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Kiss-Bassist Gene Simmons: Der Große mit der flinken Zunge

Foto: © Scott Wensley / Reuters/ REUTERS

Kiss-Bassist Gene Simmons "Ich bin zu reich, um mich aufzuregen!"

Seine Zunge gehört zu Kiss wie das Make-up: Aus bitterer Armut kämpfte Gene Simmons sich zum Rock-Millionär empor. Ein Gespräch über seine Kindheit in Israel, Trump - und wie Twitter uns vor dem Bösen rettet.
Zur Person
Foto: FREDERIC J. BROWN/ AFP

Gene Simmons wurde am 25. August 1949 als Chaim Witz in Haifa, Israel, geboren. 1957 emigrierte er mit seiner Mutter nach New York und hieß fortan Eugene Klein. 1973 gab er seinen Lehrerberuf auf und gründete als Gene Simmons mit Paul Stanley die Schockrock-Gruppe Kiss, die mit Make-up auftrat und bis heute als eine der erfolgreichsten Rockbands der Welt gilt. Bassist und Sänger Simmons kümmert sich als Unternehmer um den Verkauf von Hunderten Kiss-Produkten. Seit 1986 ist er liiert mit Ex-Playmate und Schauspielerin Shannon Tweed, hat zwei Kinder und lebt in Beverly Hills.

einestages: Herr Simmons - da Sie Ihre Band "Kiss" tauften: Erinnern Sie sich eigentlich noch an Ihren allerersten Kuss?

Simmons: Na klar! Es war in der Schule, ich muss so 12 gewesen sein. Jungs und Mädchen standen morgens zu Schulbeginn parallel im Schulhof in einer Schlange, um ins Klassenzimmer zu gehen. Da ich immer der Größte war, stand ich ganz hinten. Ich merkte, wie mich ein Mädchen, das mir gegenüber stand, die ganze Zeit anstarrte. Plötzlich kam sie unvermittelt zu mir rüber, hielt mein Gesicht mit beiden Händen fest und drückte mir einen Kuss auf den Mund. Ich war früher ziemlich schüchtern und daher total baff. Ihr Name war Nivea. Das habe ich mir gemerkt.

einestages: Durch Kiss sollen Sie später erheblichen Eindruck bei den Damen gemacht haben. Es existiert angeblich eine umfassende Polaroidfoto-Sammlung von Groupies, die Sie vernascht haben sollen.

Simmons: (trocken) Das ist korrekt. Das war, bevor ich meine Frau geheiratet habe!

einestages: Haben Sie eigentlich jemals beim Sex eines der Kiss-Kondome benutzt, die Sie in Ihrem Fanshop anbieten?

Simmons: Ja, das habe ich! Und wissen Sie was? Die Dinger sind echt gut (lacht).

einestages: An Ihnen ist ein begnadeter Verkäufer verloren gegangen.

Simmons: Mein stolzester Moment ist, wenn ich auf die Bühne gehe und die Fans Ihre Fäuste in die Höhe recken und einfach eine gute Zeit haben. Und dann gehen Sie zum Merchandise-Stand und kaufen sich ein Kiss-Shirt.

einestages: Manche nennen Sie - wohl auch aufgrund Ihrer unternehmerischen Ambitionen - den "Trump des Rock".

Simmons: Das ist okay. Er ist schließlich ein erfolgreicher Geschäftsmann - daher habe ich nichts dagegen.

einestages: Und was die politische Haltung angeht? Sie selbst sind jung als Immigrant in den USA willkommen gewesen. Unter Präsident Trump wird es nun wohl schwieriger für Einwanderer.

Simmons: Wir waren legale Emigranten! Deutschland und Amerika sind freie Nationen, wir sind frei darin, uns auszusuchen, wen wir reinlassen wollen und wen nicht. Man hat das Recht zu demonstrieren, wenn man das tun will.

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einestages: Sie wurden 1949 als Chaim Witz im israelischen Haifa geboren. Haben Sie Erinnerungen an Ihre Kindheit dort?

Simmons: Wir sind ausgewandert, als ich acht war.

In Israel hatten wir nicht viel. Wir lebten in einem kleinen Dorf namens Karmel, in der Nähe von Haifa. Wir hatten kein Radio, und ich wusste nicht mal, dass es so etwas wie Fernseher gibt. Ein eigenes Klo gab es auch nicht, wir mussten über den Hof. Die Lebenssituation war recht primitiv. Israel war gerade erst gegründet worden, ein neues Land im Aufbau.

einestages: Mitte der Fünfzigerjahre sind Sie dann mit Ihrer Mutter Flora Witz nach Amerika emigriert.

Simmons: Mein Vater Feri hatte uns verlassen, als ich sechs oder sieben war. Er kam nicht mit - und hat danach in Israel noch viermal geheiratet.

einestages: Ihre Beziehung war wohl nicht die beste?

Simmons: Ich erinnere mich nicht mehr so genau an ihn. Aber ich habe meinen Vater später finanziell unterstützt. Ich kaufte ihm eine Wohnung und habe einige Rechnungen für ihn bezahlt. Er ist immerhin mein Erzeuger.

einestages: Ihre Mutter hat Schreckliches durchgemacht. Sie überlebte im Zweiten Weltkrieg mehrere Konzentrationslager.

Simmons: Sie ist gebürtige Ungarin und war 14, als das passierte. Vor einigen Jahren habe ich mit meiner Frau und meinem Sohn die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel besucht. Dort sind alle Namen der Opfer der Shoah eingraviert. Es ist genau nachzulesen, wer wann mit welchem Zug ins KZ gebracht wurde. Ich konnte also exakt sehen, wann meine damals 14-jährige Mutter in welches KZ verbracht wurde. Sie selbst spricht nicht über diese Zeit.

einestages: In Deutschland wurde das Kiss-Logo Anfang der Achtzigerjahre zensiert, weil das Doppel-S zu große Ähnlichkeit mit SS-Runen hatte.

Simmons: Total absurd! Nie haben wir bei der Gestaltung an die SS gedacht. Wir wollten, dass die beiden Buchstaben wie Blitze aussahen.

einestages: Wie war das Leben damals als Auswanderer im fremden Amerika?

Simmons: Meine Mutter schuftete in einer Fabrik und musste Knöpfe an Wintermäntel nähen. Für einen halben Cent pro Knopf. Sie verdiente gerade mal 35 Dollar pro Woche. Ich weiß, was es heißt, arm zu sein.

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einestages: Nach der Schule wurden Sie nicht Rockmusiker, sondern erst mal Lehrer. Ihrer Mutter zuliebe?

Simmons: Ja. Ich unterrichtete Anfang der Siebziger eine Weile Sechstklässler in Spanish Harlem. Ich war immer wissbegierig und spreche einige Sprachen, neben Englisch auch Ungarisch. (Auf deutsch:) Ick kann sprechen ein bisschen Deutsch, ich habe gelernt auf die Schule - verstehen Sie? Und natirlich a bisschen Hebräisch und sogar a bisschen Japanisch, ja! Ich habe nie aufgehört zu lernen, habe immer viel gelesen, Bücher über Geschichte, verschiedene Kulturen.

einestages: Klingt, als wären Sie der Traumschüler jedes Lehrers gewesen.

Simmons: Die Lehrer zu meiner Schulzeit waren langweilig, da hat das Lernen nicht besonders viel Spaß gemacht. Aber einer war klasse - er gab mir den besten Ratschlag ever: Geh nach der Schule in die Bücherei und leih dir Bücher und Magazine aus. Das kostet nichts! Ich fand das unglaublich. Irgendwann habe ich dann beschlossen, selbst Lehrer zu werden, aber eben ein cooler. Lernen muss den Kids Spaß machen! Parallel zu meiner Lehrertätigkeit gründete ich meine erste Band, Wicked Lester, aus der 1973 dann Kiss wurde.

einestages: Welche Werte hat Ihnen Ihre Mutter vermittelt?

Simmons: Harte Arbeit! Harte, ehrliche Arbeit! Dass man niemandem auf der Tasche liegen sollte. So sehe ich das noch heute. Ich wache jeden Morgen auf, heute um halb sechs früh, und freue mich auf die Arbeit.

einestages: Sie gelten als extrem geschäftstüchtig. Sind Sie ein Workaholic?

Simmons: Ich mag diesen Begriff nicht. Die Endung "-holic" ist negativ besetzt, wie bei "Alcoholic"! Alkohol ist schlecht, aber Arbeit ist gut!

einestages: Zurück zum Showbusiness. Wie sind Sie eigentlich zum Rock'n'Roll gekommen?

Simmons: Als ich von Israel nach Amerika kam, hörte ich zum ersten Mal Radio - und da lief Rock'n'Roll! Der war wie eine Naturgewalt. Chuck Berry, Fats Domino, natürlich auch Elvis und Jerry Lee Lewis. Aber besonders Little Richard hatte mich mit seinem "Tutti frutti" beeindruckt. Da ich noch nicht gut Englisch sprach, habe ich jeden gefragt: Was zur Hölle bedeutet "A whop bop a loo bop a whop bam boom..."? (lacht)

einestages: Und dann kamen die Beatles.

Simmons: Die haben mich total umgehauen! Ich erinnere mich, als ich sie Mitte der Sechziger erstmals im Fernsehen sah. Das waren Typen wie von einem anderen Planeten, aber kaum älter als ich. Da wurde mir klar, dass ich das auch machen will. Die Show der Beatles zeigte mir, dass es nicht nur um Sound geht, sondern auch um Optik. Das habe ich berücksichtigt, als wir Kiss gegründet haben. Wir sind die Beatles auf Steroiden!

einestages: Dabei sagten Sie mal, Sie wollten nie Rockstar sein - sondern eigentlich lieber wie Boris Karloff, der berühmte Horror-Schauspieler.

Simmons: Stimmt! In meiner Jugend habe ich die "Frankenstein"-Filme mit Karloff geliebt und habe immer tiefe Sympathie empfunden für dieses traurige, missverstandene Monster. Ich fühlte mich ähnlich missverstanden, als ich nach Amerika kam. Weil ich kaum Englisch konnte und die Kultur nicht verstand. Ich habe mich daher mit Filmfiguren wie "Frankenstein" oder "King Kong" identifiziert. "King Kong" kam nicht aus einer Stadt mit Häusern, sondern von einer Insel. Und Frankenstein konnte nichts für das, was er tat, weil er in einem Labor aus Körperteilen zusammengesetzt wurde. Er war nicht böse.

einestages: Was sagen Sie den Kritikern, die Kiss wegen der spektakulären Monster-Show, dem Make-Up, Ihrem Feuer- und Blutgespucke als "Kasperletheater" bezeichnen?

Simmons: Ich bin zu reich, um mich über die aufzuregen!

einestages: Und wovor haben Sie, der "God of Thunder", Angst?

Simmons: Davor, dass die Welt wieder so werden könnte wie damals, als meine Mutter jung war. Dass die fortschrittlichsten und gebildetsten Nationen dieser Erde, dazu zähle ich sowohl Amerika als auch Deutschland, die Demokratie verlieren könnten. Deutschland ist ein wunderbares Land mit großartigen Menschen - im Zweiten Weltkrieg war es das Gegenteil. Das soll zeigen, dass derselbe Staat sowohl gut als auch böse sein kann. Ich hoffe, das passiert nie wieder. Die Demokratie ist ein hohes Gut, für das man sich einsetzen, ja kämpfen muss. Aber tief drinnen, habe ich ein gutes Gefühl! Solange es Facebook und Twitter gibt und Menschen Ihre positiven Gedanken austauschen können, haben wir eine gute Chance.