Kalenderblatt: 25.4.1974 Nelkenrevolution in Portugal

Innerhalb weniger Stunden besetzten putschende Armee-Einheiten vor 35 Jahren die strategisch wichtigen Zentren Portugals. Der Staatsstreich beendete die seit fast einem halben Jahrhundert herrschende faschistische Diktatur und brachte Portugal die Demokratie.

Corbis

"Grandola, vila morena" - Die Freiheit begann mit einem Lied und einer Nelke. Es war kurz nach Mitternacht am 25. April 1974, als ein bis dato verbotenes Lied ausgestrahlt wurde: das verabredete Signal zur Erhebung der Bewegung der Streitkräfte, der Anfang vom Ende des portugiesischen Faschismus. Kurze Zeit später war die fast 50-jährige faschistische Diktatur beendet und 13 Jahre Kolonialkrieg in Afrika waren vorbei.

Innerhalb weniger Stunden besetzten putschende Armee-Einheiten die strategisch wichtigen Zentren Portugals. Im Morgengrauen strömten die Menschen auf die Straße, versammelten sich um Radios. Eine Stimmung aus Hoffnung, Spannung und Angst legte sich über das Land. Die präzise geplante Aktion traf das alte Regime unvorbereitet.

Vom Volk und seinen Truppen verlassen, griff der Nachfolger des langjährigen faschistischen Diktators Salazar, Marcelo Caetano, zum Telefon. Er erklärte dem Anführer der Putschisten, General Spinola, seinen bedingungslosen Rücktritt. In einem Panzer wurde er zum Flughafen gefahren - Fluchtziel Brasilien. In nicht einmal 18 Stunden war die älteste faschistische Diktatur der Welt gestürzt.


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Rote Nelken in Gewehrläufen

Der Militärputsch wurde zum revolutionären Volksfest. Den zunächst noch unsicher dreinblickenden Soldaten wurden rote Nelken in die Gewehrläufe gesteckt, Autofahrer veranstalteten in den Städten ein ohrenbetäubendes Hupkonzert. Aus dem Exil kehrten Widerständler, Politiker, Künstler und die vor dem Wehrdienst geflüchteten Männer zurück. Die Kolonien wurden in die Unabhängigkeit entlassen.

Hexenjagd auf die Schergen des Regimes gab es nicht. Die zahllosen offenen Rechnungen wurden mit höflicher Entschlossenheit beglichen. Die Revolution blieb größtenteils unblutig. Einzig der portugiesische Geheimdienst leistete Gegenwehr. Bei der Einnahme seiner Zentrale durch die Putschisten waren drei Tote zu beklagen.

Als Mário Soares, der populärste Regimegegner, mit dem Nachtzug aus Paris in Lissabon eintraf, begrüßten ihn tausende Menschen am Bahnhofsportal. Rote Nelken wurden aus Hubschraubern abgeworfen, und wieder wurde "Grandola" angestimmt - die neue Hymne der Revolution.

Nelkenfriedlich zur Demokratie

Die große Ausgelassenheit wich bald dem Kampf um den weiteren Kurs: Das Bürgertum war größtenteils verängstigt, die lautstarke Linke bestimmte den Spielplan. Am 1. Mai 1974 zogen deren Protagonisten noch gemeinsam in fröhlicher Eintracht durch Lissabon. Im Alentejo jagten Landarbeiter die Großgrundbesitzer davon, Bankiers wurden enteignet.

Und Lissabon wurde Wallfahrtsort für die europäische Linke. Enttäuschte 68-er schnupperten Revolutionsluft. Es tummelten sich Ideologen jedweder Couleur in Portugal, die freilich die friedliche, katholische und individualistische Seele des Volkes übersahen. Gegen die Extremisten baute sich ein Wall des Widerstandes auf. Der konservative Norden machte verstärkt seinen Einfluss geltend - und die Kommunisten wollten nicht weichen, wussten sie doch einen radikalisierten Teil der Armee hinter sich.

1975 kam es zum doppelten Putschversuch gegen die sozialistische Regierung, von rechts und von links, das Land stand am Rande eines Bürgerkriegs. Linksextreme Truppenteile des Militärs gewannen im November 1975 die Oberhand. Für ein Jahr später wurden Parlaments- und Präsidentschaftswahlen angesetzt. Der Machtkampf aber dauerte noch einige Jahre. Den Sozialisten unter Mário Soares fiel die Rolle der Mittler zu - und Soares spielte sie gut. Schritt für Schritt, aber nelkenfriedlich ging Portugal den langen Weg von der faschistischen Diktatur hin zum vereinigten demokratischen Europa.



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