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06. Februar 2009, 12:28 Uhr

Jugend in den Siebzigern

Weltrevolution im Schwarzwald

"E'n Berufsrevolutionär kämpft, bis er schtirbt": Als Schüler in den Siebzigern trug Adrian Geiges den Klassenkampf in die Klassenzimmer seiner badischen Provinzstadt. Doch Flugblätterschreiben und Eierwerfen reichte ihm bald nicht mehr - da machte ihm Genosse Kalle ein atemberaubendes Angebot.

In meinem Heimatort Staufen im Breisgau galt ich als Bürgerschreck. Der Vater meines besten Schulfreunds patrouillierte mit dem Fahrrad um unser Reihenhaus. Er wollte verhindern, dass sein Sohn mich traf. Ich hasste diesen Alten, fand das ungerecht, schließlich war ich kein Halbstarker, sondern ein ganz Schwacher. Ich klaute nicht, schrieb gute Noten, trug für damalige Verhältnisse kurzes Haar und rauchte nicht einmal Marihuana. Dass ich mich vom schüchternen Außenseiter in einen stadtbekannten Rebellen verwandelte, begann, wie vieles im Leben, mit einem Buch - einem kleinen roten, das sich in die Gesäßtasche der Jeans stecken ließ. Es hieß "Worte des Vorsitzenden Mao Zedong" und wurde im Westen als "Mao-Bibel" bezeichnet. Ich fand es im Bücherregal meines Vaters Leif Geiges, eines freischaffenden Fotografen. Vor 1933 hatte er dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands angehört. Danach hielt er sich von Politik fern, verachtete aber die Nazis und wurde als Deserteur kurz vor Kriegsende in Abwesenheit zum Tod verurteilt. Deshalb und wegen seines weichen Gemüts war er linken Ideen und auch der "Mao-Bibel" gegenüber tolerant.

Als Zwölfjähriger las ich das rote Büchlein im Pausenhof unseres Faust-Gymnasiums. Manche Mitschüler beschimpften mich als "rote Sau". Die, die mir freundlich gesonnen waren, nannten mich "rote Ratte". Die Zahl der roten Ratten wuchs in den nächsten Jahren an unserer Schule. Und ich wurde ihr Anführer. Wir streikten für kleine Schulklassen und erstritten ein Jugendzentrum am Ort. Wir verteilten Flugblätter gegen Atomraketen und demonstrierten auf dem Bauplatz des geplanten Kernkraftwerks Wyhl. Meine Mutter Verena Geiges, geborene Zweifel, war eine ehemalige Stewardess und hatte meinen Vater im Flugzeug kennengelernt. Die Schweizerin nach Staatsangehörigkeit und aus Überzeugung hielt nichts von meinem Engagement. "Du rennsch dir der Kopf ein", schrie sie, während sie wutentbrannt und lautstark die Holztreppe in unserem dreistöckigen Haus auf- und ab rannte. Meine Schwester Ulla, später lange Jahre erfolgreiche Balletttänzerin und heute Choreografin, nahm schon damals jeden Tag Tanzunterricht. "Bei uns in der Familie schpinne' sie alle", sagte meine Mutter den Nachbarn. "Bei der Tochter isch es das Ballett, beim Sohn isch es der Kommunismus."

Die Volksrepublik China sah ich damals zunehmend kritisch, sie war mir nicht mehr revolutionär genug. Mao unterhielt freundschaftliche Beziehungen zu Franz Josef Strauß, dem US-Präsidenten Nixon und dem chilenischen Diktator Pinochet. "Konsequent links" schienen mir hingegen die Sowjetunion und die DDR zu sein, denn sie wurden in den "bürgerlichen Zeitungen" immer angegriffen. Davon überzeugten mich vor allem die alten Genossen aus der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP), von denen einige in der Nazi-Zeit im KZ gesessen hatten. Sechs Jahre nach meiner ersten Begegnung mit Mao, wenige Monate vor dem Abi, rief mich mein Freund und Genosse Kalle Maschmann an, er müsse "dringend" mit mir reden, "heute noch". Ich rätselte, was er von mir wollte. Am Telefon war es nicht zu besprechen, es musste ein Geheimnis sein. Denn wir waren überzeugt, der Verfassungsschutz hörte unsere Gespräche ab und die CIA ebenso. Lehrer und sogar Lokomotivführer erhielten Berufsverbot wegen ihres linken Engagements. Vorsicht war angebracht.

Kalle war Kreisvorsitzender der DKP-Jugendorganisation Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ), der ich angehörte. Plante er eine neue Aktion? Vielleicht gingen wir heute plakatieren für Rock gegen rechts, das Konzert gegen Nazis und Ausländerfeinde? Oder Losungen sprühen gegen die Neutronenbombe? Das machten wir ständig. Aber Kalle hatte nervös geklungen und gleichzeitig ein bisschen feierlich.

Kalle wohnte bei seinen Eltern, um Geld zu sparen. Trotz der Kälte gingen wir mit Regenschirmen in den Garten des Einfamilienhauses. Hier konnten wir uns abhörsicher unterhalten. "Ich möcht' heut' e' Kadergspräch mit dir führe'", sagte Kalle. Wir sprachen, wie die meisten in der Gegend, ein Kauderwelsch, das schon kein alemannischer Dialekt mehr war, aber eindeutig noch kein Hochdeutsch. "Adrian, was denksch du über dei' Perschpektiv?" Ich zuckte zusammen. Kalle wollte mit mir über meine berufliche und politische Zukunft sprechen! Konnte ich jetzt von meinem großen Traum reden? Ich hatte es bisher nie gewagt.

Ich zögerte einen Moment. Dann entschloss ich mich. "Ich bin jetzt drei Jahr' in de' SDAJ und mehr als zwei Jahr' in de' Partei", sagte ich. Mit Partei meinte ich die DKP, der ich an meinem 16. Geburtstag beigetreten war. "Wie du weisch, g'hör ich zu de Aktive. Natürlich habe mr viele gute Leut. Und wer was macht, des muss de Partei entscheide'. Aber, offe' gschtande, ich würd gern mehr mache'. Wie die Hauptamtliche'." Damit meinte ich die, die mich mehr beeindruckten als alle anderen, die hauptamtlichen Funktionäre: Sie engagierten sich Tag und Nacht, gingen keinem anderen Beruf mehr nach, hatten das bürgerliche Leben hinter sich gelassen. Sie waren die Elite der Partei, die Elite der SDAJ. Sie verstanden sich als Berufsrevolutionäre.

Es war dreist, sich selbst für eine Funktion als Hauptamtlicher vorzuschlagen. Die toten Kämpfer drehen sich im Grab um! Das war keine Lehrstelle im Fernmeldeamt oder ein Studienplatz für Physik, worum man sich bewarb. Das war kein Beruf, sondern eine Berufung. Und berufen konnte einen nur die Partei, wer auch immer das war, der dort entschied. Fest stand: Nur die Besten wurden dafür ausgewählt. Aber mit Kalle war ich gut befreundet, warum nicht mit ihm darüber reden? Zumal Kalle gesagt hatte, er wolle ein Kadergespräch mit mir führen.

"Problem isch: Du kommsch aus e'm bürgerliche' Elternhaus", entgegnete Kalle. "Aber du hasch dich in den letschten Jahren gut entwickelt, beteiligsch dich an alle' Aktione' von de' SDAJ und von de' Partei. Auf dei' Initiativ' habe mr de' Minischterpräsident und Altnazi Filbinger mit Eier beworfe', er isch dann z'rück'trete. Du hasch 20 neue Mitglieder für'd SDAJ gworbe und hasch erfolgreich de' Schulschtreik organisiert. Mr vertraue' dir. D'rum frag ich dich heut': Bisch du bereit, den Weg eines Berufsrevolutionärs zu gehe'? Du sollsch dir die Entscheidung gründlich überlege'. Denn des isch 'ne Aufgab', die mit viel Arbeit und viel Entbehrunge' verbunde' isch. Und 's gibt kei' Zurück. E'n Berufsrevolutionär kämpft, bis er schtirbt."

Das klang pathetisch, aber es erfüllte mich mit Stolz, dass Kalle so mit mir redete. Ich merkte, wie mein Puls höher schlug. Kalle war nicht verärgert darüber, dass ich mich selbst vorgeschlagen hatte. Im Gegenteil, die Partei, vertreten durch Kalle, plante die gleiche revolutionäre Zukunft für mich wie ich selbst. Natürlich gab es kein Zurück! Natürlich würde ein bürgerlicher Betrieb keinen Revolutionär einstellen. Aber ich wollte nicht in einen bürgerlichen Betrieb, nie! Sich abrackern für Geld? Wir kämpfen für Größeres, für die Revolution. Ein Spießer, wer sich da um Krankenversicherung oder Rente schert! Mal abgesehen davon - wenn wir alt sind, hat der Sozialismus sowieso gesiegt. "Kalle, du kennsch mich. Ich weiß, worauf ich mich einlass'. Was du mir vorschlägsch, begeischtert mich. Ich bin bereit", sagte ich.

Dieser Text ist ein Auszug aus Adrian Geiges Buch: "Wie die Weltrevolution einmal aus Versehen im Schwarzwald begann".

Weitere Geschichten dieses Autors auf einestages:

Wie Adrian Geiges auf geheimen Kanälen in die DDR gelangte und dort

zum Berufsrevolutionär ausgebildet wurde.

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