SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

31. Juli 2009, 11:15 Uhr

Klassenfahrt zum Mauerfall

Schluchzen aus dem Buslautsprecher

Sie waren dabei! Auf ihrer Oberstufenfahrt nach Berlin erlebten Heiko Franke und seine Mitschüler den Anfang vom Ende der deutschen Teilung - mit Verspätung, denn am Abend des 9. November waren sie in West-Berlin eingesperrt.

Als Ziel für unsere letzte gemeinsame Klassenfahrt hatten wir uns im November 1989 Berlin auserkoren. Ein Tagesausflug sollte uns auch in den Osten der Stadt führen. Und das alles in einer Zeit, in der sich die Auflösungserscheinungen der kommunistischen Welt deutlich wie nie zuvor zeigten. Die Montagsdemonstrationen waren im vollen Gange. Die strenge Passkontrolle im Zug und der harsche Befehlston der Grenzer dagegen erweckten nicht den Anschein, als stünde es schlecht um das Selbstbewusstsein der Staatsmacht.

Interessanter als der Vortrag, den wir am Tag darauf im Deutsch-Amerikanischen Institut über das geteilte Berlin hörten, waren die privaten Ansichten des amerikanischen Referenten: Lange, sagte er, könne die wirtschaftlich marode DDR den Massenprotesten und der Wut über die nach den Flüchtlingswellen nun sogar zu den sozialistischen Nachbarländern teilweise geschlossenen Grenzen nicht mehr standhalten. Sobald sich wieder die Gelegenheit biete, werde eine neue Welle losbrechen, und dann werde die Mauer, der Eiserne Vorhang, fallen.

Den genauen Zeitpunkt für das historische Großereignis, das ihm vorschwebte, konnte er uns aber nicht nennen. Ein Jahr, vielleicht fünf? Wir Abiturienten waren uns schnell darin einig, dass der Amerikaner ein Träumer war. So schnell würde - wenn überhaupt - nichts dergleichen passieren. Dass die Prophezeiung sich schon in den nächsten Tagen bewahrheiten würde, daran hätten wir nicht einmal im Traum gedacht.

Wahnsinn!

Am Abend des 9. November saßen wir im Fernsehraum der Jugendherberge und trauten unseren Augen nicht: Im DFB-Pokalspiel VfB Stuttgart gegen FC Bayern München führten die Schwaben mit 3:0. Wahnsinn! Plötzlich stand ein Koch der Jugendherberge im Zimmer und bat uns umzuschalten. Das Spiel war längst entschieden. Ohne zu murren wechselten wir auf den gewünschten Sender und landeten bei der Übertragung der Pressekonferenz, die später Geschichte machen sollte.

Wir hörten, wie der SED-Funktionär Günter Schabowski eine Regelung kundgab: "Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD bzw. zu West-Berlin erfolgen." Unsere Schlussfolgerung lautete: Wahnsinn! Die Grenze ist offen!

Zwei Dinge hielten uns davon ab, sofort Richtung Mauer zu fahren: Am nächsten Morgen stand der pflichtgemäße Besuch Ost-Berlins an, und der Jugendherbergsvater hatte nicht die Absicht, die Öffnungszeit seiner Herberge zu verlängern. Wer noch raus wollte, musste damit rechnen, spät in der Nacht vor verschlossenen Türen zu stehen. Während der Maueröffnung waren wir eingesperrt. Was für eine Ironie!

Stadtführung unter Tränen

Bei unserem Übertritt nach Ostberlin wurde ich am nächsten Tag als einziger von einem Grenzer herausgepickt, um durchsucht und in ein unverfängliches Gespräch verwickelt zu werden. Während ich meine Taschen entleerte, wurde ich durchaus freundlich nach dem Zweck meines Besuches gefragt, wie es mir in Berlin gefalle und so weiter. Sicher, ich sah aus wie ein Berufsdemonstrant, ein Störenfried, Bürgerrechtler oder Konterrevolutionär, in Bikerboots, Jeans, alter Lederjacke, mit Halstuch und langen Haaren. Staatsgeheimnisse allerdings hatte ich nicht zu verraten und selbst wenn - vor dem Untergang hätten sie die DDR nicht mehr bewahren können.

Auf unserer Rundfahrt durch Ost-Berlin präsentierte uns die Stadtführerin die sozialistischen Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt: die fast 150 Meter breite Karl-Marx-Allee mit ihren Plattenbauten und Wohnblöcken im stalinistischen Zuckerbäckerstil, den Alexanderplatz, den Fernsehturm und das Brandenburger Tor. Der riesige Platz vor den Absperrungen war voller Menschen. Auf der Mauer hinter dem Tor standen Menschen dicht an dicht. Die Stadtführerin weinte; sei es vor Rührung und Freude über die gewonnene Freiheit oder vor Enttäuschung und Trauer über das Ende des antifaschistischen Schutzwalls - es wurde still im Bus.

An den Grenzübergängen Friedrichstraße und Checkpoint Charly hatten sich große Menschenmengen versammelt. Alle wollten nach West-Berlin. Immer wieder gelang es unserer Stadtführerin, sich zu fassen, und immer wieder hörten wir ihr Schluchzen über die Buslautsprecher.

Auf dem Höhepunkt der Revolution

Nach der Rundfahrt ließen wir uns im Trubel der Grenzöffnung treiben und beschlossen, bis zur Schließung der Jugendherberge mitzufeiern. Unter den Linden wurde aus einem Kofferraum billiges Aldidosenbier für zwei Westmark verkauft. Der Kapitalismus hatte keine Zeit versäumt.

Irgendwann erreichten wir die Mauer, diesmal vor dem Brandenburger Tor. Wir wurden nach oben gezogen und traten wie Tausende andere den antifaschistischen Schutzwall mit Füssen. Bei aller Freude war ich doch ein wenig angespannt: Was, fragte ich mich, wenn ein staatstreuer Grenzer ausrastete und in die Menge schießen würde? Immerhin befanden wir uns auf dem Gebiet Ost-Berlins, auf einer Grenzanlage, die politische, militärische Machtblöcke teilte. Immer noch. Aber eben nicht mehr so richtig.

Zum Glück blieb alles friedlich auf dem Höhepunkt der Revolution. Und wir waren dabei.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung