Kriegsende Explosive Reste

Der Zweite Weltkrieg war endlich aus - doch die Gefahr noch nicht vorüber: Ferdinand Schumacher riskierte sein Leben für einen Job, der ihm dreißig Pfennige Stundenlohn brachte. Einmal verweigerte er die Arbeit - genau im richtigen Moment.

Ferdinand Schumacher

Friede, endlich Friede! Alle Götter waren um Hilfe gerufen worden, um dieses sinnlose Blutvergießen zu beenden. Nun lagen sich die Gefangenen und Zwangsarbeiter aller Staaten freudestrahlend und glücklich in den Armen. Einige wollten sich für die Schmach und das erlittene Unrecht rächen. Doch bis auf wenige Ausnahmen blieb es ruhig in der Gemeinde Neuenkirchen.

Die Russen, ehemalige Soldaten der UdSSR, hatten die Villa des Ortsgruppenleiters beschlagnahmt und wohnten mit Ukrainerinnen darin. Die offiziellen Feiern zum Sieg über Nazi-Deutschland sollten mit Alkohol begossen werden. Die Bauern hatten die nötigen Gerätschaften, um aus Kartoffeln oder Rüben Schnaps herzustellen. Für einige Russen endete das tödlich. Sie hatten aus Gier den Vorlauf, also den Methylalkohol getrunken. Und der ist hochgiftig.

Ihre Saufgelage und die Feiern zum Sieg über das faschistische Deutschland waren Ortsgespräch. Selten verlief sich ein Besatzungssoldat in diese Gegend. Doch eines Nachts wurden wir durch Schießereien aufgeweckt. Sollte das schon wieder das Ende des Friedens sein? Was war passiert?

Fürchterliche Rache

Die Russen in der Villa waren überfallen worden - von Teilen der englischen Besatzung, polnischen Soldaten, die zur Armee des polnischen General Anders gehörten. Zuvor war einer dieser Soldaten während einer Dienstfahrt mit Steinen beworfen worden. Von Personen in russischen Uniformen. Der alte Streit über den Massenmord an polnischen Offizieren im Katyner Gefangenenlager war wieder aufgeflammt, die Rache fürchterlich. Mehrere Verletzte waren zu beklagen.

Irgendwann musste auch ich für den Unterhalt der Familie beitragen. Das Arbeitsamt schickte mich zu einer Firma die im Muna-Lager, in den Dammer Bergen, Schienen einer Kleinbahn verlegen sollte. Es blieb nicht immer bei der Verlegung. Des öfteren mussten wir die gefährlichen und hochexplosiven Materialien von den Loren abladen und in die dafür vorgesehenen Erdtrichter aufstapeln. Hochbrisant die kleinen handlichen Splitterbomben. Sie mussten äußerst vorsichtig behandelt werden. Eine falsche Bewegung - und alles in der Umgebung ging in die Luft.

Mehrere Personen, darunter auch unseren Schachtmeister, haben wir beerdigen müssen. Das stand nicht im Arbeitsvertrag: Für dreißig Pfennige Stundenlohn sein Leben riskieren, um unliebsame und hochexplosive Restbestände des Krieges zu entfernen. Das brachte mich ins Grübeln. Wozu hatte man Spezialisten, Kriegsgefangene? Oder hatten die Muffensausen bekommen?

Gibt es Schutzengel?

Auf der Straße zum Sprenggelände stand noch ein Zug mit mehreren Spezialbomben der Marine. Sie sollten von der Straße entfernt und abgeladen werden. Ich weigerte mich, nach Feierabend noch tätig zu werden. Das war Arbeitsverweigerung. Nach einiger Zeit kam der Zug die Schneise herein gefahren...

Wummmm... ein riesiger Feuerball türmte sich vor uns auf.

Eine starke Explosion erschütterte den Boden. Der Druck schleuderte uns einige Meter weit. Mein Kopf brummte. Ich hörte nichts mehr, war fast taub. Nach mehreren Minuten rappelte ich mich mühsam hoch. Ich betastete mich am ganzen Körper. Keine Blutung. Keine Verletzung.

Ein Stapel Schienen hatte mich und meine Kollegen gerettet. Schreie in der Nähe. Einen Kollegen hatte es doch erwischt. Aber wo ist der Zug??

Wir kämpften uns durch das Gewirr von Ästen und Laub. Jetzt sahen war das Ausmaß der Katastrophe: Da, wo vorher der Schienenstrang verlief und die Diesellok mit den Loren gefahren war, gähnte ein schwarzes Loch. Uralte Tannen und Eichen waren zerfetzt. Der Lokführer und sein Bremser nicht mehr zu finden.

Ich fühlte mich wie neugeboren. Die Bremsertätigkeit sollte meine Aufgabe sein! Meine Ablehnung hatte mir das Leben gerettet. Ich lebte! Hurra!!! Ich durfte weiterleben! Gibt es Schutzengel?

Im Eiltempo ging's ins Dammer Krankenhaus, Hilfe holen. Nach der Rückkehr stocherte ich mit Schaufel und Gabel in dem grünen Gewirr herum. Die gut erhaltene Gesichtsmaske des Lokführers wurde geborgen, etwas abseits davon sein linker Arm. Der war durch die stählerne Rückwand der Lok vom Körper abgeschert worden. Die massive Bodengruppe ragte nur wenige Zentimeter aus der Erde.

Da war nichts mehr zu machen. Die Mütze meines Kollegen fand man in den Bäumen weit entfernt vom Unfallort. Sein Bruder war geschockt.

Englische Offiziere betraten den Unglücksort, sagten kein Wort. Ihre Gesichter steinern, ein einziges Fragezeichen. Die Ursache der Explosion ist nie geklärt worden. Alle Bomben waren ohne Zündeinrichtung. Oder hatte jemand...?

Wenige Tage später saß ich im Zug nach Hause, nach Köln.

Was ist mit meiner Stadt passiert?

Der nächste Schock erwartete mich bei der Ankunft am Deutzer Bahnhof. Ich hätte jubeln können vor Freude... - aber ich brachte vor Entsetzen keinen Ton über die Lippen. Das Wasser schoss mir in die Augen. Trümmer, nichts als Trümmer. Kein Stein stand auf dem anderen. Die Brücken lagen im Wasser.

Was hatte man mit dieser Stadt gemacht!?

Den Dom, er stand noch und reckte beide Türme wie ein Siegeszeichen in die Höhe, konnte man von Weitem bis zur Grundplatte sehen. Das berühmte Rheinpanorama, von namhaften Künstlern oft gemalt und beschrieben, aber war eine Schutthalde.

Die Strecke vom Bahnhof über die stählerne Behelfsbrücke bis zum anderen Rheinufer verging wie in Trance. Schmale Trampelpfade durchschnitten die Trümmerwüste wie Tierpfade in der Wildnis. An den Ruinen standen letzte Meldungen für die Heimkehrer neben längst überholten Kriegsparolen. Schienen einer Schmalspurbahn kreuzten meinen Weg und verliefen im Nirgendwo.

Gedämpft wurde die Trostlosigkeit der Stadt durch die grellbunte und geschäftig hin und her eilende Menschenmassen. Primitive Reklameschilder und in den Trümmern notdürftig hergerichtete kleine Läden zeugten von einem überragenden Optimismus. Eine uralte Straßenbahn nahm mich am Ebertplatz auf. Wie hieß doch dieser Platz früher? Ich wusste es nicht mehr. War auch egal, schnurzegal. Ich war wieder zu Hause!!!



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