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Kapitäne erzählen: "Da hinten ist der Eingang zur Hölle"

Foto: Hans Peter Jürgens

Kapitäne erzählen "Da hinten ist der Eingang zur Hölle"

Faulende Kleidung, nasse Matratzen und Segel in Fetzen: Durch wochenlange Stürme kämpfte sich der legendäre Großsegler "Priwall" 1939 um Kap Hoorn. Als Schiffsjunge an Bord erlebte Hans Peter Jürgens inmitten tosender Wassermassen, wie stark der Überlebenswille des Menschen sein kann.

Eigentlich sollte es eine reine Routinefahrt werden, als der 15-jährige Schiffsjunge Hans Peter Jürgens vor 70 Jahren in Richtung Kap Hoorn ablegte. Doch als der Großsegler "Priwall" wenige Wochen später in Chile festmachte, begann für Jürgens eine Odyssee durch eine Welt im Krieg. Er arbeitete als Straßenbauer in Chile, überlebte ein Lager im afrikanischen Dschungel und fütterte Bären an Kanadas großen Seen. Lesen Sie seine spannende Geschichte hier auf einestages, jede Woche eine neue Folge.

Juli bis August 1939

Je näher wir Kap Hoorn kamen, desto mehr verschlechterte sich das Wetter. Die "Priwall" kämpfte sich durch eine anthrazitgraue, von Schaumkronen bedeckte See unter einem bedrohlichen Himmel in der Farbe von Beton. Das Schiff legte sich schwer auf die Seite. Wir kreuzten gegen den Sturm, auf der mühsamen Route von Ost nach West um Kap Hoorn, die jeder Segelschiffmann fürchtet. Jede Seemeile, die wir vorankamen, mussten wir uns bitter erkämpfen.

Mitte Juli überquerten wir den 50. Breitengrad. Wir zogen das Ölzeug und die ledernen Seestiefel nur noch selten aus. Wer Wache hatte, konnte sich oft nur mit Mühe auf den Beinen halten, weil das Schiff schwer in der See rollte und gewaltige Brecher überkamen. Oft genug hielt man sich an den Tauen fest, spürte, wie die Wassermassen am Ölzeug rissen, und japste nach Luft. Der Kapitän stand im Sturm, wenn er es für erforderlich hielt, auf der dem Wind zugewandten Seite des Hochdecks, um rechtzeitig Böen oder Windwechsel zu sehen, die Segelmanöver erforderlich machten. Er wachte dort allein, unter seinem alten, bräunlichen Filzhut, den er sich tief ins Gesicht gezogen hatte.

An den Lärm des Sturms muss man sich erst gewöhnen. An sein Heulen und Pfeifen in allen Tonlagen, an sein Brüllen, an das Donnern der Brecher an Deck, an das Stöhnen und Jaulen, das einen am Tag und in der Nacht begleitet. Aber nach zwei Monaten auf See hat man Vertrauen zum Schiff und bekommt ein Verhältnis zum Sturm, als sei er ein lebendes Wesen.

Der Eingang zur Hölle

Es war an einem Sonntagmorgen, an dem eine kalte Sonne am Himmel stand und fahles Licht über einer See aus milchigem Grau lag, als ich Steuerbord voraus die Staateninsel vor Kap Hoorn sah. Ich war gerade damit beschäftigt, den Kohlenvorrat der Kombüse aufzufüllen. Wie eine tief liegende Wolke sah das Eiland aus. Einer der Offiziere, der gerade vorbeikam, raunte mir zu: "Sie es dir genau an: Dahinten ist der Eingang zur Hölle."

Schwere Stürme setzten uns zu. Eine Zeit der Entbehrungen begann, die - wenn ich sie im Rückblick betrachte - seltsam zeitlos erscheint. Wochen und Tage und Stunden verschmolzen. Die Zeit verklebte, sie verklumpte, weil sie überhaupt keine Bedeutung hatte in den Stürmen von Kap Hoorn. Man war auf den Augenblick konzentriert, man lebte nur noch im Jetzt und für den Moment, nur für den Augenblick und die nächsten Minuten, in denen man überleben wollte. Man kämpfte gegen Schlafmangel. Gegen die Kälte. Gegen eine tiefe Erschöpfung. Gegen die Verzweiflung und gegen das Gefühl, dass die Pein kein Ende zu nehmen schien.

Wer auf den Rahen lag, frierend und völlig durchnässt, um die schlagenden Segel zu bergen, dem nahm der Sturm buchstäblich den Atem. Hagelschauer und Schneestürme gingen über uns nieder. Die Hagelkörner schmerzten im Gesicht wie kleine Nadelstiche. Die Fingerbeugen platzten vor Kälte und Anstrengung auf, und das Ölzeug scheuerte den Nacken blutig. Es kam vor, dass die Segel trotz des Einsatzes beider Wachen aus den Lieken geweht wurden und die Schotenketten wild um sich schlugen und Funken sprühten.

Ich lernte, wie stark der Überlebenswille des Menschen ist

Jeder musste auf seine Weise mit den Umständen fertig werden. Jeder kämpfte seinen eigenen Kampf. Natürlich raunte man einem Kameraden etwas zu, wenn er nicht aus der Koje aufstehen mochte, wenn er verzweifelt zu sein schien: "Komm, das schaffen wir! Ist bald vorbei. Ist bald geschafft." Aber die trüben, die grauen Gedanken konnte nur jeder für sich vertreiben. Man fluchte leise und grimmig vor sich hin. Ganz selten gestatteten wir uns eine "Smoketime", dann ging es wieder zum Segelmanöver.

Im schweren Sturm wurde auch das Steuern auf dem Hochdeck zu harter Arbeit. Bis zu vier Mann schufteten an den beiden Rädern, jeweils anderthalb Meter im Durchmesser. Sie standen hintereinander und waren miteinander gekoppelt, um das Schiff nicht unbedingt auf Kurs, aber immer optimal am Wind zu halten. In ruhigem Wetter genügte ein Mann, die "Priwall" zu steuern, mit stetigem Blick in die Segel. Um nicht von einer überkommenden See weggewaschen zu werden, schnallte man sich mit Gurten aus Segeltuch an. Nach einer Stunde, wenn die Ablösung kam, brannten einem oft die Arme.

Es gab bald kaum noch einen Ort an Deck, an dem man hätte Kraft sammeln können. Im Logis schwappte Wasser, so kalt wie der Regen und das Meer, das durch den Niedergang oder das Oberlicht eingedrungen war. Schlaf? Nachtruhe? Nach wenigen Stunden, die sich anfühlten wie Minuten, erschallte schon wieder der Weckruf: "Reise! Reise!" Oft genug arbeitete man die Freiwache hindurch, weil die Segel geborgen werden mussten und an Deck und auf den Rahen jede Hand benötigt wurde. Manchmal kam man zwei Tage lang nicht in die Koje und erlebte Momente, in denen das Unterbewusstsein die Kontrolle über den Körper übernahm. Ich lernte, wie stark der Überlebenswille des Menschen ist.

Kampf gegen die schlagenden Segel

Jeder, der einmal bis an den Rand der Ohnmacht müde war, weiß, dass dieser Zustand körperliche Schmerzen verursacht. Ich tappte und wankte nach dem Wecken durch die Kammer, versuchte mich zu orientieren in der schwankenden Welt, die in der See hin und her rollte. Ohne vollends bei Sinnen zu sein, mit einem Körper, der sich taub anfühlte, weil er steif gefroren schien vor Kälte.

Dann schwang die Stahltür zum Deck auf, und man stand wieder in diesem brüllenden, nassen, eisig kalten Inferno. Man versuchte, sich an einer Leine festzuhalten, wenn die nächste See kam und das Schiff sich stark auf die Seite legte. Man kletterte hinauf in die Rigg und nutzte die Stärke des Sturms, der einen gegen die Wanten drückte. Der Kampf gegen die schlagenden Segel ging wieder los. Nur kurze Kommandos wurden ausgetauscht, Rufe, mit denen man sich gegenseitig half. Das Brüllen des Sturms übertönte alles.

Der einzige Ort an Deck, an dem man vor dem Wind ein wenig Schutz fand, war das Kartenhaus auf dem Hochdeck. Dort stand meistens Kapitän Hauth, ein kräftig gebauter Mann, der den Kragen seines Mantels hochgeschlagen hatte. Hauth war ein ruhiger, ausgeglichener Kapitän mit dünnem Haar, knapp 40 Jahre alt, auf seiner erst vierten Reise als Kapitän um Kap Hoorn und doch schon eine Legende. Mit ihm auf der Brücke hatte die "Priwall" 1938 das Kap der Stürme so schnell wie kein anderes Segelschiff umrundet.

Ohne Dieselmotor, ohne Computer, ohne Wettervorhersage

Die Seefahrer von heute können, bei aller Tüchtigkeit, kaum ermessen, was es bedeutete, Kap Hoorn unter Segeln zu bezwingen. Auch ein moderner Dampfer kämpft im Sturm mit der See, und es kann eine üble Prügelei werden, in der das Schiff zahllose Schläge einstecken muss. Aber ein moderner Frachter stampft voran, Meile um Meile. Ein Segelschiff musste die See ohne die Kraft eines Dieselmotors, ohne einen Computer und ohne Wettervorhersage bezwingen. Ein modernes Schiff befährt eine Schifffahrtsstraße. Ein Segelschiff fährt zur See. Die Routen mancher Kap-Hoorn-Umrundung sehen aus wie die Kinderzeichnung eines Gebirges: wilde Zickzacklinien.

Drei Wochen lang wütete der Sturm vor Kap Hoorn, ohne Atem zu holen.

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Stefan Krücken

Sturmkap

Verlag: Ankerherz Verlag
Seitenzahl: 232
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Dann hatten wir es geschafft. Als wir den 50. Breitengrad Richtung Norden passierten, ließ der Wind nach. Man konnte die Erleichterung an Bord der "Priwall" spüren. Die Männer lächelten wieder, es wurde wieder geflachst. Die Zuversicht kehrte zurück. Wir hatten die gefährliche Passage überstanden, ohne jemanden aus der Mannschaft zu verlieren. Ohne dass jemand ernsthaft verletzt wurde. Aber wir waren am Ende unserer Kräfte, und "Schweinsbeulen" plagten uns. Schweinsbeulen nannten wir im Bordjargon Furunkel, die durch den vitaminarmen Dauerproviant und das ständige Scheuern des Ölzeugs am Nacken gewuchert waren. Sie behinderten einen beim Drehen des Kopfes und setzten uns auch seelisch zu.

Wir trugen unsere durchnässten Strohmatratzen aufs Poopdeck, wo wir sie zum Trocknen auslegten. Wir wuschen unsere Kleidung, die durch die Feuchtigkeit grünen Span angesetzt hatte. Wir lüfteten das ganze Schiff. Kein trockener Faden war mehr an Bord gewesen - nun flatterte die Kleidung in der frischen Brise, die den säuerlichen, fauligen Gestank vertrieb, den man überall in den Unterkünften roch.

Und wir konnten schlafen. Endlich schlafen. Es ist kaum zu beschreiben, wie herrlich erholt man sich nach dreieinhalb Stunden Ruhepause fühlen kann. Nach einigen Tagen, in denen wir wieder einigermaßen zu Kräften kamen, spürten wir eine Art Euphorie, vor allem wir Schiffsjungen. Wir hatten Kap Hoorn bezwungen, im Winter, auf der Route gegen den Sturm. Das Schlimmste lag hinter uns, der schwerste Teil der Reise war geschafft. Zurück ums Kap hatten wir den Wind von achtern in den Segeln. Alles, was nun kam, erschien wie eine Kleinigkeit.


Lesen Sie die nächste Episode von Hans Peter Jürgens Reise hier auf einestages.

Aufgezeichnet von Stefan Krücken
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