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Der Kaiser und seine Jacht

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Sammlung Internationales Maritimes Museum Hamburg (IMMH)

Kaiser Wilhelms Nordlandreise 1914 Urlaub vorm Weltenbrand

Die Welt stand am Abgrund - und der Kaiser rauschte ab in die Sommerfrische! einestages erinnert an das absurde Ferientheater Wilhelms II. im Juli 1914 und zeigt seltene Fotos von Bord seiner Jacht.

Nachdenklich blickt der uniformierte Mann von seiner Jacht hinunter auf den Fjord. Vor ihm auf der geblümten Bank sitzen zwei Dackel. "Balholm, 25. Juli 1914", steht neben der Aufnahme. Abgebildet ist auf dem nur scheinbar gewöhnlichen Urlaubsfoto: Wilhelm II. an Bord der "Hohenzollern" - am letzten Tag seiner Nordlandreise. Der Kaiser salutiert, als wolle er die norwegische Küste zum Abschied grüßen.

Das Bild stammt aus einem kleinen Fotoalbum mit dem handschriftlichen Vermerk "Kaiserreisen 1914". Es gehörte einst Johannes von Karpf, dem Kommandanten der kaiserlichen Staatsjacht "Hohenzollern". Nach dem Tod Karpfs im Jahr 1941 erwarb Ex-Springer-Alleinvorstand Peter Tamm den Nachlass - seither schlummern die Fotos im gewaltigen Archiv von Tamms Internationalem Maritimen Museum Hamburg.

Der Fotofund von Bord der "Hohenzollern" zeigt ein Urlaubsszenario, das krampfhaft Normalität suggerieren sollte. Und das zu einem Zeitpunkt, zu dem auf dem diplomatischen Parkett keinerlei Normalität mehr herrschte: Am 28. Juni 1914 hatte ein serbischer Nationalist den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie ermordet.

Die Schüsse von Sarajevo hatten eine politische Kettenreaktion in Gang gesetzt, seither spitzte sich die Situation von Tag zu Tag weiter zu. Mit dem sogenannten "Blankoscheck" hatte Wilhelm II. dem österreichischen Monarchen Franz Joseph noch die deutsche Bündnistreue im Kriegsfall mit Serbien garantiert - wenige Stunden später war er nach Diktat verreist. Am Nachmittag des 6. Juli begab sich Wilhelm II. an Bord der "Hohenzollern", um nach Skandinavien zu fahren - genauso wie immer.

Rastloser Reisekaiser

Seit 1889 brach der deutsche Kaiser jeden Sommer zur Nordlandfahrt auf. "Es zieht mich mit magischen Fängen zu diesem Volke", begründete Wilhelm II. einmal seine Vorliebe für die Norweger - in seinen Augen die idealen, kernigen Germanen. Daher fuhr der deutsche Kaiser besonders gern in den hohen Norden. Doch auch andere Regionen der Erde bereiste der rastlose Monarch regelmäßig, nie hielt er es lange in Berlin aus.

Wilhelm II. entfloh dem Regierungsalltag mit einer solchen Inbrunst, dass die Deutschen das "I.R." in dessen kaiserlicher Signatur (Imperator Rex) heimlich zu "immer reisebereit" verballhornten. Nur diesmal, im Juli 1914, war dem Kaiser angesichts der Julikrise, ganz gegen seine Gewohnheit, die Reiselust vergangen. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg musste Wilhelm II. regelrecht aus Berlin fortscheuchen.

Er argumentierte, dass es enorm wichtig sei, "das große Aufsehen zu vermeiden, das ein Unterbleiben der seit langer Zeit alljährlich in diesem Monat gewohnten Reise hervorgerufen hätte." Zu deutsch: Wilhelm II. sollte seinen geplanten Törn vor Skandinavien antreten, um friedlichen Alltag vorzutäuschen.

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Der Kaiser und seine Jacht

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Sammlung Internationales Maritimes Museum Hamburg (IMMH)

Moltke zur Kur, Kanzler in Brandenburg

Nicht nur der Kaiser, sondern auch viele andere Politiker und Militärs verabschiedeten sich mitten in der Julikrise ostentativ in die Sommerfrische. So war Generalstabschef Helmut von Moltke schon am 28. Juni, dem Tag des Attentats auf Erzherzog Franz Ferdinand, zur Kur nach Karlsbad abgereist.

Ebenso im Urlaub: Kriegsminister Erich von Falkenhayn sowie der Staatssekretär der Marine, Alfred von Tirpitz. Selbst der Reichskanzler, Theobald von Bethmann Hollweg, weilte auf seinem Gut Hohenfinow in der Mark Brandenburg - zumindest täuschte er dies vor. Tatsächlich reiste der Kanzler während der Julikrise mehrfach heimlich nach Potsdam und Berlin, um dort die Geschäfte zu erledigen.

Auf österreichischer Seite waren unter anderem der Kaiser, sein Kriegsminister sowie der Generalfeldmarschall demonstrativ in die Ferien abgedampft. Der deutsche Kaiser missbilligte das absurde deutsch-österreichische Ferientheater zwar als "kindisch", spielte das Spielchen aber mit.

"Business as usual"

Ziel der Nordlandreise sowie der anderen Politiker-Urlaube: Der Welt sollte "Business as usual", friedliche Normalität vorgegaukelt werden. Nichts liege Wien und Berlin ferner als eine Eskalation der schwelenden Krise zu forcieren - hierin bestand die symbolische Botschaft des großen Ferien-Täuschungsmanövers.

Einer anderen Lesart zufolge ließ man den Kaiser womöglich reisen, "weil man glaubte, dass sich die Krise nach Sarajevo nicht zum Krieg entwickeln würde" - so die Einschätzung, die der Historiker Gerd Krumeich einestages gab. Und sicherlich war manch einer heilfroh, den in seinen Entscheidungen sprunghaften Kaiser weit weg zu wissen: Als am 25. Juli klar war, dass Serbien das Wiener Ultimatum nicht komplett akzeptieren würde, schlug der Reeder Albert Ballin vor, den Kaiser aus dem Urlaub zurückzuholen.

Auf gar keinen Fall, hieß es dazu aus dem Auswärtigen Amt: "Im Gegenteil", man solle, so Ballins Informant, "alles aufbieten, damit er (der Kaiser, Anm. d. Red.) mit seinen pazifistischen Gedanken nicht störend eingreife."

"Greuliches Bord-Tanzfest"

Trotz aller demonstrativen Urlaubslaune: Entspannte Ferien verbrachte keiner der Militärs und Politiker. Auch der kaiserliche Skandinavien-Törn war in jenem Juli 1914 kein Vergnügen. Anders als in den vergangenen Jahren fuhr die "Hohenzollern" nur bis zum norwegischen Balholm, etwa hundert Kilometer nördlich von Bergen, um ab dem 11. Juli dort zu ankern. Dadurch, so das Kalkül, wäre der Oberste Kriegsherr im Ernstfall in der Lage, binnen 22 Stunden die Häfen von Cuxhaven und Wilhelmshaven zu erreichen - bis Kiel hätte Wilhelm II. zwei Tage gebraucht.

Tag für Tag gingen auf der "Hohenzollern" Telegramme vom Auswärtigen Amt ein, die den Kaiser über die diplomatischen Verwicklungen informierten. Ungeduldig verfolgte Wilhelm II. das Vorgehen der Donaumonarchie gegenüber Serbien. Gleichzeitig bemühte sich der Kaiser, Belgrad gegenüber den Schein zu wahren: Am 11. Juli zerbrach er sich tatsächlich den Kopf darüber, ob es sich zieme, angesichts der Krise das alljährliche Geburtstagstelegramm an den serbischen König Peter I. abzuschicken.

Ausgelassene Ferienstimmung wollte an Bord der "Hohenzollern" nicht recht aufkommen. Moriz Freiherr von Lyncker, Chef des Militärkabinetts und ebenfalls an Bord der "Hohenzollern", schimpfte in einem Brief an seine Frau etwa über das "greuliche Bord-Tanzfest". Es sei wahrlich kein Spaß gewesen: "Bei der Hitze! Auf dem sonnigen Oberdeck von 5-8 Uhr rumstehen. Na! Ich danke."

Davon abgesehen, dass es "beinah täglich ein Gewitter" gebe, klagte Lyncker am 22. Juli, dass der Kaisertörn nun anfange, "gründlich langweilig zu werden." Der ebenfalls anwesende Admiral Georg Alexander von Müller, Chef des Marinekabinetts, wiederum konstatierte, dass die Spannung auf der "Hohenzollern" mit Übergabe des Ultimatums an Serbien "sichtlich" zunahm. Seinen Tagebuchaufzeichnungen zufolge drängte Müller den Kaiser förmlich zur Abreise.

Am Nachmittag des 25. Juli willigte der Monarch ein und ließ den Anker lichten - den genauen Wortlaut des Wiener Ultimatums hatte Wilhelm II. nicht aus Berlin, sondern erst aus der Zeitung erfahren. Lyncker war erleichtert, dem von Spannungen beschwerten Urlaubs-Zinnober endlich zu entrinnen: "Wir sind alle froh, dass es heimwärts geht. Vielleicht ist diese Heimfahrt auch für uns der erste Schritt zum Kriege."

Der Generaloberst sollte recht behalten: Am 28. Juli, einen Tag nach der Rückkehr Wilhelms II., erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Der Weltenbrand war entfacht.

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