Kaminers Russland Mit Pauken und Tapeten

Ein Machthaber geht, ein neuer kommt, ansonsten bleibt alles beim Alten - so sieht Demokratie auf russisch aus. Der Schriftsteller Wladimir Kaminer erinnert sich an den Putsch gegen Gorbatschow 1991 und einen Tapetenwechsel der besonderen Art.

AP

Die Nachricht vom Putsch erreichte uns mitten beim Tapezieren - in einem alten Haus im Prenzlauer Berg hatten mein Freund Andrej und ich eine Wohnung renoviert - unsere erste in Berlin. Die Wohnung war gut geschnitten und sehr preiswert, sie hatte nur einen Nachteil - ein großes Loch in der Decke. Nicht nur wir waren davon betroffen, sondern auch unsere Nachbarn über uns, die immer wieder zu uns abstürzten. Nach einer langen Diskussion, wer von uns nun diesen Mangel beheben sollte, wurde das Problem zu Gunsten beider Parteien gelöst. Wir verpflichtete uns, die Decke mit einer Tapete zu überkleben und die Nachbarn, einen großen Schrank auf das Loch im Boden zu stellen.

Am 19. August begannen wir mit der Arbeit: Andrej rollte die Tapete aus, beschmierte sie mit Kleister und reichte mir das nasse Stück. Ich stand auf einer alten, wackligen Leiter und versuchte mit beiden Händen und dem Kopf, die nasse Tapete an der Decke zu befestigen. Es war schwieriger als Fliegen. Die Tapete fiel immer wieder ab. Wir blieben jedoch hartnäckig und versuchten es immer weiter. Eine tapezierte Decke hatten wir zum ersten Mal in Berlin gesehen, bei uns in Russland wurde so etwas nicht für möglich gehalten.

Vom Luxus ostdeutscher Telefonzellen

Wir wollten uns in die neue Gesellschaft integrieren und dachten, wenn die Deutschen alle ihre Decken mit links tapezieren, dann müssten wir das auch können. Nach zwei Stunden auf der Leiter war ich von Kopf bis Fuß voll mit Tapetenkleister und hätte mich selbst an der Decke festkleben können.

Da kam plötzlich im Rundfunk die Nachricht, in Moskau wird geputscht, der Hoffnungsträger der jungen russischen Demokratie - Gorbatschow - wird mit seiner Frau zusammen auf der Krim in seiner Sommerresidenz bei Faros gegen seinen Willen festgehalten. Seine engsten Freunde und Kollegen - unter anderem sein Stellvertreter und der Verteidigungsminister - hatten ihn verraten und sich zu einer Übergangsregierung namens GKCHP (staatliches Komitee des Ausnahmezustandes) zusammengeschlossen. Im Fernsehen verkündeten sie den Ausnahmezustand. Die Armee kam aus dem Wald und rückte gegen die Großstädte vor. Die Panzer der berühmten Taman-Division rollten durch Moskau. Die Fernsehanstalt war von Kommandos der Sicherheitskräfte besetzt worden.

Wir ließen alles stehen und liegen und gingen an die frische Luft. Viele Russen im Prenzlauer Berg rannten in Scharen von einer Telefonzelle zur anderen und telefonierten und telefonierten... Keiner von uns hatte damals einen Telefonanschluss zu Hause, außerdem boten die damals an jeder Ecke stehenden ostdeutschen Telefonzellen einen seltenen Luxus: Man konnte von dort stundenlang umsonst nach Russland telefonieren. Dazu brauchte man nur mit einem Stück Klebeband eine Angelschnur auf einem Groschen befestigen - und fertig war die Telefonangel.

Betrogener Präsident

Der Zaubergroschen blieb irgendwo im Automat stecken, dieser gab daraufhin ein seltsames Ticken von sich - so als würde er andauernd nach dem Groschen schnappen. Die Angelschnur musste man irgendwo außen am Automaten festmachen, danach konnte man so lange telefonieren bis die Warteschlange auf der Straße die Geduld verlor und einen aus der Zelle schmiss. Alle unsere Landsleute in Berlin hatten damals so eine Telefonangel in der Tasche. Auch Andrej und ich gingen sofort zu einer Telefonzelle, wir machten uns Sorgen über unsere Freunde und Verwandten in Russland. Alle Zellen waren schon besetzt, die Telefone liefen heiß.

An diesem Tag war es fast unmöglich, nach Russland durch zu kommen. In vielen Städten hatten die Putschisten überdies die Telefonnetze gekappt. Der Putsch war an sich für niemanden in Russland eine Überraschung, alle hatten ihn erwartet - außer Gorbatschow anscheinend. Es war ein regelrechtes Familiendrama: Gorbatschows Freunde waren ihm untreu geworden, sie gingen fremd - in Richtung Militärdiktatur und alle Welt wusste Bescheid, nur der Betrogene nicht.

Mein Freund Kolja, der in Moskau in einem Haus zusammen mit vielen Offizieren wohnte, hatte mir einmal erzählt, wie er Ende Juni im Treppenhaus seinem Nachbar - einem Stabsoberst - begegnet war. Der Offizier veranstaltete gerade eine Party bei sich, aus seiner Wohnung kam laute Musik. Er war ein wenig betrunken und bat Kolja um eine Zigarette. Mein Freund holte die Schachtel aus der Tasche. "Darf ich mir zwei nehmen?" fragte ihn der Oberst. "Nehmen sie doch gleich drei", antwortete Kolja freundlich. "Bald ist Putsch, wir werden Dich nicht vergessen" sagte der Offizier, klopfte meinem Freund auf die Schulter und ging in seine Wohnung zurück.

Tschaikowski rauf und runter

Große Teile der Armee waren unzufrieden, sie wurden durch die neue Reformpolitik benachteiligt, und Gorbatschow war bei all seinen Talenten und Visionen eigentlich doch ein Weichei. Ihn auf der Krim festzuhalten war bestimmt einfacher als die nasse Tapete an der Decke meiner ersten Berliner Wohnung zu befestigen.

Später am Abend des 19. August wurden die Russenschlangen vor den Telefonzellen im Prenzlauer Berg und sicher auch anderswo langsam kleiner. Viele der politisch engagierten Emigranten pilgerten zur russischen Botschaft Unter den Linden. Dort stellten sie dann Kerzen an die lange Mauer vor dem Gebäude, die dadurch mit der Zeit ganz schwarz vor Ruß wurde. Die Versammelten beerdigten vor der Botschaft die junge russische Demokratie.

Spät in der Nacht war die Telefonleitung nach Moskau plötzlich wieder frei. Andrej rief seinen Vater an, ich meine Cousine. Sie erzählte mir: Auf den Straßen stehen überall Panzer, die Soldaten sind freundlich und beruhigen die Zivilbevölkerung, sie würden unter keinen Umständen schießen, sagen sie. Im Fernsehen gab es den ganzen Tag "Schwanensee" und zwar ohne Bild - nur die Musik. Die Putschisten hatten dem Volk nichts mitzuteilen und ließen deswegen Tschaikowski rauf und runter spielen. Die Stimmung sei aber im Allgemeinen gut, jedoch wisse keiner, wie es weiter gehe. Als erstes hätten sich die Menschen spontan zu einem Generalstreik entscheiden - keiner hätte gearbeitet.

Mit dem Mazda schmolz ein Lebenstraum dahin

Für Andrejs Vater wurde der Putsch zu einer echten Tragödie. Seit einer Ewigkeit träumte er von einem ausländischen Auto, jahrelang sparte er Geld. Endlich, im Sommer 1991, kurz vor dem Putsch kaufte er sich einen alten, kaum noch fahrbaren Mazda 323 auf dem Automarkt. Anschließend brachte er ihn zu einem Freund in die Werkstatt. Der Automechaniker sollte den Wagen überprüfen und neu lackieren. Am Tag des Putsches war der Wagen fertig. Der Mazda sah jetzt richtig teuer aus. Voller Stolz saß Andrejs Vater am Lenkrad und fuhr nach Hause, der Putsch interessierte ihn nicht.

An einer Ampel hielt er hinter einer Panzerkolonne. Als die Ampel auf grün umsprang, gab der Panzer vor ihm Gas. Der Mazda wurde von einer heißen Auspuffwolke umhüllt - und schmolz in wenigen Sekunden dahin. Erst bedeckte er sich mit Blasen, wobei die silberne Farbe schwarz anlief und sich mit der verflüssigenden Gummidichtung der Frontscheibe vermischte. Dann verzog sich auch noch das Blech, und die Motorhaube sprang auf. Andrejs Vater bekam beinahe einen Herzanfall, er hechtete aus dem Wagen und lief dem Panzer hinterher. In seiner Wut hätte er wahrscheinlich mit bloßen Händen die 180-Millimeter Kanone abgebrochen, aber die Panzer waren schneller als er. Als gebrochener Mann kehrte er zu seinem Mazda zurück.

Mit dem Fotoalbum in die Kanalisation

Wir telefonierten die ganze Nacht durch. Das Leben in dem vor kurzem noch wie eingeschlafen wirkenden Moskau schien auf vollen Touren zu laufen. Mein politisch engagierter Schwager ging zusammen mit seinen Freunden zum Barrikadenbau an den Kreml. Sie versuchten, einige Linienbusse umzukippen, damit die Panzer nicht zum Roten Platz vordringen konnten. Aber die Busse waren viel zu schwer. Daraufhin gingen sie zu ihren Gegnern - den Soldaten, die sie baten, ihnen für ein paar Flaschen Wodka zu helfen. Die Soldaten schoben mit ihren Panzern die Busse zusammen, so dass am Ende eine anständige Barrikade gegen das Militär daraus entstand.

Mein Freund und ehemaliger Chef Chukow bekam einen totalen Verfolgungswahn. Er dachte, die Putschisten würden vor nichts Halt machen und unter Umständen sogar Moskau mit Atomsprengköpfen bombardieren. Er packte alle Lebensmittelvorräte, die er in seiner Wohnung finden konnte, in einen Rucksack, nahm einen Fünfliter-Kanister mit Wasser und das Familien-Fotoalbum und stieg damit in die Moskauer Kanalisation, um dort zu überleben. Er wollte eigentlich unter der Erde die Stadt verlassen. In den Kanalisationsröhren verlief er sich jedoch hoffnungslos, wurde von riesengroßen Ratten angefallen und bekam keine Luft mehr.

Am nächsten Morgen stieg er aus der Kanalisation wieder raus - mitten auf dem Lenin-Prospekt. Der Putsch war längst zu Ende, die Panzer nirgendwo mehr zu sehen - nur ganz normale Autos überquerten den Prospekt. Der mutige Jelzin leitete den Widerstand, innerhalb eines Tages setzte er die Putschisten unter Arrest, schickte die Soldaten zurück in den Wald und befreite Gorbatschow und seine Frau aus ihrem Gefängnis auf der Krim. Gorbatschow kehrte nach Moskau zurück. Er sah zerstreut und verloren aus.

Schluss mit Schwanensee

Jelzin wirkte dagegen unverbraucht und weiterhin tatendurstig. Er wendete sich an das Volk und meinte, ab jetzt wäre er Gorbatschow beziehungsweise würde es gerne werden. Über eine Stunde erzählte er im Fernsehen, wie er unsere Gesellschaft bis in die letzten Winkel rein reformieren wolle. Das war eine nette Abwechslung zur Schwanenseemusik, die bis dahin ununterbrochen im Fernsehen ohne Bild gelaufen war und zum Schluss allen ziemlich auf die Nerven gegangen war. Jelzin kam beim Volk gut an. Schluss mit Schwanensee, sagte er, Schluss mit Generalstreik, alle gehen sofort wieder an die Arbeit, wir haben doch so viel zu tun! Die Putschferien sind vorbei.

Wenig später wurde Jelzin zum Präsidenten ernannt - und damit noch einmal die berühmte Glatzentheorie eines alten sowjetischen Politologen bestätigt. Sie besagt, dass Russland immer schon von kahlen und behaarten Herrschern in harmonischer Abwechslung regiert wird. Eine Glatze an der Macht kann also nur durch eine Nichtglatze ersetzt werden. Laut dieser Theorie durfte man nach dem glatzköpfigen Gorbatschow einen stark behaarten Politiker erwarten. Und so geschah es dann auch. Langsam ging das Leben wieder seinen gewohnten Gang - die junge russische Demokratie war für diesmal gerettet.

Ich stieg wieder auf die wacklige Leiter in meiner Wohnung, um weiter die Decke im Berliner Zimmer zu tapezieren.



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