Jugend im Bombenkrieg Wir Kellerkinder

1945 versank Dresden im Bombenhagel - und nicht nur das Elbflorenz: Gillian Ackers erlebte in Southampton deutsche Bomben, in Leipzig zitterte Uwe Siemon-Netto vor alliierten Luftschlägen. Seit 1962 sind die beiden miteinander verheiratet - und staunen immer noch über ihr paralleles Überleben.

AP

Meine Großmutter Clara Netto war eine knorrige Erzgebirglerin, die Weinen für unziemlich hielt. Nur zweimal in meiner Kindheit habe ich sie laut klagen gehört. Das war erstens am 22. Februar 1944 als eine Luftmine bei einem Fliegerangriff auf Leipzig ihre Schwester Martha so zurichtete, dass ihre Leiche nur dank ihres Eherings identifiziert werden konnte: Das zweite Mal war ein Jahr später am frühen Morgen des 14. Februar 1945, als der Rundfunk das Bombardement auf Dresden meldete. Clara Netto brüllte buchstäblich: "Diese Lumiche", auf Hochdeutsch: diese Lumpen.

Damit meinte sie aber nicht die Briten, deren Flugzeuge uns in Leipzig schon seit anderthalb Jahren nächtens heimsuchten und die nun die Hauptstadt des in ihrem Herzen nie untergegangenen Königreichs Sachsen zerstörten. "Lumiche" waren in ihrer Diktion jene, die Deutschland Schmach und Verderben gebracht hatten. "Lumiche" waren auch Nazi-treue "Deutsche Christen" in ihrer Andreas-Gemeinde, deren Gottesdienste sie mied. Manchmal murmelte sie "Lumiche", wenn sie mich in unserem Keller an sich drückte, während in unserem Wohnviertel Sprengkörper detonierten und sich in unseren Hauswänden Risse bildeten, durch die Qualm und Feuer ins Innere drangen. Einmal denunzierten Ohrenzeugen Clara wegen "Zersetzung". Die Gestapo kam am nächsten Morgen. "Na, dann lochen sie mal schön eine sächsische Offizierswitwe ein", sagte sie. Die Männer gingen wieder.

Seltsam, aber auch in den furchtbarsten Bombennächten habe ich nie ein Wort des Hasses gegen "die Engländer" oder "die Amerikaner" gehört. Mein Vater, der als Offiziersanwärter im Ersten Weltkrieg sein Augenlicht verloren hatte, verehrte Churchill. Einmal, bevor ich mit meiner Schulklasse zum "Tag der Wehrmacht" aufbrach, um bei dieser Propagandakirmes auf einem Kasernenhof Erbsensuppe aus der Gulaschkanone zu essen und auf "Pappkameraden" zu schießen, schärfte er mir ein, nicht auf "den Dicken" zu zielen. Er meinte Churchills Konterfei, das, von Attrappen Roosevelts und Stalins flankiert, als Zielscheibe diente.

Der Geruch des Krieges

Hass auf ein anderes Volk war auch der Familie Ackers in Southampton fremd. Deren Tochter Gillian ist seit 1962 meine Frau, und sie kann sich nicht entsinnen, zu Hause je ein abfälliges Wort über "die Deutschen" gehört zu haben. Wenn wir uns heute über unsere Kindheit unterhalten, staunen wir immer wieder, wie sehr sich unsere Erlebnisse im Krieg ähnelten, bis in kleine Details. Als im September 1939 der Zweite Weltkrieg begann, spielten wir beide vor unseren Elternhäusern, beide in roten Tretautos. In Leipzig wie Southampton füllten unsere Mütter, beide Musikerinnen, mit ähnlicher Naivität ihre Badewannen, weil sie auf der Stelle Luftangriffe erwarteten und folglich Löschwasser parat halten wollten.

Beide Familien kauften Stockbetten für die nun zu erwartenden Bombennächte. Die Familie Ackers in Southampton stellte ihre Betten in einer eigens für diesen Zweck ausgehobenen Grube im Garten hinter ihrem Haus an der Brownell Avenue auf; unsere doppelstöckigen Holzliegen erhielten ihren Platz im Kohlekeller unseres Miethauses am Sophienplatz 6 in der Leipziger Innenstadt. Dann verschieben sich unsere parallelen Erlebnisse zeitlich: Gillian war lange vor mir an der Reihe, mit den Geräuschen, Gerüchen und optischen Impressionen des Bombenkriegs konfrontiert zu werden: die dröhnenden Flugzeugmotoren, das Krachen der Bomben und Flakgeschütze, das Beben von Häuserwänden; auch den penetranten Gestank brennender Balken und, später, verwesender Menschen. Die Hitze der Flammen, die aus Fenstern nach oben züngelten; die stoischen Gesichtszüge der Menschen in den Luftschutzkellern und die verzweifelten Mienen von Überlebenden, die auf der Suche nach Angehörigen durch die Straßen irrten.

Gillian und ihre Eltern wurden 1940 ausgebombt. Southampton war das erste und wichtigste Angriffsziel des "Blitz", wie die Briten den Luftkrieg der Deutschen gegen ihr Land bis heute nennen. Über 1.500 Mal heulten in der Hafenstadt die Sirenen. Gillian sollte deshalb über das kanadische Montreal zu Verwandten nach Pittsburgh in den USA evakuiert werden. Sie stand in ihrer blauen Schuluniform auf dem Perron des Bahnhofs von Southampton und harrte des Zubringerzugs zum Hafen, wo das Dampfschiff "City of Benares" wartete.

"Nein, ich lass dich nicht fahren!"

Unvermittelt schob sich ihr Vater durch die Menschenmassen auf dem Bahnsteig. Sidney Ackers war Manager bei den Flugzeugwerken Folland Aircraft Ltd. und Hauptmann der Heimwehr. Er hob Gillian aus der Menge und warf sie über seine Schultern. "Nein, ich lass' dich nicht fahren!", sagte er nur. "Entweder leben wir zusammen oder wir sterben zusammen." Und rettete damit wohl meiner späteren Frau das Leben, denn am 17. September 1940 versenkte das deutsche Unterseeboot U-48 die "City of Benares"; von den 90 Kindern an Bord kamen 77 ums Leben.

"Entweder leben wir zusammen oder wir sterben zusammen": So einen Satz hörte auch ich, als ich meine Familie aus der Kinderlandverschickung übers Wochenende in Leipzig besuchte. Clara Netto sprach dieses Machtwort, nachdem ich ihr meine Erlebnisse in einem "deutsch-christlichen" Pfarrhaus im Muldentalkreis erzählt hatte. Der Hausherr war ein fanatischer Nationalsozialist, der mich schlug, wenn ich nach Leipziger Bürgerart "welsche Vokabeln" verwandte, zum Beispiel "Soße" statt "Tunke", "Serviette" statt "Mundtuch" und "Etage" statt "Stockwerk". In dieses Pfarrers Gottesdiensten saß ich am liebsten auf der Orgelbank neben Kantor Ufer, der auch mein Schulmeister war. Wenn Pfarrer B. Hitler als Erlöser pries, flüsterte mir Ufer ins Ohr: "Er lügt, er verrät unseren Herrn." Ufer besaß Zivilcourage, denn ich hätte ihn denunzieren können.

Mir war klar, was Clara Nettos Machtwort bedeutete: Ich hatte alle Aussicht, in ihren Armen zu sterben. Meine Eltern und ich lebten bei ihr, seit unsere Wohnung am Sophienplatz 6 beim ersten massiven Bombardement auf Leipzig am 4. Dezember 1943 ausgebrannt war. Daran erinnere ich mich so lebhaft als wäre es gestern passiert. Die ersten Bomben fielen, als die Sirenen noch heulten. In unserem Korridor stand Notgepäck bereit. Damit eilten wir in den Keller, aber schon wenige Minuten später trafen Phosphorbomben unser Haus.

Lachend durch lodernde Phosphorflammen

"Bring' Vati zur Omi", sagte meine Mutter bevor sie sich anschickte, die Flammen zu löschen - ein sinnloses Unterfangen, weil Wasser gegen Phosphor nichts ausrichten kann. Draußen bedeckten grün flackernde Phosphorflammen den Asphalt vom Sophienplatz bis hin zur zwei Kilometer entfernten Kaiserin-Augusta-Straße, in der Clara Netto wohnte. Ich war damals ein richtiger Leipziger "Griewatsch" (Lausejunge), mit jenem verbogenen Humor, der diese Spezies kennzeichnete. Ich weiß noch, wie ich laut lachend über lodernde Phosphorpfützen hopste, während sich mein kriegsblinder Vater an meinem rechten Oberarm festkrallte.

Wir kamen an der 4. Volksschule vorbei. Sie brannte, und ich freute mich, am folgenden Montag frei zu haben. Aber bald darauf erlebte ich nach jedem Luftangriff Frühappelle an anderen Schulen. Da fehlte der Gerhard, da fehlte der Heini, da fehlte der Horst, der Helmut. Manchmal vermutete ich meine Klassenkameraden unter den qualmenden Ruinen, die wir Straßenjungen durchstöberten. Auch im Bombenkrieg spielten Großstadtkinder. Wir zum Beispiel hatten unseren Spaß mit den "Trümmerbahnen" die Schutt abtransportierten. Ihre Gleise lagen auf den Bürgersteigen, und es gab kein größeres Vergnügen, als abends vor dem Fliegeralarm ihre Kipploren ums Viereck zu schieben und ihre Weichen zu verstellen.

Als mein Vater und ich bei Clara Netto eintrafen, reagierte sie, wie man das von einer sächsischen Großmutter erwartet: Sie briet uns Kartoffelpuffer, deren köstlichen Geschmack ich nie vergessen sollte. Am Nachmittag trugen vier französische Zwangsarbeiter meine Mutter in Clara Nettos Wohnung. Sie war ohnmächtig. Ihre Hände umklammerten die sächsische Kurfürstenbibel, die seit Jahrhunderten in unserem Familienbesitz war.

Grab zwischen Harwich und Hamburg

Diese Franzosen hatten ihr Leben eingesetzt, um eine "Feindin" vor dem Feuertod zu retten. Sie waren im Haus am Sophienplatz die brennende Treppe hinaufgestürmt, hatten meine Mutter im Musikzimmer aufgefunden, sie unter ihrem Blüthner-Flügel hervorgezogen und in Sicherheit gebracht. Warum gingen sie dieses Risiko ein? Woher kannten sie die Adresse einer Großmutter? Warum kamen sie am nächsten Tag wieder, um sich nach dem Befinden meiner Mutter zu erkundigen? Hinter diesem Vorgang verbirgt sich eine jener Kriegssubtilitäten, die Nachgeborene schwerlich begreifen können. In jedem Fall zeigt ihre Rettungstat, dass auf der Ebene ganz normaler Familien der Hass gegen ein anderes Volk nicht die Norm war.

Wohl wahr, als meine Frau mich 1962 ihrem Vater vorstellte, empfing er mich mit dem knochentrockenen Kommentar: "Nur ein toter Deutscher ist ein guter Deutscher." Das aber war, wie ich sofort bemerkte, nicht ernst gemeint; es war Selbstironie - er mokierte sich damit über ein Vorurteil, das er nicht teilte. Sidney Ackers umarmte mich und behandelte mich fort an wie ein Vater seinen Sohn, glücklich, dass seine und meine Familie den zweiten Weltkrieg überlebt hatten.

Sidney Ackers war in seinen jungen Jahren bei der britischen Handelsmarine gewesen. Sein Lieblingsmeer war die Nordsee; er hatte sie vor dem Krieg auf der Route nach Nordamerika häufig mit deutschen Auswanderern an Bord durchkreuzt. In der Nordsee, so bat mich dieser vorzügliche Mann vor seinem Tod, sollte ich bitte seine Asche beisetzen. Das taten wir. Auf halbem Wege zwischen England und Deutschland versenkten wir seine Urne vom Deck der "Prinz Hamlet", einer Fähre, die damals zwischen Harwich und Hamburg verkehrte.

Zur Person
  • Uwe Siemon-Netto
    Uwe Siemon-Netto, gebürtiger Leipziger, ist seit 60 Jahren Journalist. Er hat sich unter anderem mit seinen Berichten vom Vietnamkrieg einen Namen gemacht. Siemon-Netto, ein promovierter lutherischer Theologe, lebt in Südkalifornien und Frankreich. Zum 500. Jubiläum der Reformation hat er mit "Luther. Lehrmeister des Widerstands" die deutsche Übersetzung seiner Doktorarbeit herausgebracht.
Anzeige


zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.