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"Eine Insel mit zwei Bergen und dem tiefen, weiten Meer"

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Jim Knopf wird 60 Happy birthday, Hoheit!

Sie tricksen Drachen aus, durchqueren das Ende der Welt, besiegen die Wilde 13: Heute vor 60 Jahren schenkte uns Michael Ende das Duo "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer". Rassistisch? Das sieht Katja Iken anders. Ein Glückwunschbrief.

Lieber Jim,

oder sollte ich lieber schreiben: "Hochverehrter Herr Knopf?" Letzter Nachfahr von König Kaspar, Prinz von Myrrhen, Herrscher von Jimballa? Denn als solchen musste ich Dich ja mit Tränen in den Augen verabschieden: am Ende des zweiten Bandes "Jim Knopf und die Wilde 13", den uns mein Vater bei Kerzenschein im Zelt auf Spiekeroog vorlas. Du stiegst auf vom namenlosen schwarzen Findelkind, angeliefert auf Lummerland in einem Postpäckchen, zum mächtigen Gebieter über ein Reich, das allen bedürftigen Kindern dieser Welt Asyl gewähren soll.

"Donnerwetter, alter Junge", würde Lukas sagen und an seiner Pfeife ziehen: Was für eine famose Karriere!

Ich hoffe, Hoheit, es ist okay, wenn ich Dich trotzdem duze. Du magst zwar jetzt 60 sein, ein älterer Herr mit grauen Schläfen und Gleitsichtbrille, der nach dem Mittagessen manchmal einnickt, Blutdrucktabletten nimmt und unter der Prinzenrobe eine beigefarbene Weste mit extra vielen Taschen trägt. Ans Herz gewachsen bist Du mir aber als kleines, unerschrockenes Kerlchen. Ein Held, den ich geliebt und bewundert habe wie keinen Zweiten.

Wie hat es Dein Erfinder, der grandiose Schriftsteller Michael Ende, ein Jahr vor seinem Tod formuliert? "Es gibt so etwas wie die erste Liebe. Die ist immer ein besonderes Erlebnis. Man hat vielleicht später wichtigere und schicksalhaftere Lieben, aber die erste Liebe behält irgendwie einen Zauber, der sich nicht mehr wiederholt. So geht es mir mit dem Jim Knopf. Es war mein erstes Buch und auch mein erster Erfolg."

Diffamierend? Jim Knopf, wie ihn die Macher der Augsburger Puppenkiste zum Leben erweckten

Diffamierend? Jim Knopf, wie ihn die Macher der Augsburger Puppenkiste zum Leben erweckten

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Du warst Michael Endes erste Liebe - und mein erstes Jungs-Idol. Mutiger noch als Kalle Blomquist und Kästners Emil hast Du Dich behauptet, das Abenteuer gesucht, niemals aufgegeben. Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Ephraimstochter Langstrumpf und Du, Ihr beiden wart die Lichtgestalten meiner Tri-Top-Kindheit, habt mich das Träumen gelehrt und mir beim Großwerden geholfen, klein zu bleiben.

Furchtlos durch den Mund des Todes

Einfach hast Du es Dir nie gemacht: Du hättest im beschaulichen Lummerland bleiben können, bei Frau Waas, dem Besserwisser Herrn Ärmel und dem trotteligen Bademantelkönig Alfons dem Viertel-vor-Zwölften. Stattdessen bist Du nachts aus dem Fenster gestiegen und hast mit Deinem Freund Lukas auf der kalfaterten Lokomotive Emma das Meer überquert.

Als Ihr von der entführten Prinzessin Li Si erfuhrt, habt Ihr die Krone der Welt überwunden und das gefährliche Tal der Dämmerung; ja sogar den schaurigen Mund des Todes habt Ihr bezwungen. Zusammen habt Ihr Nepomuks Vulkan repariert und schließlich in Kummerland Frau Mahlzahn besiegt, um Li Si und all die anderen Kinder aus den Fängen der gemeinen Drachendame zu befreien.

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"Eine Insel mit zwei Bergen und dem tiefen, weiten Meer"

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Wie die armen Mitschüler von Li Si genau hießen, weiß ich nicht mehr. Wohl aber, dass "Indianer" und "Eskimos" dabei waren. Wörter, die man heute nicht mehr benutzt. Sogar das böse N-Wort steht in "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer", ein einziges Mal. Bei Deiner Geburt 1960 war es noch in Gebrauch.

Stell Dir vor, lieber Jim, ich verspeiste als Kindergartenkind kiloweise "Negerküsse" und besaß eine wunderschöne schwarze Puppe, die ich tatsächlich "Neger-Dolly" taufte - niemand hielt mich davon ab, nicht einmal meine aufgeschlossenen Hippie-Eltern, mit denen ich als Kleinkind in den USA lebte.

"Pädagogikpille, eingewickelt in Geschichterlpapier"

Damit habe ich mich mitsamt meiner Familie offiziell als Rassistenbande geoutet. Eine Kitaleiterin aus Hamburg brandmarkte die Jim-Knopf-Bücher kürzlich als rassistisch: "Jim Knopf wird leider noch oft gelesen", warnte sie in der "Zeit". Er reproduziere "viele Klischees, zum angeblich typischen Wesen und Äußeren von Schwarzen". Auch Pippi Langstrumpf will die Pädagogin lieber im Altpapier als in Kitas sehen.

Als ich das las, wurde mir angst und bange. Pippi und Du, die Helden meiner Grundschulzeit, auf dem Schrottplatz der Geschichte zu entsorgende Bösewichter? Ich fragte mich, was vom Kinderbücher-Kanon überhaupt noch genehm sei. Der Räuber Hotzenplotz? Ein krimineller Raucher und Alkoholiker. Karlsson vom Dach? Egoistisch, verfressen, verlogen, das falsche Vorbild. Das Sams? Eine Persiflage auf Kleinwüchsige. Die kleine Hexe? Zu vorwitzig. Der Pumuckl? Zu chaotisch.

Conni! Die würde übrig bleiben, schoss mir durch den Kopf. Die vorbildliche Conni mit der Schleife im Haar. Conni feiert Geburtstag, Conni backt Pizza, Conni macht das Seepferdchen. Null Prozent Fantasie, hundert Prozent Langeweile. Kinderliteratur, bemängelte Christine Nöstlinger einmal zu Recht, sei "für viele nicht mehr als eine Pädagogikpille, eingewickelt in Geschichterlpapier".

Lebertran statt Krummeluspillen, Dinkelcracker statt Schokopudding: Arme Kinder der Zukunft, dachte ich. Und war froh, dass ich meinen dreien noch Jim Knopf vorgelesen habe.

Ja, es stimmt, im Buch kommen Klischees vor. Die Bewohner von Mandala, das stark an China erinnert, haben dicke gelbe Köpfe, tragen Namen wie Pi Pa Po und Ping Pong, essen Wespennester mit Schlangenhaut und Ameisenklößchen auf Schneckenschleim. Pfui Teufel! Und eine starke weibliche Figur sucht man vergeblich: Frau Waas ist, trotz Kinderlosigkeit, eher der traditionell-mütterliche Typ, Li Si eine anmutige Prinzessin, Frau Mahlzahn ein böser Drache. Obacht, Sexismus!

"Warum soll man nicht schwarz sein? Aber so denken leider die meisten Leute nicht"

...lässt Michael Ende den Scheinriesen Herrn Tur Tur sagen

Zudem ist der von Illustrator Franz Josef Tripp entworfene Jim Knopf rabenschwarz, hat große Kulleraugen und breite rosafarbene Lippen. Merkmale also, die auch in diffamierenden Karikaturen auftauchen. Weshalb die Hörspielwürfel-Firma Toniebox die Figur 2019 nach Rassismusvorwürfen auch eilig umarbeitete: heller, kleinäugiger, schmallippiger. Mir, lieber, hochverehrter Jim, hast Du vorher besser gefallen.

Die Toniebox-Macher hätten auch einfach mal ins Buch schauen können. Dass Michael Ende niemals Schwarze herabwürdigen wollte, steht schwer übersehbar auf Seite 142. Dort nämlich spricht sich der Scheinriese Herr Tur Tur (aus der Ferne groß, in der Nähe klein, wie so vieles, was uns bedrückt) ganz explizit gegen Vorurteile aus:

"Eine Menge Menschen haben doch irgendwelche besonderen Eigenschaften. Herr Knopf, zum Beispiel, hat eine schwarze Haut. So ist er von Natur aus und dabei ist weiter nichts Seltsames, nicht wahr? Warum soll man nicht schwarz sein? Aber so denken leider die meisten Leute nicht. Wenn sie selber zum Beispiel weiß sind, dann sind sie überzeugt, nur ihre Farbe wäre richtig und haben etwas dagegen, wenn jemand schwarz ist. So unvernünftig sind die Menschen bedauerlicherweise oft."

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Ende, Michael

Jim Knopf: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer: Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendbuchpreis 1961, Kategorie Kinderbuch

Verlag: Thienemann Verlag
Seitenzahl: 256
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Wer Deinen Schöpfer Michael Ende allen Ernstes des Rassismus bezichtigt, hat weder Autor noch Buch verstanden, diese fantastische, zutiefst antirassistische und antinazistische Parabel. Wer sind denn die Sieger? Ein einfacher Lokomotivführer und Du - ein kleines schwarzes Findelkind.

Und wer die Verlierer? Die Bewohner von Kummerland, einem freudlosen Hort des Schreckens mit dem Schild am Eingang: "Achtung! Der Eintritt ist nicht reinrassigen Drachen bei Todesstrafe verboten." Und warum ist der Halbdrache Nepomuk so sympathisch? Weil er eben nicht "reinrassig" ist wie die Ekelviecher, die ihn verstoßen haben.

Widerstand statt Wehrmacht

Michael Ende, Jahrgang 1929, erlitt den NS-Terror als Kind am eigenen Leib: Als er sieben Jahre alt war, verboten die Nationalsozialisten die Werke seines Vaters, eines surrealistischen Malers, als "entartete Kunst". Viele Freunde und Bekannte der Familie wurden abgeholt und kehrten nie wieder.

Als der erst 15-Jährige noch kurz vor Kriegsende seinen Einberufungsbefehl zur Wehrmacht erhielt, zerriss er das Papier und türmte. Er schloss sich der "Freiheitsaktion Bayern" an und riskierte als Kurier der Widerständler sein Leben im Kampf gegen Hitler.

Autor Michael Ende bewies eine Menge Mut - genau wie Du, Jim. Du hast die Kinder vor dem Kerkerdasein in Kummerland gerettet. Für sie hast Du die Pforten zu einem Refugium geöffnet, in dem Minderjährige aller Nationen friedlich zusammenleben können. Und Du hast den bösen Drachen Frau Mahlzahn vergoldet: Die fiese Kreatur mutierte unter Deinen Händen zum wundervoll-flauschigen Drachen der Weisheit.

Auch der hässlichste Mensch kann sich ändern - eine der Botschaften von Michael Ende? Dein Erfinder hat sich zeitlebens energisch dagegen verwahrt, eine pädagogische Agenda zu verfolgen. Auf die Frage, was er mit "Jim Knopf" habe sagen wollen, polterte er Ende 1962 in einem seiner raren Interviews: "Nichts! Nichts, außer die kindliche Fantasie anregen."

Das ist ihm gelungen. Danke an Deinen Erfinder. Und Danke an Dich, lieber Jim, dass Du mich mitgenommen hast durch Deine wunderbare Traumwelt. Lass Dir von Frau Waas - lebt und backt sie noch? Liebe Grüße! - einen saftigen Guglhupf backen und zünde alle Lampions auf Jimballa an.

Von Herzen alle Gute!

Deine Katja

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