Krank in Kasachstan Der Hammel meines Lebens

Es ging um Geschäfte, die Ehre und zu viel Wodka: Detlev Crusius lernte vor einigen Jahren die kasachische Gastfreundschaft kennen - und mit ihr die Grenzen seines Körpers. Unverhofft fand er sich auf einem OP-Tisch wieder und blickte dann auch noch einem Hammel tief in die Augen.

AFP

Die Medizintechnik war es, die mich vor einigen Jahren nach Kasachstan verschlug. Das Gesundheitsministerium wollte Computer von der Firma kaufen, für die ich arbeitete, und die gehörende Software für Telemedizin gleich dazu. Der Kontakt war entstanden durch einen Wolga-Deutschen mit Namen Alexander aus Karaganda. Doch aus unseren grandiosen Geschäften wurde nichts, dafür lernte ich das kasachische Gesundheitssystem von innen kennen.

In Ländern wie Kasachstan fühlen sich die Einladenden verpflichtet, für das Wohlergehen ihrer Gäste zu sorgen. Als ich Ende der Achtziger mehrmals in Moskau war, nannte man das "Kulturprogramm". Das bedeutete: Arbeiten bis mittags, nachmittags Kulturprogramm und abends Essen und vor allem Trinken. In der Stadt Astana gab es damals kaum Sehenswürdigkeiten.

Zum Wochenende luden meine kasachischen Freunde mich zum Angeln oder zur Wolfsjagd ein. Weil aber die Wölfe mit der Zeit knapp geworden sind, blieb es meist beim Essen und Trinken, Trinken, Trinken und nochmals Trinken. Je nach Wetter und Gastgeber verbrachte ich das Wochenende in der Steppe, in den Jurten, und auch da tranken wir und tranken und tranken. Oder wir gingen in die Sauna und, genau: tranken.

Alkoholvergiftung

Wirklich übel sind diese ständigen Trinksprüche beim Essen. Dauernd stand einer auf und hielt eine Rede auf unsere großartige Zusammenarbeit, die noch gar nicht angefangen hatte, dauernd war ich selber damit dran und wehe, ich versuchte mich zu drücken. Das ist unhöflich in den Augen der Kasachen. Ich sagte immer etwas über die deutsch-russisch-kasachisch-sowjetische Freundschaft (Reihenfolge beliebig). Auch bei der sowjetischen Freundschaft hat nie einer protestiert, war ja auch noch nicht so lange her. Jedenfalls machte mir das alles eine ganze Weile richtig Spaß - bis ich abends beim Billardspiel umkippte.

Nicht etwa sturzbetrunken, aber alles in allem war es für diesen Tag zuviel Alkohol. Wir waren ziemlich früh bei einigen Parlamentariern zu Gast gewesen, und schon um 10 Uhr morgens hatten Cognac und Konfekt auf dem Tisch gestanden - eine ganz schlechte Kombination. Mittags hatte es Schaschlik und Kefir gegeben. Im Kefir war aber auch irgendwas Alkoholisches drin, das da eigentlich nicht reingehört hätte. Der Nachmittag war ebenfalls feucht-fröhlich gewesen, und abends dann ging ich k.o. am Billardtisch.

Eben hatte ich noch zu einem meisterhaften Stoß angesetzt, im nächsten Moment sah ich dann plötzlich das Blaulicht vom Krankenwagen. Als nächstes erinnere ich mich daran, wie ich auf einem kasachischen OP-Tisch lag und ganz in weiß gekleidete Menschen sah. Wenn sie Flügel gehabt hätten, wäre mir wohler gewesen, denn dann hätte ich alles Übel dieser Welt hinter mir gehabt. Aber sie hatten keine Flügel, ich war noch auf dieser Erde und mir war furchtbar übel.

Betrunkene Ärzte im Krankenhaus

Nachdem ich alles, was so im Laufe des Tages in mich hinein geflossen war, wieder losgeworden war, ging es mir langsam besser. Ich wollte aufstehen und zurück ins Hotel gehen. Die Ärzte ließen mich aber nicht. Sie wollten erst noch die Technik des Hauses an mir ausprobieren. Natürlich wussten alle, weshalb ich in Kasachstan war, nämlich wegen der Medizintechnik, der Computer und der Software. Also galt es zu zeigen, über welche Technik man verfügte.

Irgendwie schaffte ich es, den Ärzten klar zu machen, dass ich erst mal dringend schlafen wollte, und so steckten sie mich ins Bett. Mein Wolga-Deutscher Begleiter Alexander belegte das Bett gegenüber, machte sich aber zunächst auf die Suche nach etwas Trinkbarem. Weil die Ärzte, denen er Wodka abgeluchst hatte, auf mich rund um die Uhr aufpassen wollten, kamen alle mit in das kleine Krankenzimmer und starteten einen feucht-fröhlichen Kameradschaftsabend auf dem Bett gegenüber. Nach kürzester Zeit war ich der einzige nüchterne Mensch im Raum (wenngleich das relativ zu sehen ist, denn so schnell nüchtert man nicht aus).

Schlaf konnte ich vergessen, stattdessen musste ich mich der Versuche erwehren, dieses und jenes Geheimrezept auszuprobieren, zwar alle klinisch nicht erprobt, dafür aber von der Babuschka (Großmutter) überliefert und deshalb besonders verlässlich. In guter Erinnerung habe ich noch Wodka mit Salz. Ich habe es nicht probiert, nur höflich daran gerochen. Ich wette, hätte ich all diese Naturrezepte ausprobiert, ich hätte Kasachstan in einem Zinksarg verlassen.

Hose aus, Harnkatheter rein

Nach einigen Stunden kehrte Ruhe ein, die hervorragenden medizinischen Kapazitäten des Landes waren allesamt besoffen, Alexander auch. Alle lagen ineinander verschlungen auf dem schmalen Krankenbett mir gegenüber, zwei Männer lagen auf dem Boden. Zwar schnarchten alle, trotzdem konnte auch ich endlich schlafen.

Am nächsten Morgen waren alle Ärzte verschwunden, wohl zur Morgenvisite. Alexander lag alleine im Bett gegenüber und schnarchte noch immer. Dann wurde ich von einigen militärisch gekleideten und auch streng blickenden Schwestern abgeholt. Sie brachten mich in einen OP-Raum und ich musste mich auf einen OP-Tisch legen. Eine der Frauen zog mir die Hose aus, ich erstarrte, ahnte, was da kommen sollte.

Und richtig, die Oberschwester brachte ein Paket, braunes Packpapier. Das Paket dampfte noch, kam gerade aus dem Sterilisator. Sie wickelte es aus, hervor kam ein gartenschlauchähnliches Gerät - ein Harnkatheter. Aus meiner Perspektive kam mir das Ding wirklich dick wie ein Gartenschlauch vor. Sie bräuchten Urin in seinem ursprünglichen Zustand, direkt von der Quelle, erklärten mir die Schwestern.

Wodka?! Nein danke!

Aber sie hatten einen Fehler gemacht: Sie hatten mich nicht angeschnallt. Ich kletterte von dem OP-Tisch, zog meine Hose hoch, sagte "nein danke" und "auf Wiedersehen, bis Morgen", dann "alles Gute, hat mich sehr gefreut", ging unsicheren Schrittes wieder in mein Zimmer zurück und legte mich ins Bett. Ich war beunruhigt. Wie sollte ich hier rauskommen? Schließlich hatte ich diese sehr kleidsame Krankenhaustracht an, das typische Engelshemd, mit dem man im Jenseits sofort als Zugangsberechtigter erkannt wird. In dieser Tracht wäre ich nicht weit gekommen hier auf Erden in Astana.

Alexander war inzwischen auch aus dem Koma erwacht. Dann erschien ein Arzt, den ich bisher nicht kannte. Er beugte sich über mich und sagte auf Deutsch: "Guten Morgen, ich bin Dr. M., ich bin hier der Oberarzt, ich stamme aus Hamm. Wie geht es uns denn heute Morgen?" Ich war drauf und dran, ihm einen Heiratsantrag zu machen! Um es kurz zu machen: Eine Stunde später war ich geduscht und wir saßen in einem Taxi zurück zum Hotel.

Am nächsten Tag waren Alexander und ich wieder eingeladen. Ich war ja gerade erst dem Teufel von der Schippe gesprungen und das musste gefeiert werden. Ich sagte gleich zu Beginn: "Wodka und Ähnliches - Nein, danke", das ginge heute noch nicht. Aber Essen? "Doch, ja bitte, Essen gerne."

Der Hammel meines Lebens

Und dann kam der Moment, den ich meinen Lebtag nicht vergessen werde. Zunächst gab es die üblichen Getränke, ich allerdings blieb beim Wasser. Dann wurde eine groß flache Schüssel aus Metall hereingetragen, etwa einen dreiviertel Meter im Durchmesser. Der Boden der Schüssel war mit einem mehrere Zentimeter dicken Berg Nudeln bedeckt, alles schwamm in Öl. Und oben auf dem Nudelberg und dem Ölsee thronte ein Hammel, der einen wirklich üblen Geruch nach Fett und Blut verströmte.

Der Hammel war enthäutet, der Kopf war noch dran, die Ohren hatte man ihm auch gelassen. An den Seiten lief ihm das Fett runter, leicht blutig, er bleckte mich grinsend mit seinen Zähnen an, glotzte mich an, denn die Augen waren auch noch da. Hätte er mit den Ohren gewackelt und gemeckert, ich hätte mich nicht gewundert. Der Herr des Hauses hielt eine kurze Ansprache, alle tranken auf mein Wohl. Dann sagte er: "Du bist heute unser Ehrengast, Du musst den Kopf essen, fang mit den Augen an, das ist das Beste am Hammel."

Ich stand mühsam auf und ging so gemessen und würdevoll wie in meinem Zustand möglich zur Toilette, um dort noch die allerletzten Reste meiner lasterhaften letzten Wochen loszuwerden. Ihr Götter Kasachstans, dachte ich, wo ist der Eingang zu einer kleinen dunklen Höhle, in der ich mich verkriechen kann?

Wie ich eingangs schon sagte, Geschäfte haben wir nicht gemacht, aber den Hammel werde ich nie vergessen.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.