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Halbstarke: Als die Eckensteher Krawall machten

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"Halbstarken"-Krawalle Eckensteher, schwere Jungs und leichte Mädchen

Ganz schlimm, diese Jugend von heute. Das war sie auch in den Fünfzigern schon: "Halbstarke" legten Innenstädte lahm und prügelten sich mit Polizisten. Sie galten als Symptom des Werteverfalls - ein Irrtum.
Von Bodo Mrozek

Dramatische Bilder kamen aus dem beschaulichen "Ländle". Gruppen Jugendlicher randalierten auf der Stuttgarter Königsstraße. Trümmer, Verletzte, Festnahmen. Anderntags suchte man die Täter in der Partyszene - sie hatten vorab Musik gehört. Bald darauf ähnliche Szenen in Frankfurt: Krakeelende Jugendliche störten den Verkehr, demolierten Großstadtmobiliar, lieferten sich Rangeleien mit der Ordnungsmacht.

So geschah es anno 1957. Mehrere verdächtige "Halbstarke", darunter ein Mädchen, wurden in Schwaben wegen Landfriedensbruch angeklagt, jedoch aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Auch in Frankfurt erging im Mai '57 kein Schuldspruch: Die Pläne zur Anstiftung von Tumulten in Lokalen, zum Bau von Gummiknüppeln und sogar zur Erstürmung eines Polizeireviers waren nach massiven Jugendkrawallen im Stadtteil Hoechst zwar in Bierlaune ersonnen, aber nicht umgesetzt worden.

Beide Fälle waren lange vergessen. Und auch die "Halbstarken" selbst erscheinen allenfalls noch im milden Weichzeichner der Nostalgie. Die Ausschreitungen dieses Sommers in Stuttgart und Frankfurt frischen die Erinnerung auf - wie sich die Bilder gleichen. Das gilt jedoch nicht allein für die Taten der Jugendlichen von 1957 und 2020: Besonders frappierend gleichen sich auch die reflexhaften Argumentationsfiguren der gesellschaftlichen Debatten, die nach solchen Vorkommnissen zuverlässig Höchsttemperatur erreichen.

Zur Nostalgie besteht wenig Anlass. Um die hundert "Großkrawalle" mit mehr als 50 Beteiligten, je nach Zählweise, verzeichnete die Kriminalstatistik damals in nur drei Jahren allein in Deutschland. Zwischen April 1956 und März 1957 machte der Kriminologe Günther Kaiser eine regelrechte "Krawall-Welle" aus. Allein in West-Berlin zählte er 36 Mal Randale und mehr als 300 Festnahmen.

Gewalt von Jugendlichen und von Polizisten

Als typischer "Halbstarkenkrawall" galt etwa, was sich im August 1956 in Braunschweig zutrug: Rund 1100 "Halbwüchsige" rotteten sich an zwei Abenden zusammen, sie "blockierten den Fahrzeugverkehr, in dem sie mit Fahrrädern und Mopeds die Fahrbahn sperrten, einen Fahrradständer auf die Fahrbahn warfen, mit den Fäusten auf die Dächer der Pkw trommelten, in die Seitenteile der vorbeifahrenden Wagen traten, Fahrzeuge anhoben und fallenließen, Windschutzscheiben beschädigten", wie das Jugendschöffengericht in seinen Akten festhielt. Polizisten wurden "angepöbelt, beschimpft und mit Steinen beworfen".

Es kam vor allem zu Sachschäden an Einrichtungen von Gaststätten, an Autos und Großstadtmobiliar. Bei Veranstaltungen wurden Kinos und Konzerthallen demoliert. Polizisten und Polizeipferde erlitten Blessuren.

Auch unter den Jugendlichen selbst gab es Opfer. So wurden in einer Kölner Wache mehrere Jugendliche im Frühjahr 1957 durch ein Spalier von Polizisten gejagt und mit Knüppeln geprügelt. Ihr Vergehen: Sie hatten gruppenweise in der Innenstadt herumgestanden.

In Bayern starben gar zwei als "halbstark" klassifizierte Jugendliche durch Polizeikugeln. Diese Vorfälle hatten juristische Nachspiele, wurden in den Medien aber kaum diskutiert.

Das "Cornern" der Fünfziger

Die nahmen vielmehr die Jugendlichen ins Visier und illustrierten die Berichte mit Klischeebildern von Jungs in Jeans und Lederjacken, von Mädchen mit dunkel getuschten Lidern und hochtoupierten Frisuren. Erkennbar wurde der vermeintlich moralisch verkommene Jugendtypus außer an einer neuen Mode auch an anstößigen Körperhaltungen, breitbeinigem Stehen oder lässigem Herumlungern auf öffentlichen Plätzen, in Amerika auch als "cornern" bezeichnet. Dazu provozierten die akrobatischen Figuren der neuen Tänze, vor allem des Rock'n'Roll.

Hinter diesen Untergangsängsten standen sozioökonomische Entwicklungen. Vor dem "Pillenknick" machten junge Menschen eine vergleichsweise große Gruppe der Gesellschaft aus. Der wirtschaftliche Aufschwung spülte mehr Geld in ihre Taschen, gerade Arbeiterjugendliche stiegen so zu wichtigen Konsumenten auf.

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In "Twen"-Abteilungen sprachen Kaufhäuser sie nun mit eigenständiger Jugendmode an; neue Zeitschriften, Kinofilme und Schallplatten zielten auf die junge Kaufkraft. Sie folgten Vorbildern aus Amerika und weckten kulturpessimistische Ängste vor zu schneller Veränderung: Man befürchtete "amerikanische Zustände" - während US-Zeitungen alarmistisch über "Rock'n'Roll Riots" in Europa schrieben.

Das Schlagwort hieß damals staatenübergreifend "Jugenddelinquenz". Dieser Sammelbegriff vermischte gänzlich unterschiedliche Delikte wie Herumlungern, Alkoholkonsum oder kriminalisierte Sexualität von Jugendlichen mit etablierten Straftatbeständen, vom Landfriedensbruch über Sachbeschädigung bis zu Körperverletzung. Der Bezug zum Alter der Beschuldigten suggerierte einen Tatzusammenhang.

Sehnsucht nach der "Zuchtrute"

Dabei etablierte sich ein Schema: Ungewöhnliche Vorfälle erhielten ein gewaltiges Echo, gerade weil sie von der Norm abwichen, galten aber sofort als allgemeintypisch für Großgruppen, die überwiegend unbeteiligt waren - Menschen mit Migrationsbiografie etwa oder gar die Jugend als solche.

In den Fünfzigerjahren verdächtigte man in Deutschland prompt junge "Heimatvertriebene", die als schlecht integrierbar galten. Diese Argumentation steht zwar im Widerspruch zum statistischen Grundsatz der Repräsentativität, aber wenn Scharfmacher mit pauschalen Anschuldigungen vorpreschen, ist ihnen stets Aufmerksamkeit sicher - und das zumeist noch, bevor die Ermittlungen überhaupt erst begonnen haben.

Drastische Maßnahmen wurden verlangt. Der Ruf "nach der Zuchtrute für die Jugendlichen ist fast so populär geworden wie die Forderung, die deutsche Justiz wieder mit der Todesstrafe zu 'bereichern'", resümierte "Die Welt" 1958. Ein "FAZ"-Kommentator sehnte sich nach jemandem, der "mit einem knorrigen Stock und Donnerstimme dazwischenführe", um die Jugend "jenseits von Kinotraum und Groschenroman wieder in eine andere Ordnung zurückzubringen".

Gerade solche neuen Kulturprodukte galten als schlechte Einflüsse. In der DDR verbrannte die Staatsjugend FDJ öffentlich Comics und Jugendzeitschriften aus dem Westen. Damit fütterten auch in der Bundesrepublik vereinzelt christkonservative Jugendverbände ihre Scheiterhaufen - und knüpften hüben wie drüben an eine unrühmliche Tradition aus dem Nationalsozialismus an.

"Rebellion ohne Grund"

Auch die Forderung nach Filmzensur erscholl staatenübergreifend und führte zum sogenannten X-Rating, der Altersbeschränkung für Kinofilme. Besondere Beachtung erfuhr das florierende Genre des Jugendproblemfilms; darin verkörperten Elvis Presley ("King Creole"), Horst Buchholz ("Die Halbstarken") und Ekkehart Schall ("Berlin - Ecke Schönhauser...") die Klischeefigur des "Halbstarken".

Diese fiktive Bezeichnung ging auf moraltheologische Schriften um 1900 zurück und lässt sich sogar bis in die "Eckensteherliteratur" der 1830er-Jahre zurückführen. Doch selbst namhafte Experten übernahmen die literarische Erfindung umstandslos in ihre Typologien und trugen so vielfach mehr zu Konstituierung der Probleme bei als zu deren Lösung.

Die Vorschläge reichten von sozialpräventiven Forderungen etwa nach mehr Spielplätzen, Sozialarbeitern und kommunalen Freizeitangeboten bis hin zu Repressionen: Wiedereinführung der Prügelstrafe, Zwangseinzug in den Militärdienst. Auch nach Arbeitslagern rief die vom Nationalsozialismus geprägte Nachkriegsgesellschaft allenthalben.

Die DDR agierte rigoros: Jugendliche wurden in "Werkhöfen" schikaniert, in Schauprozessen zu langen Gefängnisstrafen verurteilt oder auf Lastwagen direkt in den Kohlebergbau zur Zwangsarbeit verschleppt - wie nach einer Leipziger Demonstration 1965 gegen das Verbot von Beat-Bands. Der 1966 eigens geschaffene "Rowdy-Paragraph" wurde jahrzehntelang zur Kriminalisierung von Regimekritikern aller Couleur missbraucht.

Der Staat entfremdet sich seiner Jugend

Solche "Rosskuren", wie sie auch westdeutsche Konservative lautstark befürworteten, hatten allerdings einen Bumerangeffekt: Die DDR-Behörden bekamen ihre unzufriedene Jugend damit keineswegs in den Griff. Stattdessen wurden Szenen ins Konspirative abgedrängt, und die Konflikte hielten dauerhaft an - mit Beat-Fans der Sechziger-, "Bluesern" der Siebziger- und Punks der Achtzigerjahre, deren Mitglieder vorzeitig zu Sondereinheiten der Armee eingezogen oder in die Psychiatrie gesteckt wurden.

Entspannung brachte erst eine moderate Annäherung an die Jugendkultur im DDR-Konzept der "Anderen Bands" gegen Ende der Achtziger, doch da war es bereits zu spät - der Staat hatte sich seiner Jugend weitgehend entfremdet.

Auch im Westen wurden die Konflikte mit nachfolgenden Jugendszenen immer wieder auf der Straße ausgetragen. Mit der "Beatlemania" rückte das unangepasste Verhalten junger Frauen in den Mittelpunkt, die durch lautes Kreischen auf Konzerten auffielen. Danach waren es die sogenannten Gammler, die es 1968 bis auf den SPIEGEL-Titel brachten, in den Siebzigern Hippies und Punks, in den Achtzigern Hausbesetzer und die autonome Szene.

Halbstark und ganzschwach

Auch hier kam es zu Krawallen, etwa als Brandstifter in West-Berlin am 1. Mai 1987 einen U-Bahnhof anzündeten und rund 30 Geschäfte geplündert wurden - unter Beteiligung von Anwohnern, von denen einige tags darauf reumütig das Raubgut zurückgaben.

All diesen Konflikten begegnete man mit Dramatisierungen, die den jeweils letzten Krawall zur "beispiellosen Eskalation" hochstilisierten und aus diesen Superlativen düstere Erwartungshorizonte ableiteten. Mussten sie wenig später korrigiert werden, so hatte sich das Zeitfenster der Aufmerksamkeit meist wieder geschlossen.

"Halbstark" - die Toten Hosen coverten 1987 einen Yankees-Song (1965)

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So auch bei den frühen "Halbstarkenunruhen": Ende der Fünfzigerjahre konnten Kriminalstatistiker rückblickend keinen signifikanten Anstieg an Delikten erkennen, im Gegenteil weitaus weniger Jugendkriminalität als in den Hunger- und Trümmerjahren der späten Vierziger. Umfragen zufolge träumte die Jugend der "Wirtschaftswunder"-Jahre ganz überwiegend von Ehe, Kindern und einem Eigenheim und unterschied sich damit kaum von den Werten ihrer Eltern.

"Halbstark" war allenfalls ein kleiner Teil der Jugend; manche aufgeregte Debattenbeiträge muss man rückblickend zum Teil wohl eher als "ganzschwach" bezeichnen. Zeithistorisch sind diese Diskussionen dennoch bedeutend, denn sie brachten neue Ansätze hervor: deeskalative Polizeitaktiken, eine nichtpolizeiliche Jugendforschung, größere Toleranz gegenüber neuen Ausdrucksformen, aber auch restriktive Jugendverordnungen in Bezug auf Alkohol- und Kulturkonsum. So prägten selbst scheinbar unerklärliche Krawalle die bundesdeutsche Demokratie.