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06. November 2007, 21:30 Uhr

Kino in den Sechzigern

Roter Plüsch und Eiskonfekt

Abenteuerfilme und Science-Fiction-Streifen hatten es ihm besonders angetan: Der Sonntagnachmittag war Rolf Hackenbergs Höhepunkt der Woche. Im Kinosessel versunken ließ sich der Junge in fremde Welten entführen - Erinnerungen an Filmvergnügen in der Vorfernsehzeit.

Wer erinnert sich noch an das Düsseldorfer Alhambra-Kino oder die Kurbelkiste, "Deutschlands einziges bombensicheres Kino"? Wer kann sich vorstellen, dass im März 1951 vor dem Gloria-Theater in Düsseldorf-Oberkassel Stinkbomben geworfen wurden, weil Hildegard Knef in dem Film "Die Sünderin" nackte Haut zeigte?

Ich war in den Fünfzigern noch zu jung fürs Kino, meine Begeisterung scheiterte an der Altersgrenze der Filme. Aber ich erinnere mich, dass meine Mutter oft in das Nordlicht-Kino an der Münsterstraße ging, wo die damaligen Film-Halbgötter sie in den beliebten Schmonzetten zu Tränen rührten. Es gab für diese Filme reichlich bebilderte Programmhefte, in denen wir schmökerten, wenn diese am nächsten Tag auf dem Wohnzimmertisch lagen. Oft lag daneben auch noch eine nicht ganz verzehrte Packung Rolo, das waren etwas zähe, aber lange lutschbare Schokoladenbonbons in Rundform.

Als ich dann endlich ins Kino durfte, erst mal nur in Begleitung von Mutti, war das ein tolles Erlebnis: Sessel in rotem Plüsch, in denen ich versank, und eine Leinwand so groß, dass ich Sorge hatte, die Schauspieler könnten von da oben auf mich herunterfallen. Erst recht, wenn wir einige Jahre später vom kleinen Taschengeld in der Mitkämpferloge, also in der ersten oder zweiten Reihe der Holzklasse, Platz genommen hatten.

Mit der Taschenlampe an den Platz

Zweifellos hat mich ein Film besonders angezogen, den ich als erstes großes Kinoerlebnis in Erinnerung habe. Jules Vernes "20.000 Meilen unter dem Meer" von 1954, mit Kirk Douglas und James Mason in den Hauptrollen, war ein solches Erlebnis, dass ich davon den ganzen Sommer geschwärmt habe - ich sah ihn in einer Wiederholung Anfang der 1960er Jahre. Vielleicht hat mich auch dieser Film zum Anhänger von guter Science Fiction werden lassen.

Man ging damals noch nicht mit einer Packung Popcorn und Getränken in den Saal, die Ordner, die damals Platzanweiser hießen und von denen es in den Kinos viele gab, hätten solche Zuschauer erst gar nicht reingelassen. Der Besucher wurde mit der Taschenlampe zu seinem Platz geleitet. Kamen Leute zu spät, mussten sie stehend warten, bis beispielsweise das Vorprogramm zu Ende war, erst dann durften sie ihre Plätze einnehmen. Aber lachen durfte man schon, wann man wollte.

Das Kino war im meiner Kinderzeit Anfang der 1960er Jahre ein reines Sonntagnachmittagsvergnügen. Zwei Häuserblocks entfernt war an der Prinz-Georg-Straße die Landesbildstelle untergebracht, die mit einem großen Kinosaal ausgestattet sonntags um 15 Uhr Filme für Kinder und Jugendliche zeigte. Das Publikum war sehr gemischt, und oft gab es unter den älteren Halbstarken Rangeleien und Wortgefechte, die dann nach der Vorstellung auf der Straße per Faustkampf weiter "diskutiert" wurden. Die sechziger Jahre waren auch in Düsseldorf die Zeit der Jugendbanden, es gab den "Rochusclub" oder die Bande vom Hellweg. Wenn diese Gruppen aufeinander trafen, konnten wir Jüngeren uns nur noch aus dem Staub machen.

Ins Kaufhaus zu "Dick und Doof"

Andere Gelegenheiten, Filme zu schauen, hatten wir oft in den Kaufhäusern: In den Kinderabteilungen wurden kleine Räume gebaut, in die wir reinkriechen konnten, um Dick und Doof oder andere Stummfilmgrößen auf einer kleinen Leinwand zu bestaunen. Fasziniert saß ich dann zwischen den anderen Kindern und wollte gar nicht mehr raus aus dem Mini-Kino. Denn zu Hause gab es noch nichts zum Anschauen. Das Fernsehgerät stand noch lange nicht in jedem Wohnzimmer, lediglich das gute alte Dampfradio wurde abends mal eingeschaltet, damit Vater die "Meldungen" hören konnte. Dann war wieder Ruhe.

Manchmal konnte ich durch unser Küchenfenster in das Wohnzimmer unserer Nachbarn im Eckhaus gegenüber etwas Faszinierendes sehen, wenn sie die Gardine nicht zugezogen hatten: Auf einem kleinen Bildschirm flatterten schwarz-weiße Bilder umher, die den Raum dann unterschiedlich hell erleuchteten, während alle anderen Fenster im Dunkel lagen.

War das Problem mit der Altersgrenze ab dem sechsten Lebensjahr vorerst erledigt, gab es schon bald das nächste: Jetzt kamen Abenteuerfilme in die Kinos, die erst ab zwölf Jahren freigegeben waren. Also versuchten wir immer wieder mal, älter zu wirken. Das gelang mir nur sehr selten, selbst mit 14 musste ich noch regelmäßig meinen Ausweis vorlegen, ich sah so kindlich aus. So probierten wir also die verschiedenen Kinos in der Nähe aus, bis es irgendwo funktionierte. Heute laufen diese Filme im Kinderprogramm der Fernsehsender.

Staunend vor der Litfasssäule

Regelmäßig wurden die neuen Filme auf den Litfasssäulen angekündigt, auf großen Plakaten waren alle Kinos mit ihrem Programm aufgeführt. An den Fassaden der Kinos warben riesige handgemalte Tafeln für den neuen Film, und die bekannten Filmhelden der sechziger Jahre schauten eindrucksvoll auf das Publikum herab. Die Straße der Kinos war die Graf-Adolf-Straße im Herzen der Stadt, wo das Europa-Kino, Rex, Asta-Nielsen, Savoy und UFA-Residenz um die Kinobesucher warben. Aber auch auf der angrenzenden Königsallee gab es das Premierenkino schlechthin, die Lichtburg. Auf der Berliner Allee waren zwei weitere UFA-Kinos angesiedelt, das Universum und Berolina.

Das Kino bot einem Kind wie mir unglaublich viele neue Eindrücke: Filmtrailer warben für Filme, die "demnächst in diesem Kino" zu sehen waren, und für die wir meist noch zu jung waren. Umso spannender war es, einen kleinen Einblick in das zu bekommen, was wir noch nicht sehen durften.

Ob damals schon die Dame mit dem Eiskonfekt nach dem Werbeblock kam, weiß ich nicht mehr. Aber es gab den Sarottimohr, der auf sich und seine ebenso dunkle Zartbitterschokolade aufmerksam machte. Die Werbefilme, die damals in den Kinos liefen, sollten Briketts verkaufen, Erdal Schuhcreme "nur echt mit dem Frosch", oder das HB-Männchen ging mal wieder für Zigaretten in die Luft.

Wochenschau und brüllender Löwe

Schließlich, immer noch im Vorprogramm, kam der Wochenschaufilm mit Bildern aus aller Welt. Wir hatten zu Hause noch immer keinen Fernseher, das alte Radio brachte nur kurze Nachrichten, die meist nicht einmal ausreichten, sich wenigstens im Kopf ein Bild von den Dingen da draußen zu machen. Es war noch eine lange Zeit hin, bis Peter von Zahn und seine "Reporter der Windrose" verwaschene Schwarzweißfilme aus Amerika und sonst woher nach Deutschland schickten. Also saßen wir da, das Eiskonfekt schmolz in unseren Händen, und wir staunten Bauklötze über das, was da auf der Riesenleinwand über uns hereinbrach.

Als wenn das nicht schon Gesprächstoff genug gewesen wäre, mit dem ich bei den Kindern auf unserer Straße hätte prahlen können, ging nach der Wochenschau der große Vorhang noch weiter auf, verschwand irgendwann an beiden Seiten, und eine monumentale Leinwand zeigte sich im strahlenden Weiß, von der dann der MGM-Löwe in nie gehörter Tonqualität brüllte, dass meine Beine anfingen zu zittern. In Superbreitwand wurde mit zwei (oder waren es sogar drei?) Projektoren gleichzeitig ein Monumentalfilm gezeigt. Unschlagbare Technik, die in den sechziger Jahren noch kein Schwarzweißfernseher bieten konnte.

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