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Loveparade: Immer der Musik nach

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Jugendkultur Bei den Sklaven des Spaßes

Pralle Beats, schöne Körper, grenzenloser Spaß: Die Love Parade in Berlin wollte eine ganz neue Jugendkultur begründen. Doch schon bald glich sie einer Turnhalle, in der jeder für sich alleine turnt. Philipp Kohlhöfer war dabei, als sich das Szene-Spektakel zu einem Marketing-Event wandelte.

Es war 1999, und das Motto hieß vielleicht "music is the key", vielleicht auch nicht, ist ja auch egal. Jedenfalls war die Veranstaltung eigentlich tot, als ich zusammen mit einer Million anderer Leute zum ersten Mal die Love Parade in Berlin besuchte. Einem Zombie ähnlich, schaffte sie noch fünf oder sechs Neuauflagen, aber in ihrer Funktion als Massenphänomen war sie nichts anderes als ein Flug mit der Chartermaschine nach Mallorca zum Ballermann. Ich weiß, wovon ich rede, ich kenne beides.

Ich bin ein kleinbürgerliches Mainstream-Gesicht. Wo ich bin, ist die Subkultur schon lange nach Hause gegangen, hat der Trend sich verabschiedet, ist "progressiv" nur ein anderes Wort wie "Coachgarnitur". Ich bin die schwitzende und unangenehme Masse, mit der keiner etwas zu tun haben will. Meine Love Parade heißt Trillerpfeife, weiße Handschuhe und Leuchtstab im Club. Sie ist karnevalesker als der Karneval und peinlicher als Privatfernsehen. Ich wollte einfach mal dabei sein, weil man eben dabei sein musste, damals. Ich beschloss, zur Love Parade zu fahren, wie ich beschließen würde, auf das Oktoberfest zu gehen.

Trotz allem versuchte ich, einen Anspruch des Festes zu finden - und schließlich fand ich ihn. Ich versuchte beides: Spaß zu haben auf Teufel komm raus und Teil einer Jugendkultur zu sein.

Mädchen zeigen ihren Brüsten die Menge

Ich hasse Techno nicht, aber die Musik ist mir suspekt seit ich denken kann. Man kann dazu tanzen, das stimmt, aber sie ist stupide und belanglos. Sie hat entgegen aller wohlmeinenden Kritik keinen Anspruch, vom Tanzen abgesehen. Sie gibt dem Tänzer vor, individuell zu sein, aber wie eine Nazi-Behörde wirkt sie gleichschaltend. Sie ist nichts als ein ziemlich öder Soundtrack zum Drogengebrauch. Ich fand das damals schon, aber von dem festen Willen getrieben, mich zu amüsieren, ignorierte ich es.

Ich fuhr in einem der damals so beliebten Bahn-Sonderzüge von Hamburg nach Berlin, zusammen mit einer Horde Arschgeweihträgerinnen, die sich über Belanglosigkeiten wie "der Sven ist ein richtiger guter DJ" stundenlang unterhielten und die heute vermutlich alle Mütter von Kindern sind, die "Kevin" oder "Keanu" heißen. Ich betete für ein Zugunglück und fühlte mich an jene Szene erinnert, in der ich zehn Jahre zuvor morgens um halb sieben mit einer Horde blond gefärbter, angetrunkener und singender Schwachköpfe ab Düsseldorf-International nach El Areal geflogen war. Damals hoffte ich, der Flieger möge ins Meer stürzen.

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Loveparade: Immer der Musik nach

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In Berlin angekommen versuchte ich mich anzupassen. Ich trank, zog mir halb Kolumbien durch die Nase, tanzte. Ich sah, was nicht zusammenpasste: Menschen in Schlaghosen und andere mit Lederkutten, Kotzende und Familien, Junge-Union-Trucks und schöne Menschen. Mädchen zeigten ihren Brüsten die Menge. Privatfernsehen übertrug ins heimische Wohnzimmer. Es wimmelte von Werbetafeln, Betrunkenen und Brezelständen. Unappetitlicherweise kackten Teilnehmer in den Tiergarten und rissen Bäume um. Nebenbei wurde dort ein Porno gedreht. Nebensächlich fast, dass man die Musik nicht hören konnte, alles verschwamm zu einem Brei aus sich überlagernden Bässen. Es war einfach unangenehm.

Horden von Jennifers

Natürlich hatten sich alle lieb, wie immer, aber 1999 gab es einen Toten nach einer Messerstecherei, eine Frau wurde von einer Gruppe Männer vergewaltigt, und vierzig Rave-Affen randalierten in der S-Bahn. Die Love Parade versuchte etwas, dass sie nicht schaffen konnte: familienfreundlich und gleichzeitig subversiv zu sein. Sie war ein Volksfest geworden, das ich hasste.

Damals wie heute hatte ich einen Medienberuf. Ich tat daher das, was alle Medientypen tun: Ich machte mich wichtig. Mit Erfolg. Ich durfte auf einem Wagen eines Hamburger Clubbetreibers mitfahren.

Ich traf die Jennifers, Venessas und Jaquelines aus dem Sonderzug dort wieder, sie tanzten und lachten ein verzerrtes Lachen, das ich erst ein Mal gesehen hatte: im Soundgarden-Video "Black Hole Sun". Obwohl ich mich irgendwie überlegen fühlte, lachte ich auch, tanzte wie aufgezogen, nahm mehr Drogen, tat, als hätte ich Spaß, bekam für fast zwei Wochen einen Gehörschaden - und plötzlich, von einer Minute auf die andere, fing ich an, mich wahnsinnig zu langweilen. Ich fühlte mich total deplaziert. War das die Jugendkultur, die ich suchte?

Vielleicht war ich einfach zu spät dran. Im Jahr 1989, bei der ersten Liebesparade, waren etwa 150 Leute dagewesen, die Veranstaltung hatte die Organisatoren 150 Mark gekostet. Parallel zur steigenden Popularität, die irgendwann anderthalb Millionen Feiergesichter nach Berlin spülte, wurde die Love Parade "eventisiert", sie wurde kommerzieller. Diente sie einst dazu, die Identität der Techno-Szene aufzuzeigen, bestimmte bei meinem Erscheinen auf der Tanzfläche nur noch das Event-Marketing diverser Großkonzerne das Bild. Gespräche über eine Expansion der Parade fanden damals statt. In Leeds sollte gefeiert werden und wurde es dann ja auch, in Tel Aviv, Wien, Buenos Aires, Havanna und Budapest. Selbst in Bielefeld gab es einen von der Love Parade inspirierten Techno-Umzug.

Die Pille für davor

Sicher, irgendwann wird jede neue Bewegung vom Kommerz aufgesaugt und damit obsolet. Aber diese Jugendkultur war anders, beängstigender. Während in den Sechzigern, Siebzigern und Achtzigern Hippies und Punks jeweils politische Anliegen hatten, war der jugendliche Rebellionsschub, um das mal so zu nennen, mit Techno irgendwie abhanden gekommen. Der Club glich nur mehr einer Turnhalle, und jeder turnte für sich alleine. Im Zuge dessen erfuhr auch der Begriff "Jugendkultur" eine Umdeutung - und die ist seither leider so geblieben. Wurde seit den Fünfzigern das Verhalten der betreffenden Jugendlichen noch in die Nähe der Kriminalität gerückt, wurde es Mitte der Neunziger CDU-kompatibel. Sogar der damalige Berliner Oberbürgermeister Eberhard Diepgen sprach sich für die Love Parade aus. Plötzlich hatte man nur noch Spaß, alles war ironisch gemeint, und eine Meinung... was war das noch mal?

Ich sah mich um, die Leute schienen zu Sklaven ihres Spaßes geworden zu sein. Die Pille für davor, den Joint für danach, Kokain für dazwischen. "Jugendkultur" war zu einem Begriff geworden, mit dem man Turnschuhe verkaufen konnte, sie fand bei MTV statt, präsentiert von einem Telekommunikationsunternehmen. Sie wurde zu einem Ort der Individualisierung und löste die klassischen politischen Milieus so durchdringend auf, dass nur noch ein hedonistisches Zappeln übrig blieb. Während frühere Jugendkulturen sich untereinander abgelöst hatten - so hatte das alternative Milieu der Achtziger seine Wurzeln im den sozialen Bewegungen der Siebziger, die wiederum auf der Hippiebewegung der Sechziger fußte, die auf die Beatnicks der Fünfziger zurückgreifen konnte - kam diese Dynamik nun weitestgehend zum Stillstand. Die immer schneller werdende Vermarktung führte zudem zu einer Austauschbarkeit, die sich von Hype zu Hype, von Belanglosigkeit zu Belanglosigkeit hangelte. Auch das ist bis heute so geblieben.

Mainstream, Ruhepause, Rückbesinnung

Ich dachte, vielleicht muss das so sein. Vielleicht ist das Unauthentische ja die neue Authentizität. Vielleicht ist die Uninformiertheit zappelnder Pubertierender ein neuer Ausdruck von Bewusstsein, von welchem auch immer. Ich verwarf den Gedanken schnell. Ich verabschiedete Mandy und Sandy und Wendy und stieg vom Wagen. Ich beeilte mich, zum Bahnhof zu kommen, und als ich den Zug nach Hamburg bestieg, wurde ich traurig. Im Sommer 1999 wäre ich gerne Teil einer Jugendbewegung geworden, aber Teil dieser Jugendbewegung wollte ich nicht sein. Auf keinen Fall. Ich beschloss, erwachsen zu werden.

Angeblich feiert man heute in Berlin ja wieder hemmungslos. Die Hauptstadt sei in einem neuen Rave-Fieber, sagt man. Nicht so mainstreamig und Volksfest-lastig wie Mitte der Neunziger sei das. Eine neue Generation von Clubgängern gebe in leeren Industriekellern alles, damit es besser sei und friedlicher, schneller und harmonischer als damals. Ich höre das gerne, denn das ist dann doch wieder ein Teil des klassischen Ablaufschemas von Jugendkulturen: Auf die Vereinnahmung durch den Mainstream folgt, meist nach einer Ruhepause, die Rückbesinnung, wenn sich eine neue Generation der ursprünglichen Idee annimmt. Das ist schön, aber in diesem Fall nichts für mich. Ich warte derweil auf eine Neuauflage eines anderen Klassikers: Politische Hausbesetzungen.

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