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Synagogen in Deutschland nach 1945 - umgebaut, vergessen, wiederentdeckt

Foto: Frank May / picture alliance/ dpa

Jüdisches Leben in Deutschland Wo sind all die Synagogen hin?

Sie überstanden Krieg und Naziterror, nicht aber die Nachkriegsignoranz. Zu Hunderten wurden nach 1945 Synagogen abgerissen oder zu Scheunen, Ställen, Lagerhallen umfunktioniert. Das Ringen um einen würdigen Umgang dauert bis heute an.

Die Benzinkanister trugen die SA-Männer schon in den Händen, als sie am Morgen des 10. November 1938 vor der Synagoge auftauchten. Dass der kleine Fachwerkbau im niedersächsischen Bodenfelde die Pogromnacht überstand, ist der Überzeugungskraft eines Anwohners zu verdanken. Und der Sorge, ein Brand in der dicht bebauten Straße könnte auf Nachbargebäude übergreifen. 

Die Rettung bedeutete das für die Synagoge nicht. Ihr Niedergang begann dann nach dem Krieg: Der neue Eigentümer ließ Fenster zumauern, Treppen und Empore abreißen. Ein Holztor - breit genug für einen Traktor - ersetzte die Eingangstür. Wand- und Deckenmalereien erledigte die einziehende Feuchtigkeit. Das im Jahr 1825 errichtete Zentrum von Bodenfeldes jüdischer Gemeinde endete als heruntergekommene Scheune. 

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Von 2800 deutschen Synagogen und Betstuben geht der Zentralrat der Juden in Deutschland für die Zeit von Hitlers Machtantritt aus. Rund die Hälfte fiel dem Naziterror zum Opfer. Viele Synagogen überstanden Krieg und Pogrome, nicht aber Ignoranz und Verdrängung der Nachkriegsdeutschen. Zu Hunderten wurden Synagogen in der Bundesrepublik und DDR erst nach 1945 abgerissen - um Platz für Büro- und Wohnhäuser oder Parkplätze zu machen. Oder weil sich niemand fand, der sich um ihre Bewahrung kümmerte.

Etliche weitere Zentren einstigen jüdischen Gemeindelebens wurden zweckentfremdet und umgebaut:

  • In der Synagoge im niedersächsischen Stadthagen richtete ein Farben-, Tapeten- und Teppichhändler seinen Lagerraum ein.

  • Aus dem jüdischen Gemeindehaus im fränkischen Ermreuth wurde ein Geräteschuppen.

  • Das Gebäude, das einst rund 200 Mitgliedern der jüdischen Gemeinde im schwäbischen Hainsfarth Platz bot, wechselte nach dem Krieg zwischen Werkstatt, Gymnastikraum und Lager für Baumaterialien.

  • Im einstigen Zentrum der jüdischen Gemeinde im schleswig-holsteinischen Rendsburg wurde jahrzehntelang Fisch geräuchert.

  • Die barocke Synagoge von Haigerloch in Baden-Württemberg diente erst als Kino, dann als Lebensmittelmarkt, schließlich als Textillager.

  • Viele weitere Synagogen wurden zu Pferdeställen, Feuerwehrhäusern oder von örtlichen Kirchengemeinden übernommen.

Bei allen Nutzungsunterschieden nach 1945 ähnelte sich die Rücksichtslosigkeit der neuen Eigentümer: Emporen wurden abgerissen, die für Synagogen typischen Rundbogenfenster zugemauert, Ornamente überstrichen und sakrale Inschriften entfernt. Dabei trieb die Bauherren nicht nur Pragmatismus. Oftmals ging es ihnen beim Umbau um bewusste Vernichtung des jüdischen Erbes.

Oft rettete Synagogen nur Rücksicht auf die Nachbarn

Dies zeigen Untersuchungen wie die von Thea Altaras. In ihrem Buch "Synagogen in Hessen - Was geschah seit 1945?" schrieb die jüdische Architektin 1988: Hauptsächlich sei "auf eine schnelle Beseitigung jeglicher baulicher Merkmale des einst jüdischen Kultbaus Wert gelegt worden" und die neue Nutzung zweitrangig gewesen. Eine Zerstörung "erschreckender Dimension" bilanzierte die 2004 verstorbene Altaras. Allein in Hessen hatten 223 von 363 Synagogen die Nazizeit überstanden, 59 wurden nach dem Krieg abgerissen. Die meisten anderen verfielen oder wurden so stark umgebaut, dass von ihrem jüdischen Charakter nichts übrig blieb.

Mit Synagogen in der Nazizeit und nach 1945 beschäftigt sich auch Joachim Hahn. "Die Pogromnacht hat vor allem Stadtsynagogen betroffen. Sie wurden bis auf die Grundmauern niedergebrannt", erklärt der Pfarrer und Autor, der seit Anfang der Achtzigerjahre einige Bücher zur jüdischen Geschichte im Süden Deutschlands veröffentlicht hat. Auf dem Land hätten viele Bauten nur aus Rücksicht auf die Nachbarn überlebt, wie auch in Bodenfelde: "Weil die Straßen häufig sehr eng waren, war es zu gefährlich, die Synagogen niederzubrennen."

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Ein weiterer Grund: "1938 wurde ein beträchtlicher Teil der Gebäude schon gar nicht mehr als Synagogen genutzt", sagt Hahn. Denn der Niedergang jüdischer Gemeinden begann lange zuvor: Wegen zunehmender Verfolgung hatten viele Juden ihre Heimat bereits verlassen oder waren gezwungen, Synagogen zu Spottpreisen zu verkaufen.

Die 1819 in Esslingen bei Stuttgart errichtete Synagoge etwa entkam der Zerstörung ausgerechnet als Heim für Hitlerjugend und Bund Deutscher Mädel. Auch die Synagoge im hessischen Gedern, nach dem Krieg zum Wohnhaus und Café umgebaut, verdankt ihre Existenz wohl der Umwidmung zum Kriegsgefangenenlager. Ein Garant, vom Naziterror verschont zu bleiben, waren "Arisierungen" allerdings nicht, sagt Hahn: "Die SA- und SS-Truppen nahmen sich ehemalige Synagogen häufig trotzdem vor - weil sie es nicht wussten oder weil es ihnen egal war."

Ignoranz über Jahrzehnte

Auch Bodenfeldes jüdische Gemeinde hatte ihre kleine Fachwerksynagoge vor den Novemberpogromen von 1938 bereits verlassen. Ein Schuhmacher nutzte sie als Werkstatt. Die letzten Bodenfelder Juden migrierten 1937 nach Palästina. Wer Zeugnisse ihres Gemeindelebens besichtigen wollte, musste lange Zeit in eine Synagoge im israelischen Haifa reisen. Dorthin schaffte es der letzte Vorsteher der Gemeinde, eine der Thorarollen mitzunehmen.

Bis man sich in Deutschland der Bewahrung des jüdischen Erbes besann, verstrichen Jahrzehnte. Inzwischen gibt es zahlreiche Untersuchungen wie das Onlineprojekt "Alemannia Judaica"  oder "Mehr als Steine", eine Reihe von seit 2007 von Kunst- und Kirchenhistorikern herausgegebenen Gedenkbänden zu jüdischen Gemeinden in Bayern. Sie zeigen: Die Ignoranz gegenüber jüdischer Geschichte beschränkte sich nicht auf die Nachkriegswirren im Westen und Osten Deutschlands.

Noch 1974 wurde eine frühere Synagoge in Großen-Linden bei Gießen abgerissen, dort errichtete ein Landwirt als Eigentümer einen asphaltierten Hof. Die Synagoge im bayrischen Gunzenhausen, gebaut 1883 im neuromanischen Stil mit zwei imposanten orientalischen Zwiebeltürmen, überstand als Kriegsgefangenenlager die NS-Zeit und wurde in den Jahrzehnten danach zum Kaufhaus und zur Werkhalle; erst 1981 folgte der Abriss - zugunsten einer Tiefgarageneinfahrt. In vielen anderen Fällen, etwa bei einer zum Stall umfunktionierten Synagoge in Neidenstein (Baden-Württemberg), drängen engagierte Bürgernnen und Bürger bis heute vergebens auf einen würdigen Umgang.

Heute allerdings ist Gedankenlosigkeit und Geschichtsvergessenheit nicht mehr die Regel. Vielerorts, wo Synagogen abgerissen wurden, erinnern daran mittlerweile Gedenktafeln. Häufig setzen sich Kirchen, Initiativen und jüdische Gemeinden dafür ein, dass aus Scheunen, Lagerhallen oder Kuhställen wieder würdige Orte des Gedenkens und kultureller Begegnung werden.

Neues Domizil 30 Kilometer weiter

So sorgte im rheinland-pfälzischen Ahrweiler eine Gruppe Schüler dafür, dass sich in einer Synagoge, die unter anderem als Düngemittellager genutzt wurde, jetzt eine Dauerausstellung zur jüdischen Geschichte der Stadt befindet. Im baden-württembergischen Freudenthal hatte der Gemeinderat schon beschlossen, die zur Turnhalle umfunktionierte Synagoge abzureißen, als sich ein Initiativkreis für den Erhalt gründete. Nach Umbauarbeiten wurde daraus ein "Pädagogisch-Kulturelles Centrum".

In vielen Fällen beten und lernen heute sogar wieder Juden in verloren geglaubten Synagogen:

  • Das 1852 im thüringischen Berkach gebaute jüdische Gemeindehaus wurde nach 1945 zu Lagerraum und Schmiede der örtlichen LPG. Nach aufwendiger Restaurierung finden seit Anfang der Neunzigerjahre wieder mehrmals pro Jahr jüdische Gottesdienste statt.

  • Die kleine Synagoge im hessischen Wohra geriet als Abstellkammer in Vergessenheit. Seit 1995 beheimatet sie Gießens jüdische Gemeinde.

  • Die 1880 im "maurischen" Stil erbaute Synagoge von Lübeck überstand die Pogrome von 1938 und auch zwei Brandanschläge in den Neunzigerjahren. Nach langer Rekonstruktion soll sie in diesem Jahr wieder der jüdischen Gemeinde zur Verfügung stehen.

Auch in Bodenfelde gab es ein Happy End, durch neu erwachtes jüdisches Gemeindeleben und durch Einzelengagement: Detlev Herbst begab sich mit Schülern in den Achtzigerjahren auf Spurensuche und stieß auf den völlig maroden, vergessenen Fachwerkbau. Der inzwischen pensionierte Lehrer sorgte dafür, dass die Geschichte der Synagoge rekonstruiert wurde - und das Gebäude gleich mit.

Die jüdische Gemeinde Göttingens, Anfang der Neunzigerjahre wiederbelebt, ließ das Haus ab- und 30 Kilometer entfernt wieder aufbauen. Am 9. November 2008 wurde die Bodenfelder Synagoge in Göttingen zum zweiten Mal eingeweiht: genau 70 Jahre, nachdem SA-Männer mit Benzinkanistern vor ihr aufgetaucht waren.

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