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Schulen für Indigene in Kanada: Ein perfekter Ort – für Täter

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Indigene in Kanada »Bei uns Kindern hieß die Schule ›unser Alcatraz‹. Da gab es kein Entkommen«

215 Kinderleichen wurden nahe einem katholischen Internat im kanadischen Kamloops entdeckt. An solchen Schulen waren indigene Kinder Gewalt und sexuellem Missbrauch ausgesetzt – auch Raymond Tony Charlie.
Ein Interview von Inka Schmeling

SPIEGEL: Wir haben bereits vor 18 Jahren über »Indian Residential Schools« gesprochen, die Umerziehungsschulen für indigene Kinder. Hat Sie die grausige Nachricht vom Massengrab des früheren Internats überrascht?

Charlie: Nur dass ihr sogar in Deutschland von Kamloops gehört habt, überrascht mich – der Fund gar nicht. Kinderleichen wurden auch auf dem Gelände unserer Schule gefunden: Vor zwei oder drei Jahren kam ein Team der University of British Columbia mit Radar-Equipment, sie entdeckten hier 28 unmarkierte Gräber. Aber leider gab es noch so viele andere Arten, wie man Kinder hier verschwinden ließ. Als ich hier an der Schule ankam, haben mir die anderen Jungen erzählt: Oft wurden die Körper auch in diese großen Öfen geworfen, mit denen an den Schulen der Müll verbrannt wurde. Der frühere Senator Murray Sinclair hat gerade erst erzählt, dass das wohl an vielen Residential Schools üblich war.

SPIEGEL: Als Sie 1964 an die Kuper Island Residential School kamen, waren Sie erst 13 Jahre alt...

Charlie: ...und zunächst nur Tagesschüler. Richtig schlimm wurde es erst, als ich später über Nacht bleiben musste.

SPIEGEL: Warum mussten Sie an die Schule?

Charlie: Meine Mutter war gerade gestorben, meine sechs Geschwister und ich wurden von meiner Tante und meinem Onkel hier auf Penelakut Island aufgenommen. Anfangs passten wir alle noch in ihr kleines Haus, aber als wir größer wurden, war das zu eng.

SPIEGEL: Penelakut Island hieß damals noch Kuper Island, richtig?

Charlie: Wir haben die Insel in unserer Sprache immer Penelakut genannt. Aber genau darum ging es jahrhundertelang, auch an diesen Schulen: uns unsere Sprache, unsere Kultur wegzunehmen.

Schon im 17. und 18. Jahrhundert gab es in Kanada vor allem von christlichen Ordensgemeinschaften erste Versuche, die Kinder der Ureinwohner in Schulen zu zwingen. Dort sollten sie Englisch lernen, zum christlichen Glauben bekehrt werden, zu Dienstmädchen und Arbeitern gemacht werden. Im späten 19. Jahrhundert erklärte es Premierminister John A. Macdonald offiziell zum Ziel, »die Indianer zu assimilieren«. Residential Schools wurden im ganzen Land mit den vier vorherrschenden Kirchen errichtet, der Anglican, Presbyterian und der United Church sowie der katholischen Kirche. Die Kuper Island Residential School nahm im Sommer 1890 die ersten Schüler auf; sie wurde von Nonnen und Priestern der katholischen Kirche geführt.

SPIEGEL: Konnten Sie mit Ihrer Sprache aufwachsen?

Schule auf Kuper Island: »Wir waren völlig schutzlos«

Schule auf Kuper Island: »Wir waren völlig schutzlos«

Foto: Canada. Dept. Indian and Northern Affairs / Library and Archives Canada / REUTERS

Charlie: Leider nein. Schon meine Mutter und ihre jüngere Schwester waren in den Dreißigerjahren auf der Kuper Island Residential School und wurden von den Nonnen geschlagen, wenn sie nicht Englisch sprachen. Nur ihre ältere Schwester, bei der ich nach dem Tod meiner Mutter aufwuchs, musste aus irgendeinem Grund nicht an die Schule. Sie hat mit uns unsere Sprache gesprochen, Hul'q'umi'num', dafür bin ich heute sehr dankbar. Nur noch anderthalb Prozent unseres Volkes sprechen es fließend, die Sprache ist fast ausgestorben.

SPIEGEL: Hat man noch in den Sechzigerjahren versucht, Sie so gewaltsam zu assimilieren?

Charlie: Na klar, das war ja der Grund, warum es diese Schulen gab. Ich erinnere mich, wie ich einmal mit ein paar Jungen in unserer Freizeit draußen zusammensaß, wir spielten auf Trommeln und sangen dazu, die Lieder unseres Volkes. Da schrie eine Nonne uns an: Was wir hier machten, sei Teufelszeug. Danach habe ich nie wieder gesungen, bis mein Psychotherapeut am Ende meiner Therapie zu mir sagte: Tony, irgendwann möchte ich dich wieder singen hören. Jetzt kann ich das wieder. Und es tut so gut.

»Es war ja kein Erwachsener da an diesen Schulen, der auf der Seite von uns Kindern gestanden hätte.«

SPIEGEL: Bei unserem Interview vor 18 Jahren haben Sie erzählt, warum Sie diese Therapie machen mussten: Es begann damit, dass Ihre Frau Lorraine sich wunderte, warum Sie nicht im Dunkeln schlafen konnten und immer ein Nachtlicht anlassen mussten.

Charlie: Sie hatte schon ein paar Mal gefragt, wir waren schon zehn Jahre verheiratet. Aber an diesem Abend 1982 blieb Lorraine hartnäckig und gab sich mit meinen Floskeln nicht zufrieden. Irgendwann fing ich an zu erzählen. Dass ich an der Schule, im Dunkeln, von einem der Priester missbraucht wurde. Später, 2001, habe ich gemeinsam mit anderen Opfern vor Gericht gegen ihn ausgesagt.

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Die Sozialarbeiterin Sylvia Olsen forschte über die Kuper Island Residential School und vermutet, dass etwa ein Drittel der Mädchen und Jungen Opfer von sexuellem Missbrauch wurden. Gerüchten zufolge gab es auf dem Gelände einen geheimen Friedhof für die getöteten Neugeborenen von Mädchen, die durch Missbrauch schwanger wurden.

SPIEGEL: Wie alt waren Sie, als das passierte?

Charlie: 15.

SPIEGEL: Und keiner hat Ihnen zur Seite gestanden?

Charlie: Wer denn? Es war ja kein Erwachsener da an diesen Schulen, der auf der Seite von uns Kindern gestanden hätte. Wir waren völlig schutzlos.

Täter hatten ideale Bedingungen: Die meisten Kinder wurden nicht freiwillig von ihren Eltern geschickt, sondern auf Anordnung des Department of Indian Affairs, oft unter Zwang. Meist kamen sie nur in den Sommerferien nach Hause. In alten Schulreporten finden sich viele Notizen der wechselnden Schulleiter über Eltern, die ihre Kinder nach den Ferien nicht mehr an die Schule schicken wollten, sich teils mit ihnen versteckten. Und über Kinder, die während des Schuljahrs zu fliehen versuchten. Doch Penelakut Island liegt gut sieben Kilometer von Vancouver Island entfernt; einige Kinder ertranken bei Fluchtversuchen.

Charlie: Bei uns Kindern hieß die Schule »unser Alcatraz«. Da gab es kein Entkommen.

Es gab viele Gründe, entkommen zu wollen: körperlicher und sexueller Missbrauch, wie Tony ihn erleben musste. Heimweh nach den Eltern. Der Drill, die Strenge, die Einsamkeit. Und eben auch: die Todesgefahr. In den ersten drei Jahrzehnten dieser Schule starb etwa ein Drittel ihrer Schüler, vor allem an Tuberkulose – in der Schule oder bald nach der Heimkehr. Die Gründe: schlechte Ernährung, mangelnde Hygiene, überfüllte Schlafsäle. Vernachlässigung. 1939 soll es an der Schule sogar zu medizinischen Versuchen gekommen sein; Schüler berichteten später, dass Ärzte ihnen unter Aufsicht des damaligen Schuldirektors Spritzen gaben. Einige Kinder seien danach schwer erkrankt oder gar gestorben.

»Das finde ich eine der härtesten Sachen am Älterwerden: Ich habe so viele Freunde verloren.«

Charlie: Es sind noch viel mehr Schüler der Residential Schools gestorben.

SPIEGEL: Woran?

Charlie: Später im Leben: am Alkohol, an Drogen, an Armut. An ihrem Trauma. Das finde ich eine der härtesten Sachen am Älterwerden: Ich habe so viele Freunde verloren. Jetzt bin ich 70 Jahre alt – und einer der Letzten, die noch übrig sind. 90, ach was, 95 Prozent meiner Freunde sind heute tot. Dabei sollten sie hier sein, ihr Leben genießen, mit ihren Enkeln spielen. Das macht mich sehr traurig.

SPIEGEL: Sie haben sich Ihrer Frau offenbart und Ihrem Leben eine ganz andere Richtung gegeben. Was gab Ihnen dazu die Kraft?

Charlie: Das Reden. Am Anfang bin ich dabei ständig zusammengebrochen, ich konnte nicht aufhören zu weinen. Aber irgendwann habe ich mir gesagt: Die Leute sollen hören, was ich zu erzählen habe, das ist wichtig. Sie sollen verstehen, warum in Kanada so viele von uns trinken oder Drogen nehmen. Was man uns angetan hat.

Das System der Residential Schools dauerte lange an: 1975 wurde die Kuper Island School geschlossen, die letzte sogar erst 1996, in Saskatchewan. 2008 entschuldigte sich Premierminister Stephen Harper offiziell; auch die Anglican, Presbyterian und United Church haben sich mittlerweile offiziell zu den Taten bekannt und entschuldigt. Eine formale Entschuldigung der katholischen Kirche steht weiterhin aus.

SPIEGEL: Sie sprechen oft auch vor Schulklassen oder an Universitäten. Haben Sie den Eindruck, dass man überall im Land mittlerweile anerkennt, wie grausam dieses System war?

»Erst seitdem wir reden, verstehen wir, was schiefgegangen ist. Und können uns entscheiden, etwas zu verändern.«

Charlie: Ach, manchmal bekomme ich auch ganz schön rassistische Sprüche zu hören. Aber das macht mir keine Angst, ich schweige nicht mehr. Und ja, viele Schüler oder Studenten kommen danach zu mir, wollen weiter reden, umarmen mich. Gerade erst hat eine Schulklasse zusammengelegt und 155 Dollar gespendet: Ich sammle gerade, um ein Buch mit meinen Erinnerungen zu veröffentlichen (zur Spendensammlung geht es hier) . Das hat mich sehr berührt. Aber noch wichtiger ist das, glaube ich, für mein eigenes Volk.

SPIEGEL: Inwiefern?

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Charlie: Erst seitdem wir reden, verstehen wir, was schiefgegangen ist. Und können uns entscheiden, etwas zu verändern. Ich habe drei erwachsene Söhne, die ich sehr liebe. Aber als sie klein waren, wusste ich nie so richtig, wie ich sie halten, wie ich sie überhaupt anfassen sollte. Ich war zu ihnen immer etwas distanzierter, als ich eigentlich wollte.

SPIEGEL: Haben Sie ihnen später von dem Missbrauch erzählt?

Charlie: Ja, das wissen sie. Und wir haben mit der Zeit auch viel Nähe gefunden, meine Frau Lorraine, die Jungs, meine fünf Enkelkinder – das ist mein großes Glück. Aber wissen Sie, was jetzt passiert ist, nachdem man bei der Schule in Kamloops diese 215 Kinderleichen gefunden hat?

SPIEGEL: Bitte erzählen Sie.

Charlie: Einer meiner Söhne ist nach Victoria gefahren, Hauptstadt von British Columbia, zu einer Gedenkfeier für die Opfer. Danach rief er in Tränen aufgelöst zu Hause an, meine Frau war am Apparat. Und er bat sie: »Sag Papa, ich liebe ihn.«

In den Wochen nach dem Gespräch hat das Volk der Penekalut den Boden des Schulgeländes untersucht und bis Mitte Juli 2021 bereits mehr als 160 nicht gekennzeichnete Gräber von Kindern gefunden. Diese Arbeit werde fortgesetzt – sie sei »sehr schwierig für die Überlebenden«, sagt Raymond Tony Charlie.

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