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Jugend in der DDR: Der Staatsfeind von Storkow

Foto: Marko Schubert/B. Bläsing

Jugend in der DDR Der Staatsfeind von Storkow

Kurz vor seinem 18. Geburtstag kam Marco Schubert ins Wehrlager Storkow. Er wollte dort nur eins: Seinen großen Tag gebührend feiern. Das tat er auch, doch seine Vorgesetzten erwischten ihn. An den drakonischen Strafen, die folgten, wäre er fast zerbrochen.

Mein 18. Geburtstag stand vor der Tür. Die wichtigste Party meines Lebens warf ihre Schatten voraus. Mit einigen meiner Freunde hatte ich ihr "Erwachsenwerden" bereits begossen. Es hatte stets das Motto gegolten: Wer nicht mindestens einmal gekotzt hat, darf die Feier nicht verlassen.

Doch mein großer Tag drohte ins Wasser zu fallen. Am 31. Juli 1989, einen Tag vor meinem großen Jubiläum, saß ich in einem abgedunkelten Planwagen-LKW. Ich trug Armeeklamotten, schwere Stiefel und ein bescheuertes Käppi. Es waren Sommerferien. Die 11. Klasse hatten wir gerade hinter uns. Wir fuhren schweigend ins zweite Wehrerziehungslager der Gesellschaft für Sport und Technik nach Storkow.

Meine Laune war auf dem Tiefpunkt: kein Besäufnis, keine Riesenfete – die nächsten Tage verhießen Frühsport, Schießübungen und kilometerlange Waldläufe. Aus dem Westfernsehen wusste ich, dass tagtäglich Hunderte Menschen unser Land über Ungarn verließen. Wir Abiturienten – die zukünftige Elite der DDR – sollten hier geschult werden, um genau das in Zukunft zu verhindern.

Absolutes Alkohol-, Rauch- und Musikverbot

Sie brachten uns in Baracken und teilten uns in Hundertschaften ein. Der nächste Schock: Mich, das baldige Geburtstagskind, steckten sie mit 15 Jungs zusammen in ein Zimmer, die ich überhaupt nicht kannte. Beim Verteilen der Betten trat ich die Flucht nach vorn an und erklärte den Kameraden, dass ich heute Nacht Geburtstag hätte. Ich zeigte ihnen meine eingeschmuggelte Flasche Doppelkorn.

Zu meiner Erleichterung lächelten alle und mehrere Typen zauberten auch aus ihrem Gepäck hochprozentigen Stoff. Sie gaben mir zu verstehen, dass wir meinen 18. schon angemessen feiern würden. Kurze Zeit später trat unser Unteroffizier ins Zimmer. Mit sächsischem Akzent und in strengem Ton machte er uns mit den Lagervorschriften vertraut. "Stillgestanden! Die wichtigste Regel lautet: Jeder Befehl wird ohne Widerrede ausgeführt. Für dieses Zimmer gilt absolutes Alkohol-, Rauch- und Musikverbot. Essen in der Kantine ist heute um 19 Uhr. Nachtruhe um 22 Uhr. Wecken zum Frühsport um 6 Uhr 30. Rühren!"

Als er den Raum verließ, grinsten wir und dachten: Na, so schlimm wird es schon nicht werden. In der 9. Klasse hatten wir ja alle so ein vormilitärisches Lager erlebt und letztendlich war es dort eher locker zugegangen. Wie zur Bestätigung dessen erfuhren wir, dass die Offiziere am ersten Abend ein Treffen im Kasino hatten, wo sie gemeinsam ein paar Bier tranken. Wir waren also ohne Aufsicht.

Wir hörten sie kommen

Pünktlich um 22 Uhr begannen die Flaschen und Kippen zu kreisen. Um kurz nach 23 Uhr saßen in unserem Raum rund 40 Leute auf dem Boden und freuten sich mit mir auf meinen Jahrestag. Steffen hatte sogar einen Kassettenrekorder dabei mit deutschsprachiger Punkmusik – Westdeutscher natürlich. Der Alkohol vernebelte uns die Sinne. Die Musik wurde immer lauter, und dichte Rauschschwaden verließen den Raum durch den Türschlitz. Um Mitternacht brüllten mir alle lauthals ein Geburtstagsständchen – ich saß gerührt in der Mitte.

Um kurz nach ein Uhr hörten wir sie kommen. Mit lauten Stiefelschritten rannten vier Unteroffiziere zu unserem Zimmer und traten fast die Tür ein, obwohl diese nicht verschlossen war. Sie hatten wahrscheinlich schon aus großer Entfernung den Rauch und das Gejohle bemerkt und beschlossen, dass da scheinbar ein ostdeutscher NVA-SEK-Einsatz nötig sei. Eine Meute besoffener Jungs, jeder zweite mit einer Kippe zwischen und einem dummen Spruch auf den Lippen, empfing sie pöbelnd.

Zunächst lösten die Unteroffiziere das Chaos nur brüllend auf und befahlen alle auf ihre Zimmer. Doch eine Stunde später wurden Bernd und ich hinausgerufen. Man hatte uns als Rädelsführer ausgemacht und sie befahlen uns, die Klos zu reinigen. Kein Problem, dachten wir beschwipst. Wir hatten jedoch nicht damit gerechnet, dass sämtliche Wände, drei Pinkelbecken und der Fußboden mit grüner, stinkender Kotze überzogen waren.

Die abscheulichsten Tage meines Lebens

Bereits nach fünf Minuten musste ich mich selbst übergeben, so schlimm stank das Zeug. Ein Offizier quälte uns fast eine Stunde, bis wir auch den letzten Fitzel aus den Ecken gekratzt hatten. Um kurz nach 4 Uhr schlief ich völlig entkräftet als 18jähriger Erdenbürger auf meinem Doppelstockbett ein.

Die nächsten zwei Wochen gehören eindeutig zu den abscheulichsten Tagen meines Lebens. Die Offiziere hatten uns auf dem Kieker. Klar hatte ich mich am nächsten Tag krank gemeldet und wie mir berichtet wurde, hatte irgendein Arschloch, als beim Morgenappell nach mir gefragt wurde, gebrüllt: „Der liegt verkatert im Krankenzelt!“

Natürlich verließen wir unerlaubt per Räuberleiter die Militäranlage und wurden am Zaun erwischt, kürzten die Waldläufe ab und beschissen bei den Schießergebnissen. Klar sprachen wir weiterhin nur sarkastisch über die Ausbildungsinhalte und sächsischen Unteroffiziere. Aber das machten doch alle hier – vielleicht sogar die Söhne von Christoph Hein und Egon Krenz, die mit uns im Lager waren.

Ich zerbrach in nur zwei Wochen

Doch nicht sie, sondern ich, der oftmals so opportunistische und unserem Staat fast immer unkritisch gegenüber stehende Mensch, war hier bekannt als Feind der Arbeiterklasse und Konterrevolutionär! Zu zweit mussten wir Flächen so groß wie Fußballfelder umgraben, durften jeden Abend, bis uns schwarz vor den Augen wurde, Extrarunden um die Blöcke rennen, fast täglich den Flur und die Klos wischen – Strafliegestütze und sonstige Quälereien waren unser Tagesprogramm.

In nur zwei Wochen zerbrach ich fast an dieser täglichen Schikane. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich richtigen Vorgesetzten ausgesetzt. Weder die Eltern noch die Lehrer konnten einen doch wirklich zu irgendetwas zwingen. Noch nie zuvor hatte ich innerhalb kürzester Zeit so viele Dinge gemacht, die ich niemals freiwillig getan hätte.

Mir wurde bewusst, dass das komplette weitere Leben nach dem Abitur aus solchen Kompromissen und Strafarbeiten bestehen würde, um in diesem System beruflich voranzukommen. Das Lager war ein bitterer Vorgeschmack dessen. Politische Diskussionen wurden strikt unterbunden. Man durfte nur reden, wenn man gefragt wurde, und dies nur in einem bescheuerten DDR-Armeeslang. Niemand durfte das Lager verlassen. Wir waren nicht nur Gefangene in diesem Lager, sondern in unserem eigenen Land.

Ich wurde ein anderer Mensch

Der Umgang mit jungen Abiturienten ließ mich erschaudern vor der Zukunft in meiner Republik. Die Armeezeit stand mir ja noch bevor. Und doch: Es entwickelten sich durch all diese Erfahrungen die wichtigsten Freundschaften in meinem jungen Leben. Ich begegnete plötzlich kontrovers diskutierenden, kritischen denkenden Menschen, die diese ganze Scheiße schon vorher begriffen hatten. Wir vertrauten uns Geheimnisse an, die, wenn sie herausgekommen wären, schlimme Folgen gehabt hätten.

Bernd und sein Freund Matze etwa offenbarten mir, dass sie eigentlich schon vor diesem grauenhaften Lageraufenthalt nach Ungarn abhauen wollten. Nun waren sie erst recht wild entschlossen. Innerhalb von 15 Tagen wurde ich ein anderer Mensch mit neuen Ideen, Werten und lebenslangen Freunden.

Auch einer erwachsenen Person schüttete ich mein Herz aus. Ein Lehrer hatte uns mit nach Storkow begleitet. Er war einer der beliebtesten unserer Schule und galt mit seinem dichten Vollbart und der Gitarre, auf der wir ihn abends singend begleiteten, als so etwas wie unser Seelen-Pfarrer in dieser Militäranstalt. Er war einfach ein ganz normaler Mann in Zivilklamotten, der von allen euphorisch gegrüßt, befragt, angequatscht und eben geachtet wurde. Er verstand meine Probleme, redete offen mit mir, über meine Ängste und Sorgen. Er war aufrichtig, ehrlich und menschlich. Ich vertraute ihm alles an.

Bittere Enttäuschung

Wieder zu Hause, kurz vor dem Beginn des neuen Schuljahres, bekam ich einen Anruf meiner Klassenlehrerin, dass ich mich sofort mit ihr in der Schule zu treffen habe. Am 22. August 1989 erfuhr ich, dass ein gewisser Lehrer in einer extra einberufenen Konferenz davon berichtet hatte, dass 80 Prozent der Abiturienten das Wehrlager sehr gut absolviert hatten, 20 Prozent wären nur mitgelaufen und zwei Schüler hätten es boykottiert. Staatsfeind Nummer eins und zwei: Bernd und ich!

Seine Empfehlung wäre es, uns von der Schule zu verweisen. Sie fragte mich, ob ich denn nicht gewusst hätte, dass im Lager mehrere Leute vom Ministerium gewesen wären? Ministerium bedeutete Stasi. Ich saß einfach nur vor ihr und mir standen die Tränen in den Augen. Ich hatte meinen Glauben an eine gerechte Welt, an ein von mir geschätztes sozialistisches Land, eigentlich an die komplette Menschheit verloren.

Heulend verließ ich das Klassenzimmer und dachte an Bernd. Wie war es ihm ergangen, oder war er bereits auf dem Weg über Ungarn in die BRD? Ich hoffte es nicht, fragte mich allerdings zum ersten Mal in meinem Leben ernsthaft, ob das auch für mich eine Alternative wäre.