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Helden der Seefahrt: »Sie leben hart. Sie arbeiten hart. Sie sterben hart.«

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Helden zur See Die Revolutionärin mit dem Kopftuch

Fischer im Norden Englands sind stets in Gefahr, man nennt Hull die »traurige Stadt«. Als 1968 gleich drei Trawler sinken, hat Lillian Bilocca genug: Die Arbeiterin in einer Fischfabrik startet die »Kopftuch-Revolution«.

Der Hafen von Hull im Nordosten von England ist Ende der Sechzigerjahre die Nachschubbasis für die beliebteste Mahlzeit der Briten. Hier laufen Trawler aus und fangen den Kabeljau, der überall im Land in Fish-and-Chips-Buden frittiert wird. An den Docks von Hull wird der Fang auch verarbeitet und weiterverkauft.

Es ist eine Welt harter Arbeit, in der Lillian Bilocca aufwächst. Ihr Vater, ihr Mann, ein maltesischer Fischer, dessen Namen sie annimmt, und ihr Sohn verdienen ihren Lebensunterhalt auf See. Sie selbst arbeitet seit ihrem 14. Lebensjahr in einer Fischfabrik, zieht Fischen die Haut ab und filetiert sie. Wegen ihrer Erscheinung und ihrer unerschöpflichen Energie nennt man sie »Big Lil«.

Die Arbeitsbedingungen auf den Trawlern sind schlecht, und der Beruf gilt als einer der gefährlichsten überhaupt. Die Fangreisen der kleinen und in der Regel alten Fangschiffe gehen vor die Küsten Islands. Das Wetter auf dem Nordatlantik ist oft schlecht. Stürme und gewaltige Wellen setzen den Männern zu. Auch das Eis, das sich durch gefrierende Gischt an Deck auftürmt und die Schiffe zum Kentern bringen kann, ist eine Gefahr.

Nach Schätzungen ertrinken zwischen 1835 und 1980 mehr als 6000 Fischer – allein aus Hull. Trauer und Verlust gehören zur Hafenstadt wie die Schreie der Möwen über den Docklands. In den Medien wird Hull »Sad City« genannt, die traurige Stadt.

Drei Untergänge in wenigen Wochen

Die Männer bekommen nur 36 Tage im Jahr frei; die Norm ist, dass sie nach drei Wochen auf See 72 Stunden Landgang haben. Damit die Schiffe auf See gehen, ist den Reedern beinahe jedes Mittel recht. Berüchtigt sind die Reisen der »Christmas Cracker Crews« in den Tagen um das Weihnachtsfest. Die Feiertage mit ihren Familien sind den Stammbesetzungen der Trawler heilig.

Die Reeder aber wollen das Geschäft um die Neujahrstage, an denen der Fang besonders hohe Preise erzielt, nicht verlieren. Deshalb rekrutieren die Agenten unwissende Anfänger, alte Trunkenbolde und selbst Problemfälle der Heilsarmee.

Anfang 1968 erschüttern drei Katastrophen die Hafenstadt und den Norden Englands:

  • Am 11. Januar sinkt der Trawler »St. Romanus« mit 20 Männern in einem schweren Sturm auf der Nordsee. Weil es keinen Funker gibt und keinerlei Notausrüstung, wird der Trawler zwar vermisst. Niemand erfährt vom Untergang bis zum 26. Januar.

  • An diesem Tag verbreitet sich eine weitere schlechte Nachricht in den Docks und Pubs von Hull: Die »Kingston Peridot« mit 20 Fischern ist vor Island untergegangen. Es gibt keine Überlebenden.

  • Wenige Tage später, am 4. Februar, trifft es den Trawler »Ross Cleveland« in einem Fjord nahe Isafjordur im Nordwesten Islands. Im Sturm läuft das Schiff auf einen Felsen. Nur ein Fischer, der 28-jährige Harry Eddom, rettet sich ans Ufer und wankt halb erfroren bis zu einem Bauernhof. Dort wartet er, bis er gefunden wird.

58 Fischer sind tot. Die Ereignisse gehen als das »Hull Triple Desaster« in die maritime Geschichte Großbritanniens ein.

Lillian Bilocca, Arbeiterin in einer Fischfabrik, wandelt ihre Trauer in Wut. Sie organisiert mit drei anderen Frauen einen Protest in der Fischfabrik und in den Pubs von Hull. Sie schreibt einen Brief an die Chefs der Fangflotte: »Ihr feinen Herren an der Spitze, diese Kerle leben unter Bedingungen, die sich niemand vorstellen kann. Sie leben hart. Sie arbeiten hart. Sie sterben hart.«

»Big Lil« geht auf die Barrikaden

Ausgerechnet Frauen demonstrieren gegen Lebensbedingungen in der Macho-Welt der Fischer? Die Zeitungen greifen den Protest sofort auf. Man nennt die Aktivistinnen wegen ihrer typischen Kopfbedeckungen »Kopftuch-Revolutionäre«. Geschichten von »Big Lil« verdrängen sogar den Vietnamkrieg von den Titelseiten.

Ihre Forderungen beschreiben die Frauen in der »Charta der Fischer«: Die Sicherheitsstandards müssen stark verbessert werden. Ein Funker soll verpflichtend an Bord jedes Trawlers mitfahren. Die Wettervorhersagen müssen präzise, die Ausrüstung und medizinische Versorgung deutlich verbessert werden.

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Helden der Seefahrt: »Sie leben hart. Sie arbeiten hart. Sie sterben hart.«

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Lillian Bilocca sammelt in weniger als zehn Tagen mehr als 10.000 Unterschriften. Für die damaligen Verhältnisse, ohne Internet und Social Media, eine unglaubliche Leistung. Sie zettelt Demonstrationen in den Docks von Hull an und will verhindern, dass Boote ohne Funker auslaufen. Einmal müssen vier Polizisten »Big Lil« daran hindern, auf das Deck eines Trawlers zu springen, der gerade vom Pier ablegt.

Die Bosse der Fischerei-Industrie sind außer sich vor Wut. Aus Rache feuert die Fischfabrik Lillian Bilocca. Sie wird beschimpft, verleumdet und sogar mit dem Tode bedroht. Gewerkschafter, die sie zu Beginn unterstützten, wenden sich von ihr ab. Doch sie macht weiter. Ihre Revolution wächst.

Ihre Courage rettet viele Fischer

Schließlich willigt Englands Premierminister Harold Wilson ein, sie zu treffen. Bilocca hatte vorher damit gedroht, in seinem Feriendomizil aufzukreuzen. Wenig später werden die Forderungen der »Charta« in die Vorschriften und Arbeitsschutzgesetze übernommen.

Lillian Bilocca hat ihre Revolution gewonnen. In sechs Wochen erreicht die Arbeiterin aus der Fischfabrik mehr für den Schutz auf See, als es die Gewerkschaftsbosse in Jahren vermochten. Für sie selbst bringt der Sieg nur Niederlagen. Sie findet lange keinen Job in Hull und erst nach Jahren eine Tätigkeit als Putzfrau.

Als sie im August 1988 stirbt, veröffentlicht die Zeitung »The Times« in London einen kleinen Nachruf. Dieser gibt nicht nur den angeblich »oft hysterischen« Protest verfälscht wieder; es ist von Gewalt die Rede, die es bei den Aktionen nie gab. Der Autor schreibt sogar den Namen Lillian Bilocca falsch.

Erst spät nach ihrem Tod wird Lillian Bilocca die Anerkennung zuteil, die sie verdient. Der Autor Brian W. Lavery erzählt ihre Geschichte nach. Eine Hauswand in Hull wird zu ihren Ehren bemalt, und die BBC sendet eine Serie: über die »Kopftuch-Revolutionärin«, deren Courage Tausenden Fischern das Leben rettete.

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