Jugendweihe in der DDR Reifeprüfung für Weltveränderer

Wer Geschenke will, muss leiden: Bevor sich DDR-Jugendliche zur Jugendweihe mit Präsenten überhäufen lassen konnten, mussten sie zehn nervige Ideologiestunden absitzen. Marko Schubert erinnert sich an skurrile Besuche im Glühlampenwerk und bei den Grenztruppen - und an eine verführerische Sternguckerin.

Marko Schubert/Mirko Hänel

Im Frühjahr 2008 waren Andi und Kati aus der Pfalz zu Besuch bei uns in Berlin. Die beiden sind angenehme Gäste, man muss sich nicht tagelang vorher den Kopf zerbrechen, wie das Kulturprogramm aussehen soll, denn Andi und Kati interessieren sich für - nichts. Aber weil sie mich gerne stundenlang mit Fragen zu meiner Ostjugend löchern, schickte ich sie ins DDR-Museum gegenüber vom Berliner Dom und den Resten des Palasts der Republik.

Am Abend strahlten die beiden übers ganze Gesicht: Sie hätten den Mufuti (Multifunktionstisch) aus Leander Haußmanns Kinofilm "Sonnenallee" gesehen, gleich neben einer echten Ostschrankwand! Andi hätte zum ersten Mal in einem Trabi gesessen und Kati wurde der Pionierhalsknoten erklärt! Ich hatte einen schweren kapitalistischen Arbeitstag hinter mir und dachte eigentlich, dass dieser Museumsbesuch jetzt alle Fragen zu meinem Ex-Land geklärt hätte. Doch nein, meine Westbesucher waren noch viel neugieriger geworden und wollten jetzt erst recht die volle Ostpackung. Sie fanden alles voll genial, was mit der DDR zu tun hatte. I

Also kramte ich ein in Pappe eingebundenes, grünes Büchlein hervor und erzählte ihnen eine andere Geschichte:

Vorbildlicher Reifeprozess

In der DDR-Saison 1985/86 gab es zwei große Highlights in meinem Leben. Zu Beginn des Jahres 1985 die feierliche Aufnahme in die Freie Deutsche Jugend und im März 1986 meine Jugendweihe, die größte und mit den meisten Geschenken bedachte Feier meines bisherigen Lebens. Zwischen diesen zwei Terminen hatten wir allerdings ein Problem. Zum Reifeprozess eines vorbildlichen FDJ-lers gehörte die Teilnahme an zehn so genannten Jugendstunden. Natürlich verbunden mit einer Drohung: Wer zweimal unentschuldigt fehlte, würde an der Megafete Jugendweihe nicht teilnehmen dürfen.

Der Reihe nach mussten verschiedene Schüler über diese Veranstaltungen etwas in ein Jugendbuch schreiben. Wahrscheinlich ist diese Art Klassenbuch deshalb heute in meinem Besitz, weil ich über den letzten Pflichttermin schreiben sollte und das Buch dann einfach behielt. Ich las unseren Westbesuchern also ein paar Sätze aus dem dunkelgrünen Büchlein vor, die ihm einen zusätzlichen Einblick in das Land gaben, in dem ich aufgewachsen war.

Die erste Jugendstunde hieß: "Wir erfüllen unser revolutionäres Vermächtnis". Dies erfüllte eine 8. Klasse, indem sie nach Sachsenhausen ins ehemalige Konzentrationslager fuhr. Sabine schrieb dazu ins Jugendstundenbuch: "Am 18.9.85 besuchte unsere Klasse die Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen. Unsere Begleiter waren Frau Rittich, Frau Demant und Frau Seil. Dort angekommen, begrüßten wir unseren Führer, Herrn Stenzel, ehemals selbst Häftling in diesem Konzentrationslager."

"Herzenssache unseres Volkes"

Ich hielt inne, denn natürlich hatte Sabine, wie es für alle verpflichtend gewesen war, genau eine DIN-A4-Seite über diese Jugendstunde verfasst, bei der wir uns schrecklich benommen hatten. Niemand hatte uns wirklich beigebracht, dass es auch Menschen, Gefühle und richtige Opfer zum Anfassen aus der Zeit des Hitlerfaschismus gab. Wir gelobten im sozialistischen Alltag immer nur, dass wir alles dafür tun würden, dass sich so etwas nie wiederholte. Auf Essensrationen von 150 Gramm am Tag und riesige Leichenberge waren wir nicht vorbereitet. Kati warf ein, dass auch sie im Westen in viel zu jungen Jahren zum Besuch ins KZ Ravensbrück geschickt worden war. Obwohl ich ihnen nur etwas aus meiner Osthistorie erzählen wollte, diskutierten wir jetzt angestrengt über verfehlte, gesamtdeutsche Bildungspolitik. Ich blätterte irgendwann weiter und nahm mir vor, jetzt jeweils nur noch einen Satz aus dem grünen Band vorzulesen.

Die zweite Jugendstunde nannte sich: "Freundschaft zum Lande Lenins - Herzenssache unseres Volkes". Natürlich gingen wir ins "Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft". In der sechsten Klasse hatten wir eine aus Moskau kommende Russischlehrerin immer zum Heulen gebracht mit dem Spruch: "Russki, Russki, du musst wissen, deine Sprache ist beschissen!" Im Haus der DSF trauten wir uns dies nicht und langweilten uns deshalb zu Tode, aber Daniela schrieb: "Genosse Steyer erzählte viel Wissenswertes über die Sowjetunion, wie die Menschen dort leben, über den Bau der Gastrasse BAM, also die Baikal-Amur-Magistrale, und weiteres Interessante."

Etwas erträglicher erschien uns im Vorfeld die dritte Stunde mit dem Titel: "Kultur und Kunst machen unser Leben schöner und reicher", denn es sollte in den Jahn-Sportpark gehen. Natürlich wurden wir auch hier bitter enttäuscht. Eigentlich reicht es aus, wenn man Lars' Sätze aus dem Büchlein liest: "Dann gingen wir in das Sportkabinett. Dort empfing uns ein älterer Mann. Zuerst legten wir die Jacken ab und gingen dann zur Sportausstellung in einen kleinen Raum."

Sächselnde Vopos

Die Westgäste schauten mich mit großen und flehenden Augen an, doch ich machte jetzt einfach weiter mit der vierten Jugendstunde: "Der andere neben dir." An diesem Tag fuhr unsere Klasse in den neu erbauten Ernst-Thälmann-Park. Irgendwie war es diesmal wirklich ein bisschen interessanter, da uns ein ziemlich cooler Typ auf den unfertigen Baustellen herumführte und auf die Außengerüste mitnahm. Das riesige Denkmal des einstigen KPD-Chefs Ernst "Teddy" Thälmann war gerade erst aufgerichtet worden. Somit bemerkte Lydia folgerichtig: "Das war eine sehr schöne und interessante Jugendstunde, bei der wir trotz unserer schlechten Disziplin viel Neues erfuhren."

Die fünfte Stunde in dieser Reihe nannte sich: "Unser sozialistisches Vaterland". Es stand ein Besuch im Museum der Volkspolizei an. Der Text eines beliebten Kinderliedes lautete: "Der Volkspolizist, der es gut mit uns meint, er bringt uns nach Hause, er ist unser Freund." Die Vopo-Freunde bei dieser Jugendstunde waren allerdings leider durch die Bank unsympathisch, sprachen sächsisch und man ahnte, dass sie bei Straftaten nicht zimperlich reagieren würden. Die große Bedeutung des Besuchs im Volkspolizei-Museum merkt man bei Didis Sätzen: "Als wir ankamen, stellte sich unser Festredner, Oberst Schmidt, vor. Anschließend führte uns ein anderer Genosse in die Ausstellung."

Jugendstunde Nummer sechs stand unter dem Motto: "Der Friede ist kein Geschenk". Es war die Veranstaltung, an der ich "entschuldigt" nicht teilnahm. Nein, ich war nie ein Schul- oder Jugendstundenschwänzer; eine ganz normale Ost-Berliner Grippe hatte mich niedergestreckt. Die anderen gingen zu den Grenztruppen. So kann ich heute nur bei Mario nachlesen: "Am Eingangstor begrüßte uns ein Offizier der Grenztruppen. Als erstes zeigte er uns ein Funkgerät und ein Feldtelefon. Danach sahen wir Tatwerkzeuge und Bilder von Grenzverletzern. Er machte uns mit einigen Waffen bekannt und erklärte uns den Aufbau und die Vorteile." Andi und Kati schüttelten geschockt die Köpfe.

Reinfall im Glühlampenwerk

Bei "Dein Recht und deine Pflicht im Sozialismus", der siebten Jugendstunde, war ich dann wieder fit. Wir gingen ins Stadtgericht Friedrichshain. Auch dies war ein Tag zum Vergessen. Eine streng wirkende Richterin erklärte uns in einem einstündigen Monolog, wie eine Verhandlung geführt wurde. Danach beantwortete sie in zwei Minuten unsere Fragen. Torte schrieb: "Wir waren auch über den kleinen Gerichtssaal überrascht, denn in Filmen erschien er uns immer viel größer. Schöner wäre es gewesen, wenn wir an einer richtigen Gerichtsverhandlung hätten teilnehmen können."

"Wissenschaftlich-technischer Fortschritt - Herausforderung an dich" hieß Stunde Nummer acht. Dazu fuhren wir in das völlig heruntergekommene Glühlampenwerk des Volkseigenen Betriebs NARVA an der Warschauer Straße. So sah es also in der volkseigenen Produktion aus: verrostete alte Maschinen, lange, dunkle, unbelüftete Übergänge von einer Halle zur nächsten und übellaunige Menschen, die in einem Pulk in der Ecke standen, rauchten und quatschten. Neben den Drehbänken und auf einem Stapel mit Leuchtstoffröhren standen leere braune Bierflaschen.

Wir wurden von einem Genossen im Traditionskabinett begrüßt. Obwohl NARVA Glühlampen in die ganze Welt verschickte, sieht erfolgreiche Tradition sicherlich anders aus, dachte auch Bergi, als er als erster überraschend ehrlich schrieb: "Der Besuch bei NARVA war nicht besonders schön. Ich bezeichne die Jugendstunde als einen Reinfall."

Nur wir haben uns verändert

Die vorletzte Jugendstunde widmete sich dem Thema: "Deine Arbeit wird gebraucht". Das Lustige hierbei war, dass wir dazu unsere Patenbrigade im Centrum-Warenhaus am Ostbahnhof besuchten, in welchem wir des Öfteren auf Diebstahltouren unterwegs waren. Ich weiß heute nicht mehr, ob Ute davon etwas ahnte, als sie schrieb: "Ein Mitglied unserer Patenbrigade schilderte den anstrengenden Alltag einer Verkäuferin. Ich glaube, jeder von uns sieht jetzt einiges mit anderen Augen und appelliert an seine Ehrlichkeit."

Zum Abschluss unserer Vorbereitung auf die Jugendweihe hieß unser zehnter und letzter Nachmittag "Die Welt verändern wir". Diesmal war es meine Aufgabe, einen Kommentar in das grüne Pappbüchlein einzutragen. Es gab da nicht viel zu überlegen; es wurde sowieso nur kontrolliert, ob der Eintrag auch wirklich vorhanden war. Wir besuchten die Archenhold-Sternwarte in Berlin-Treptow, und eigentlich war diese Jugendstunde dann auch die beste: Wir sahen Filme und durften durch das riesige Fernrohr auf weit entfernte Sterne gucken, die auch tagsüber gut sichtbar waren. Die Frau, die uns alles zeigte, sah außerdem sehr verführerisch aus. Trotzdem schrieb ich nur: "Wir haben viel Neues und Wissenswertes erfahren, aber unsere Gedanken beschäftigten sich schon mit der nun folgenden Jugendweihe, der wichtigsten Feier unseres Lebens."

Ich klappte das Buch zu. Meine Besucher schauten mich an, und ihre müden Augen sagten mir, dass sie jetzt Hunger und erstmal genug vom Osten gehört hatten. "Auftrag erfüllt", dachte ich im Stillen. Von all den Dingen in dem kleinen, grünen Büchlein kann man heute nur noch in dem Wäldchen in Treptow wie damals in den Himmel schauen - und beim Blick durch das Fernrohr feststellen: Alles ist gleich geblieben, nur wir haben uns verändert.



insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Max Schneider, 26.02.2010
1.
"Wer Geschenke will, muss leiden: Bevor sich DDR-Jugendliche zur Jugendweihe mit Präsenten überhäufen lassen konnten, mussten sie zehn nervige Ideologiestunden absitzen." Als BRD-Jugendlicher musste ich auch viele nervige Ideologiestunden absitzen bevor ich mich mit Präsenten überhäufen lassen konnte. Das nannte man im Westen eben Konfirmationsunterricht, sonst war das Konzept aber gleich. Die Veranstaltungen waren ähnlich öde aber was tut man nicht alles wenn man die Geschenke will und Mama sagt: "Keine Konfirmation keine Geschenke - Du hast die freie Wahl!". Na dann...
Siegfried Wittenburg, 28.07.2010
2.
Ich habe mich heute längere Zeit mit den Geschichten Marko Schuberts befasst und amüsiert die Kommentare gelesen. Ich wollte mitdiskutieren, fand aber keinen Ansatz. Zum Schluss ergab ich mich den Erzählungen und stellte fest, welche Ähnlichkeiten doch zwischen dem Leben im Westen und im Osten trotz einer Todesmauer bestehen! Oft habe ich mich gefragt: Wo ist die Moral von der Geschichte? Es gibt keine. Marko Schubert beschreibt mit seinen Geschichten das ganz normale Leben eines durchschnittlichen Deutschen. Es ist nicht ganz unwichtig für mich, diesen Einblick zu bekommen, doch es wurde mir beim Lesen etwas unheimlich...
Rolf Piper, 23.03.2014
3. Als ich 13 war, mussten wir uns auf die Konfirmation
vorbereiten. Als erstes mussten wir uns ein Oktavheftchen anlegen, in dem dann der Pfarrer die zwanzig Pflichtgottesdienste quittierte. Außerdem mussten wir die Bücher der Bibel auswendig lernen. Als ich mir erlaubte, in Goethes Edel sei der Mensch, Hifreich und Gut sei das bereits kurzgefasst enthalten, hat micht der Pfarrer auf die Hälfte reduziert. Ich hab erfahren, auch heute sind ...Pflichtveranstaltungen in der Kirche vorgesehen, der Besuch wird vom Pfarrer quittiert. Welcher geistige Fortschritt!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.