Judenhass in der Antike Der Blutrausch von Alexandria

Die römischen Herrscher Alexandrias ließen im Jahr 38 zu, dass die Juden der ägyptischen Stadt von ihren Mitbürgern in Gettos gesperrt, gefoltert und ermordet wurden. Es war der erste Pogrom der Geschichte.
Der Leuchtturm von Alexandria (Darstellung aus dem 18. Jahrhundert), eines der sieben Weltwunder der Antike, entstand im 3. Jahrhundert v. Chr.

Der Leuchtturm von Alexandria (Darstellung aus dem 18. Jahrhundert), eines der sieben Weltwunder der Antike, entstand im 3. Jahrhundert v. Chr.

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Vor fast zwei Jahrtausenden floss Blut auf den Straßen Alexandrias. Die, die töteten, waren Ägypter und Griechen. Die, die getötet wurden, waren Juden. Es war im Jahr 38 n. Chr. der erste Pogrom der Geschichte. Aus den Schriften eines Zeugen, des jüdischen Gelehrten Philo von Alexandria, wissen wir heute, welcher Terror über die Juden hereinbrach: »Sie wurden umgebracht, durch die ganze Stadt geschleift, getreten und so zugerichtet, dass kein Glied ihres Körpers übrigblieb, das man hätte bestatten können.«

Bei diesen Gräueltaten inmitten der römisch-griechischen Welt wurde erschlagen, gesteinigt, erstochen, verbrannt. Die Mörder befanden sich im Blutrausch. Wenn sie Juden verbrennen wollten, aber nicht genug Brennholz fanden, nahmen sie Buschwerk und Gestrüpp, sodass ihre Opfer mehr im Rauch als in den Flammen umkamen. Philo fährt fort: »Vielen banden sie auch, während sie noch lebten, die Füße bei den Knöcheln zusammen, zerrten sie herum, sprangen dabei auf ihre Körper und zerquetschten sie.«

Wie konnte es dazu kommen? Seit der Eroberung Ägyptens durch Alexander den Großen hatte sich Alexandria zu einem wichtigen Zentrum jüdischen Lebens entwickelt. In Alexandria gab es die wohl größte Diasporagemeinde der damaligen Welt. Die Juden stellten bis zu zwei Fünftel der alexandrinischen Bevölkerung (in zwei der fünf Stadtviertel lebten vorwiegend Juden). Doch Philo sprach von einem »schon lange schwelenden Hass« zwischen Juden und Griechen in der Stadt.

SPIEGEL Geschichte 3/2021

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Möglicherweise wurden die beiden Gruppen schon früh von den hellenistischen Königen Ägyptens gegeneinander ausgespielt. Politisches Kalkül gebot es den Herrschern, sich mal auf die eine, mal auf die andere Gruppe zu stützen. Tatsächlich sind zahlreiche Konflikte belegt, bei denen Juden und Nichtjuden einander gegenüberstanden.

Wechselseitige Vorwürfe von Orgien

Hinzu kamen kulturelle Unterschiede. Philo schrieb, dass man bei den griechischen Gemeinschaftsgastmählern, den Symposien, betrunken übereinander herfalle. Die berühmten tradierten Gastmähler, so Philo, seien »von Unsinn erfüllt«, statt Philosophie habe Platon ausschließlich Männerliebe im Kopf gehabt, und wer sich als junger Mann zu einem solchen Gastmahl begebe, müsse damit rechnen, zum »Spielzeug für Päderasten« zu werden. Philo hatte eine klare Meinung über die Kultur der Griechen. Das Idealbild, das er dem vermeintlichen Sündenpfuhl des Symposions gegenüberstellt, ist der Sabbat.

Aber Philo war nicht der Erste, der auf diese Weise polemisierte. Er war derjenige, der reagierte. In der griechischen Elite war gegenüber den Juden einen ähnlicher Ton schon früher angeschlagen worden. Philo antwortete auf Verleumdungen der jüdischen Gastmahlkultur als dionysische Orgien und drehte den Spieß um. Dieser feindselige Schlagabtausch war auch in der multikulturellen Gesellschaft Alexandrias zu spüren: Juden und Griechen warfen sich gegenseitig »Gottlosigkeit« vor.

Doch all das reicht kaum aus, um ein Pogrom zu erklären. Etwas Einschneidendes musste passierte sein. Die Aggression richtete sich erst nach der römischen Eroberung Alexandrias gegen die Juden. Die römische Herrschaft ordnete die soziale Hierarchie in Ägypten neu – weniger für die Ägypter, aber in spürbarem Ausmaß für die Juden.

Insbesondere steuerliche und administrative Reformen veränderten das Verhältnis der Bevölkerungsgruppen zueinander. In vorrömischer Zeit hatten die Juden völlig selbstverständlich zur privilegierten Gruppe jener Völker gezählt, die in Alexandria über den Ägyptern selbst standen. Sie gehörten zwar nicht zur Bürgerschaft, hatten aber innerhalb der griechisch beherrschten Gesellschaft das Recht zur teilautonomen Selbstverwaltung.

Eskalation durch überraschenden Königsbesuch

Mit dem Machtantritt der Römer waren plötzlich alle Alexandriner, die nicht zur Bürgerschaft gehörten, vor dem Recht Ägypter – auch die Juden. Sie versuchten daraufhin, ihren Status wieder zu heben. Ob sie dabei das Bürgerrecht anstrebten oder nicht, ist umstritten. Vermutlich ließen sich ihre Anstrengungen schon damals unterschiedlich interpretieren. In den Augen der griechischen Alexandriner strebten die Juden nach mehr, als ihnen zustand. Darin könnte eine Ursache für die folgende Gewalt liegen.

Philos Vorwürfe richten sich allerdings in erster Linie gegen die römischen Machthaber – den legendär grausamen Kaiser Caligula und seinen Statthalter in Alexandria, Aulus Avillius Flaccus. Besonders dessen Fehlverhalten spielte offenbar eine wichtige Rolle. Flaccus befand sich nach dem Tod Kaiser Tiberius' und Caligulas Machtübernahme in einer ungünstigen Position. Caligula kannte Flaccus als den Ankläger seiner Mutter Agrippina und Unterstützer seiner politischen Gegner. Flaccus musste deshalb einflussreiche Fürsprecher gewinnen.

Caligulas Hofstaat (Gemälde von 1881): Sein Statthalter Flaccus ließ den Pogrom gegen Alexandrias Juden zu

Caligulas Hofstaat (Gemälde von 1881): Sein Statthalter Flaccus ließ den Pogrom gegen Alexandrias Juden zu

Deshalb, schrieb Philo, sei er auf das Angebot mächtiger griechischer Bürger Alexandrias eingegangen, die von ihm freie Hand in ihrer Agitation gegen die Juden erbaten. Und tatsächlich verlief die Zuspitzung der Ereignisse ohne jeden Eingriff von römischer Seite.

Der Besuch des jüdischen Königs Agrippa I. sorgte im August 38 n. Chr. schließlich für die Eskalation. Er kam überraschend. Caligula hatte Agrippa gerade erst zum Herrscher über die Gebiete nordöstlich des Sees Genezareth ernannt. Nun war der König auf dem Weg dorthin und machte in Alexandria nur Station. Doch das reichte, um Hass auf Juden offen hervortreten zu lassen. Griechen und Ägypter veranstalteten Aufmärsche, verspotteten Agrippa und erzwangen das Aufstellen von Kaiserbildern in Synagogen, wodurch diese in den Augen der Juden entweiht wurden.

Flaccus blieb untätig. Dass die Demütigung der Juden keine rechtlichen Konsequenzen hatte, machte sie endgültig angreifbar. Alexandrias Bevölkerung war unmissverständlich vorgeführt worden, dass die Juden rechtlos waren. Blutvergießen war die Folge. Im Nachhinein rechtfertigte Flaccus seine Tatenlosigkeit in einem Edikt, das den Juden jede Grundlage für eine Forderung nach Gleichberechtigung oder Genugtuung entzog, indem es ihnen bescheinigte, keine »Ursiedler« zu sein.

Die Juden wurden in Gettos zusammengetrieben

Was bezweckte Flaccus damit? Falls er weiteren unkontrollierten Aktionen vorzubeugen hoffte, indem er signalisierte, das Recht habe keinesfalls vor der Gewalt kapituliert, so vergaß er die naheliegende Schlussfolgerung: nämlich dass den Juden auch weiterhin jede rechtliche Verteidigung fehlen würde – geradezu ein Ansporn für Gewalttäter. Gut möglich ist aber auch, dass Flaccus, erneut von griechischen Bürgern unter Druck gesetzt, die nächste Stufe der Gewalt bewusst einleitete.

Auf jeden Fall bewirkte das Edikt neue Ausschreitungen. Die Juden wurden nun in Gettos zusammengetrieben – den vermutlich ersten Gettos der Geschichte. Flaccus erlaubte dem Mob, über die Juden herzufallen und sie auszuplündern. »Gleichgültig, wo sich ein Jude zeigte, er wurde gesteinigt oder niedergeknüppelt – allerdings trafen ihn nicht gleich die tödlichen Schläge, damit ihm nicht ein allzu schneller Tod die Schmerzen schnell erspare«, schreibt Philo. Es war ein schwarzer Tag.

Als Flaccus auf Weisung Roms verhaftet und bald darauf hingerichtet wurde, geschah das nicht wegen seiner Rolle im Vorfeld und während des Pogroms, sondern weil Caligula in ihm einen Feind sah. Caligula dachte nicht daran, seinen jüdischen Untertanen die ihnen genommenen Rechte zurückzugeben. Ganz im Gegenteil wollte er den Kaiserkult sogar in Jerusalem  durchsetzen. Schlimmeres blieb den Juden des römischen Reiches erspart, als Caligula 41 n. Chr. ermordet wurde.

Unter Kaiser Claudius verbesserte sich die Lage der Juden zwar vorerst, doch eine Gleichstellung mit den Griechen rückte in weite Ferne. In den folgenden Jahren kam es immer wieder zu Zusammenstößen zwischen Juden und Nichtjuden. Eine Generation nach dem ersten Pogrom brach dann zum zweiten Mal die Hölle über Alexandrias Juden herein.

Ende der jüdischen Diaspora

Im Jahr 66 n. Chr. begann in Judäa der Jüdische Krieg mit einem Aufstand der Bevölkerung gegen die römische Besatzung . In vielen Städten des römischen Reiches kam es daraufhin zu Ausschreitungen gegen Juden. Und auch in Alexandria begann die Gewalt von Neuem. Bei einer Versammlung im Amphitheater der Stadt wurden Juden als Feinde und Spione beschimpft und dann angegriffen. Sie flohen, doch drei wurden ergriffen und von den Griechen lebendig verbrannt.

Daraufhin fanden sich die Juden der Stadt zusammen und griffen das Amphitheater an – was den Statthalter veranlasste, die römische Armee einzusetzen. Die Juden verteidigten sich in Schlachtformation, verbarrikadierten sich. Es gab einen regelrechten Krieg in der Stadt, doch die Juden waren chancenlos. Männer, Frauen und Kinder wurden erschlagen, ihre Häuser geplündert und verbrannt.

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Als die Juden um Gnade baten, zogen sich die Römer zurück. Doch die hinter den Linien nachrückenden Alexandriner waren wohl nur durch Zwang von dem Werk der Zerstörung abzubringen. Die vollständige Vernichtung der jüdischen Gemeinde war knapp abgewendet worden.

Die Vernichtung folgte ein halbes Jahrhundert später, als die Römer von Ägypten bis Mesopotamien Aufstände der jüdischen Bevölkerung niederschlugen. In Alexandria hatten Juden griechische und römische Heiligtümer zerstört und Tausende Nichtjuden getötet. Die Römer beendeten die Aufstände mit aller Gewalt.

Von der einst so großen jüdischen Gemeinde Alexandrias blieb fast nichts übrig. Generationen des gegenseitigen Hasses, der im Jahr 38 zum ersten Mal mit aller Brutalität zutage getreten war, hatten schließlich zum Ende der jüdischen Diaspora im antiken Ägypten geführt.

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