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1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland »Allen Stadträten gestatten Wir, Juden in die Kurie zu berufen«

Ein Gesetz erlaubte im Jahr 321 Juden in der Kölner Stadtversammlung – der erste Beleg einer jüdischen Gemeinde in Deutschland. Doch die archäologischen Spuren zeugen auch von wiederkehrender Barbarei gegenüber den Mitbürgern.
aus SPIEGEL Geschichte 4/2019

Als die Kölner Juden im Frühsommer 1096 hörten, dass sich Kreuzfahrer der Stadt am linken Rheinufer näherten, brach Unruhe und wahrscheinlich auch Panik aus. Die Kreuzfahrer! Tausende von ihnen marodierten in jenem Jahr durchs Rheinland, aufgepeitscht durch antisemitische Predigten und angestachelt von Anführern wie Emicho dem Kreuzfahrer.

Papst Urban II. hatte zuvor auf mehreren Synoden die europäischen Christen dazu aufgerufen, nach Jerusalem zu ziehen, die Feinde des Christentums aus dem Heiligen Land zu vertreiben und zum Heiligen Grab Christi zu pilgern. Der aus Rheinhessen stammende Graf Emicho soll diese Predigten noch durch eigene Erzählungen zugespitzt und behauptet haben, ihm sei der Heiland erschienen und habe ihm nicht nur die Teilnahme am Kreuzzug, sondern auch die Bekehrung der europäischen Juden aufgetragen. 

Wer als Jude seiner eigenen Religion nicht abschwöre, der sei einer der vom Papst verfemten »Feinde des Christentums« und müsse ausgelöscht werden. 

In Speyer, Worms und Mainz hatte der Mob daraufhin mehrere Hundert jüdische Bürger brutal niedergemetzelt, die sich nicht zwangstaufen lassen wollten – obwohl einige Bischöfe versuchten, die Menge davon abzuhalten.

Jetzt kamen die Fanatiker also nach Köln. Schon im April hatte es Ausschreitungen von Kölner Bürgern gegen die jüdische Bevölkerung im Ort gegeben. Viele aus dem jüdischen Viertel hatten daraufhin die Stadt verlassen und sich versteckt – zum Teil mit Unterstützung des Erzbischofs Hermann III., den die Juden um Schutz angefleht hatten.

Doch der Chronist Albert von Aachen beschrieb später, dass es trotzdem viele Opfer gab: Das jüdische Volk in den Städten des Rheinlands sei »gnadenlos abgeschlachtet« worden – und zwar »zuerst von Kölner Bürgern«. Die hätten ihre jüdischen Mitbürger verwundet und getötet: »Sie zerstörten die Häuser und Synagogen der Juden und teilten unter sich einen sehr großen Geldbetrag auf. Als die Juden diese Grausamkeit sahen, begannen etwa 200 in der Stille der Nacht, mit dem Boot nach Neuss zu fliehen. Die Pilger und Kreuzritter entdeckten sie, und nachdem sie all ihren Besitz weggenommen hatten, fügten sie ihnen ein ähnliches Gemetzel zu und ließen nicht einmal einen am Leben.« Im gesamten Rheinland sollen damals mehrere Tausend Juden ermordet worden sein – es war das erste Pogrom in Mitteleuropa.

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