Fotostrecke

Photochromdruck: Deutschland in Bunt

Foto:

Kollektion Marc Walter/TASCHEN Verlag

Fotos vom Kaiserreich um 1900 Als Deutschland Farbe bekam

Jahrzehntelang sahen die Deutschen ihr Land auf Fotos nur in Schwarz-Weiß. Bis ein neuartiges Druckverfahren den Bildern Farbe verlieh. Ein Bildband zeigt das Kaiserreich zur Jahrhundertwende, als prächtiges Panorama in Bunt.

Der Mann ist alt, müde, erschöpft. Mit unsicherem Gang, den Regenschirm als Stütze, durchquert er die Ödnis. "Ich kann den Potsdamer Platz nicht finden", murmelt er. Wohin der Greis auch blickt, sieht er Leere, Pfützen, Unkraut. Und eine Mauer, im Laufe der Jahre eifrig von Sprayern mit Farbe versehen. "Das kann er doch nicht sein", sagt er mit traurigem Blick.

Die Berliner Mauer zerschnitt im Kalten Krieg den Potsdamer Platz in zwei Teile. Was die Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg von diesem einst belebtesten Ort der deutschen Hauptstadt übrig gelassen hatten, zerstörten Bauarbeiter in der Nachkriegszeit.

Der alte Mann namens Homer ist in Wim Wenders Film "Der Himmel über Berlin" von 1987 aber auf der Suche nach einer anderen Zeit. "Am Potsdamer Platz, da war doch das Café Josty", erinnert er sich an den legendären Künstlertreff. "Nachmittags habe ich mich da unterhalten und einen Kaffee getrunken." Jetzt traut Homer seinen Augen kaum. "Es war ein belebter Platz, Straßenbahnen, Omnibusse mit Pferden." Menschenmassen strömten am Morgen aus der U-Bahn, am Abend wurde in den Lokalen des Vergnügungspalastes Haus Vaterland hemmungslos geschlemmt und getanzt. Nirgendwo sonst waren die Zwanzigerjahre so golden wie hier.

Malerisch wurde Ramsau nahe Berchtesgaden in Farbe porträtiert.

Malerisch wurde Ramsau nahe Berchtesgaden in Farbe porträtiert.

Foto: Kollektion Marc Walter/TASCHEN Verlag

Bunt in Serie - dank Photochrome

Nationalsozialismus, Krieg und Abrisswut sollten aus dem Potsdamer Platz bald eine Brache machen. Genau wie aus vielen anderen Städten, Bauwerken und Plätzen, die Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. seit dem Jahr 1900 als eine Art märchenhaftes Bilderbuch erschienen ließen. Die Städte waren stolz, die Kirchen prächtig, die Menschen schienen zufrieden.

Den Blick in diese scheinbar heile Vergangenheit ermöglicht nun der Taschen-Verlag mit seinem Bildband "Deutschland um 1900", der ein prächtiges Panorama dieser Zeit abbildet. Der Clou: Dank einer revolutionären Erfindung lässt sich das vergangene Deutschland in Farbe betrachten. Lange bevor die Farbfotografie alltäglich wurde, ließ sich das Schweizer Unternehmen Orell Füssli 1888 den Photochromdruck patentieren. Mittels dieses Verfahrens konnten Fotografien farbig in Serie ausgedruckt werden - auf Bildern und Postkarten wurde die Welt bunt.

Für Orell Füssli begann damit ein Millionengeschäft. Weltweit entstanden Tochtergesellschaften, die eigene Fotografen auf der Jagd nach Motiven aussandten und zahlreiche Negative aufkauften. In großen Auflagen wurden die in Farbe gedruckten Photochrome anschließend verkauft, bis dieses aufwendige Druckverfahren nach dem Ersten Weltkrieg allmählich von der Farbfotografie abgelöst wurde.

Ausflügler flanierten um 1900 in der Sächsischen Schweiz.

Ausflügler flanierten um 1900 in der Sächsischen Schweiz.

Foto: Kollektion Marc Walter/TASCHEN Verlag

Nah dran, aber nicht perfekt bildeten die Photochrome die Wirklichkeit in Bunt ab. Weil beim Photochromdruck nur 14 Farben verwendet werden, erscheinen die Bilder irgendwie verschleiert. Was die Ausstrahlung von Orten wie dem vielfach fotografierten Traumschloss Neuschwanstein in Bayern nur noch steigert.

Gut 800 Photochrome aus dem wilhelminischen Deutschland versammelt der schwergewichtige Bildband "Deutschland um 1900" auf über 600 Seiten. Und präsentiert eine Postkartenidylle im wahrsten Sinne des Wortes. Rhein und Schwarzwald, Berlin und München, das Treiben am Ostseestrand und idyllische Berglandschaften - alles sieht nach heiler Welt aus.

Märchenreich mit Schönheitsfehlern

Ganz so makellos gestaltete sich das Leben allerdings nicht. Bilder aus den in Mietskasernen zusammengepferchten Arbeiterfamilien in Berlin fehlen ebenso wie von den Malochern an der Ruhr, wo sie im Schweiße ihres Angesichts Kohle schlugen und Stahl kochten.

Aber selbst die Bilderbuchidylle der Photochromwelt weist bei näherer Betrachtung bisweilen Risse auf. Eine Abbildung zeigt ausgelassene Kurgäste auf der Insel Borkum. Allerdings waren auf dem Eiland nicht alle Menschen willkommen: "Doch wer dir naht mit platten Füßen, mit Nasen krumm und Haaren kraus, der soll nicht deinen Strand genießen, der muß hinaus! Der muß hinaus! Hinaus!", lautet eine Zeile des "Borkum-Liedes". Auf der Insel waren Juden unerwünscht, ein Ausdruck des grassierenden Antisemitismus im Kaiserreich.

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Lelonek, Karin

Deutschland um 1900. Ein Porträt in Farbe

Verlag: TASCHEN
Seitenzahl: 612
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So bildet der aufwendige Band ein Land im Widerspruch ab. Einerseits auf dem Weg zur modernen Industrienation, andererseits behaftet mit sozialen Konflikten. Stolz auf seine technischen Errungenschaften, aber verharrend in rassistischer Ausgrenzung.

Ein Land, das auf dem Weg in Krieg und Zerstörung war. Auch vom Potsdamer Platz blieben nur Schutt und Asche. "Was ist denn am Frieden, dass er nicht auf Dauer begeistert?", sinniert Homer in Wenders "Himmel über Berlin". Gute Frage - schließlich vernichtete der Krieg vieles von dem, was sich in "Deutschland um 1900" bewundern lässt.