Der SPIEGEL

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06. März 2016, 18:38 Uhr

Koloniale Vergangenheit

"Konzept des rassistischen Terrors"

Von und , SPIEGEL GESCHICHTE

Ist die koloniale Vergangenheit wirklich vergangen? Ein Interview mit dem Historiker Jürgen Zimmerer

SPIEGEL: Herr Professor Zimmerer, bis zum Ersten Weltkrieg gehörte Deutschland zu den großen Kolonialmächten mit Besitzungen in Afrika, Asien und im Pazifik. Das ist aber kaum mehr ins öffentliche Bewusstsein gedrungen. Leiden wir unter kolonialer Amnesie?

Zimmerer: Lange war es so, aber das beginnt sich zu ändern. Zum Kolonialismus ist, anders als zum Nationalsozialismus, insgesamt noch keine kritische Haltung entstanden. Viele wissen nicht, dass ein Lothar von Trotha, nach dem ein Studentenwohnheim der Hamburger Helmut-Schmidt-Universität benannt ist, nach heutigen Kriterien ein Kriegsverbrecher war. Er hat den Tod von Zehntausenden Menschen im jetzigen Namibia zu verantworten. Heute würde er vor Gericht gestellt werden.

SPIEGEL: Darauf wird öffentlich seit Jahren hingewiesen, trotzdem passiert nichts.

Zimmerer: Deutschland war nur kurze Zeit eine Kolonialmacht, 30 Jahre lang, nicht viel angesichts der Dauer anderer Kolonialreiche. Das hat dazu geführt, dass der Kolonialismus als unbedeutend für die deutsche Geschichte abgetan und letztendlich auch verniedlicht wurde - und noch wird.

SPIEGEL: Die Wirklichkeit verschwindet hinter nostalgischen Bildern wie der fernen Erinnerung an den Kolonialwarenladen. Hat Deutschland von seinen Kolonien profitiert, oder war das Ganze ein Zuschussgeschäft?

Zimmerer: Bis auf Samoa und Togo, das damals "Togoland" genannt wurde, waren es überall Verlustgeschäfte. Bestimmte Gruppen haben dennoch von den Kolonien profitiert.

SPIEGEL: Auch bestimmte Städte wie Hamburg?

Zimmerer: Bestimmte Städte und bestimmte Gruppen in Städten wie Hamburg. Beispielsweise wurden während des Völkermordes an den Herero und Nama im heutigen Namibia etwa 90 Prozent der Truppen, der Transporttiere und des Nachschubs in Hamburg eingeschifft. Händler, Reeder, Hoteliers und die Reeperbahn erzielten dadurch Gewinn. Das ist bislang kein Thema, wir tun immer noch so, als hätte es das nicht gegeben. Hamburg lobt sich selbst als Tor zur Welt. Aber diese Welt war bis in die Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts eine koloniale Welt. Man handelte mit Kolonien und Kolonialmächten, man kaufte und verkaufte Kolonialwaren.

SPIEGEL: Aber die Händler waren doch nicht unbedingt Nationalisten oder Rassisten, die dachten doch eher global, oder?

Zimmerer: Sie waren nicht notwendigerweise Nationalisten, konnten es aber sein. Otto von Bismarck war ein Gegner der kolonialen Ausdehnung. Aber 1884 änderte er seinen Kurs unter anderem auf Drängen der Handelskammer Hamburg. Deren Argument war, Handelsstützpunkte müssten militärisch gesichert werden. Außerdem sagten die Kolonialbefürworter, die Überseegebiete sollten deutsche Siedler aufnehmen. Deutschland hatte damals einen Geburtenüberschuss und fürchtete, seine Bevölkerung nicht ernähren zu können. An fremde Siedlungsgebiete verlieren wollte man diese Bevölkerung jedoch auch nicht.

SPIEGEL: Ist die berühmte Hamburger Speicherstadt, die 1888 durch Kaiser Wilhelm II. feierlich eingeweiht wurde, ein Ergebnis der Kolonialwirtschaft?

Zimmerer: Ja, dort lagerten die Waren aus den Kolonien - heute ist sie Unesco-Weltkulturerbe. Durchaus zu Recht, man sollte nur die Erinnerung an die problematischen Seiten nicht vergessen. Auch die Universität Hamburg ging 1919 unter anderem aus dem 1908 gegründeten Deutschen Kolonialinstitut hervor. Die Handelsmetropole war an kolonialem Wissen interessiert, etwa über Wirtschaft und Geografie. Und die das Kolonialinstitut tragende wissenschaftliche Stiftung wurde zu einem großen Teil finanziert von dem Unternehmer Alfred Beit, der sein Geld mit Gold und Diamanten in Südafrika als Partner von Cecil Rhodes gemacht hatte.

SPIEGEL: Sie leiten eine Forschungsstelle zur Aufarbeitung des kolonialen Erbes in Hamburg. Stoßen Sie dabei auf Widerstände?

Zimmerer: Ja, die gibt es durchaus. In der Handelskammer Hamburg etwa sehe ich widersprüchliche Positionen, die von totaler Ablehnung und Blockade bis zu einem grundsätzlichen Verständnis für unser Anliegen reichen. Manche Firmen weigern sich zudem immer noch, Historiker in ihre Archive zu lassen. Die Bereitschaft, das Thema anzupacken, ist in der Wirtschaft eher gering.

SPIEGEL: Nach dem Ersten Weltkrieg mussten die Deutschen ihre Kolonien aufgeben. War das womöglich ein Segen, weil die Nazis dann nicht auch noch Überseegebiete beherrschten?

Zimmerer: Meines Erachtens endete die deutsche Kolonialgeschichte nicht 1919, sondern 1945. Die nationalsozialistische Politik wechselte nur den Ort des Kolonialismus, das Ziel hieß nun Osteuropa. Hitler bezeichnete Russland etwa als "unser Indien".

SPIEGEL: Schon in "Mein Kampf" hatte Hitler gesagt, lediglich der Boden könne germanisiert werden, nicht die dort lebenden Menschen - ein Aufruf zum Völkermord. Damit ging er viel weiter als das Kaiserreich.

Zimmerer: Wenn Sie sich Generalleutnant Lothar von Trotha ansehen, der die Herero aus dem Land treiben oder vernichten wollte, sehen sie schon ein ähnliches Herangehen. Als ihn Gouverneur Theodor Leutwein darauf hinwies, dass nach der Vernichtung der Herero diese dann als Arbeitskräfte fehlten, entgegnete Trotha, dann müssten eben die deutschen Siedler dort selbst Hand anlegen. Das ist die Logik exterminatorischer Siedlungspolitik, der auch die spätere völkische Politik folgte, die ebenfalls davon ausging, dass man die einheimische Bevölkerung gar nicht braucht.

SPIEGEL: Es war die Meinung eines einzelnen Kommandeurs in einer militärischen Konfrontation, kein Plan der Reichsregierung. Dafür gab es auch im Reichstag nie eine Mehrheit.

Zimmerer: Ja, eine solche Mehrheit gab es nicht. Trotha ist aber immerhin derjenige, den das Deutsche Reich losschickt, um diesen Krieg zu gewinnen. Man lässt ihn dort wüten. Generalstabschef Alfred von Schlieffen sagte, dass man Trotha darin, dass er die Herero vernichten wolle, nur beistimmen könne. Und Trotha fiel 1905 nicht in Ungnade, weil er zu brutal war, sondern weil er zu wenig Erfolg hatte. Damit war man schon nahe an dem, was dann im Zweiten Weltkrieg in Osteuropa passierte.

SPIEGEL: Aber war die Brutalität der Kolonialherren etwas Besonderes? Den Deutschen wurden durch die Versailler Verträge die Kolonien genommen, weil die Sieger des Ersten Weltkrieges sie als nicht kolonialfähig einstuften. Danach aber gingen Großbritannien in Indien und Frankreich in Indochina und Algerien extrem blutig gegen antikoloniale Volksbewegungen vor. War da auch Heuchelei im Spiel?

Zimmerer: Die Argumentation war tatsächlich absurd. Denn die Sieger übergaben beispielsweise Ruanda und Burundi an Belgien, das im Kongo extrem brachial geherrscht hatte. Der Vorwurf, sie seien nicht kolonialfähig, hat die Deutschen sehr verletzt. Ein Teil der Kolonialanhänger unterstützte die NSDAP in der Hoffnung, sie werde die Kolonien zurückholen. Zur Demütigung der Deutschen gehörte auch, dass die Franzosen Anfang der Zwanzigerjahre, als sie das Rheinland okkupierten, dort Truppen aus dem Senegal einsetzten. Das war quasi eine Umkehrung der kolonialen Situation.

SPIEGEL: In deutschnationalen Flugblättern war von "schwarzer Schmach an Rhein und Ruhr" die Rede.

Zimmerer: Da wurde üble rassistische Propaganda betrieben, verstärkt noch mit erfundenen Behauptungen über massenhafte Vergewaltigungen deutscher Frauen durch Soldaten aus Afrika. Die so geschürte Angst vor dem schwarzen Mann wirkt bis heute fort, auch gegenüber Geflüchteten.

SPIEGEL: Gab es etwas, das die Deutschen besser gemacht haben als die anderen Kolonialmächte?

Zimmerer: Nein, die Liste der Grausamkeiten ist lang. Neben dem Genozid an den Herero steht noch die Niederschlagung der Maji-Maji-Bewegung in Ostafrika. Neuere Forschungen zeigen auch, dass es erhebliche Gewalt in den Südseebesitzungen gab. Das relativ milde Regime in Samoa blieb die Ausnahme. Lothar von Trotha vertrat bereits 1897 die Ansicht, es gebe einen Rassenkrieg zwischen Afrikanern und Europäern, der mit der Vernichtung einer Seite enden werde. Das war ein Konzept des rassistischen Terrors.

SPIEGEL: Die Bundesrepublik tut sich bis heute schwer mit der Erinnerung an den Genozid in Südwestafrika. Fürchtet man finanzielle Forderungen?

Zimmerer: Das spielt eine Rolle. Denn die Berliner Regierungsjuristen wollen Präzedenzfälle vermeiden. Nachfahren der Herero hatten schon vor Jahren vor einem US-Gericht zwei Milliarden Dollar Wiedergutmachung gefordert. Die Angst in Berlin ist: Wenn man anfängt, Entschädigungen für Tote zu zahlen, könnte es im Endeffekt sehr teuer werden, wenn wir an die Folgen der Naziherrschaft denken. Ein Diplomat sagte mir: Wenn wir dieses Prinzip anerkennen würden, dann wären wir pleite. Aber immerhin dürfen seit Juli 2015 deutsche Diplomaten hinsichtlich der Herero und Nama von Genozid reden.

SPIEGEL: Die Bundesrepublik war auch selbst in den Kolonialismus verstrickt. Bis zum Sturz des rechtsautoritären Regimes in Portugal 1974 unterstützte Bonn dessen Kolonialpolitik mit Waffenlieferungen. Ist diese Geschichte aufgearbeitet?

Zimmerer: Nein. Portugal war Nato-Gründungsmitglied und hat sich früh für den Nato-Beitritt Westdeutschlands eingesetzt. Das portugiesische Regime erhielt von der Bundesrepublik politische und militärische Hilfe. Ohne deutsche Waffen hätten die Portugiesen ihre Kolonialkriege etwa in Angola und Mosambik gar nicht so lange führen können.

SPIEGEL: In den Sechzigerjahren gab es eine verbreitete Hoffnung, die Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonien werde rasch Demokratie und Wohlstand bringen. Doch vielerorts entstanden korrupte Regime und Diktaturen, es kam zu Bürgerkriegen. War dafür ausschließlich die koloniale Vergangenheit verantwortlich?

Zimmerer: Das nicht. Aber der Kolonialismus hat eine Erblast hinterlassen, die sich etwa in ethnischen Konflikten zeigt. Die Grenzen in Afrika wurden 1885 auf der Kongo-Konferenz in Berlin ohne Rücksicht auf örtliche Gegebenheiten gezogen. So kamen verfeindete Gesellschaften in einen Staat. Die europäischen Mächte hatten zudem ihre Kolonien nicht auf die Unabhängigkeit vorbereitet. Trotzdem kann man nicht jedes korrupte und brutale Regime der früheren Kolonialherrschaft anlasten.

SPIEGEL: Waren nicht manche afrikanische Diktatoren wie Mobutu Sese Seko in Zaire oder der bizarre "Kaiser" Bokassa in Zentralafrika neokoloniale Marionetten, von den USA abhängig der eine, von Frankreich der andere?

Zimmerer: Mobutu war mithilfe des amerikanischen Geheimdienstes an die Macht gekommen, als Gegner des charismatischen Volkshelden Patrice Lumumba, den die CIA 1961 beseitigen ließ. Koloniale Strukturen endeten nicht mit dem Ende formaler Kolonialherrschaft.

SPIEGEL: Jean-Paul Sartre schrieb in seinen Essays, der Kolonialist und der Kolonialisierte seien gleichermaßen aneinandergekettet und in einem Räderwerk des kolonialen Apparates gefangen. Hat die Herrschaft der Europäer damit Täter wie Opfer deformiert?

Zimmerer: Auch der antikoloniale Theoretiker Frantz Fanon hat darauf hingewiesen, dass der Kolonialismus alle zuvor vorhandenen Strukturen zerstört hat. Deshalb war ein Rückgriff auf traditionelle Systeme nicht möglich. Die unabhängig gewordenen Staaten setzten die frühere Zwangsmodernisierung fort, in der Hoffnung, die Unterentwicklung zu überwinden.

SPIEGEL: Die Integration von Weißen in die neuen Nationalstaaten Afrikas gelang kaum. Aus Angola und Mosambik flüchteten etwa 90 Prozent der Portugiesen. War das unausweichlich?

Zimmerer: In Südafrika und Namibia hat es besser funktioniert, auch weil es schließlich zu einem friedlichen Wandel kam. In Angola und Mosambik tobte erst ein Kolonialkrieg und dann Jahrzehnte lang ein Bürgerkrieg innerhalb der schwarzen Mehrheitsgesellschaft. Dort wurde gleichsam stellvertretend der Ost-West-Konflikt zwischen den politischen Systemen ausgetragen.

SPIEGEL: Waren Befreiungsbewegungen wie MPLA in Angola oder Frelimo in Mosambik wirklich Befehlsempfänger der Sowjetunion? Oder suchten diese Gruppen Hilfe in Moskau, weil die westliche Politik in ihnen keine Partner sah?

Zimmerer: Der Kalte Krieg hatte einen Rahmen geschaffen, den die Befreiungsbewegungen für sich nutzten, indem sie die Gegner gegeneinander ausspielten. Letztendlich lehnten sie sich an die Sowjets und die Kubaner an, bloße Marionetten waren sie nie.

SPIEGEL: Die Kubaner haben in Angola nicht nur als Soldaten gekämpft. Sie halfen auch ganz zivil als Ärzte und Lehrer, übrigens bis heute.

Zimmerer: Die kubanische Intervention ab 1975 in Angola war auch eine Folge einer Invasion der Armee des südafrikanischen Apartheid-Regimes. Wobei die Südafrikaner von den USA unterstützt wurden. Das Ganze bewegte sich in der Logik eines Stellvertreterkampfes. Der Konflikt wurde erst gelöst, als Michail Gorbatschow das kommunistische Regime abbaute und dann die Südafrikaner aus dem von ihnen besetzten Namibia abzogen.

SPIEGEL: Ist der Zerfall arabischer Staaten etwa im Norden Afrikas eher eine Folge des Kolonialismus oder ein Scheitern der postkolonialen arabischen Staatlichkeit?

Zimmerer: Es ist beides und auch das Scheitern einer westlichen Politik, die neokoloniale Züge hat. War es nicht abzusehen, dass eine militärische Intervention etwa in Libyen auch zu einer Gegenreaktion führen würde? Man kann die Frage stellen, ob sich die Politik Washingtons und der Nato nach dem 11. September 2001 in neokolonialen Traditionen bewegt hat. Wir im Westen nehmen wohl nicht immer wahr, wie Interventionen ehemaliger Kolonialmächte in den früheren Kolonien ankommen.

SPIEGEL: Hat die Kolonialgeschichte womöglich nie aufgehört? Gibt es mehr Kontinuität als Brüche?

Zimmerer: Wenn man Kolonialismus breiter versteht, auch als das selbst gesetzte Recht, irgendwo Regime zu wechseln; wenn man ihn als ein System ungleicher Beziehungen sieht, dann kann man sagen, dass wir noch in einer kolonialen Welt leben.

SPIEGEL: Im Oktober vorigen Jahres hat Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen angekündigt, Berlin werde das militärische Engagement in den Norden Malis ausdehnen. Sind die Deutschen dabei in der Gefahr, neokoloniale Strukturen zu stützen und in sinnlose Kriege zu geraten? Zugespitzt: Was unterscheidet den deutschen Soldaten in Afrika heute von dem vor mehr als einhundert Jahren?

Zimmerer: Wahrscheinlich unterscheidet ihn die Intention, warum er glaubt, dort zu sein. Was ihn nicht unterscheidet, ist sein Bild in der Wahrnehmung derer, auf die er dort trifft. Und er unterstützt korrupte Regime. Interventionen, auch wenn sie humanitär gemeint sind, werden als neokolonial wahrgenommen. Das bedeutet, dass es schwere Rückschläge und Widerstände geben kann.

SPIEGEL: Herr Professor Zimmerer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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