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Jugoslawien vor dem Krieg Wir waren so naiv

Als Sänger der Band Regina war Davor Ebner 1991 beim Friedenskonzert in Sarajevo. Die ganze positive Energie verpuffte - der Krieg brach aus, Jugoslawien zusammen und auf dem Balkan die Hölle los.

Weshalb ich mich so gut an das Konzert im Juli 1991 in Sarajevo erinnere: Die Energie war abnormal. Ich will keine abgedroschenen Worte wie Brüderlichkeit und Einheit in den Mund nehmen, aber dieses zwischenmenschliche Verständnis, das war einfach da. Es war etwas ganz Besonderes.

Davon Ebner 1991

Davon Ebner 1991

Foto: ZETRA - Days of Hope

Und dann, nur kurz danach, war es weg. Da war auf einmal diese riesige Distanz zwischen den Völkern, zwischen den Menschen. Inzwischen wächst das Verständnis füreinander wieder, ganz langsam; vielleicht kommen wir am Ende wieder dahin, dass wir uns verstehen.

An diesem Abend drängten sich mehr als 20.000 Leute in den unteren Teil der Halle. Das war in diesem Moment eine riesige Hippie-Kommune, alle sagten: "Wir wollen kein Blut, wir wollen Liebe." Die Lichter in der ganzen Halle waren an. Normalerweise ist es bei Konzerten dunkel, wir aber konnten die Zuschauer sehen.

So war das beim letzten großen Rockkonzert im ehemaligen Jugoslawien.

Wir waren so naiv. Wir waren nicht dumm, wir waren naiv. Rockmusiker wollen Frieden, Liebe, sie wollen positive Energie verbreiten. So sehr ich das an uns mag, heute frage ich mich: Wie konnten wir nur so sein? Andererseits: Was hätten wir anders machen können? Wir hätten viel mehr Verständnis gebraucht, viel mehr Kommunikation zwischen den Völkern, zwischen den Menschen.

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Jugoslawienkrieg: Rückfall in die Barbarei

Foto: MICHEL EULAR / ASSOCIATED PRESS

Wie hätte das gehen sollen? Wir hatten damals eigentlich keine Chance mehr, wir konnten nichts mehr tun. Es konnte nicht mehr aufgehalten werden. Und wir waren so naiv, wir dachten, das passiert irgendwo da drüben. Aber das Rad hatte sich schon zu drehen begonnen, eine große Maschinerie war gestartet. Wir konnten einfach nichts machen.

Mit dem letzten Zug raus aus Sarajevo

Wir lebten damals in Sarajevo noch im Frieden, als der Krieg in Kroatien schon begonnen hatte. Eine Kolonne von Hunderten von Autos, vor allem Taxifahrer, machte sich auf den Weg, um den Krieg aufzuhalten. Sie dachten, sie können sich ihm einfach in den Weg stellen.

Sie sind die vier Stunden nach Vukovar gefahren und wurden dort von Soldaten angehalten. Sie kamen zurück und erzählten uns: "Das ist eine Hölle da, ein Horror. Das könnt ihr euch nicht vorstellen."

Im April 1992, als die Kämpfe in Sarajevo begannen, stieg ich in den letzten Zug, der nach Banja Luka fuhr. Gleich am nächsten Tag ging es weiter nach Belgrad, mit viel Mühe, vorbei an vielen Barrikaden. Von Belgrad aus machte ich mich auf den Weg nach Deutschland und kam zunächst bei einem Onkel in Bochum unter. Dort lebte ich drei Monate und zog dann nach Frankfurt um - trotz vieler bürokratischer Hürden.

Kein bisschen Frieden – der Krieg auf dem Balkan

Wie kam es zum Krieg im ehemaligen Jugoslawien? Welche Rolle spielte die politische Führung, welche die Friedensbewegung? Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Jugoslawien-Krieg finden Sie hier. 

Ich wollte kein Sozialfall sein und suchte Arbeit. Ich hatte alle möglichen Jobs: Autowäscher, Fensterputzer, Sicherheitsmann in einem Kleidungsgeschäft. Zuletzt arbeitete ich als Altenpfleger. Zu Beginn lebte ich in einer Hippie-Kommune zusammen mit zehn anderen Personen aus Sarajevo, die es nach Frankfurt verschlagen hatte. Später hatte ich dann eine Wohnung.

Ich war vollkommen in die deutsche Gesellschaft integriert. Nach sieben Jahren begriff ich aber, dass es unmöglich sein würde, in Deutschland zu bleiben. Denn in der Politik herrschte zu der Zeit die Meinung vor, dass alle Flüchtlinge zurückkehren sollten. Um nicht abgeschoben zu werden, verließ ich Deutschland Richtung Kroatien. Schließlich kehrte ich nach Sarajevo zurück. 2005 kam unsere Band wieder zusammen. Wir spielen noch heute.

So viel Zeit ist vergangen, an vieles kann ich mich gar nicht mehr erinnern, die Zeit vergeht wie im Flug. Wir werden älter, die Prioritäten ändern sich. Bei uns gibt es viele Leute, die gut und normal leben, aber jammern. Jammern hilft nicht, man muss die Dinge angehen.

Wenn es um Politik geht, wird man nie zwei Menschen finden, die gleicher Meinung sind. Aber das macht nichts. Lasst uns die Ärmel hochkrempeln, zusammen arbeiten, zusammen trinken, einander heiraten und Kinder kriegen. Das ist die einzige Lösung, wenn sich unsere Region irgendwie erholen will.


Video: Warum Davor Ebner beim Zetra-Project mitmacht

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Foto: Zetra

Waren Sie am 28. Juli 1991 auf dem "Yutel za mir"-Konzert in Sarajevo? Dann melden Sie sich bitte auf der Webseite www.zetraproject.com  und erzählen uns Ihre Geschichte. Sie finden uns auch auf Facebook: die deutsche Version hier , die serbokroatische hier .

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