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Zivis in Deutschland: Erst verachtet, dann geliebt

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60 Jahre Zivildienst »Das Vaterland auf andere Weise retten«

Der Kabarettist Peter Grohmann gehörte 1961 zu den ersten deutschen Zivis. Hier erzählt er von der Gewissensprüfung und von Missachtung, wie er trotzig für Frieden eintrat – und am Ende nur Geranien gießen durfte.
Ein Interview von Christoph Gunkel

SPIEGEL: Herr Grohmann, vor genau 60 Jahren traten Sie als einer der ersten Deutschen den Zivildienst an. Erst mussten Sie als Kriegsdienstverweigerer anerkannt werden und haben Ihren Antrag auf 40 Seiten begründet. Wollten Sie damit die Prüfungskommission ärgern?

Grohmann: (lacht) Ja, natürlich. Bitte sehr, lest das, wenn ihr es nicht anders wollt! Das war auf jeden Fall ein Statement für die Nachwelt, nach dem Motto: Mensch, der Grohmann hat aber richtig tief reingelangt.

SPIEGEL: Wie haben Sie argumentiert?

Grohmann: Da war einmal diese Grundhaltung, die man als linker Mensch und Humanist eben hat: Die Waffen nieder! Das war damals das Credo unserer sozialistischen Jugendbewegung, der Falken. Wir waren Internationalisten, trafen uns auf Friedenscamps mit Franzosen, Russen oder Jugoslawen. Da war völlig klar: Gegen diese Menschen hebt man doch nicht die Waffe. Hinzu kam, dass meine Familie aus der DDR geflohen war. Wir wollten im Kriegsfall nicht unsere eigenen Brüder und Schwestern umschießen. Ein starkes Motiv war auch Hiroshima. Dieser Atompilz als Symbol, was uns im Glauben bestärkte, dass Kriege in diesen Zeiten nicht mehr möglich sind – Weltkriege jedenfalls.

SPIEGEL: Wie lief es für Sie in der gefürchteten mündlichen »Gewissensprüfung«?

Grohmann: Ganz schlecht. Die haben mir das heimgezahlt. Das dauerte ungefähr fünf Stunden. Und ich hatte immer das Gefühl, da sitzen ehemalige Wehrmachtsoldaten oder SS-Männer, die mir eine Falle stellen wollen.

SPIEGEL: Wie denn?

Grohmann: Sie haben gefragt: »Stellen Sie sich vor, wenn Ihre Mutter oder Schwester vergewaltigt wird. Was würden Sie tun?« Sie haben mir nicht abgenommen, dass ich nicht bereit wäre, mich mit Gewalt zu wehren. Sie haben nicht geglaubt, dass da jemand vor ihnen sitzt, der innerlich standhaft ist. Sie haben einen regelrecht hinten und vorn auseinandergenommen. Ein Elend.

Immer wieder stand die »Gewissensprüfung« für Kriegsdienstverweigerer in der Kritik, hier eine Demonstration von 1978

Immer wieder stand die »Gewissensprüfung« für Kriegsdienstverweigerer in der Kritik, hier eine Demonstration von 1978

Foto: Klaus Rose / Klaus Rose, Bildjournalist

SPIEGEL: Was haben Sie geantwortet?

Grohmann: Ich habe erzählt, dass meine Mutter tatsächlich vergewaltigt worden ist von russischen Soldaten, vor den Augen meines Bruders und vor meinen Augen. Was soll man in so einer Situation machen, wenn die einen bewaffnet sind und der andere nicht? »Aha«, haben die Prüfer dann gesagt, »wenn Sie bewaffnet gewesen wären, hätten Sie die Soldaten also niedergeschossen!« Ich habe gesagt: »Nein, natürlich nicht. Ich würde versuchen zu argumentieren. Oder ein Lied singen. Zur Befriedung.«

SPIEGEL: Das haben Sie tatsächlich gesagt?

Grohmann: (lacht) Ja, und das hat die Prüfer aus dem Häuschen gebracht. Ich habe das natürlich nicht unbedingt ernst gemeint. Ich bin ja später Kabarettist geworden.

»Die Leute haben sich mokiert: ›Das Vaterland kann auf solche wie euch gut verzichten, ihr habt eh nix Richtiges gelernt!‹«

SPIEGEL: Sie rasselten durch die Prüfung, legten Berufung ein und schafften es im zweiten Anlauf. Wie hatte der Zweite Weltkrieg Sie geprägt?

Grohmann: Als Kind habe ich den Krieg unmittelbar erlebt. All die Truppenbewegungen, die Bomben, die Einschläge. Wir wurden bei den Luftangriffen auf Dresden in einem Keller verschüttet und dann ausgebuddelt. Das sind traumatische Erlebnisse. Die habe ich damals zwar gut verpackt in meiner Seele, aber es ist geblieben. Umgekehrt hatten wir zuvor auf unserer Flucht aus Schlesien erlebt, dass die Nazis und Parteikader mit ihren Mätressen und der Kasse abgehauen sind. Und der einfache Soldat, die Dummen, die sind zurückgeblieben.

SPIEGEL: Von Breslau über Dresden und zurück nach Breslau verschlug es Ihre Familie in den Fünfzigerjahren schließlich in ein konservatives Dorf auf der Schwäbischen Alb. Eckten Sie dort mit Ihrem Wunsch nach Zivildienst an?

Grohmann: Die Leute haben sich mokiert und gesagt: »Na ja, das Vaterland kann auf solche wie euch gut verzichten, ihr habt eh nix Richtiges gelernt!« Es gab eine deutliche gesellschaftliche Missachtung, eine Markierung. Das lag aber auch an uns.

SPIEGEL: Warum?

Grohmann: Bei den sozialistischen Falken haben wir uns nicht versteckt. In den Dörfern nicht und auch nicht in den Kleinstädten Weingarten und Ravensburg, wo ich gelebt hatte. Dort gehörte ich zu einer kleinen, radikalen Minderheit, im positiven Sinn. Wir haben Farbe bekannt und sind am 1. Mai und am Hiroshima-Gedenktag auf die Straße gegangen, haben Antikriegsgedichte vorgetragen, uns generell am Krieg abgearbeitet. Dafür sind wir bekämpft und diffamiert worden.

SPIEGEL: Was war der Vorwurf?

Grohmann: Es hieß: »Ihr seid doch alle Kommunisten!« Die Linke jenseits der SPD hatte keinen guten Ruf. Wir waren aber keine dogmatischen Kommunisten. Unser Vorbild war eher der Kibbuz in Israel. Oder das Modell in Jugoslawien mit den Arbeiterräten. Deswegen hatten wir später auch große Sympathien für den Aufbruch in den Prager Frühling.

Demo in Stuttgart: Peter Grohmann karikierte am 17. Juni 1961 die Nichtanerkennung der DDR durch die Bundesrepublik

Demo in Stuttgart: Peter Grohmann karikierte am 17. Juni 1961 die Nichtanerkennung der DDR durch die Bundesrepublik

Foto: privat

SPIEGEL: Erinnern Sie sich an den 10. April 1961, ihren Dienstantritt als Zivi?

Grohmann: Ja. Das Fernsehen war dabei. Ich war der erste Kriegsdienstverweigerer in Baden-Württemberg. Sie sind zu mir nach Hause in mein Zimmer gekommen, am Stadtrand von Stuttgart. Die Kameraleute haben mich begleitet, wie ich mit einem kleinen Köfferchen, meinem schönen Haarschnitt und der Jacke unter dem Arm zum Bahnhof gegangen bin.

SPIEGEL: Damals mussten Zivildienstleistende ausziehen, als ginge es in die Kaserne, und in ihrem Betrieb wohnen. Sie haben in einem Jugenderholungswerk der Arbeiterwohlfahrt gearbeitet. Warum?

»Zivis waren nun mal billige Arbeitskräfte.«

Grohmann: Mein Zivildienstkollege Klaus und ich hofften, dort unsere politische Arbeit von den Falken fortsetzen zu können: Geschichten vorlesen, lustige Abende veranstalten, Spiele machen, diskutieren, wandern, Lagerfeuer – all das, was Kinder und Jugendliche gern machen. Aber wir durften keinen direkten Kontakt zu den Jugendlichen haben. Das war die größte Enttäuschung.

SPIEGEL: Warum verbot man Ihnen das?

Grohmann: Die Arbeiterwohlfahrt hatte Angst, dass jemand sagt: Wenn ihr politische Aktionen macht mit euren Zivildienstleistenden, kriegt ihr künftig keine Zivis mehr. Und Zivis waren nun mal billige Arbeitskräfte.

SPIEGEL: Was haben Sie den ganzen Tag gemacht?

Grohmann: Das Jugenderholungswerk hatte eine eigene Versorgung mit drei Kühen und anderen Viechern, dazu eine große Gärtnerei. Mein Kollege hat bei den Kühen gearbeitet, ich in der Gärtnerei.

SPIEGEL: War das nicht furchtbar öde?

Grohmann: Vor allem, wenn man mit Pflanzen nicht viel am Hut hat wie ich. Und geraucht habe ich sie auch nicht. Ich habe also Tomaten ausgegeizt, Setzlinge umgepflanzt, Geranien gezogen. Nach einer Weile findet man daran eine gewisse Freude. Es war ja keine entfremdete Arbeit im klassischen Sinne.

SPIEGEL: Konnten Sie wenigstens mal mit dem Kuh-Kollegen tauschen?

Feierabend beim Zivildienst (Peter Grohmann ganz links)

Feierabend beim Zivildienst (Peter Grohmann ganz links)

Foto: privat

Grohmann: Doch, das durfte man. Wir haben uns gegenseitig geholfen, bei der Ernte beispielsweise, das Erholungswerk besaß auch Wiesen. Es fielen manchmal Bauarbeiten an, wenn etwa die Wasserleitung im Winter platzte. Es gab schweineschwere Arbeiten. Als schmächtiger Jüngling ist mir das schon schwergefallen.

SPIEGEL: Hat es dennoch Spaß gemacht?

Grohmann: Wir bewahrten uns diese große Euphorie für den Zivildienst. Die Idee, dass wir hier das Vaterland auf andere Weise retten. Und wir haben für das Personal und die Erzieherinnen mehrmals im Monat kulturelle Veranstaltungen organisiert: Lesestunden und Schallplattenabende, an denen wir Antikriegslieder spielten.

»Wir sind mit komischen Hüten herumgelaufen, die Atomstrahlen abhalten sollten.«

SPIEGEL: Das ging also?

Grohmann: Ja, was wir bei den Kindern nicht durften, haben wir bei den Angestellten gemacht. Manchmal war es grenzwertig, weil sich Arbeit und Privates vermischten. In unserer Freizeit machten wir 1961 Wahlkampf für die Deutsche Friedens-Union (DFU) und haben auch eine Aktion gegen den Zivilschutz organisiert. Der Zivilschutz sollte ja regeln, was man macht, wenn plötzlich ein Atomkrieg ausbricht: schnell in den Graben springen, flach hinlegen, die Aktentasche über den Kopf. Wir sind dann im nächsten Dorf mit Aktentaschen, selbst gebastelten Schildern und komischen Hüten herumgelaufen, die Atomstrahlen abhalten sollten.

Minibunker und Sargverkauf, falls der Atomkrieg kommt: Aktion von Peter Grohmann 1961 im Zivildienst

Minibunker und Sargverkauf, falls der Atomkrieg kommt: Aktion von Peter Grohmann 1961 im Zivildienst

Foto: privat

SPIEGEL: Sie haben das also satirisch aufgespießt.

Grohmann: Ja. Große Aufregung. Es sah ja so aus, als ob wir im Namen der Arbeiterwohlfahrt agitierten. Die hat sich dann von uns distanziert: »Nein, das hat mit uns nichts zu tun, das ist deren Privatsache. Und das werden wir künftig untersagen.«

SPIEGEL: 50 Jahre nach Ihrem Dienstantritt kam 2011 das Aus für den Zivildienst. Bedauern Sie das?

Grohmann: Ich finde, es ist wirklich ein Verlust. Die Kontakte, die Zivildienstleistende untereinander knüpften, die Arbeit für die Gesellschaft, die sie geleistet haben. Das waren auch für mich sehr prägende Monate.

SPIEGEL: Machen Sie am 10. April einen Sekt auf zum 60. Geburtstag des Zivildiensts?

Grohmann: (lacht) Nee. Weiß nicht. Aber wenn es irgendwo eine sinnvolle Demo gäbe – da würde ich hingehen.