Axel Warnstedt

Jugoslawien 1991 Der Krieg bringt alles an die Oberfläche

Mit ihrer Clique feierte Senka Kurt, Tochter eines Katholiken und einer Muslimin, beim Friedenskonzert in Sarajevo. Dann brach vor 25 Jahren der Krieg aus. Manchmal fragt sie sich, wer ihrer Freunde selbst geschossen hat.

Ich erinnere mich noch sehr genau an das Konzert in der Zetra-Halle. Es war einer dieser Momente, die man nie vergisst. Dazu zähle ich viele Erlebnisse im Krieg und während der Belagerung Sarajevos, ebenso den 11. September 2001, aber auch die Geburt meines Sohnes und das Konzert am 28. Juli 1991.

Ich weiß noch genau, wie sich die Euphorie damals anfühlte. Damals ahnte ich nichts vom Krieg. Und selbst wenn ich den Krieg vorausgesehen hätte, nie und nimmer hätte ich gedacht, dass er so blutig und brutal sein würde. Wenn ich heute an das Konzert denke, wenn ich sehe, wie viele Menschen damals ihren Wunsch nach Frieden bekundet haben - dann frage ich mich, warum man ihnen diesen nicht erfüllen konnte.

Ich erinnere mich genau, was ich damals anhatte: Ich war Punkerin. Wir waren in dieser Zeit völlig verrückt, haben das Leben in vollen Zügen aufgesogen. Wir waren so viel feiern, so viel tanzen, haben kaum geschlafen - es war, als wüssten wir, dass der Krieg bald ausbrechen würde.

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Jugoslawienkrieg: Rückfall in die Barbarei

Foto: MICHEL EULAR / ASSOCIATED PRESS

Ich kann mich an diesen Moment während des Konzerts erinnern, da wurde mir bewusst, wie tief die Gräben schon waren. Als die beiden Musiker Goran Bregovic und Haris Dzinovic auf die Bühne traten und das Lied sangen: "Der Stern vertreibt den Mond". Eigentlich ein harmloses Volkslied, aber der Stern galt damals als Sinnbild für die Partisanen und die Kommunisten, die Jugoslawen. Der Mond stand für die Muslime und die Bosniaken, die einen eigenen Staat haben wollten.

Wenn man also wollte, konnte man in dieses Lied eine Menge hineininterpretieren. Und als das Publikum zu jubeln begann, habe ich mir zum ersten Mal echte Sorgen gemacht. Ich hatte Angst um die Sicherheit der Menschen in der Halle. Davor, dass sie gerade etwas bejubeln, das anderen vielleicht nicht passen könnte. Ich fürchtete Gewalt.

Im Krieg kommt alles an die Oberfläche

Ich erinnere mich auch ganz genau, wo ich während des Konzerts stand: unten, relativ nah an der Bühne, mit meiner Clique. Wir waren etwa 15 oder 16 Leute. Heut bin ich die Einzige von uns allen, die noch immer in Bosnien, in Sarajevo lebt. Zwei sind gestorben, die anderen sind fortgezogen, nach Australien, Belgien, Amerika, Schweden, Deutschland, in die Schweiz.

Mit fast allen meinen Freunden von damals habe ich noch Kontakt. Aber ganz ehrlich: Von ungefähr fünf Prozent will ich nicht wissen, wie es ihnen geht und was sie getan haben. Vielleicht waren sie in den Bergen über der Stadt, von wo aus Sarajevo beschossen und belagert wurde. Ich möchte gar nicht daran denken, ob sie vielleicht auch selbst geschossen haben.

Kein bisschen Frieden - der Krieg auf dem Balkan

Wie kam es zum Krieg im ehemaligen Jugoslawien? Welche Rolle spielte die politische Führung, welche die Friedensbewegung? Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Jugoslawien-Krieg finden Sie hier. 

Ich rede über den Krieg. Als Mensch mit einer posttraumatischen Belastungsstörung tut es mir gut, darüber zu sprechen. Es war eine starke, eine intensive und auch eine gute Zeit - so grausam das klingen mag. Es gibt so viele Opfer, so viel Leid und Tod. Der Krieg ist aber auch eine Zeit, in der alles an die Oberfläche kommt, in der du genau erkennst, wie ein Mensch ist: ob er gut ist oder schlecht, ob er in der Not sein Brot mit dir teilt oder nicht.

Ich war vier Jahre lang im Krieg und kann heute von mir behaupten, dass ich ein guter Mensch bin. Das weiß ich jetzt, nachdem ich all das durchgemacht habe. Als Journalistin war ich oft an der Front, ich habe da sehr viel mitbekommen. Ich habe 1995 das Massaker an der Markthalle Markale in Sarajevo erlebt, die Explosion gehört, die vielen Leichen gesehen.

Liebt euch, küsst euch, streitet miteinander - redet

Heute habe ich einen Sohn, sieben Jahre alt. Ich habe ihn Sin genannt, was "Sohn" bedeutet. An diesem Namen kann man nicht sofort erkennen, ob er muslimisch, katholisch oder serbisch-orthodox ist. Ich wünsche mir, dass mein Kind ein Kind der Welt wird, dass es weltoffen ist.

Es ist so wichtig, dass Menschen durch die Welt reisen, andere Menschen kennenlernen. Liebt euch, küsst euch, streitet euch - aber kommuniziert miteinander. Wir dürfen nie aufhören, zu reden. Denn wenn das ausbleibt, entstehen Missverständnisse. So war es zwischen Slowenen, Kroaten, Bosniern und Serben.

Bis heute kann ich nicht verstehen, warum Europa diesen Krieg zugelassen hat. Warum hat Europa Vukovar zugelassen? Srebrenica? Sarajevo? Prijedor? Kosovo? Die Massaker? Konzentrationslager? Srebrenica ist nur eine Flugstunde von Wien entfernt. Ich kriege diese Fragen nicht aus meinem Kopf. Warum haben sie bis 1995 gewartet, bis sie endlich etwas gegen die Belagerung Sarajevos unternommen haben?

Wir haben heute alle vergessen, welche Bedeutung das Konzert in der Zetra-Halle damals für uns hatte. Es hat den Krieg nicht aufgehalten. Das heißt aber nicht, dass es nichts gebracht hätte. Es hat viel gebracht: Wir haben gezeigt, dass Abertausende gegen den Krieg waren und an den Frieden glaubten.

Machen Sie mit!
Foto: Zetra

Waren Sie am 28. Juli 1991 auf dem "Yutel za mir"-Konzert in Sarajevo? Dann melden Sie sich bitte auf der Webseite www.zetraproject.com  und erzählen uns Ihre Geschichte. Sie finden uns auch auf Facebook: die deutsche Version hier , die serbokroatische hier .


Video: Warum Senka Kurt beim Zetra-Project mitmacht

Axel Warnstedt