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»Hm – schnalzen könnte ich mit der Zunge dabei«: Das Koblenzer Liebesbriefarchiv

Foto: Liebesbriefarchiv an der Universität Koblenz

Koblenzer Liebesbriefarchiv »Ich küsse und drücke dich 1095060437082-mal«

Lässt sich die Sprache der Liebe wissenschaftlich vermessen? Unbedingt, meinen die Linguistinnen Eva Lia Wyss und Andrea Rapp. Was macht einen originellen Liebesbrief aus – und welcher hat die Forscherinnen besonders berührt?

Goethe, Nietzsche, Kafka: Die Liebesbriefe von Prominenten sind oft schon gut erforscht. Aber was ist mit denen von Lieschen Müller und Otto Normalbürger? Um diese Lücke zu schließen, gründete Eva Lia Wyss 1997 in Zürich das Liebesbriefarchiv. Seit 2012 ist es an der Universität Koblenz-Landau angesiedelt und mittlerweile auf gut 20.000 Briefe angewachsen – darunter auch E-Mails, SMS, WhatsApp-Nachrichten, Zettelchen und andere amouröse Bekundungen.

Jetzt werden die Liebesbriefe im Rahmen des Forschungsprojekts »Gruß & Kuss«  im Verbund mit der TU Darmstadt digitalisiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das auf drei Jahre angelegte Projekt wird vom Bundesbildungsministerium mit einer halben Million Euro gefördert.

SPIEGEL: Erinnern Sie sich an Ihren ersten Liebesbrief?

Wyss: Auf der Schlittschuhbahn bekam ich so ein Zettelchen zugesteckt, ich war etwa zehn, elf Jahre alt. Darauf stand: »Willst Du mit mir gehen?« (lacht)

Rapp: Ich weiß es leider nicht mehr. Aber Liebesbriefe spielen für meine Familie eine zentrale Rolle: Meine Eltern haben sich als Brieffreunde kennen und lieben gelernt. Meine Mutter hatte die Briefe in Kartons versteckt – und zerrissen, als mein Vater starb. Daran sieht man, wie identitäts- und kulturstiftend Liebesbriefe sein können.

SPIEGEL: Was ist so spannend an Liebesbriefen unbekannter Menschen?

Rapp: Berühmtheiten schreiben in dem Bewusstsein, dass Menschen ihre Briefe eines Tages lesen werden. Alle anderen gestalten ihre Gefühle sprachlich viel spontaner. Es ist eine viel ehrlichere Begegnung mit der Alltagskultur der Vergangenheit. Geschichte ist eben nicht nur die Geschichte der großen Männer. Gerade was die Alltagskultur betrifft, gibt es noch viele weiße Flecken, die wir mit bunten Tupfern füllen möchten.

SPIEGEL: Laien dürfen und sollen im Projekt »Gruß und Kuss« an der Erforschung der Liebesbriefe mitwirken. Was versprechen Sie sich davon?

Rapp: Die Bürgerinnen und Bürger haben uns mit den Briefen ihre eigene Kultur anvertraut, also sollen sie auch bei der Analyse mit eingebunden werden – das erscheint uns logisch. Zudem sind wir gespannt auf die Fragen, die sie stellen, auf den unverstellt-frischen Blick. Wir wollen einen Beitrag leisten zur Verbesserung der Kommunikation zwischen Bevölkerung und Wissenschaft. Corona hat gezeigt, dass da auf jeden Fall noch Luft nach oben ist.

SPIEGEL: Frau Wyss, Sie beschäftigen sich bereits seit 1997 mit Liebesbriefen. Wie kam es dazu?

Wyss: Beim Recherchieren stellte ich fest, dass es noch keine Forschung zu Liebesbriefen unbekannter Menschen gibt, eigentlich wollte ich nur einen kleinen Artikel zum Thema schreiben. Ich schaltete Zeitungsannoncen, um an Material zu gelangen – innerhalb von sechs Monaten regnete es 2500 Briefe auf mein Pult. Also wurden die Liebesbriefe Thema meiner Habilitation. Zudem war ich schon immer ein großer Fan der 1977 erschienenen »Fragmente einer Sprache der Liebe« des französischen Intellektuellen Roland Barthes.

SPIEGEL: Darin schreibt Barthes: »Je deutlicher ich die Besonderheit meiner Begierde erlebe, umso weniger kann ich sie benennen.« Wenn man die Liebe gar nicht in Worte fassen kann: Lässt sich dann überhaupt die Sprache der Liebe analysieren?

Wyss: Auf jeden Fall. Wir untersuchen gewisse Merkmale, etwa Satzaufbau und Wortschatz, die Art und Weise, wie man sich anredet, die Situationen, in denen Briefe geschrieben werden. Zudem interessieren wir uns für Alter, Geschlecht und regionale Herkunft der Schreiber, aber auch für Kosewörter und Abschiedsformeln, um nur ein paar Parameter zu nennen.

Treffen am Millerntor, Sonntag 8 Uhr: Klassischer Anbändelbrief

Treffen am Millerntor, Sonntag 8 Uhr: Klassischer Anbändelbrief

Foto: Liebesbriefarchiv an der Universität Koblenz

SPIEGEL: Was sind neben der Zeitungsannonce Ihre weiteren Quellen?

Rapp: Manchmal gibt es Briefspenden in ganzen Kisten, aber auch einzelne Briefe, die irgendwo gefunden oder gekauft und uns dann überlassen werden. Andere Leute kommen vorbei und drücken uns persönlich ihre Liebesbriefe in die Hand. Vieles bekommen wir auch durch Dachbodenfunde oder Haushaltsauflösungen.

SPIEGEL: Sie haben jetzt 20.000 Briefe zusammen. Reicht das?

Rapp: Wir können immer noch mehr gebrauchen, Einsendungen sind jederzeit erwünscht!

SPIEGEL: Sie haben Tausende Liebesbriefe gelesen – nennen Sie uns die beliebtesten Kosewörter!

Wyss: Schatz und Liebling gibt es schon seit dem 19. Jahrhundert. Daneben stammt ein großer Teil aus der Tierwelt: Bärchen, Hase, Mausi und so weiter. Interessant ist hier, dass durchaus auch Namen verwendet werden, die in unserem Kulturkreis eher negative Assoziationen auslösen, wie etwa Wurm und Würmchen, Schnecke und Fledermäuschen. Zudem löst sich bisweilen die Geschlechteridentität auf: »Bär« und »Hase« wird auch für Frauen verwendet. Andere kommen aus der Bibel oder greifen literarische Texte auf.

Rapp: Es gibt auch viele Kosewörter aus dem Bereich der Süßwaren, etwa Törtchen, Schnitte, Zuckerbeinchen, Zuckerschnute.

SPIEGEL: Ein besonders schönes Kosewort, das Sie im Lauf Ihrer Recherche entdeckt haben?

»Du lustiger Firlefanz«: Schmachtbrief von 1931

»Du lustiger Firlefanz«: Schmachtbrief von 1931

Foto: Liebesbriefarchiv an der Universität Koblenz

Wyss: »Du Sapperlotslausbübischtolltrolliges Wesen Du!« Damit bedachte ein gewisser Spitz seine Lisel, seinen »Tiger« in einem Brief von 1930.

SPIEGEL: Seit wann gibt es überhaupt Kosewörter in Liebesbriefen?

Wyss: Schon immer – allerdings lange Zeit nur für Frauen. Erst ab den 1970er-Jahren werden auch die Männer mit Kosenamen bedacht. Zuvor beschränkten sich die Briefschreiberinnen meist auf den Vornamen oder dessen Kurzform.

»Du Sapperlotslausbübischtolltrolliges Wesen Du!«

»Spitz« in einem Brief an »Lisel« vom 31. Mai 1930

SPIEGEL: Sind die Unterschiede zwischen deutschen und Schweizer Kosewörtern groß?

Wyss: In der Schweiz ist der Dialekt nicht als »low variety« angesehen, daher gibt es auch im Schriftlichen viele dialektale Formen und Helvetismen, etwa »Bibbeli« für »kleines Küken« oder »Büsi« für »Katze«. Zudem benutzen die Schweizer noch mehr Diminutive: Schätzeli, Busserli etc. Beide Sprachgemeinschaften haben gemeinsam, dass Liebende oft in die Babysprache verfallen, ja, richtiggehend lallen beim Kommunizieren.

SPIEGEL: Wieso das?

Wyss: Durch die Verwendung wird ein spielerischer sprachlich-sozialer Raum geschaffen und eine weitere Form der Intimität erlebt. Sie scheint den Paaren ein großes Glücksgefühl zu bescheren.

SPIEGEL: Wie hat sich die Funktion der Liebesbriefe gewandelt?

Wyss: Im 19. Jahrhundert dienten Liebesbriefe vor allem der Annäherung der Paare. Man wurde verlobt, ohne sich wirklich zu kennen – über die Verlobungskorrespondenzen fassten die zukünftigen Ehepartner Vertrauen zueinander, schmiedete Pläne, fällten praktische Entscheidungen. Da oft die Familie mitlas, waren diese Liebesbriefe nur in begrenztem Maße romantisch. Mit einer freieren Lebensführung wandelte sich das im 20. Jahrhundert, jetzt ging es tatsächlich vor allem um Gefühle.

SPIEGEL: In welche unterschiedlichen Sorten lassen sich Liebesbriefe einteilen?

Wyss: Da gibt es zunächst etwa das Liebesbekenntnis – man traut sich nicht, die angebetete Person anzusprechen, und schreibt ihr deshalb einen Brief. Dann haben wir den klassischen Anbändelbrief, aber auch die Liebeserklärung, die in der akuten Verliebtheitsphase entsteht: leidenschaftlich, mit viel Pathos, oft etwas stereotyp. Zudem gibt es die Abschiedsbriefe vor Tod oder Trennung sowie die etwas banaleren Plauderbriefe, aber auch die Rückholbriefe, in denen der oder die Liebende um eine zweite Chance bittet. Eine weitere Sorte wären die Konfliktbriefe: Trennen wir uns, trennen wir uns nicht? Unschöne Gefühle werden erst ab den Siebzigerjahren ausdrücklich in Liebesbriefen verhandelt.

SPIEGEL: Zugleich mit dem Thema Sex?

Wyss: Nein, eine erste Welle mit explizit sexuellen schriftlichen Darstellungen finden sich schon in den Zwanziger- und Dreißigerjahren, wobei vieles metaphorisch verklausuliert wird. Einen Backlash gab es im Nationalsozialismus, erst danach werden die Briefe langsam expliziter – bis in den Achtzigerjahren ganz eindeutige Sexbilder auftauchen.

SPIEGEL: Wer schreibt mehr Briefe – Frauen oder Männer?

Wyss: Wir haben deutlich mehr Briefe von Männern im Archiv, was aber auch daran liegen könnte, dass Frauen die Briefe öfter aufheben. Traditionell war der Liebesbrief aber eine eher männliche Gattung: Er ergriff die Initiative, verlieh seinen Gefühlen Ausdruck, sie antwortete, aber bitte nicht zu leidenschaftlich. Das änderte sich im 20. Jahrhundert.

SPIEGEL: Wie originell können Liebesbriefe überhaupt sein?

Wyss: Wörter und Wendungen wiederholen sich immer wieder, ganze Textpassagen scheinen sich zu gleichen. Der Liebesbrief versagt vor dem Wunsch nach Originalität und Einmaligkeit, die Sprache der Liebe kommt einem erst vor wie ein Gefängnis, aus dem es sprachlich kein Entrinnen gibt. Dennoch entstehen durch Variation und Wandel der situativen Kontexte immer wieder erstaunlich spannende neue Formulierungen.

»Die Sprache der Liebe kommt einem erst vor wie ein Gefängnis«

Sprachwissenschaftlerin Lyss

SPIEGEL: Schreiben Liebende alle auf Papier?

Wyss: Manche benutzten auch originellere Materialien. Einer wurde auf ein drei Meter langes Briefband geschrieben, einer auf ein Männertaschentuch – und einer auf eine Schwesternhaube.

SPIEGEL: Die letzte papierne Liebeserklärung habe ich in den frühen Neunzigern aus dem Briefkasten geholt. Bereitete die elektronische Kommunikation dem Liebesbrief den Garaus?

Wyss: Ganz im Gegenteil. Es war eher das das Telefon, das die Gattung Liebesbrief wirklich ernsthaft bedroht hat. Warum sich noch schreiben, wenn man doch auch zum Hörer greifen konnte? Die E-Mail hat dem Liebesbrief eher wieder zu neuem Leben verholfen. Nun war es möglich, sich im Sekundentakt zu schreiben – und das auch noch kostenfrei.

SPIEGEL: Welchen Einfluss haben die Messenger-Dienste auf die geschriebene Liebesbekundung?

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Wyss: Sie wird sehr viel knapper und dialogischer, Sprache wird oft durch Emojis ersetzt. Der Liebesbrief mutiert zur Liebesbotschaft.

SPIEGEL: Wie gehen Sie damit um, beim Liebesbrief-Studium permanent die Nase in Dinge zu stecken, die Sie gar nichts angehen?

Rapp: Na ja, wir Literatur- und Sprachwissenschaftlerinnen lesen ja auch Tagebücher, die ursprünglich nicht für uns bestimmt waren. Wichtig ist es, Distanz zum Forschungsobjekt zu bewahren.

Wyss: Natürlich berührt einen die Lektüre ab und an – aber das geht jedem so, der sich beruflich mit der Leidenschaft beschäftigt.

SPIEGEL: Gibt es Liebesbriefe, die Sie besonders berührt haben?

Wyss: Da gibt es einige. Ein Abschiedsdankesbrief kurz vor dem Tod ist ein trauriges Beispiel, doch auch Liebesbriefe von Kindern sind durch ihre Unbedarftheit oft sehr berührend. Außerdem kommen mir die sehr ängstlich bewundernden Briefe einer heimlichen Geliebten eines prominenten Medienmannes in den Sinn.

SPIEGEL: »Ich küsse und drücke Dich 1095060437082-mal«, schrieb Wolfgang Amadeus Mozart seiner Angebeteten Constanze am 16. April 1789. Verraten Sie uns bitte zum Schluss eine besonders hübsche Abschiedsformel.

Wyss: »S., Du bist mein Ein und Alles, und ich will, dass es eine ganze Weile so bleibt.«

Rapp: Ich habe eine Feldpostkarte meines Großvaters, da schreibt er: »Viele süße heiße Küsse für Mutti und Susilein. Auf ein baldiges Wiedersehen aber wann.« In diesem ansatzlos angehängten »aber wann« erlaubt er sich einen winzigen Moment der Sehnsucht und des Kummers in der ansonsten plaudernden und liebevollen Karte.

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