Kanzler Kreisky Gaddafis Vorzelt in Wien

Spätestens seit dem Aufstand in Libyen ist Gaddafi für Europa zur Hassfigur geworden, davor galt der libysche Despot lange als salonfähig. Zu verdanken hatte er das einem Österreicher: Bruno Kreisky. Die ungewöhnliche Männerfreundschaft zwischen Bundeskanzler und Tyrann gibt bis heute Rätsel auf.

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Von Stephan Reimertz


Ende Januar 2011 feierte die Republik Österreich den 100. Geburtstag ihres 1990 verstorbenen Bundeskanzlers Bruno Kreisky. Die Arabische Revolution konnten die Feierlichkeiten indes nicht aus den Schlagzeilen verdrängen. In das Knallen der Champagnerkorken mischten sich Mitte Februar Meldungen über Schüsse und Bomben auf Demonstranten in Libyen, einem Land, zu dem Österreich seit Kreiskys Tagen besondere Beziehungen pflegte.

An die engen Kontakte zwischen Oberst Muammar al-Gaddafi und Bundeskanzler Kreisky schien sich in jenen Tagen aber kaum jemand erinnern zu können. Das Thema passte nicht in die Geburtstagsstimmung. Dagegen war die Freundschaft des 2008 tödlich verunglückten Kärntner Landeshauptmanns Jörg Haider mit Gaddafi und dessen zweitältestem Sohn Saif in den Medien immer noch ein Dauerbrenner. Sie passte besser ins Bild.

Es hätte wohl auch niemand vermutet, dass der Sohn einer bildungsbürgerlichen jüdischen Familie aus Wien einmal die Rolle des Paten von Palästinenserführer Jassir Arafat und eben jenem Muammar al-Gaddafi übernehmen würde. Kreisky hatte früh den Weg in die sozialistische Jugend gefunden. Nach dem "Anschluss" Österreichs ans Deutsche Reich reiste er 1938 nach Schweden aus. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ging er in den diplomatischen Dienst und kehrte in den fünfziger Jahren nach Wien zurück, um sich dort für die Sozialdemokratie zu engagieren.

Der selbsternannte Nahost-Experte

Als österreichischer Bundeskanzler von 1970 bis 1983 kämpfte der liberale SPÖ-Politiker Kreisky vor allem gegen Rezession, Ölschock und Terrorismus. Mit François Mitterand, Helmut Schmidt und Felipe González gehört er in die Garde jener sozialdemokratischen Parteichefs, deren Herkunft und Habitus sie auch betont bürgerlichen Wählerschichten empfahl.

So sehr seine innenpolitischen Projekte wie Wehr-, Bildungs- und Strafrechtsreformen vom Zeitgeist getragen waren, so sehr wagte sich Kreisky in seinen hochfliegenden außenpolitischen Ambitionen darüber hinaus. Denn interessanterweise leitete er aus der geopolitischen Lage Österreichs nicht etwa eine Berufung zum Ost-West-Politiker ab, wie ihn die siebziger Jahre dringend gebraucht hätten; vielmehr verstand er seine Rolle auf dem internationalen Parkett als Nahostexperte. Der Staatsmythos von Österreichs "immerwährender Neutralität" erwies sich dabei als äußerst hilfreich.

Es waren die Ölkrisen von 1973 und 1979/80, die ein besonderes Interesse an guten Beziehungen zu arabischen Diktatoren weckten. Einen Tag lang nicht Auto fahren zu dürfen war für viele europäische Verbraucher eine solche Zumutung, dass selbst Demokraten für sprudelnde Zapfsäulen einen blutsaugenden Leviathan im ach so fernen Nahen Osten gern in Kauf nahmen.

Kreisky dagegen, aus wohlhabendem Hause stammend, ging es in seinen Nahostmissionen nicht einfach nur um Ökonomie, sondern in erster Linie um weltpolitischen Ausgleich und Friedenssicherung. Dass er sich dabei als Kanzler eines Miniaturstaats von siebeneinhalb Millionen Einwohnern auf eine Augenhöhe mit US-Präsident Richard Nixon oder seinem Landsmanns Kurt Waldheim - zu dieser Zeit noch unumstrittener Uno-Generalsekretär - hob, war ein angenehmer diplomatischer Nebeneffekt.

Mordauftrag

Der Auftakt der Nahost-Beziehungen war allerdings gewaltsamer Natur: Kurz vor Weihnachten 1975 entführten arabische Terroristen unter dem Kommando von Ilich Ramírez Sánchez elf Erdöl-Minister und ihre Mitarbeiter aus dem Wiener Opec-Gebäude. Der österreichische Innenminister Otto Rösch reichte dem als "Carlos" bekannten Terroristen zum Abschied am Flughafen die Hand. Bitter-ironisch kommentierte "Die Welt" das Foto: "Danke verbindlichst für die reibungslose Abfertigung". Kritische Zeitgenossen sahen diesen Schnappschuss als Sinnbild für den Umgang des Westens mit Schurkenstaaten.

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In guter Gesellschaft: Gaddafi und die Mächtigen der Welt

Der Bundeskanzler stellte die Entführung auch Jahre später noch als reine Geldbeschaffungsaktion von Carlos dar. Wolfgang Petritsch, von 1977 bis 1983 Kreiskys Sekretär und heute österreichischer Vertreter bei der OECD, schrieb dagegen in seiner Kreisky-Biografie: "Carlos hatte von libyscher Seite den Auftrag erhalten, den saudi-arabischen Ölminister Yamani sowie dessen iranischen Kollegen Amuzegar zu ermorden."

Bruno Kreisky blieb nichts anderes übrig, als alle Forderungen der Terroristen zu erfüllen. Dass Muammar al-Gaddafi den Überfall in Auftrag gegeben und finanziert hatte, wollte Kreisky bis zum Ende seines Lebens nicht wahrhaben, obwohl der österreichische Botschafter in Tripolis ihn bereits 1976 davon in Kenntnis setzte.

Der Charme des Despoten

Kreisky schob alles auf Carlos und sprach damit den tatsächlichen Auftraggeber Gaddafi von jeder Mitschuld frei. Der Bundeskanzler hatte den Libyer, den die Medien immer wieder schick und verantwortungslos als "Revolutionsführer" titulierten, erst ein paar Monate vor der Entführung persönlich kennengelernt. Er charakterisierte den Oberst als Verbindung von Robespierre, Saint-Just und Napoleon.

Wie konnte einem so gebildeten und erfahrenen Politiker wie Bruno Kreisky eine so weitreichende Fehleinschätzung unterlaufen? Sollte der wienerisch-intuitive Kanzler dem Charme des blutigen Dorian Gray erlegen sein?

Muammar al-Gaddafi, damals Anfang 30 und seit dem Militärputsch von 1969 libyscher Diktator, verkörperte schon damals die explosive Mischung von orientalischem Despoten, totalitärem Massenmörder im Stil der dreißiger Jahre und modernem Popstar. Den Status des bestgekleideten Mannes der internationalen Politik kann ihm bis heute niemand absprechen. Nicht anders als Saddam Hussein mit seiner Bath-Partei gelang es Gaddafi zudem, alle Welt mit dem Adjektiv "sozialistisch" zu täuschen.

Gaddafis westliche Vorzimmerdame

Der "Sozialismus" der beiden Terrorregime im Irak und in Libyen bestand zwar vor allem darin, dass alle Bürger das gleiche Recht hatten, ins Gras zu beißen. Das Wort allein jedoch verschlug Politikern und Intellektuellen im Westen für Jahrzehnte die Sprache und führte zu militärischen und politischen Beißhemmungen. Nach seinem ersten Treffen bezeichnete Kreisky den Putschisten als einen jungen Araber aus der Wüste, "der sein Land mit dem theoretischen Ehrgeiz leitet, es zum Sozialismus zu führen". Der Bundeskanzler nannte sich in diesem Zusammenhang "gleichfalls Sozialist".

Der austro-libysche Sozialismus zeigte sich in den nächsten Jahren vor allem in prosperierenden wirtschaftlichen Beziehungen. Politisch gewann Kreisky dabei größeres internationales Format. Wie später im Falle des Iran schickte man gern Vertreter eines kleinen Landes vor, um die Lage zu sondieren. Wer immer in Europa etwas von Gaddafi wollte, wandte sich an den österreichischen Bundeskanzler. Kreisky avancierte zu Gaddafis westlicher Vorzimmerdame.

Sein Leben lang wurde Kreisky gemahnt, dass gerade er als Jude keine prononciert proarabische Position einnehmen dürfe. Bei vielen Israelis und Juden weltweit war der österreichische Bundeskanzler, vorsichtig ausgedrückt, unbeliebt, zumal er den ethnozentrischen Mythos des Staats Israel ablehnte. Er sah in den Juden eine Religions- und, bedingt durch Auschwitz, eine Schicksalsgemeinschaft. Eine besondere Verpflichtung zur Solidarität mit dem Staat Israel ergab sich für den Nahost-Politiker daraus nicht.

Biedermann und Brandstifter

Im März 1982 lud Kreisky den libyschen Diktator Gaddafi zum Staatsbesuch nach Österreich ein - und machte ihn damit endgültig salonfähig. Selbst nach seiner Kanzlerschaft hielt Kreisky an den engen Beziehungen zum "Revolutionsführer" fest, bewirtete ihn in seiner Villa in Mallorca und brachte ihn dort mit Spaniens Premier González zusammen.

Die Frage, was Bruno Kreisky bewogen haben mag, den Biedermann zu geben, der den Brandstifter in die gute Stube holt, hatte die Weltöffentlichkeit seit Beginn dieser ungewöhnlichen Freundschaft beschäftigt. Niemand konnte es sich so recht erklären. Die österreichische katholische Wochenzeitschrift "Die Furche" vermutete, "progressiver Eitelkeitsstarrsinn" habe den Bundeskanzler befallen. Kreiskys Biograf Petritsch bemerkte 2010 resigniert: "Die volle Antwort wird sich nie finden lassen."

Der magnetischen Anziehung, die Despoten wie Gaddafi auf demokratische Politiker ausüben, liegt freilich auch ein geheimes Motiv zugrunde: Jene dürfen alles, was diesen verboten ist. Für einen Staatsmann, der sich tagtäglich mit Wählern herumschlägt, muss die luziferische Pracht eines bizarren Tyrannen wie Gaddafi zwangsläufig seine geheimen Sehnsüchte veranschaulichen.

Es kommt hinzu, dass Kreisky immer gern anders sein wollte als andere, ein Bohémien. Er sah sich als neuen Metternich, der die Tyrannen zum Wiener Kongress lädt und als Friedensfürst in die Geschichte eingeht. Doch im Gegensatz zu Napoleons gleichwertigem Gegenspieler war Bruno Kreisky mitnichten ein kalt berechnender Stratege. Er hatte das, was man in Wien "Gmiat" nennt. Vermutlich war er einfach in den schönen Wüstensohn verliebt.



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Otla Pinnow, 18.07.2011
1.
Fällen Sie keine vorschnellen Urteile. Es gibt vieles, was Sie nicht wissen.
Peter Klopp, 18.07.2011
2.
Gaddafi behauptet, dass er Sarkozy im Wahlkampf finanziell unterstützt hat. Daran kann man zweifeln. Es gab Hinweise, dass Haider Wahlkampfspenden von Gaddafi (und Hussein) erhalten hat. Auch das muss man nicht glauben. Manche erstaunlichen Beziehungen - Kreiskys "Liebe" zu Gaddafi, aber auch die aktuellen guten Kontakte der FPÖ nach Lybien - wären aber gut verständlich, wenn Gaddafi mit dem Geldbeutel Imagepflege betrieben hätte. Zuzutrauen wäre es ihm.
Eugen Baumgartner , 18.07.2011
3.
In den Spiegel sehen sich selbst offenbar nicht alle, die für den Spiegel schreiben! Verantwortungsvolle Politik bedeutet: im Gespräch bleiben, Kompromisse schließen, erträgliche Koexistenzbedingungen schaffen; das mag für kleine Staaten besonders zutreffen. Kreiskys hohes politisches Verständnis als "Vorzimmerdamentum" abzuwerten, sein Fühlunghalten mit besonders unwägbaren, tonangebenden Charakteren der islamischen Welt am Mittelmeer und im Nahen Osten in den Kontext von "Freundschaft" zu stellen, mag den französichen Sinn des Wortes eher treffen als den mitteleuropäischen. Und Kreisky hat niemanden leer ausgehen lassen: Man denke nur an die vielen tausend Juden aus dem sowjetischen Einflussbereich, denen durch Kreiskys Initiative eine Ausreise über Wien möglich geworden ist! Als einer der von den Katastrophen des 20. Jahrhunderts Betroffenen hat er sehr wohl das Menschliche im Auge behalten und darum bemüht geblieben. Kein Anlass jedenfalls für einen nachgeborenen Kunsthistoriker, die Häme der Kleingeistigkeit auszuschütten über jemanden, der Verantwortung für viele getragen hat, und der sie wohl ganz gut getragen hat. Sehen Sie sich selbst erst in den Spiegel all der Dinge, die Ihre Kritik *nicht* hervorrufen oder bisher hervorgerufen haben, bevor Sie sich zu solchem Urteil aufzuschwingen versuchen, Herr Reimertz!
Werner Niebel, 18.07.2011
4.
Sehr guter Bericht ueber Kreisky! Ich hatte ihn einmal persoenlich erlebt: Bruno Kreisky gefiel sich einfach in der Rolle Weltpolitik zu spielen!
Alberto Sabi, 18.07.2011
5.
Der Film "der große Diktator" von Chaplin zeigt erstaunlich viele Paralellen zum Diktator von Libyen !
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