Zeitzeugin über das Kriegsende 1945 »Wir flirteten mit den verwundeten Soldaten«

Brunhilde K. pflegte in den letzten Kriegstagen Verletzte in Berlin. Fast rund um die Uhr legte die 17-Jährige Verbände an. Am meisten Angst hatte sie vor den Russen – und vor übergriffigen deutschen Ärzten.
Aufgezeichnet von Barbara Halstenberg
Nach der Kapitulation der Stadt am 2. Mai 1945: Sanitätssammelstelle für verwundete deutsche Kriegsgefangene Unter den Linden

Nach der Kapitulation der Stadt am 2. Mai 1945: Sanitätssammelstelle für verwundete deutsche Kriegsgefangene Unter den Linden

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akg-images / SNA

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Die Berliner Journalistin Barbara Halstenberg hat mit rund 100 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen über ihre Erfahrungen als Kinder im Zweiten Weltkrieg gesprochen. Ihr Buch »Alles schaukelt, der ganze Bunker schaukelt – die letzten Kriegskinder erzählen«  ist frisch erschienen. Dieser Text ist ein leicht gekürzter Auszug daraus.

Im Januar 1945 wurde ich für zehn Tage zur Schießausbildung in die Nähe von Oranienburg geholt. Dort lernten wir Sportwartinnen alles über Karabiner, Kleinkaliber und Handgranaten. Auch die Panzerfaust wurde uns erklärt. Ein junger Unteroffizier bildete uns aus. Junge Mädchen und dann zwei oder drei junge Soldaten – da wurde rumgealbert und geflirtet.

Im April '45 wurden wir zur Verpflegung des Volkssturms einberufen. Mein Arbeitgeber musste mich freistellen. Ich hatte mit 15 in einem Zulieferbetrieb für den Rüstungsbau angefangen. Die Brauerei, bei der ich eigentlich als Buchhalterin arbeiten wollte, war nicht kriegswichtig genug. Zunächst musste ich im Wedding in einer Einrichtung mit großer Kochvorrichtung Gemüse zubereiten. Nach zwei Tagen zogen wir weiter in Richtung Reichssportfeld.

Wie viele Tage wir dort waren, kann ich gar nicht mehr sagen. Jedenfalls saßen wir fest – es hieß, wir seien eingekesselt. Da ich mich auf dem Gelände auskannte, wusste ich, wo wir in den Umkleidekabinen Wasser finden konnten. Ich weiß noch, wie wir uns gegenseitig wuschen. Das war ein Ereignis: endlich wieder einen Tropfen Wasser, um uns zu waschen.

An den Bäumen baumelten die Aufgehängten

Wir saßen in den Gräben und flehten die wenigen Soldaten, die sich dort noch aufhielten, an, uns eine Pistole zu geben. Wir wollten uns erschießen, wenn die Russen kommen, oder uns wehren. Aber sie gaben uns nichts. Plötzlich hieß es, die Hitlerjugend habe uns freigekämpft, wir sollten uns zum Hotel Adlon durchschlagen und dort helfen. Also marschierten wir, ungefähr zehn Mädels, vom Olympiastadion los, die Reichsstraße runter in Richtung Theodor-Heuss-Platz.

Die Russen schossen mit ihren Flugzeugen in die Straßen rein. Eins von uns Mädchen wurde getroffen, sie starb. An den Bäumen baumelten die Aufgehängten, um ihre Hälse große Schilder: »Ich bin ein Verräter!« Die Wehrmachtspolizei hatte die Soldaten aus den Häusern geholt, die nicht mehr kämpfen wollten, und sie an den Bäumen und Straßenlaternen aufgehängt... furchtbar!

Wir liefen weiter, von oben wurde geschossen. Ich hatte ein Fahrrad dabei und wechselte mich mit zwei anderen Mädchen mit dem Fahren und Schieben ab. Einmal trampelte ich, dann saßen die anderen beiden auf dem Sattel und auf dem Gepäckträger und umgekehrt. An den Seiten hingen jeweils Koffer. Wie wir da überhaupt fahren konnten, weiß ich nicht mehr. Auf der anderen Seite vom Tiergarten hörten wir schon die Geschütze der Russen und hopsten von einem Graben zum nächsten. Alles war ja vermint.

Inzwischen war es Nacht, das Hotel Adlon war bis zur zweiten Etage einzementiert, die Vordertür verriegelt. Durch eine Seitentür erreichten wir den ersten Stock, konnten uns waschen und kurz ausruhen. Was wir da gesehen haben! Die wunderschönen Wasserhähne in der ersten Etage, das war ja verblüffend! In der Mitte der großen Treppe war eine Anlage mit einem Springbrunnen. So richtig stolz gingen wir die breiten Treppenstufen runter. (Sie lacht.)

Auf den schönen Teppichen die vielen Verwundeten

Unten in der Eingangshalle war der Hauptverbandsplatz der Waffen-SS eingerichtet. Auf dem Boden, auf den schönen Teppichen, lagen die vielen Verwundeten dicht an dicht. Es war schrecklich, sie jammerten und jammerten: »Schwester, Becken! Schwester, aua, aua, aua!«

Ich wusste nicht, was ich tun sollte ... Ich meine, ich war 17, hatte keine Ausbildung, nichts. Wir sollten den Verwundeten das Becken geben und sie füttern. Ich versuchte es und hörte, wie gefragt wurde, ob jemand mit in den OP-Saal wollte. Ich meldete mich. Mein Vater war beim Roten Kreuz, früher hatten wir uns jeden Sonntag in der Station vom Roten Kreuz getroffen und Verbände geübt. Ich konnte prachtvoll Verbände machen! Jeden Verband, den sie haben wollten, machte ich.

Ich fand es gut, helfen zu können. Die Betreuung der Verwundeten in der Eingangshalle hatte mich erschüttert – furchtbar, wie sie schrien. Die meisten waren entweder ganz alt oder ganz jung. Die anderen Soldaten waren ja überall draußen, außerhalb Berlins.

Sie hatten noch Pimpfe zum Kämpfen genommen

Ich ging mit runter, wo Ärzte und Famulanten in einem Kellerraum operierten. In einem Nebenraum wurden die Verbände gemacht. Tag und Nacht wickelte ich Verbände. Um sich wachzuhalten, rauchten die einen, ich lutschte Kaffeebonbons. Wir schliefen kaum, wir hatten ja zu tun. Nur kurz legten wir uns wie die Heringe nebeneinander, ganz dicht nebeneinander. Wir verbanden wie am Fließband.

An einen Verwundeten erinnere ich mich noch sehr gut. Die Hände sollten ihm amputiert werden, sie waren total vereitert, es stank bestialisch. Keiner wollte ran, ihm die Finger verbinden. Ich hab's gemacht. Er tat mir einfach leid. Auch nachher in der Krankenpflege – die hässlichen Sachen hab' ich alle gemacht. Aus Mitleid.

Die Soldaten hatten alles – Bauchschuss, Verbrennungen an den Händen, Kopfverletzungen. Überall, wo man eine Verwundung kriegen konnte. Die Jungen riefen nach Mama. Einmal saß ich an einem Küchenschacht, wo immer Leute saßen und frische Luft schnappten, und hörte: »Mama, Mama, Mama, Mama!«

Der Junge war zwölf Jahre alt! Sie hatten noch die Pimpfe zum Kämpfen genommen und in der Reichskanzlei vereidigt. Die waren ja so erzogen, für Führer, Volk und Vaterland. Ein Lied wurde zu jeder Veranstaltung gesungen: »Unsere Fahne flattert uns voran, wir marschieren für Hitler durch Schlacht und Not mit der Fahne der Jugend für Freiheit und Tod.« Zuerst wurde das Deutschlandlied gesungen, dann das Horst-Wessel-Lied und dieses Fahnenlied. Das ging ins Blut über. Die Jungen waren so gedrillt.

Leibesvisitation, während wir schliefen

Ich hatte durch mein Elternhaus etwas Abstand und auch durch die Sportarbeit. Verschiedene kleine Fäden zogen sich durch mein Leben, sodass mein Hinterkopf Abstand halten konnte. Vor allem, wenn meine Mutter von der Arbeit kam und erzählte, wie furchtbar die Juden und die Zwangsarbeiterinnen wieder behandelt worden waren. Das beeindruckte mich wahnsinnig – und die »Kristallnacht«.

Wir flirteten mit den verwundeten Soldaten. Sie hatten einen unwahrscheinlichen Lebensmut und flirteten. Ich war ja ein hübsches junges Mädchen. Wir hatten zum Einsatz auch Zivil mitgenommen, mussten nicht bloß unsere Uniform tragen. Ich hatte den Rock von der Uniform an, aber dazu trug ich eine sehr hübsche Bluse. Muss wohl niedlich ausgesehen haben.

Auch die Ärzte flirteten, da mussten wir uns sehr vorsehen. Wir hatten einen Chefarzt, der versuchte immer, Leibesvisitation zu machen, während wir schliefen. Wir schliefen ja dicht beieinander. Einmal wurde ich plötzlich wach, und meine Bluse war aufgeknöpft. Ich war dermaßen erschöpft, dass ich das gar nicht mitgekriegt hatte. Wir waren damals total naiv. Heute würde jedes Mädchen damit rechnen, aber zu unserer Zeit gab's das nicht.

Hitler tot?

Die Offiziere wurden dann plötzlich in die Reichskanzlei gerufen. Dort hieß es, die Armee Wenck würde kommen und uns raushauen. Die Offiziere sollten sich zur Armee Wenck durchschlagen. Von der Reichskanzlei aus war alles untertunnelt, von da aus hätten sie sonstwohin gehen können. Die Offiziere aber blieben. Ein paar Tage später, ich weiß nicht, wann genau, wir arbeiteten ja die ganze Zeit, kamen sie wieder und sagten, Adolf hätte sich erschossen.

Hitler hatte sich erschossen? Ja, haben wir's geglaubt oder nicht geglaubt? Wir glaubten eigentlich, er sei rausgekommen. Wir wähnten ihn irgendwo in Argentinien. Dass er dann verbrannt wurde, wurde uns nicht berichtet. Sie sagten nur, Hitler habe sich erschossen.

Es dauerte nicht mehr lange und die Russen kamen. Sie entdeckten den Weinkeller des Hotels und liefen grölend überall rum. Dann steckten sie das Hotel Adlon an. Wir mussten die Soldaten mit der Trage oder auch so, mit zwei Mann, auf den Pariser Platz tragen.

Es war Mai, ein warmer Tag, überall brannte es. In der Mitte des Platzes lagen die verwundeten Soldaten. Wir schleppten sie weiter zur Wilhelmstraße, durch die Voßstraße in den Bunker der Reichskanzlei. Wieder flehten wir die Offiziere an, sie sollten uns eine Waffe geben, damit wir den Russen nicht in die Hände fallen würden. Zum Glück bin ich's nicht.

Verlobungen wie am Fließband

In der Reichskanzlei kam ich gleich wieder in die OP-Saal-Räume, dort wurde weiter operiert. Ich verband gemeinsam mit einem älteren Gynäkologen und einem Famulus mit Namen Link, der aus Zehlendorf kam. Die Mädchen schliefen dann, damit die Russen sie nicht holen konnten, zwischen den Soldaten. Wie viele sich da verlobt haben! Es war schrecklich! Was alberten sie mit den Soldaten rum. Ich weiß noch, von überall hörte ich: »Wir haben uns verlobt, wir haben uns verlobt!« Ja, was sollte man auch machen ... Die Verlobungen gingen wie am Fließband.

Ich war von den Soldaten abgesondert, verband die ganze Zeit im OP-Saal und schlief auch in den Räumlichkeiten, wo das OP-Saal-Personal war – abgesondert von den Russen und den verwundeten Soldaten. Da wurde mir von einem Arzt angeboten, doch alles vorsichtig zu machen, bevor ich vergewaltigt würde. Das habe ich natürlich abgelehnt. Ja, ja, so einwandfrei waren unsere Ärzte auch nicht. Sie wollten mit mir schlafen, ganz vorsichtig. Das fand ich gemein. Das wollte ich nun wirklich nicht!

Einmal hieß es, kommt mit, wir können in die Kellerräume der Angestellten der Reichskanzlei. Da seien lauter volle Koffer, wir könnten uns alles nehmen. Die Kellerräume waren dick vergittert. An einer Stelle konnten wir durch ein Loch kriechen. Was da alles lag! Wir hatten ja nichts mehr, nun lagen da plötzlich wunderbare Kleidungsstücke. Ich nahm mir ein paar Stiefel, Schuhe gab es nicht mehr viele.

»Wir hauen ab!«

Nach ein paar Tagen fuhren uns die Russen von der Reichskanzlei mit Lastern nach Buch. Im Krankenhaus dort waren keine Patienten mehr, die verwundeten Soldaten wurden alle dorthin gebracht. Wir arbeiteten mit einem Famulus, der Russisch sprach und dolmetschen musste.

Ich wusch gerade im OP-Saal die Instrumente, da kam er und sagte: »Komm, nimm dir eine kleine Tasche, wir werden weitertransportiert nach Frankfurt (Oder), wir hauen ab!« Zu dritt, mit einem anderen Mädchen, liefen wir zum Ausgang. Dem Wachsoldaten sagte er, dass wir zu einem Einsatz müssten. Dann liefen wir los – bis nach Neukölln.

Meine Güte, das vergisst man alles, aber wenn ich das jetzt so erzähle, dann kommt das irgendwie wieder hoch. Wenn ich heute die Bilder von Aleppo im Fernsehen sehe, dann kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, dass es bei uns genauso aussah. Damals haben wir ja gar nicht begriffen, was uns da passierte. Als wir Richtung Hotel Adlon liefen, unter Beschuss durch die Trümmer, da war es, als liefe ich durch einen Nebel. Eine Realität, die ich nicht als diese tatsächlich schwere Realität wahrgenommen habe. Ich begriff nicht, was mir da passierte, ich hatte es nicht erfasst. Unter normalen Umständen kann man das gar nicht nachfühlen.

Kurz nach Kriegsende begann ich dann die Ausbildung zur Krankenschwester. Meine Erlebnisse sind im Verhältnis ja gering. Ausgebombt und geflüchtet – das hab ich ja zum Glück alles gar nicht erlebt. Deswegen habe ich erst gezögert, ob ich mich bei Ihnen melde.

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