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Arbeiterkneipen im Kaiserreich Suff und Subversion

Die Pinte an der Ecke war im Kaiserreich ein Refugium, in dem getrunken wurde bis zum Umfallen. Die Obrigkeit aber witterte Umstürzlerisches – und ließ Spitzel ausschwärmen.
aus SPIEGEL Geschichte 6/2020
Spelunke: Dass Frauen in Kneipen gingen, war eher selten, es kam aber vor, wie hier in Hamburg um 1906

Spelunke: Dass Frauen in Kneipen gingen, war eher selten, es kam aber vor, wie hier in Hamburg um 1906

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VINTAGE GERMANY

»Knipen« ist niederdeutsch und bedeutet so viel wie »zusammendrücken, kneifen«: Wer in die Kneipe geht, weiß, dass es eng wird. Dabei begann der Boom der Kneipe doch gerade, weil ihre Gäste einer anderen Form der Enge entfliehen wollten. Der Aufstieg des einfach möblierten Schnaps-und-Bier-Ausschanks, wo man an der Theke mitunter noch Wurst und Brot serviert bekam, war ein Nebeneffekt der industriellen Revolution.

Nicht zuletzt weil sich viele Arbeiter das Leben schönsoffen. Die Lebensbedingungen in den wachsenden städtischen Ballungsräumen waren ärmlich und beengt. Viele im entstehenden »Proletariat« konnten sich die Mieten kaum leisten: Familien lebten auf engstem Raum und nahmen gegen Bezahlung zudem noch »Schlafgänger« auf – junge Arbeiter ohne eigene Wohnung. Privaten Raum gab es kaum, insbesondere die Untermieter zog es daher abends in die Kneipe.

Das sprichwörtliche »Wohnzimmer des kleinen Mannes« war aber nicht nur Ersatz für fehlende Privatsphäre. Es war auch der Ort, an dem man vielfältige Kontakte knüpfte: zu Kollegen, zu potenziellen Arbeit- oder zumindest Auftraggebern – und ja, auch zu politischen Interessenvertretern, denen Agitation und Information der Arbeiter lange Zeit verboten waren.

SPIEGEL GESCHICHTE 6/2020

Leben im Kaiserreich: Zwischen Pickelhaube und Aufbruch - Deutschland unter den Hohenzollern

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Meist waren diese Arbeiterkneipen kleine, extrem einfach gestaltete und vor allem von Männern frequentierte Orte. Ihre extremste Form war das »Schnapskasino«, das als Reaktion auf die Sozialistengesetze Bismarcks (zwischen 1878 und 1890) und zeitgleich verordnete abendliche Sperrstunden entstand: Als Geselligkeitsverein organisiert und ohne reguläre Ausschanklizenz betrieben, versprach es seinen Mitgliedern einen billigen Vollrausch. Erst eine Erhöhung der Branntweinsteuer im Jahr 1887 und schließlich eine Änderung der Gewerbeordnung im Jahr 1896 machten dem konzessionslosen Schnaps-Exzess ein Ende.

Kühles Bier statt Kartoffelschnaps

Die Arbeiterschaft stieg nun um auf Bier, das schon seit 1876 immer populärer wurde: Es war das Jahr, in dem sich Carl von Linde die künstliche Kühlung patentieren ließ und damit das von der Jahreszeit unabhängige Brauen untergäriger Biere erst möglich machte. Das veränderte die Kneipenkultur, weil Wirte nun kühles, haltbares Bier in Mengen einlagern und frisch anbieten konnten (daher »Lagerbier«).

Aus Sicht der Behörden entschärfte all das gleich zwei drängende Probleme: Suff und Subversion.

Vor allem die Erfindung des preußischen Kartoffelschnapses ab 1816 hatte zu einer erheblichen Steigerung des Alkoholmissbrauchs unter Arbeitern geführt – auch Karl Marx und Friedrich Engels klagten über diesen Elendsalkoholismus. In dieser Sache durften sie sich mit den Arbeitgebern auf einer Seite fühlen.

Für das Jahr 2019 schätzte die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung den Reinalkoholverbrauch in Deutschland auf 10,9 Liter pro Kopf. Eine Schätzung des Historikers Hasso Spode beziffert den Alkoholkonsum von Arbeitern Mitte des 19. Jahrhunderts auf 60 Liter Schnaps im Jahr – plus rund 20 Liter Bier, was mindestens 25 Litern Reinalkohol entspräche. Das war auch den Industriellen ein Dorn im Auge: Zunehmend komplexe Produktionsmethoden verlangten nüchternere Arbeiter, und Bier lieferte einen sanfteren, weniger starken Rausch.

Schutzräume für die freie Rede

Die Behörden störte derweil noch anderes: Weil man in den Kneipen weitgehend »unter sich« blieb, wurden sie auch zu Schutzräumen für die freie Rede. Das Schnapskasino war sogar eine geschlossene Gesellschaft, und natürlich hofften politische Akteure darauf, dort den trunkenen Frust der Unzufriedenen in revolutionäre Bahnen zu lenken. Doch auch die offen zugängliche Kneipe, schrieb Karl Kautsky 1891, blieb das »einzige Bollwerk der politischen Freiheit des Proletariers«.

Vor allem Sozialisten und Sozialdemokraten nutzten den Schutz der Kneipen und Kasinos. Das wussten auch die Sicherheitsbehörden des Kaiserreichs. Die Hamburger Politische Polizei ließ die Gespräche in den Kneipen darum zwischen 1892 und 1914 auf fast täglicher Basis von Spitzeln überwachen und protokollieren: Ihre erhaltenen Mitschriften füllen mehr als 20.000 Seiten.

Sie zeigen, dass es keine Themen gab, über die in der Arbeiterkneipe nicht gesprochen wurde, aber viele, über die man nur mit äußerster Vorsicht sprach: Kritik an Kaiser und Kanzler war gefährlich.

Doch wer denkt schon an so etwas beim »Herrengedeck«?

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