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Kaugummiautomaten-Fotograf: Rostkisten voller Liebe

Foto: Stefan Neubauer

Fotos von Kaugummiautomaten Für 10 Pfennig Glück

In den frühen Neunzigerjahren sah Stefan Neubauer zum ersten Mal seit seiner Kindheit wieder einen Kaugummiautomaten. Seitdem sucht und fotografiert er sie - mit einer alten Linhof-Ausziehkamera.
Von Kevin Witzenberger

Als kleiner Junge drückte Stefan Neubauer sich die Nase an den Scheiben der Metallkästen platt. Er konnte sich kaum sattsehen an den kleinen Schätzen dahinter: Gruselige Glibberspinnen, die das Fenster hinunterzuklettern schienen, wenn man sie dagegen warf. Bunte Ringe mit funkelnden Plastikdiamanten. Durchsichtige Flummis, in denen glitzernde kleine Flocken eingeschlossen waren wie Insekten in Bernstein. Kaugummis - mit Bananengeschmack, Kirschgeschmack, Waldmeister und Cola. Irgendwie gelang es ihm immer, das passende Kleingeld zu besorgen und das Ritual zu vollziehen: Münze einwerfen, am schwarzen Metgallgriff drehen, bis es Klack macht, klimpert und sich die Klappe öffnen lässt. Auf seinem Tretroller raste er dann zurück zum Spielplatz und ließ stolz seinen Fang von den Kumpels bestaunen.

Wenn der 44-Jährige Fotograf heute an einem der kleinen Kästen vorbeiläuft, bleibt er immer noch stehen. Nur interessiert er sich nicht mehr für die Schätze hinter der Plastikscheibe - der vom Aussterben bedrohte Kaugummiautomat selbst ist für ihn zum Schatz geworden. Nicht das Klicken des Drehgriffs, sondern das seiner Kamera versetzt ihn heute in Verzückung: Seit fast 25 Jahren fotografiert Neubauer die rostigen und verbeulten Überreste jener Kisten, die ihm als Kind so viel bedeuteten. Längst ist daraus eine umfangreiche Sammlung an Schnappschüssen in allen Farben und Variationen entstanden.

Schon während Stefan Neubauers Jugend in einer Kleinstadt im hessischen Taunus gerieten die bunten Automaten in Vergessenheit. Umso mehr staunte er, als er bei seinem ersten Großstadtbesuch in Berlin wieder einen dieser Metallkästen erblickte: "Das war etwas Vertrautes, was ich aus unserer kleinen Stadt kannte." Fasziniert begann er zu fotografieren - und entdeckte bei seinem Spaziergang durch Neukölln fast an jeder Hausecke andere Kaugummiautomaten.

Foto: Stefan Neubauer

Auch während seiner Studienzeit in Frankfurt am Main fotografierte er die Automaten, wo immer sie ihm vor die Linse kamen: "In mir keimte der Jäger- und Sammlertrieb auf", erklärt der Bildkünstler und beschloss, die Automaten in einer Serie abzulichten. Für ihn, so Neubauer, sind sie "wie Relikte aus einer vergangenen Zeit", Museumsstücke, die er in seinen Fotos katalogisiert, nebeneinanderstellt und mit ihnen beim Betrachter einen vergessenen Teil seiner Kindheit zu neuem Leben erwachen lässt. Auch, wenn sie die letzten Jahrzehnte vielleicht etwas weniger sorgfältig konserviert wurden als in einer Glasvitrine.

Aber es sind gerade diese Schrammen und Dellen, Graffitis und Aufkleber-Sedimente, die Neubauer besonders interessieren: "Irgendwie hat jeder eine Botschaft. Egal ob Graffiti, Tag, Aufkleber oder Grußworte - alle Welt meint, sie müsste sich an den Automaten austoben. Das steigert natürlich den Reiz der Fotografie".

Foto: Stefan Neubauer

"Wenn ich durch die Stadt gehe, habe ich meine Augen immer offen, halb an der Hauswand, halb auf dem Bürgersteig." Findet er einen Automaten, beginnt ein aufwendiges Aufnahmeritual, denn er fotografiert nicht digital, sondern mit einer alten Linhof-Ausziehkamera, die Negative noch auf Platten festhält. Dabei ist der Fotograf auf perfekte Bedingungen angewiesen: "Zu viel Licht macht die Kontraste zu hart, am besten ist ein bedeckter Himmel oder wenn der Automat im Schatten steht", sagt Neubauer. Es dauert eine Weile, bis die riesige Kamera senkrecht auf das Motiv gestellt ist und Blende und Verschlusszeit an die Lichtverhältnisse angepasst sind. Verwunderte Blicke bleiben da nicht aus: "Meist finden die Leute mich kurioser als die Automaten, die ich ablichte", erzählt er.

Ob er sich auch immer einen Kaugummi zieht, wenn er ein Foto aufnimmt? "Nein, seit 30 Jahren nicht mehr", gesteht Neubauer. Doch er will das bald nachholen. Den Weg zum nächsten Automaten kennt er ja.

Zur Person
Foto: Privat

Schatzjäger: Stefan Neubauer ist Journalist und Fotograf. Der 44-Jährige arbeitet in Berlin. Seine Lieblingsmotive sind Flugzeugdetails, Wandbilder alter Kasernen, Kaugummiautomaten und Bowlingbahnen. Seine Fotos macht er mit einer alten Linhof-Ausziehkamera.

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