Fotostrecke

Kindheit unter Hitler: "Wir werden marschieren"

Foto: Walter Nies

Kindheit unter Hitler "Wir werden marschieren"

Soldatsein für den "Führer" - das war das wichtigste Ziel, das die Nazis schon Kindern einimpften. Selbst Zehnjährige wie Günter Seidel wurden im "Deutschen Jungvolk", der Jungenorganisation der Hitlerjugend, mit der NS-Ideologie indoktriniert und militärisch gedrillt.

Im Sommer 1941 wurde ich Pimpf des Deutschen Jungvolks. Das heißt: Zunächst mußte ich die Pimpfenprobe bestehen. Beim "Dienst", wie die wöchentlich angesetzten Zusammenkünfte in einem Hitlerjugend-Heim hießen, wurden wir darauf vorbereitet. Wir mußten die "Schwertworte" des Jungvolkjungen kennen:

Jungvolkjungen sind hart, schweigsam und treu, Jungvolkjungen sind Kameraden, des Jungvolkjungen höchstes ist die Ehre.

Dann wurde uns von unserem unmittelbaren Vorgesetzten, dem Jungenschaftsführer, der nicht älter als 14/15 war, die Lebensgeschichte Adolf Hitlers als eine Art Heiligenlegende vermittelt.

Wir lernten auch die erforderlichen Lieder singen: ergriffen und in hehrem Stolz die deutsche Nationalhymne, natürlich deren erste Strophe, "Deutschland, Deutschland, über alles, über alles in der Welt" und das dazugehörige Horst-Wessel-Lied "Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen, SA marschiert mit ruhig festem Tritt"; dann mit echter Begeisterung "Unsere Fahne flattert uns voran, unsere Fahne ist mehr als der Tod" oder "Vorwärts, vorwärts, schmettern die hellen Fanfaren"; und schließlich das verwegene Lied "Es zittern die morschen Knochen der Welt vor dem großen Sieg", das mit den düster die Zukunft Deutschlands beschwörenden Zeilen endete "Wir werden weiter marschieren, wenn alles in Scherben fällt, denn heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt". Eigentlich hieß es in dem Lied, das aus den Kampfesjahren der NSDAP stammte, "hört uns Deutschland", wir aber sangen begeistert "gehört ..."

Befehle hatten zwei Phasen

Natürlich wurden wir "geschliffen", um in der Kette von Befehl und Gehorsam die richtige "zackige" Haltung, das Sich-Aufstellen in Reih und Glied, ausgerichtet nach Nebenmann und Vordermann, die soldatische Fortbewegung, das Marschieren, zu lernen. Die Befehle und ihre Bedeutung hatte ich bald "intus" und reagierte prompt und wie aufgezogen. Das "Stillstann!" (Still gestanden) riss das Kinn nach oben, brachte die Hände an die Hosennaht, knallte die Hacken zusammen und stellte die Füße im rechten Winkel auf.

Ich lernte, dass Befehle immer eine Ankündigungs- und eine Ausführungsphase haben: Das Stillgestanden bestand in Wahrheit aus dem lang gezogenen "Fääähnnleinnn...", bei dem man sich innerlich schon in Achtungsstellung brachte, und dem nachfolgenden "Stillstann!", bei dem dann der Hackenknaller kam. Ich wusste: Hieß es bloß "Augen", dann folgte "rechts", und man wendete den Kopf nach rechts. Hörte man aber "die Augen", dann kam unweigerlich der Befehl "links" und zack! ging die Blickrichtung nach links.

Dieser Befehl wurde auch gegeben, wenn sich ein Vorgesetzter der angetretenen Formation näherte und "Meldung" machen ließ. "Die Augen links!", schrie der Jungenschaftsführer, wenn der Fähnleinführer herankam, "melde, Jungenschaft zum Fahnenappell angetreten!" "Danke", hieß es dann gnädig, "rührt euch!" und wir durften das linke Bein vorstellen und eine lockere Haltung einnehmen. So funktionierte ich bald wie ein richtiger kleiner Soldat.

Aus: Günter Seidel: Schmeiß mir 'ne Stulle runta - Eine Kindheit auf dem Hinterhof - Berlin 1930-45, Norderstedt 2006