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Vergessene Pioniere: Wie die Azteken nach Europa kamen

Foto: Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

Kolonialismus Die vergessenen Azteken

Im 16. Jahrhundert versklavten die Spanier viele tausend Azteken. Einige der Ureinwohner überquerten den Atlantik freiwillig: als Forscher, Diplomaten, Kaufleute - eine Studie zeigt, welchen Einfluss sie hatten.

Hernán Cortés erreichte 1528 den spanischen Hof und übergab dem Habsburger-Kaiser Karl V. Schätze aus dem eroberten Mittelamerika: Gold, Silber, Jade. Dazu einen Jaguar, ein Gürteltier und Pelikane. Cortés brachte aber auch Menschen mit: Indigene aus Mittelamerika.

Die Ureinwohner führten vor dem Monarchen Kunststücke auf: Mit Hüften und Ellenbogen hielten sie einen Ball aus Kautschuk in der Luft und jonglierten kleine Baumstämme mit ihren Füßen. Auch der deutsche Maler Christoph Weiditz war bei der Audienz dabei. Er zeichnete die Artisten in ihren fremdartigen Kleidern.

Was der Maler nicht abbildete: 15 Adelige aus dem Aztekenreich, die europäische Gewänder trugen. Sie hatten ebenfalls ihre Heimat verlassen - freiwillig und nicht als Verschleppte. Sie wollten in Spanien forschen, Handelskontakte aufbauen und ihre Städte im fernen Amerika beim Kaiser vertreten.

Dass Weiditz diese Gruppe nicht malte, ist bezeichnend für die europäische Sicht auf Mittelamerika. Über Jahrhunderte erscheinen die Ureinwohner in den Darstellungen vor allem als exotische Wilde. Die Geschichtsschreiber erwähnten sie oft nur im Passiv: Sie wurden von den Europäern unterworfen, ausgebeutet, ausgetrickst, vorgeführt, bekehrt, getauft, vergewaltigt, begehrt, geheiratet, versklavt oder von ihrem Irrglauben an Menschenopfer befreit.

Mächtige Waffen

Die britische Historikerin Caroline Pennock möchte diese Sichtweise ändern. Die Delegation von 1528 ist für sie nur ein Beispiel für die aktive Rolle, die Mittelamerikaner in den transatlantischen Beziehungen einnahmen - und die heute nahezu unbekannt ist. In ihrem jüngsten Aufsatz  bilanziert die Forscherin: "Für die Indianer konnte der Ozean Chance, Weg, Marktplatz, Rätsel, Abenteuer und Tragödie sein."

Als Cortés' im Frühjahr 1519 an Land ging, dominierte ein Dreibund der Stadtstaaten Tenochtitlan, Texcoco und Tlacopan weite Teile des heutigen Mexiko. Das Aztekenreich war kein Zentralstaat, sondern ein loser Verband - in mancher Hinsicht vergleichbar mit dem antiken Griechenland. Die "großen Drei" zwangen kleineren Gemeinwesen hohe Tribute auf. Moctezuma, der Herrscher der Stadt Tenochtitlan, in der den Quellen nach etwa 200.000 Menschen gelebt haben sollen, kassierte mehr als die Hälfte.

Von seinen Boten erfuhr Moctezuma bald, dass die Spanier mächtige Waffen besaßen: Ihre Eisenpanzer schützen sie vor den Pfeilen der Ureinwohner, ihre Pferde zertrampelten alles, was ihnen in den Weg kam, und ihre Feldkanonen verschossen Schrotladungen, die sogar mehrere Krieger gleichzeitig töten konnten. Bislang hatte die militärische Übermacht des Dreibundes das fragile Aztekenreich zusammengehalten. Angesichts der spanischen Superwaffen musste Moctezuma nun aber fürchten, dass seine Vasallen sich von ihm abwenden könnten.

Die Rache der Übersetzerin

Eine wichtige Gegnerin Moctezumas war Malinche. Die Indigene übersetzte für Cortés, führte Verhandlungen und wurde später auch seine Geliebte. Sie stammte aus einer Stadt, die einst die Azteken unterworfen hatten, und war als Kind als Sklavin verkauft worden. Sie half den Spaniern vermutlich aus persönlicher Rache - und um die Lage ihrer Heimat zu verbessern. Die US-Historikerin Camilla Townsend beschreibt Malinche in einer Biografie als Strategin, "die ihren Handlungsspielraum über Jahre vergrößern konnte".

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Vergessene Pioniere: Wie die Azteken nach Europa kamen

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Moctezuma war nicht naiv. Die Legende, dass er Cortés für einen Gott gehalten und daher nichts gegen ihn unternommen habe, ist eine spätere spanische Erfindung. Cortés selbst schrieb in seinen frühen Briefen aus Mittelamerika nie, dass die Ureinwohner ihn vergöttert hätten.

Offenbar begriff Moctezuma, dass ein Krieg gegen die Spanier die Dominanz Tenochtitlans unweigerlich beenden würde. Selbst wenn die Azteken eine Schlacht gewinnen sollten, würden sie viele Krieger verlieren. Außerdem berichteten Moctezumas Kundschafter, dass vor der Küste weitere spanische Schiffe aufgetaucht waren. 

Suizide auf dem Weg nach Europa

Als Cortés Armee nach Tenochtitlan kam, suchte Moctezuma daher eine diplomatische Lösung. Die Verhandlungen scheiterten jedoch an Missverständnissen und der Gier der Spanier. Nach einem kurzen Krieg und einer Pockenepidemie  war Moctezuma tot und seine Stadt lag in Trümmern.

Die Spanier gaben sich mit dem Sieg nicht zufrieden. Sie plünderten die Aztekenstädte und raubten Menschen. Historiker schätzen, dass die Eroberer im 16. Jahrhundert 650.000 Ureinwohner aus Amerika verschleppten und zur Arbeit zwangen – obwohl ein Gesetz die Versklavung ab 1542 offiziell verbot. Einen Teil der Indigenen brachten sie in andere Kolonien, um sie dort auf Plantagen auszubeuten.

Den Rest aber, darunter vor allem Frauen und Kinder, schifften die Eroberer nach Spanien und ließen sie dort in ihren Haushalten schuften. Die Verschleppten litten während der wochenlangen Überfahrt ähnlich schlimm wie die etwa 300.000 Afrikaner, die im selben Zeitraum in die andere Richtung, nach Westen, verschifft wurden. Etliche Indigene sprangen wohl aus Hunger, Schmerz und Verzweiflung von Bord.

Für die aztekische Elite aber eröffnete der Seeweg auch neue Chancen. Sie ließen vermehrt Waren herstellen, die sie bei den Spaniern gegen Eisenwerkzeuge oder Pferde tauschen konnten. Neben Gold und Silber begehrten die Eroberer vor allem die Cochenille-Schildlaus. Sie lebt auf Kakteen und enthält den Farbstoff Karmin – das satte Rot sollte zum Zeichen für die Kleidung der Kardinäle werden.

Heimliche Chronisten

Manche Azteken reisten selbst nach Europa. Noch bevor Cortés Tenochtitlan erobert hatte, sprachen etwa Vertreter einer kleineren Stadt am spanischen Hof vor, übergaben eine Sonne aus Gold und richteten friedliche Grüße aus. 1525 gewährte der Kaiser zwei Söhnen Moctezumas großzügige Stipendien, damit sie in einem spanischen Kloster Latein, Lesen und Schreiben lernten. In den Folgejahren förderte der spanische Monarch Dutzende Ureinwohner in der Erwartung, dass sie die Kolonialherrschaft stützten und das Christentum verbreiteten.

Die Studenten machten schnell Fortschritte: Ein Azteke schrieb ein Traktat über Heilpflanzen, das bald Gelehrte in England und im Vatikan studierten. Ein anderer verfasste ein einflussreiches Werk über lateinische Grammatik. Weil die mittelamerikanischen Intellektuellen ihre Schriften mit lateinischen Namen zeichneten, wussten viele Zeitgenossen nicht, dass sie aus der Feder von Indigenen stammten.

Manche aztekischen Studenten emanzipierten sich vom Lehrplan der Klöster. Sie verschriftlichten ihre Sprache Nahuatl mit lateinischen Lettern, um so heimlich die Geschichte und Mythen ihrer Heimat aufzuschreiben – heute sind diese Annalen eine wichtige historische Quelle.

Trinkschokolade für den Kaiser

Auch die indigenen Diplomaten setzten bisweilen ihre Interessen am spanischen Hof durch. Eine Gruppe erreichte etwa, dass ihre Heimatstadt Tlaxcala unter den Schutz der Krone gestellt wurde und sich weitgehend selbst verwalten durfte. Der Fürst aus einer anderen Stadt klagte vor einem spanischen Gericht, dass die Spanier übermäßig brutal gegen seine Leute vorgegangen waren. Das Urteil ist nicht überliefert, aber allein sein Plädoyer zeigt, wie gut sich manche Indigene im spanischen Recht auskannten.

Die Azteken brachten auch ihr Essen mit. Für den Kaiser bereiteten sie eigens eine Trinkschokolade zu. Andere Delegationen führten vor, wie man Tabak raucht und Tomaten isst. Ohne diese Auftritte wäre die Nachfrage der Europäer nach amerikanischen Waren kaum so schnell gestiegen.

Doch die indigenen Diplomaten, Wissenschaftler und Handelsvertreter gerieten schnell weitgehend in Vergessenheit. Europäische Autoren der Frühen Neuzeit erwähnten die Verdienste der Mittelamerikaner nur selten. Später stützen sich Historiker vor allem auf europäische Quellen.

Diese Ignoranz wirkt bis in die Gegenwart fort. Historikerin Pennock zeigt das in ihrer Studie an einem einfachen Beispiel: Wer heute an Tomaten denkt, wird wahrscheinlich an Pamplona oder Italien denken. Dabei kommt die Frucht aus Mexiko: ihr Name leitet sich vom Nahuatl-Wort xītomatl ab.

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