Kolonialismus in Tansania "Aus der Nummer kommt Deutschland nicht heraus"

Nach den Herero und Nama aus dem früheren Deutsch-Südwestafrika verlangt nun auch Tansania Entschädigung für die Taten der ehemaligen Kolonialmacht. Togo, Kamerun und Südseeinsulaner könnten folgen - eine Prozesslawine droht.
Ein Soldat in deutschen Diensten mit Fez, Gewehr und rötlicher Uniform bewacht in Ketten gelegte Gefangene im ehemaligen Deutsch-Ostafrika

Ein Soldat in deutschen Diensten mit Fez, Gewehr und rötlicher Uniform bewacht in Ketten gelegte Gefangene im ehemaligen Deutsch-Ostafrika

Foto: imago/ United Archives

"Der Sultan soll Frieden haben, und zwar den ewigen Frieden", zürnte der Mann mit dem Walrossbart. "Ich will den Wagogo zeigen, was die Deutschen sind." Dann gab Carl Peters, Gründer der Kolonie Deutsch-Ostafrika, den Befehl: 'Plündert das Dorf und werft Feuer in die Häuser hinein, zerschlagt alles, was nicht brennen will.' Umgehend fingen seine Männer an, "auf die Horden, welche von Osten herandrängten, in der Seite und im Rücken zu schießen. In wilder Flucht stoben dieselben auseinander."

Den Massai, einem anderen Stamm auf dem Gebiet des heutigen Tansania, ging es nicht besser, wie der rassistische Kolonialpolitiker Peters in seinem 1891 erschienenen Buch "Die deutsche Emin-Pascha-Expedition" notierte: "Als die Adventsglocken in Deutschland zur Kirche riefen, prasselten Flammen über das große Kral an allen Seiten gen Himmel."

Wo Peters auftauchte, blieben Dörfer voller Leichen zurück, gelegentlich wurden Gräuel begangen, wie man sie heute nur noch von islamischen Gotteskriegern kennt. So beschrieb Peters 1891 auch ein Massaker, in dem "unsere Leute den Massai-Leichen die Köpfe abschnitten und solche in weitem Bogen unter deren Stammesgenossen unten am Hügel hinunterschleuderten". Gräueltaten wie diese waren nicht ungewöhnlich - für keine Kolonialmacht in der damaligen Zeit. Doch nun, mehr als 120 Jahre nach den Bluttaten, verlangt Tansania Entschädigung von Deutschland. Wieso jetzt - und hat die Klage Aussicht auf Erfolg?

Wagogo und Massai hatten es gewagt, sich Peters zu widersetzen: einem intellektuellen Imperialisten, der über den Pessimisten Arthur Schopenhauer promoviert hatte. Doch da kannte der Herrscher aus dem Hannöverschen kein Pardon und antwortete mit Pulver und Blei. "Widerstand wurde fast jedes Mal brutal niedergeworfen", sagt der Historiker und Afrika-Experte Jürgen Zimmerer von der Universität Hamburg: "Es wurden Strafexpeditionen in Marsch gesetzt, die regelrecht Blutbäder unter der einheimischen Bevölkerung anrichteten: in Südwestafrika, in Ostafrika, aber auch in Togo, Kamerun oder in der Südsee."

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Gräueltaten der Kolonialherren: "Plündert das Dorf und werft Feuer in die Häuser hinein"

Lange Zeit sei das Interesse an diesem dunklen Kapitel deutscher Geschichte gering gewesen, hat der Professor für Neuere Geschichte (Spezialgebiet Kolonialismus) beobachtet: "Doch das ändert sich gerade." Als das Deutsche Historische Museum im Herbst 2016 die Ausstellung "Deutscher Kolonialismus - Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart" eröffnete, sei es von Besuchern geradezu überrannt worden.

"Obwohl das Deutsche Reich von 1884 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918 eine der großen europäischen Kolonialmächte war, rückt die koloniale Vergangenheit in Deutschland erst seit wenigen Jahren zunehmend ins öffentliche Bewusstsein", sagt Zimmer - ein Trend, den auch die Ausstellungsmacher erkannt hatten.

Entschädigungsforderungen aus Tansania

Gut möglich, dass das neu entflammte Interesse damit zu tun hat, dass es in den ehemaligen Kolonien gerade rumort: Seit Jahren schon fordern Herero und Nama aus dem ehemaligen Deutsch-Südwest Wiedergutmachung. Vor Kurzem haben Vertreter ihrer Stämme vor einem Gericht in New York eine Sammelklage gegen Deutschland eingereicht. Sie wollen Entschädigung für den Tod von bis zu 60.000 Herero und 10.000 bis 20.000 Nama.

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Völkermord: Südwestafrika: "Gewalt mit krassem Terrorismus ist meine Politik"

Nun melden auch die Tansanier Ansprüche an. Man werde sich demnächst an die Bundesregierung wenden, eine Entschuldigung und auch finanzielle Entschädigung verlangen, ließ Hussein Mwinyi, der Verteidigungsminister des von deutscher Entwicklungshilfe seit Jahrzehnten reich bedachten Landes, wissen.

Unterstützung erhalten die Afrikaner dabei von dem Linken-Politiker Niema Movassat, der in einem Interview sagt: "Es gibt auf jeden Fall eine moralische und historische Pflicht für Deutschland, Entschädigungen zu zahlen."

Blutig niedergeschlagener Maji-Maji-Aufstand

Dass Tansanier und Namibier mit ihren Klagen vor Gericht Erfolg haben, schätzt Experte Zimmerer als eher unwahrscheinlich ein: "Es ist fraglich, ob man rechtlich Wiedergutmachung für Dinge erstreiten kann, die so lange zurückliegen."

Wenn sie Erfolg hätten, müssten dann nicht auch die Mongolei für die Raubzüge Dschingis Khans oder Frankreich für die Verfehlungen Napoleons zur Rechenschaft gezogen werden können?

Im Fall Kenias indes liegen die Dinge anders: Dort klagten noch lebende Opfer der britischen Kolonialherrschaft, die erst 1963 ein Ende fand, mit Erfolg gegen die Regierung in London und erstritten 19,9 Millionen Pfund Entschädigung. Als sich in den Fünfzigerjahren sogenannte Mau-Mau-Krieger vom Stamm der Kikuyu gegen die Krone erhoben, waren sie in britischen Lagern gefoltert worden.

Die Ereignisse in Deutsch-Südwest und Deutsch-Ostafrika, wo allein während des Maji-Maji-Aufstands (1905 bis 1907) durch Hunger und Krieg zwischen 75.000 und 300.000 Menschen - unter ihnen 15 Europäer - ums Leben gekommen sein sollen, geschahen allerdings vor mehr als hundert Jahren. Verhandelt wird mit den Nachkommen der Opfer.

Verquerer Umgang mit der Kolonialgeschichte

"Es ist eher eine moralische als eine juristische Frage", sagt Zimmerer. Er hat sein Büro in der feinen Hamburger Rothenbaumchaussee - nicht weit von dort, wo einst die sogenannten Schutztruppler (Angehörige der militärischen Einheiten in den Kolonien) "Heia-Safari!" singend in See stachen, Reeder wie Adolph Woermann ihr Vermögen machten, Kolonialwaren umgeschlagen wurden.

Über die Dynamik der Ereignisse kann der Historiker nur den Kopf schütteln. Denn törichter, als deutsche Politiker es tun, kann man mit der Kolonialgeschichte, die ja ausreichend gut dokumentiert ist, kaum umgehen:

  • Bisher verhandelte die Bundesregierung stets nur mit der namibischen Regierung, wenn es um Entschädigung für die Taten der Schutztruppler ging - und überwies fleißig Geld nach Windhuk. Dabei besteht die Führungsclique des Landes fast ausschließlich aus Angehörigen des Ovambo-Stammes. Und die sind den eigentlich Leidtragenden der Kolonialherrschaft nicht gerade in Freundschaft zugetan.

  • Lange konnten sich deutsche Regierungen nicht einmal zu einer Entschuldigung bei den Herero hinreißen. "Damit hatten sie die Sache schon unnötig an die Wand gefahren", so Zimmerer: "Den Herero ging es hauptsächlich um eine Würdigung des Unrechts, das ihnen angetan wurde."

  • Zudem zierte sich die Bundesrepublik lange, das Gemetzel an den Herero als Völkermord zu bezeichnen. Zum einen sind sich selbst Historiker darüber nicht einig, ob der Begriff auf das Gemetzel in der Dornbuschsavanne zutrifft. Zum anderen gibt es den Tatbestand des Völkermords erst seit der Völkerrechtskonvention von 1948. Da lag das Herero-Sterben aber bereits 44 Jahre zurück, deshalb waren frühere Klagen auch immer abgewiesen worden. Leben kam in die Sache indes, als der Bundestag am 2. Juni 2016 den Genozid der Türken an den Armeniern (1915/16) als Völkermord verurteilte.

"Historische Wahrheit kann man nicht im Parlament feststellen", sagte Zimmerer und bezeichnet die Bundestagsresolution als "Sündenfall". Der Historiker: "Wer für sich eine besondere moralische Integrität in Anspruch nimmt, muss sich daran eben selber messen lassen."

Dass sich nun die Tansanier mit eigenen Ansprüchen melden, wundert Zimmerer kaum: "Die nächsten werden die Togoer und Kameruner sein, und vielleicht erinnert man sich auch in der Südsee noch an deutsche Kolonialverbrechen." Sein Fazit: "Aus der Nummer kommt Deutschland nicht heraus."