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Jugendsport in der DDR: Verhinderter Spitzenathlet

Foto: Marko Schubert

Jugend in der DDR Verhinderter Spitzenathlet

Eine echte Sportskanone war Marko Schubert nie. Bei Wettkämpfen an seiner Schule in Ost-Berlin konnte er zwar ehrgeizig Medaillen einheimsen. Ein Staffellauf bei einer Bezirks-Spartakiade ging jedoch buchstäblich in die Hose.
Von Marko Schubert

Obwohl man es meinem kugelrunden Vater nicht ansieht, widmete er sein Leben dem Sport. Er war Juniorenmeister im Speerwerfen und spielte besser Fußball als mancher Profi in der DDR-Oberliga. Nach dem Diplom als Sportlehrer wurde er Funktionär für Radsport und Schwimmen. In einem Land, in dem der geförderte Leistungssport eine große Rolle spielte, waren mein Bruder Benny und ich geradezu prädestiniert, in die angesehene Elite unseres Landes aufzusteigen.

Bereits im Kindergarten erkannten Sichtungstrainer mein Ausnahmetalent und schickten mich zum Eiskunstlaufen. Doch schon damals war ich das genaue Gegenteil von graziös und anmutig. Eine zornige Trainerin brachte mich bei den ersten drei Terminen zum Weinen. Beim vierten Mal wurde ich, nachdem ich beim Kurven wieder einmal tollpatschig alle rot-weißen Hütchen umgefahren hatte, lautstark aus der Trainingsgruppe geschmissen.

Aus der äußerst erfolgreichen Schwimmkarriere, die man mir danach vorhersagte, wurde ebenfalls nichts. Nach den ersten Sprüngen ins Becken hielt ich mich in Todesangst an der gereichten Stange fest. Ich jammerte und heulte bei jedem Schluck Chlorwasser. Nach drei Einheiten war ich wieder raus aus der sozialistischen Sportfördergemeinschaft.

Verteidiger ohne Torerfolg

Mein sportlicher Vater wollte sich nicht einmischen. Als ich aus freien Stücken Fußballer wurde, holte er mich kein einziges Mal von einem Spiel ab. Meine Mannschaft "Empor Brandenburger Tor" - kurz EBT - spielte in Berlin-Friedrichshain. Als linker Verteidiger war ich nach dem Torwart der zweitschlechteste Spieler im Team. Dass ich ohne einen einzigen Torerfolg blieb, dafür jedoch einige vermeidbare Treffer verschuldete, erzählte ich zu Hause niemandem.

Dann kamen die Spartakiaden, die zusammen mit den Kreis-, Bezirks- und DDR-Meisterschaften sowie dem Pionierpokal die wichtigsten sportlichen Wettbewerbe für Kinder und Jugendliche waren. Bei den Schwimmern lag einmal eine gewisse Franziska von Almsick meilenweit vorn. Sie war sogar besser als einige Jungs in ihrem Alter.

Die Vorkämpfe und Qualifikationen begannen in den einzelnen Schulen. Und da ich in meiner Klasse richtig gut war, verlor ich nie meine Ambitionen. Bei den Schul-Spartakiaden gewann ich meine ersten Medaillen, die ich stolz in unser Kinderzimmer hängte. Silber im Weitsprung, Bronze im Schlagballweitwurf und Gold im Fußball. Dabei hatten wir lediglich unsere Parallelklasse besiegt!

Alle träumten vom Sieg

Selbst bei den schwächsten und ungelenksten Kindern wurde auf diese Weise sportlicher Ehrgeiz geweckt. Das ganze Land eiferte seinen Spitzenathleten nach, die der ganzen Welt die Überlegenheit unseres sozialistischen Systems beweisen sollten. Die Wirklichkeit sah allerdings oft anders aus. Beim nächsthöheren Wettbewerb, der Stadtbezirks-Spartakiade, blamierten wir unsere Schule jedes Jahr bis aufs Blut. Es war unwahrscheinlich, dass in Friedrichshain auch nur ein Schüler oder Team der Käte-Duncker-Oberschule unter die ersten drei kam.

Ich schaffte gleich in der vierten Klasse die Qualifikation für die Staffel, in der Vertreter der 4. bis 7. Klassen antreten mussten. Zwar nur als viertbester meiner Altersstufe, aber immerhin. Der Lasker-Sportplatz, auf dem die Wettkämpfe zwischen den verschiedenen Schulen stattfanden, war eine grauenhafte Anlage. Eine Vierhundert-Meter-Aschelaufbahn, umrahmt von einem hohen zehnstöckigen Neubaublock, der Straße und einer verfallenen Tribüne aus kaskadenförmig angeordneten Betonsockeln. Unsere Schultrikots bestanden aus einer weißen Turnhose und einem ärmellosen gelben Hemd, auf dem das Emblem der "Käte-Duncker-Oberschule" aufgenäht war. Ich kenne bis heute kein anderes Sport- oder Fußballteam, das diese grässliche Farbzusammenstellung gewählt hätte.

Die hundert aufgeregt plappernden Kinder ließen meine Anspannung ins Unermessliche steigen. Irgendwann wurden die Teilnehmer des 4-mal-100-Meter-Laufs aufgefordert, Aufstellung zu nehmen. Als ich an meine Position ging, packte mich endgültig das Lampenfieber. In meiner Schule war ich ein strahlender Siegertyp, doch bei meinem ersten richtigen Wettkampf fühlte ich mich wie ein jämmerlicher Waschlappen.

Fataler Startschuss

Als ich auf meine Startposition ging, hatte ich plötzlich Magenkrämpfe. Nur ein mächtiger Pups konnte mich jetzt noch retten. Augenblicklich spürte ich, dass dies keine gute Idee gewesen war. Zeitgleich mit dem krachenden Startschuss hatte ich mir in die Hose gekeckert. Doch irgendwie schaffte ich es, auch mit Kacke in der Hose zu laufen. Ich war sogar schneller als sonst.

Auf dem vierten Platz hatte ich den Stab übernommen und schaffte es tatsächlich, ihn an unseren Schlussläufer Thomas zu übergeben. Am Ende wurden wir fünfte von sechs Staffeln in diesem Vorlauf und schieden wie alle anderen Staffeln unserer Schule aus. Leider hatte auch ich etwas ausgeschieden, was sich deutlich an meiner weißen Turnhose abzeichnete. Voller Scham verkroch ich mich in die letzte Ecke und versuchte die gesamte Zeit, meinen Turnbeutel so zu halten, dass er das Unheil verdeckte.

Zum Glück gab es für uns und unseren wie immer frostig dreinschauenden Lehrer Herrn Pinka heute keine Urkunden und Medaillen. Ich wollte nur noch weg. Trotzdem dauerte es gefühlte Stunden, bis ich es endlich geschafft hatte, mich von allen zu verabschieden. Ich sagte, dass ich noch einen Onkel in dieser Gegend besuchen müsste und war augenblicklich verschwunden. Natürlich konnte ich mit meinem braunen Streifen, der in meiner Wahrnehmung jetzt auch zu muffeln begann, nicht mehr mit dem Bus fahren.

Die rettende Mauer

Den Tränen nahe, rannte ich einfach drauflos. Bereits nach fünf Minuten merkte ich allerdings, dass ich mich vollkommen verlaufen hatte. Plötzlich stand ich vor einer riesigen weißen Mauer und wusste nicht, ob ich nach rechts oder links laufen sollte. Ich begann zu heulen, entschied mich für eine Richtung und lief los, immer entlang an dem hohen Ungetüm. Es war "die Mauer", doch kein Grenzsoldat oder hilfsbereiter Volkspolizist nahm mich, den kleinen, traurigen Jungen, tröstend in den Arm. Niemand meinte es gut mit mir.

Plötzlich erblickte ich den Fernsehturm, und als ich die Jannowitzbrücke erreichte, erkannte ich freudestrahlend den weiteren Weg nach Hause. Nach einer Dreiviertelstunde war ich endlich angekommen, zog mich in Windeseile aus, schmiss die verschissene Turnhose und meinen Schlüpfer sofort in den Müllschlucker und legte mich in unsere Badewanne.

Kein einziger Mensch hatte mein Malheur mitbekommen. Ich war so glücklich, wieder sauber und daheim zu sein und dachte an diese endlose Mauer. Sie war mein Wegweiser gewesen, ohne sie hätte ich mich heillos in dieser riesigen Stadt verlaufen. Sie hatte mir Glück gebracht, und ich war so dankbar, dass es sie gab. Die Staffel war verloren, doch ich war "Mauergewinner"!

Verblassende Bilder und viele Löcher

Das 1,3 Kilometer lange Stück an der East Side Gallery steht noch heute und wäre doch fast abgerissen worden. Ich freute mich über die Restaurierung des denkmalgeschützten Abschnitts in meinem Friedrichshain, denn lange war sie weder weiß noch bunt. Autoabgase von Millionen Fahrzeugen, Regen, Frost und Farbanschläge hatten die Bilder bis zur Unkenntlichkeit entstellt. An vielen Stellen hackten Touristen große Löcher in die Wände, nur um ein Stück Erinnerung mit in die Heimat zu nehmen.

Wenn ich manchmal am Ostbahnhof in die S-Bahn steige, werde ich von aufgeregten Menschen aus England, Italien oder Spanien gefragt: "Und wo ist die Mauer?" Mit einem Lächeln deute ich nach links und denke: Vielleicht können sie ihren Kindern einmal erzählen, was dieses Bauwerk für die Geschichte Deutschlands bedeutet hat. Ich jedenfalls habe hier meine eigene Geschichte erlebt.

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Mark Scheppert:
Mauergewinner oder Wessi des Ostens

30 vergnügliche Geschichten aus dem Alltag der DDR.

Books on Demand; 228 Seiten; 14,90 Euro.

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