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Adenauer-Beisetzung: Als eine Ära endete

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Adenauers Staatsbegräbnis 1967 Pompöser Abschied vom Bundeskanzler

Starfighter gaben dem Sarg "himmlischen Schutz": Vor 50 Jahren trug die Bundesrepublik Konrad Adenauer zu Grabe. Unter den Trauergästen war auch Jungpolitiker Helmut Kohl - die Feier beeindruckte ihn stark.

Um 20.58 Uhr senkte sich der Sarg in die Erde. Monsignore Paul Adenauer, katholischer Theologe, sprach die letzten Gebete für seinen Vater, drei Schuss Salut donnerten durchs Tal. Dann wurde es still im Löwenburger Tal. Der "Alte" war an seiner letzten Ruhestätte angelangt, dem Waldfriedhof von Rhöndorf, nahe seinem Wohnhaus und dem geliebten Rosengarten.

Und wer drängelte sich am Grab von Konrad Hermann Joseph Adenauer in die erste Reihe? Der Schützenkönig der Rhöndorfer Hubertus-Schützengesellschaft sprach zu einem der Sargträger: "Hör mal, du bist ja noch so jung, und da hätt ich gerne, wenn ich oben am Grab stehe, dat ich dann vorne hinkomme." Und so geschah es.

Das erzählte Karl-Josef Stang, der verdrängte Sargträger, in der WDR-Dokumentation "Adenauers letzte Reise". Die Beerdigung des ersten Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland ging in die Geschichte ein als das prunkvollste, pompöseste aller Staatsbegräbnisse. Eine Beisetzung wie für einen König.

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Adenauer-Beisetzung: Als eine Ära endete

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Knapp hundert Länder schickten ihre Vertreter an den Rhein, die internationale Anteilnahme übertraf sogar die Beerdigung von Papst Johannes XXIII. vier Jahre zuvor. Adenauers Beisetzung war ein weltweites Medienereignis mit TV-Liveübertragungen selbst in die USA und Japan - und geschätzten 400 Millionen Zuschauern.

Inspiriert von Churchill

Unter den Trauergästen war auch der Mann, dessen Beisetzung am 1. Juli zuletzt zu bitterem Streit führte: der spätere Karikaturenkanzler Helmut Kohl. Damals war er 37 Jahre alt, Landes- und Fraktionsvorsitzender der CDU in Rheinland-Pfalz und als jüngstes Mitglied im Bundesvorstand eine der großen Nachwuchshoffnungen. Der Staatsakt für Adenauer sei ihm "unvergessen geblieben", erinnerte sich Kohl später an die "überwältigenden" Trauerfeierlichkeiten.

Organisator war Adenauers langjähriger, wegen seiner NS-Vergangenheit umstrittener Staatssekretär Hans Globke. Noch zu Lebzeiten hatte Adenauer ihn mit der Inszenierung beauftragt - inspirieren ließ Globke sich von einem Farbfilm der pompösen Beisetzung Winston Churchills zwei Jahre zuvor.

Adenauer-Quiz: Kennen Sie Konrad?
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Im Januar 1965 war der Leichnam des früheren britischen Premierministers nach Aufbahrung in der Westminster Hall und Requiem in der St. Paul's Cathedral zunächst über die Themse, dann mit der Bahn zur privaten Beisetzung ins Familiengrab in Bladon übergeführt worden.

Mindestens so feierlich sollte es auch beim deutschen Staatsbegräbnis zugehen. Die Kunde von Adenauers Tod kam just in dem Moment, als die deutschen Regierungsmitglieder zu Tisch waren.

"Da jitt et nix zo kriesche!"

Das Bundeskabinett hatte seine Sitzung am 19. April 1967 gerade für einen Imbiss unterbrochen, als Außenminister Willy Brandt die Minister aufschreckte: Konrad Adenauer sei um 13.21 Uhr in seinem Haus in Rhöndorf gestorben. Und diesmal stimmte die Nachricht auch, anders als am 13. April, als Adenauer schon einmal totgesagt worden war: Unterbrechung des WDR-Programms, Trauerbeflaggung, Schweigeminuten - es war jedoch eine Ente.

Knapp eine Woche später starb Adenauer tatsächlich. "Da jitt et nix zo kriesche!" (Da gibt es nichts zu weinen): Mit diesen Worten soll der rheinische Patriarch, mit 91 Jahren und schon seit Wochen schwer krank, aus dem Leben geschieden sein. Geweint wurde trotzdem, und zwar nach minutiös getaktetem Protokoll, vier Tage lang.

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Nationale Trauerzeremonien: So trugen die Deutschen ihre Kanzler zu Grabe

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Am Morgen des 22. April 1967 um neun Uhr holten Beamte des Bundesgrenzschutzes Adenauers Leichnam aus dem Rhöndorfer Wohnhaus. Der schlichte Eichensarg, mit einer Bundesflagge bedeckt, wurde zum Rheinufer gebracht. Die Familie Adenauer begleitete die Überführung bis in den großen Kabinettsaal des Bonner Bundeskanzleramtes, wo die Spitzen des Staates und das diplomatische Korps dem Altkanzler die letzte Ehre erwiesen und der Familie kondolierten.

Am Abend des folgenden Tages standen Trauben von Menschen Spalier vor dem Palais Schaumburg, als Adenauer seinen langjährigen Arbeitsplatz endgültig verließ. Im Schein von Fackeln wurde sein Sarg nachts in den Kölner Dom gebracht, zu Tausenden nahmen die Kölner dort Abschied von ihrem einstigen Oberbürgermeister und Sparstullen-Erfinder.

Lübkes linkische Handreichung

Die Trauerfeierlichkeiten erreichten ihren Höhepunkt am Dienstag, 25. April: Um zehn Uhr gedachten im Plenarsaal des Bundestags in Bonn Staatsmänner aus aller Welt des ersten Bundeskanzlers. Wegen der zahlreichen internationalen Politikergespräche bezeichnete Historiker Volker Ackermann die Totenfeier auch als "Arbeitsbegräbnis".

Unter den Gästen waren US-Präsident Lyndon B. Johnson, der Israeli Ben Gurion, Frankreichs Präsident Charles de Gaulle sowie Harold Wilson, der sich als britischer Premierminister gerade um die Aufnahme in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft bemühte, was de Gaulle jedoch verhindern wollte. Fünf Jahre später wurde Großbritannien EWG-Mitglied.

Einzig der Ostblock verweigerte sich, mitten im Kalten Krieg, fast geschlossen dem Gedenken. Die Sowjetunion schickte zwar ihren Botschafter Semjon K. Zarapkin zum Staatsakt in den Bundestag. Die Botschaft hatte nach Adenauers Tod jedoch zunächst gezögert, die Flaggen auf halbmast zu setzten. Während die Fahnen der drei West-Alliierten vor dem Kontrollratsgebäude in Berlin auf halber Höhe wehten, blieb die sowjetische an der Mastspitze.

Auch sonst vermochte nicht einmal ein toter Adenauer politische Querelen zu dämpfen. US-Präsident Johnson und sein politischer Kontrahent Dd Gaulle, Nato-abtrünniger Verfechter einer "Grande Nation", gingen einander am Rande des Staatsakts demonstrativ aus dem Weg. Bundespräsident Heinrich Lübke nötigte die Streithähne auf der Terrasse der Villa Hammerschmidt zum Handschlag.

"Als der Amerikaner und der Franzose scheuten, schubste der Deutsche die zögernden Hände ineinander", schrieb der SPIEGEL  . Ein Foto dokumentiert den historischen Moment: links General de Gaulle, gottergeben-genervt. Rechts der Amerikaner Johnson, als hätte er gerade auf eine Eierschale gebissen. In der Mitte, linkisch die Hände der Staatsmänner zueinanderführend: der deutsche Bundespräsident.

91 Schuss Salut

Harmonischer ging es am Nachmittag im Kölner Dom zu. "Wir trauern um ihn wie um einen Vater", sagte der fast blinde Josef Kardinal Frings, der als Erzbischof von Köln und Adenauer-Vertrauter die Totenmesse zelebrierte. Alle Glocken läuteten, als acht Bundeswehrgeneräle den schwarz-rot-gold verhüllten Sarg aus dem Dom trugen. Nach einem militärischen Zeremoniell der Bundeswehr setzte sich eine lange Trauerprozession in Bewegung Richtung Rheinufer, um Adenauers Leichnam zur Beisetzung zurück nach Rhöndorf zu bringen.

Um Punkt 16 Uhr legte mehr als ein Dutzend Schiffe in Köln ab. Das Schnellboot der Bundesmarine mit dem Sarg Adenauers fuhr in der Flussmitte rheinaufwärts. Eine Fliegerstaffel aus zwölf Starfightern überflog den Trauerkonvoi in 1000 Meter Höhe und symbolisierte "himmlischen Schutz", so der Historiker Volker Ackermann. Tausende Menschen säumten die Rheinufer, Feldhaubitzen feuerten 91 Schuss Salut - einen für jedes Lebensjahr.

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Pompöser kann man einen Politiker kaum verabschieden. Die Trauerfeierlichkeiten für Altkanzler Helmut Kohl werden bescheidener ausfallen und voraussichtlich zehn Stunden dauern, nicht vier Tage. Mindestens eines jedoch haben beide Zeremonien gemeinsam: eine spezielle Ehrung in Straßburg.

Am 8. Mai 1967, zwei Wochen nach der feierlichen Beisetzung Adenauers und am Jahrestag des Kriegsendes, wurde der Staatsmann im Europäischen Parlament mit einer Gedenkstunde in Straßburg gewürdigt. "Bleiben wir Konrad Adenauers Andenken treu und kämpfen wir wie er beharrlich für die Vereinigten Staaten von Europa", forderte Parlamentspräsident Alain Poher damals.

Trotz vieler Parallelen wollte Helmut Kohl nicht mit Adenauer verglichen werden: "Er war nie mein Vorbild, und ich sah mich nie als seinen Enkel", schrieb Kohl in seinen Memoiren von 2004. Doch der Mantel der Geschichte legt sich auch über sein Grab: Es befindet sich auf dem Kapitelfriedhof in Speyer, in einer Parkanlage, die den Namen Konrad Adenauers trägt.

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