Fotostrecke

Erster Weltkrieg in Afrika: Kein Platz an der Sonne

Foto: Das Bundesarchiv/ Sammlung Walther Dobbertin

Deutsche Kapitulation in Südwestafrika "Schutzgebiete außer Kriegsgefahr"

Hoffnungslos in Unterzahl kapitulierte die Kolonie Deutsch-Südwestafrika im Juli 1915. Wenige Jahre zuvor hatten Deutsche dort zehntausende Herero massakriert. Bis heute vermeidet die Bundesregierung den Begriff Genozid.
Von Jürgen Zimmerer

Mitten im Nirgendwo, beim Kilometer 500 der Otavibahn im nördlichen Deutsch-Südwestafrika, schüttelte Gouverneur Theodor Seitz am 9. Juli 1915 dem südafrikanischen Premierminister Louis Botha die Hand. Und besiegelte damit das Ende seiner Herrschaft - wenig später unterzeichnete Seitz die Kapitulation seiner Kolonie.

Die deutsche Schutztruppe von rund 5000 Mann hatte niemals eine Chance gehabt, das über 800.000 Quadratkilometer große Land erfolgreich zu verteidigen. Allein 3000 Soldaten waren Reservisten, die ihren Lebensunterhalt eigentlich als Farmer, Händler und Beamte verdienten. Rund 20.000 gut ausgerüstete Soldaten hatte dagegen das britische Dominion Südafrika aufgeboten, um das Nachbarland zu erobern.

Während die Deutschen kaum ein halbes Dutzend Autos zusammenbrachten, drangen die Südafrikaner mit hunderten motorgetriebenen Fahrzeugen vor. Verzweifelt hatte Seitz gehofft, dass die zu Menschen zweiter Klasse erniedrigten Afrikaner für ihre deutschen Kolonialherren kämpfen würden - vergeblich.

Sinnloses Töten

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit im südlichen Afrika 1910 hatte sich der Gouverneur über die mangelnde Verteidigungsfähigkeit der nur 2000 Mann betragenden aktiven Schutztruppe beklagt. "Die Schutzgebiete werden in der Nordsee verteidigt", lautete die Antwort aus Berlin. Noch am 2. August 1914, als der Erste Weltkrieg in Europa bereits begonnen hatte, war ihm aus der Reichshauptstadt gekabelt worden: "Schutzgebiete außer Kriegsgefahr".

Fünf Tage später befahl London der südafrikanischen Regierung den Angriff auf Seitz' angeblich sichere Kolonie. Louis Botha kam dieser Order bereitwillig nach, da im Nachbarland 1908 reiche Diamantenvorkommen entdeckt worden waren. Noch im Herbst 1914 besetzten seine Truppen die Hafenstädte Lüderitzbucht und Swakopmund.

Fotostrecke

Erster Weltkrieg in Afrika: Kein Platz an der Sonne

Foto: Das Bundesarchiv/ Sammlung Walther Dobbertin

Allerdings musste der Feldzug nach wenigen Tagen wieder abgebrochen werden, da aus sogenannten Afrikaanern, auch Buren genannt, bestehende Einheiten, meuterten und teilweise zu den Deutschen überliefen. Erst 1903 hatte Großbritannien die "Burenrepubliken" Transvaal und Oranje Freistaat, die von Nachkommen holländischer Siedler gegründet worden waren, erobert und später in die Südafrikanische Union eingegliedert.

Als die südafrikanischen Truppen im Januar 1915 wieder zum Angriff übergingen, konnten sich die Deutschen nur noch zurückziehen. Nachdem sie wenige Monate später die Waffen strecken mussten, waren bei der sinnlosen Verteidigung der Kolonie auf deutscher Seite 1188 Menschen ums Leben gekommen. Die Südafrikaner hatten 529 Gefallene zu beklagen.

Gnadenloser Massenmord

Während die deutschen Kolonien bereits von Truppen der Entente überrannt wurden, hegten die Strategen im weit entfernten Berlin absurde Vorstellungen: Ganz Mittelafrika würde man erobern und eine Landverbindung zwischen Deutsch-Ostafrika und Deutsch-Südwestafrika herstellen. 1918 sollte das erweiterte Kolonialreich sogar bis ins heutige Nigeria, den Senegal und nach Kenia reichen. Theodor Seitz klammerte sich dagegen an die Hoffnung, dass ein Sieg in Europa zumindest Südwestafrika wieder unter deutsche Herrschaft bringen würde.

Tatsächlich musste er sich im Juli 1915 mit der Zusicherung zufrieden geben, dass die deutschen Farmer und Händler einstweilen im Land bleiben durften - wenn auch viele interniert wurden. Als neue Besatzungsmacht befragten die Südafrikaner die afrikanischen Einwohner des eroberten Landes über ihre Behandlung durch die Deutschen: Kaum zehn Jahre waren vergangen, seit die Schutztruppe einen Genozid an den Nationen der Nama und Herero begangen hatte. Zwischen 70.000 und 80.000 Menschen waren dem ersten von Deutschen begangenen Völkermord zum Opfer gefallen.

Mit diesen Ermittlungen verfolgten die Südafrikaner eigene Zwecke: Die schockierenden Enthüllungen wurden veröffentlicht und bei den Friedensverhandlungen 1919 in Versailles vorgelegt. So konnten sie die längst beschlossene Annexion der ehemaligen deutschen Kolonie propagandistisch begründen.

Ku-Klux-Klan in Namibia

Auch unter den neuen Machthabern erfüllte sich die Hoffnung der afrikanischen Bevölkerung auf eine Verbesserung ihrer Lage nicht. Sie blieb politisch entmündigt, ökonomisch marginalisiert und ausgebeutet. Bei der Einführung der Apartheid in Südafrika im Jahre 1948 feierte die von den Deutschen begründete Rassentrennung auch in "Südwest" offiziell ihre Wiederauferstehung. Erst am 21. März 1990 wurde Namibia schließlich nach jahrzehntelangem Befreiungskrieg unabhängig.

15.000 Deutschsprechende leben heute noch als Farmer oder Geschäftsleute im Land. Eine offene und ehrliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist allerdings bei den sogenannten Namibia-Deutschen ausgeblieben: Erst Ende Juni 2015 fanden es einige Angehörige des Karnevalsvereins in Swakopmund witzig, sich als Männer des Ku-Klux-Klan zu verkleiden.

Aber auch in Deutschland blieb die politische Aufarbeitung mit den deutschen Kolonialverbrechen bislang aus. Zwar hatte sich 2004 die damalige Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul für die hundert Jahre zuvor begangenen Gräueltaten an den Herero und Nama entschuldigt. Bundeskanzlerin, Bundespräsident und der Deutsche Bundestag haben eine Anerkennung des ersten deutschen Völkermordes bisher allerdings vermieden. Nicht zuletzt aus Angst vor Reparationsforderungen, die seit Jahren von namibischer Seite erhoben werden.

Zum 100. Jahrestag der Kapitulation der ehemaligen deutschen Kolonie übergab am 6. Juli 2015 eine Gruppe hochrangiger Herero und Nama zusammen mit Vertretern zivilgesellschaftlicher Gruppen eine Petition mit mehr als 2000 Unterschriften zur Anerkennung des Genozids an den deutschen Bundespräsidenten in Berlin.

Update: Mittlerweile hat die Bundesregierung den Massenmord an den Herero und Nama erstmals als Genozid bezeichnet. Nach Angaben des Auswärtigen Amts gilt nunmehr die Aussage "Der Vernichtungskrieg in Namibia von 1904 bis 1908 war ein Kriegsverbrechen und Völkermord" als "politische Leitlinie".

Zur Person
Foto: Pauline Willrodt/ picture alliance / dpa

Jürgen Zimmerer, 50, ist Professor für Globalgeschichte mit Schwerpunkt Afrika an der Universität Hamburg und Leiter der Forschungsstelle "Hamburgs (post-) koloniales Erbe" . Zimmerer forscht über die Nachwirkungen des Kolonialismus in Deutschland.