay oder Panama. Doch ihr tatsächliches Ziel war Palästina, das Gelobte Land der Juden, das sie als illegale Einwanderer aufnehmen sollte, weil sie in ihrer Heimat nicht länger geduldet waren.

Doch auch in Palästina waren sie nicht willkommen. Die britischen Mandatsbehörden hatten, ungeachtet ihrer Zusage, Palästina zur "Heimstatt des jüdischen Volkes" zu machen, rigorose Einwanderungsbeschränkungen verfügt und waren entschlossen, keine illegalen Einwanderer mehr ins Land zu lassen. Im November 1940 wurde entschieden, dass künftig alle illegalen Einwanderer für die Dauer des Krieges in eine britische Kronkolonie verbracht würden und dass sie auch nach Ende des Krieges nicht nach Palästina einwandern dürften. An den 4000 Flüchtlingen, die inzwischen auf drei kaum hochseetüchtigen Schiffen, der "Atlantic", der "Pacific" und der "Milos", nach wochenlanger Irrfahrt durch das Schwarze Meer und das Mittelmeer den Hafen von Haifa erreicht hatten, sollte nun ein Exempel statuiert werden.

Die "Patria", ein zum Truppentransporter umgebautes Passagierschiff, lag bereit, die Flüchtlinge nach Mauritius zu bringen. Gegen dieses Vorhaben regte sich in der jüdischen Bevölkerung Palästinas heftiger Widerstand. Streiks und Kundgebungen fanden statt. Petitionen wurden geschrieben. Schließlich versuchten Aktivisten der zionistischen Hagana mit einer verzweifelten Aktion, das Auslaufen des Schiffes zu verhindern, das ihre Landsleute, die eben erst das ersehnte Ziel ihrer Flucht erreicht hatten, wieder außer Landes bringen sollte. Eine Bombe wurde an Bord geschmuggelt, doch die Sprengladung erwies sich als viel zu groß für das altersschwache Schiff. Die "Patria" wurde bei der Explosion nicht nur beschädigt, sondern so stark zerstört, dass sie innerhalb weniger Minuten sank und mehr als 200 Menschen in den Tod riss.

Erst jetzt lenkten die britischen Behörden ein. Die Überlebenden der "Patria"-Katastrophe durften als "Schiffbrüchige" nun doch in Palästina bleiben. Für die rund 1700 Flüchtlinge an Bord der "Atlantic" jedoch, deren Umsteigen auf die "Patria" erst für den nächsten Tag geplant gewesen war, gab es kein Erbarmen: Sie wurden nach Mauritius gebracht, wo sie Ende Dezember 1940 eintrafen. Ihr "Zuhause" für die folgenden fast fünf Jahre war das ehemalige Zentralgefängnis von Mauritius nahe der Stadt Beau Bassin, ein finsterer Bau, Anfang des 19. Jahrhunderts aus groben Basaltblöcken errichtet. Die Männer wurden in den beiden Zellenblöcken untergebracht, für die Frauen und Kinder entstand innerhalb des Gefängnisses ein Hüttendorf.

Das Lagerregime war nicht absichtsvoll grausam, doch von vielen kleinlichen und schikanösen Regelungen bestimmt, die das ohnehin harte Leben in der Internierung noch schwerer machten. Erst Mitte 1942 beispielsweise wurde die strenge Trennung nach Geschlechtern aufgehoben, durften sich Ehepaare wiedersehen, konnten die Kinder ihre Väter und älteren Brüder treffen. Zeitweise war die Lektüre einheimischer Tageszeitungen verboten, oder es war der Empfang der BBC nicht gestattet. Die Bewegungsfreiheit der Internierten auf der Insel blieb bis weit in das Jahr 1945 durch rigorose Ausgangsbestimmungen eingeschränkt. Die private Post wurde ohne jede Begründung oft monatelang zurückgehalten. Auch die Versorgung mit Lebensmitteln und Bekleidung - die meisten Internierten hatten ja auf der Flucht auch das letzte Hab und Gut verloren und besaßen buchstäblich nur noch das, was sie auf dem Leib trugen - war, selbst gemessen an den Bedingungen des Krieges, völlig unzureichend.

Doch das "Schlimmste an der ganzen Internierung ist wohl der seelische Zustand", schrieb einer der Internierten Anfang 1942 in einem Rückblick auf das erste Jahr auf Mauritius. Und er fuhr fort: "Das Leben hier zehrt und zerrt an den Nerven. Manchmal bedrücken einen die Mauern und das Eingesperrtsein, dann verzehren einen Sorgen um die Angehörigen. Es kommen Depressionszustände, dass man hier die besten Jahre ungenützt verbringt, dann ist einem vor unserer Zukunft bange. Bei manchen äußert sich der Zustand in einer Apathie, andere suchen ihn durch 'Blödeln' zu übertauchen. Bei vielen ist eine große Überreiztheit und Nervosität die Folge. Leider tragen wir durch überflüssiges Lärmen viel dazu bei, unsere Nerven zu ruinieren."

Doch zum Glück gab es unter den Internierten nicht wenige Menschen, die selbstlos dafür Sorge trugen, dass die Internierten faktisch vom ersten Tag ihrer Gefangenschaft an den Unbilden des Alltags auf die unterschiedlichste Art und Weise durch eigenes Handeln entgegentraten. Im Lager entstanden Werkstätten, die für den eigenen Bedarf, aber auch für den einheimischen Markt zum Beispiel Holzspielzeug, Pinsel und Bürsten aller Größen, Gürtel, Schnallen usw. produzierten. Auf einer kleinen Fläche auf dem Gefängnisgelände wurden Obst und Gemüse für den Verbrauch im Lager angebaut. Eine Volksuniversität wurde gegründet, in der hebräischer, englischer und sogar arabischer Sprachunterricht erteilt wurde und in der es Veranstaltungen zur jüdischen Geschichte und Kultur gab. Fast zwei Jahre lang erschienen die "Camp News", eine mit einfachsten Mitteln produzierte Zeitung, die über das Leben im Lager, aber auch über die Ereignisse in Palästina und auf den Schauplätzen des Zweiten Weltkriegs berichtete.

Es gab im Camp Ausstellungen mit kunstgewerblichen Erzeugnissen der "Lagerindustrie" und mit Grafiken, die die Geschichte der Flucht und der Internierung in Mauritius erzählten. Für die Kinder und Jugendlichen wurde eine Schule eingerichtet, in der neben den Grundfächern wie Lesen, Schreiben und Rechnen auch Religion, Hebräisch, jüdische Geschichte und Landeskunde Palästinas zum Unterricht gehörten. Im Lager entstand die Zionistische Vereinigung von Mauritius (ZAM), die den Kontakt zu den zionistischen Organisationen in Palästina, Großbritannien und in anderen Teilen der Welt herstellte und so ihren Beitrag für die spätere Rückkehr der Internierten in das Gelobte Land leistete. Die ZAM organisierte Spendensammlungen für den Aufbau des jüdischen Gemeinwesens in Palästina, und sie setzte sich dafür ein, dass Freiwillige aus dem Lager schließlich in der Jüdischen Brigade, einer speziellen Einheit innerhalb der britischen Streitkräfte, Dienst leisten durften.

Ein besonderes Kapitel war die "Politik im Lager", ein Begriff, der die Zusammenarbeit oder die (zeitweilige) Verweigerung der Zusammenarbeit der Internierten mit der Lagerkommandantur beschrieb. Denn von Anfang an war es das erklärte Ziel der Behörden gewesen, die Internierten in die sogenannte Selbstverwaltung des Lagers einzubeziehen, doch nur in der Absicht, die Verantwortung für bestimmte unangenehme Entscheidungen an die Vertreter der Internierten zu "delegieren". Aus dieser Konstellation ergab sich ein ständiges Konfliktpotential, das letztlich erst beseitigt wurde, als die Rückkehr der Deportierten nach Palästina bereits beschlossen war. Natürlich waren nicht alle Internierten in die zahlreichen Aktivitäten des Lagerlebens einbezogen, und natürlich gab es auch Zeiten, in denen Apathie und Hoffnungslosigkeit die bestimmenden Faktoren im Camp waren. Doch: "Die guten Elemente", so zog Aaron Zwergbaum, der Sekretär der ZAM knapp fünfzehn Jahre nach der Rückkehr von Mauritius Bilanz, "waren die deutliche Mehrheit im Lager, und die setzten die Maßstäbe, nach denen unsere Gemeinschaft bewertet werden muss."

Nach genau 1692 Tagen endete schließlich die Internierung auf Mauritius. Überglücklich kehrten die Menschen im August 1945 nach Palästina zurück, wo sie als erste größere Einwanderergruppe nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stürmisch begrüßt wurden. Fast sechs Jahre hatte ihre Flucht vor dem Tod gedauert, doch nicht alle waren entkommen: Der Friedhof, den die Internierten auf Mauritius zurückließen, zählte 124 Gräber. Noch heute kann man dort auf den Grabsteinen die Namen lesen: Anita Hirschmann aus München, Julius Elias aus Berlin, Jakob Rittberg aus Dresden, Karl Spitz aus Wien, Bernhard Friedmann aus Danzig...

Zum Weiterlesen:

Ronald Friedmann: "Exil auf Mauritius 1940 bis 1945. Das Schicksal emigrierter Juden. Report einer 'demokratischen' Deportation". edition ost, Berlin 1998.

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