8. Mai 1945 Der schärfste Bruch in der deutschen Geschichte

Besiegt und beschämt, nicht befreit fühlten sich die meisten Deutschen, als der Zweite Weltkrieg endete. Heute wächst eine neue Sehnsucht nach Macht - und rechte Propaganda lebt wieder auf.
Ein Essay von Nils Minkmar
Ikonische Aufnahme: Ein Soldat hisst die sowjetische Flagge auf dem Reichstag (2. Mai 1945)

Ikonische Aufnahme: Ein Soldat hisst die sowjetische Flagge auf dem Reichstag (2. Mai 1945)

Foto: Jewgeni Chaldej/ tass/ dpa

Die totale Kapitulation der Wehrmacht, die am 8. Mai 1945 in Kraft trat, kam spät. Aber sie war nur deswegen total, weil sie so spät kam. Wäre Hitler dem Attentat am 20. Juli 1944 zum Opfer gefallen, hätte sich womöglich ein Rest der alten Ordnung hinübergerettet. Der alte Adel, die preußischen Beamten und Grundeigentümer, die völkischen Eliten und Ruhrbarone hätten einen für sie günstigeren Frieden aushandeln können, Hitler wäre als Einzeltäter ausgemacht worden, und Deutschland wäre auf dem fatal antiliberalen Kurs geblieben, auf den es sich 1871 begeben hatte.

Diese beiden Elemente kennzeichnen den 8. Mai: Einerseits war seit dem Winter 1942/43, der Schlacht um Stalingrad, der Krieg verloren, das Land verheert. Andererseits konnten bis zu diesem Datum Männer, die vernünftigerweise heimgingen, statt sich dem Heldentod zu verschreiben, als Deserteure erschossen werden. Nichts ging mehr, aber der unmenschliche NS-Staat funktionierte noch und stiftete eine tödliche Rationalität.

Bis zum letzten Moment setzte das Morden sich fort. Die Berichte aus den letzten Kriegstagen von Todesmärschen und Exekutionen zeugen von einem Land, das sich ganz und gar der Gewalt hingegeben hatte. Diese Gewalt war nun für alle erkennbar endgültig ein Selbstzweck - obwohl, wie wir heute wissen, der ganze Nationalsozialismus, der ganze Krieg von Anfang an sinnlos, von Anfang an eine Ode an die Gewalt gewesen war.

Und dann dieses Gefühl, das Ernst Jünger in seinem Tagebuch beschrieb: "Abends waren wir zum ersten Male seit sechs Jahren ohne Verdunkelung. Das ist immerhin eine bescheidene Verbesserung für uns an einem Tage, an dem Siegesfeiern in allen Hauptstädten der Verbündeten von New York bis Moskau strahlen, während der Besiegte ganz tief im Keller sitzt, mit verhülltem Gesicht." Günter Grass, zum Kriegsende jugendliches Mitglied der Waffen-SS, schrieb: "Am 8. Mai 1945 ging für mich eine Welt unter." Besiegt, nicht befreit fühlte sich die Mehrheit der deutschen Zeitgenossen, und beschämt obendrein.

Im mentalen und emotionalen Labyrinth

Der Historiker Ulrich Herbert umreißt es so: "Nie zuvor in der deutschen Geschichte der Neuzeit hatte es einen nachhaltigeren, tiefer eingreifenden Einschnitt gegeben als in diesem Moment. Und bei allen Elementen von Kontinuität und Restauration, die sich später oder früher bemerkbar machten: Ein schärferer Bruch in Politik, Gesellschaft, Kultur und Recht war kaum denkbar."

Der Bruch war unzweifelhaft ein Segen. Aber die Alliierten führten ihn herbei, sie entmachteten das Reich: "Aus Handelnden wurden Behandelte und Objekte alliierter Befehlsgewalt", schreibt Herbert. Dies macht das Reden über die Erfahrung des 8. Mai in Deutschland so kompliziert: Der gründliche Neubeginn ist dialektisch verbunden mit der absoluten Katastrophe und einer spezifischen kollektiven Kränkung.

DER SPIEGEL

Fortan erlernten die Deutschen die Spielregeln der Demokratie. Doch die Erinnerung an das Kriegsende blieb über Jahrzehnte geprägt von einer fast kindischen Mischung aus Schuldbewusstsein und Selbstmitleid. Sie führte in ein mentales und emotionales Labyrinth.

Gedenken fand, wenn überhaupt, in Nischen statt: Die Vertriebenen organisierten ihre Interessen, manche drängten auf Revanche. Soldaten der Wehrmacht schwiegen viel und schimpften über ihre Vorgesetzten und die Sowjets. Der Antikommunismus des Kalten Krieges hielt die Gesellschaft beschäftigt: Es ging gegen die Rote Armee, wie schon unter Hitler. Die Schuldfrage wurde dabei vernebelt.

"Nichts gewusst" - Albert Speers entlastende Lügen

Im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands regierten berufsmäßige Antifaschisten. Sie betonten ihr früheres Engagement, um von den Verbrechen des Stalinismus und der folgenden Systeme schweigen zu können. Exilanten, Juden und Intellektuelle thematisierten die größeren Zusammenhänge einer Schuld, die systemisch war und nicht an wenigen Obernazis allein festgemacht werden konnte.

Die Mehrheit aber hatte wenig Interesse an Aufklärung und Aufarbeitung. Heute ist klarer: Noch die deutlichsten Beschreibungen von Schoah, Vertreibung und Kriegsverbrechen in Dokumentationen oder Sachbüchern sind völlige Verniedlichungen. Das Grauen überfordert uns bis heute, und es erdrückte die Zeitgenossen, jedenfalls die, die sich überhaupt den Verbrechen stellten. Es gab viele, die Nazis waren und es blieben.

Befreiung des Konzentrationslagers Dachau (30. April 1945)

Befreiung des Konzentrationslagers Dachau (30. April 1945)

Foto: dpa

Zentral für den öffentlichen Umgang mit dem Gedenken in der Bundesrepublik war Hitlers Superminister Albert Speer, zuständig für Stadtplanung wie auch als Rüstungsminister für Zwangsarbeiter. Nach dem Krieg aber beschrieb er in Bestsellern die Fiktion eines "unpolitischen" Architekten, Künstlers und Naturfreundes, der nichts von den Dingen weiß, die er selbst angestellt hat. Speers Lügen wurden ihm so willig abgekauft, weil sie auch in vielen Familien als Legende dienen konnten: Wenn selbst der beste Freund des Führers von nichts wusste, wie sollten dann kleinere Lichter etwas wissen?

Es dauerte, bis die Wahrheit freigelegt wurde, es gab Streit und Anfeindungen. Zu wichtigen Akteuren der Aufklärung wurden die 68er-Bewegung, Forscher wie Raul Hilberg und Saul Friedländer, "Nazi-Jäger" wie Fritz Bauer und Simon Wiesenthal, die Geschichtswerkstätten, die Fernsehserie "Holocaust" (1979), die Wehrmachtsausstellung (ab 1985) und Daniel Goldhagens Buch "Hitlers willige Vollstrecker" (1996).

Weizsäckers kühle, kühne Rede

Zentral aber war die Rede Richard von Weizsäckers vom 8. Mai 1985 (hier im Video , hier als Text ). Als Bundespräsident führte er zum 40. Jahrestag des Kriegsendes alle Fragmente des Gedenkens so kunstvoll und dicht zusammen, dass Widerspruch kaum möglich war. Die Rede hatte enormen Hall, weil Weizsäcker erstmals von der "Befreiung vom Nationalsozialismus" sprach. Und weil sie Sätze enthielt wie diesen: "Es gab keine 'Stunde Null', aber wir hatten die Chance zu einem Neubeginn. Wir haben sie genutzt, so gut wir konnten. An die Stelle der Unfreiheit haben wir die demokratische Freiheit gesetzt."

Doch eigentlich lässt sich aus der Rede kein Element lösen. Weizsäcker betonte die deutsche Schuld und erkannte zugleich auch deutsche Lasten an. Wer etwa sein Lob der Heimatliebe der Vertriebenen akzeptierte, hörte ein paar Sätze weiter vom Andenken an verfolgte Homosexuellen und Kommunisten. Heute fällt vor allem die Rationalität des Vortrags auf, die emotional zurückgenommene Grundfärbung: keine aufwühlenden Zitate von Überlebenden, keine bewegenden Passagen aus dem Tagebuch der Anne Frank. Der Bundespräsident sprach ganz kühl.

Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 im Bundestag

Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 im Bundestag

Foto: Egon Steiner/ picture alliance / dpa

Weizsäcker arbeitete mit intellektuellen Mitteln. Die liberale, moderne Bundesrepublik, dafür steht diese Rede auch, war ein Produkt intensiver intellektueller Arbeit. Keine Partei und kein Rundfunksender, keine Zeitung und kein Nachrichtenmagazin wollten sich nachsagen lassen, antiintellektuell zu sein. Hochschulen waren Hotspots der gesellschaftlichen Selbstverständigung. Diese praktische Rationalität, die ebenso in der suggestiven Kargheit der Sprache des Grundgesetzes aufscheint, ist auch aus der Not geboren, mit der der Schuld des Nationalsozialismus zurechtzukommen.

Die Rede fand ihre Pointe in der Erwähnung des sowjetischen Generalsekretärs Michail Gorbatschow, damals erst zwei Monate im Amt. Kühn sprach Weizsäcker von der "Zuversicht, dass der 8. Mai nicht das letzte Datum bleibt, das für alle Deutschen verbindlich ist". Er nahm, indem er den Blick nach Moskau richtete, im Sinne des Bloch'schen "Prinzips Hoffnung" den 9. November 1989 vorweg.

Der doppelte Machttransfer

Die deutsche Ohnmacht zum Kriegsende führte zu einem doppelten Machttransfer nach Moskau und Washington. Orientierung gaben nun die Supermächte. Nach eigener Weltmacht, das war der Konsens, dürfe Deutschland nie wieder streben. Eigene politische und militärische Macht strebte Deutschland auch nach der Wiedervereinigung nicht an, allenfalls im Kontext multilateraler Institutionen wie EU, Nato und Uno.

"Die Deutschen", sagte Helmut Kohl als Bundeskanzler treffend, "sind heute ein Volk, das sein Glück im Privaten sucht". D-Mark, Autos und Maschinen wurden zu beruhigenden, biederen Symbolen deutscher ökonomischer Potenz. Mit Sparbuch, Eigenheim und VW lief man keine Gefahr, abermals eine Niederlage zu erleiden, sich schuldig zu machen und plötzlich ohnmächtig dazustehen. Das waren die Kiesel, die langsam den Weg wiesen heraus aus dem Labyrinth der Erinnerung.

Aber die Sehnsucht nach der Ressource Macht, danach, auf ihrer Seite zu stehen, sicher und beschützt, nicht länger zweifelnd - sie lebt neu auf.

Die politischen Veränderungen in Moskau und Washington, den globalen Machtzentren noch weit über das Ende des Kalten Krieges hinaus, sorgen längst in den sozialen Medien für neue Verwirrung. Und die führt geradewegs zurück ins Labyrinth der Erinnerung. In den neuen Rede- und Denkfiguren, erdacht in rechten Propagandaschmieden, ist der Nationalsozialismus eine Variante des Sozialismus, das Gedenken an die Taten der Deutschen wird zum Opfer- oder "Schuldkult". Und die mühsame Aufarbeitung der Geschichte wird zu einer Art suspektem Sündenstolz umgedeutet.

Es ist vor allem der russische Präsident Wladimir Putin, der für viele auch hierzulande die Sehnsucht nach Macht bedient: Obwohl er einem Land mit enormen Problemen, völlig unklaren wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen vorsteht, formuliert er wie kaum ein anderer den Anspruch auf lupenreine Macht.

Panisches Gewitter aus Furcht und Aggression

Putin ist der Champion der Rechten und ein Gegner der liberalen Ordnung Europas. Er verspricht klare Verhältnisse. Und das Verlangen danach ist bei vielen Menschen offensichtlich stark ausgeprägt. Die rechte Propaganda ist effektiv organisiert und spielt auf skrupellose Weise mit Symbolen und Themen aus Weltkrieg und Schoah - ein Gestrüpp von Verschwörungstheorien und Revanchismus.

Zuletzt beklagte AfD-Fraktionschef Gauland den "Verlust von Gestaltungsmöglichkeit" und bezeichnete den 8. Mai als "Tag der absoluten Niederlage". Bei einer Demonstration gegen die Corona-Beschränkungen hielt ein Teilnehmer ein Schild, dessen Slogan einer berüchtigten Toraufschrift von Auschwitz nachempfunden war: "Impfen macht frei". Im Netz kursiert die Abbildung eines Judensterns, in dem "Ungeimpft "steht.

Es gibt keinen einzigen Grund, den politischen Umgang mit dem Coronavirus mit der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden in Zusammenhang zu bringen. Doch wenn das Magnetfeld an Kraft verliert, das den öffentlichen Diskurs ordnet, dann entsteht dieses panische Gewitter aus Furcht und Aggression, aus Ressentiment und Hass, und es nutzt den Rechtsradikalen.

Was steht ihnen, was steht Putin entgegen? Die andere Siegermacht, die USA, ist zerstritten und von einem Clown regiert, sie erscheint bemitleidenswert schwach.

Richard von Weizsäcker forderte seine Zuhörer auf, "so gut wir es können der Wahrheit ins Auge zu blicken". Tun wir dies heute, so erkennen wir ein gefährliches Machtvakuum im Westen. Diesen Pol wieder zu gestalten, das ist die historische Aufgabe der Europäischen Union. Die Macht Europas zu stärken, symbolisch und persönlich sichtbar zu machen, sie juristisch und ökonomisch so auszustatten, dass sich die Europäer beschützt fühlen, ist von nun an die zentrale Aufgabe deutscher Politik. Nur ein starkes Europa, ein viel stärkeres als bisher, vermag die Kräfte zu bannen, die einst zum 8. Mai 1945 geführt haben.

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