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Insel Texel: Kapitulation? Egal!

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Het Open Boek/"Sondermeldung Texel"

Kriegsende in Europa Blutbad im Dünenparadies

Es war ein Krieg nach dem Krieg: Auf der lange Zeit friedlichen Insel Texel fand noch Wochen nach der deutschen Kapitulation eine absurde wie sinnlose Schlacht statt. Während Europa den Frieden feierte, kämpften Georgier und Deutsche erbittert um jeden Meter - und exekutierten massenhaft Gefangene.

Die holländische Bevölkerung auf der Nordseeinsel Texel war begeistert. Endlich war dieser verdammte Krieg vorbei! Es war der 5. Mai 1945, und soeben hatten die deutschen Streitkräfte in den Niederlanden kapituliert. Eifrig bereiteten sich die Bewohner von Texel auf eine ausgelassene Jubelparade vor: Sie hingen Bettlaken aus ihren Fenstern und spannten Girlanden über die Straßen mit der Aufschrift: "Es lebe die Befreiung!"

Kurze Zeit danach marschierten tatsächlich Soldaten singend unter den Girlanden her. Nur: Das waren nicht die alliierten Siegertruppen. Auch keine holländischen Freiheitskämpfer - sondern deutsche Wehrmachtssoldaten, voll bewaffnet und unwillig, aufzugeben. Der Krieg mit den Niederlanden war längst beendet, am 8. Mai kapitulierte das "Dritte Reich" vollständig - doch auf der kleinen Insel Texel ging der Kampf einfach weiter.

Unbemerkt von der Weltöffentlichkeit tobte hier noch fast zwei Wochen eine ebenso absurde wie grausame Schlacht. In dem heutigen Campingparadies fielen die letzten Opfer des Zweiten Weltkrieges in Europa. Erst als kanadische Truppen am 20. Mai 1945 auf Texel landeten, endete der Wahnsinn. Die Insel war befreit - und wurde wieder vergessen: Denn auch 65 Jahre nach dem bizarren Kriegsende ist der gnadenlose Partisanenkampf der letzten Kriegswochen kaum bekannt - obwohl Tausende starben oder systematisch liquidiert wurden.

Wasserski mit Hakenkreuzflagge

Dabei war Texel von solchen Grausamkeiten jahrelang verschont geblieben. Eine Versetzung hierher kam fast einem Urlaubsaufenthalt gleich. Die Wehrmachtsoldaten entspannten in ihrer Freizeit am Strand, veranstalten Schwimmwettbewerbe oder fuhren Wasserski - ohne natürlich zu vergessen, ihre Boote mit Hakenkreuzflaggen zu schmücken. Eine der vier deutschen Batterien gründete sogar ein eigenes Hausorchester. In ihren Liedern besangen die Soldaten Sand und Wasser und priesen den deutschen Humor als bestes Hausmittel gegen Langeweile und "Dünenkoller".

Die harmlose Fassade täuschte. Es gab eine holländische Untergrundbewegung, die allerdings zunächst vom Festland angewiesen wurde, sich ruhig zu verhalten. Und auch die Deutschen wussten, dass Texel strategische Bedeutung bekommen konnte - als mögliches Sprungbrett der Engländer für eine Invasion auf dem Kontinent. Nach der Besetzung der Insel im Juni 1940 hatte die Wehrmacht die Insel daher in eine Festung aus Stahlbeton verwandelt - mit Hunderten Bunkern, Minenfeldern und dem gut geschützten Hauptquartier "Texla" in der Nähe der Inselhauptstadt Den Burg.

Nur: Die erwartete Attacke der Briten von der See fand nie statt. Die wirklichen Feinde der Deutschen befanden sich bereits auf der Insel: Sie trugen Wehrmachtsuniformen und stammten aus den eigenen Reihen. Die Angreifer waren einst verbündete Georgier; der blutige Kampf auf Texel wurde zwischen ehemaligen Waffenbrüdern ausgefochten - und geriet gerade deswegen völlig außer Kontrolle.

"Wir schworen uns, Rache zu nehmen"

Die Geogier waren Angehörige des 822. Infanteriebataillons der "Georgischen Legion" - eine von Hitlers legendären "Ostlegionen". Diese gemischten Kampfeinheiten wurden aus Deutschen und sowjetischen Kriegsgefangenen oder Freiwilligen zusammengestellt. Die wahre Motivation der Ostkämpfer war aber schwer zu erkennen: Meldeten sie sich, um Hunger und Tod in den Lagern zu entkommen - oder waren sie wirklich überzeugte Nationalisten und Antikommunisten, die Stalin abgrundtief hassten?

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Im Frühjahr 1945 waren auf Texel jedenfalls 800 Georgier und nur 400 Deutsche stationiert. Das Verhältnis zwischen ihnen war gut, man sang, trank und lachte zusammen. Auch der deutsche Inselkommandant Klaus Breitner ahnte nichts: "Ich habe meinen Georgiern blind vertraut", erzählte er dem Journalisten Dick van Reeuwijk, der für eine holländische TV-Dokumentation nach dem Krieg mit etlichen Zeitzeugen sprach. "Von Sabotage haben wir nie etwas gemerkt."

Breitner wusste nicht, dass Georgier wie Gabierlowitsch Congladze nur auf den richtigen Zeitpunkt warteten, um zuzuschlagen. Congladze war 1941 in Minsk verwundet und von den Deutschen gefangengenommen worden. Er hungerte, erlebte den täglichen Terror, die willkürliche Erschießungen. "Alles war besser als der Tod", sagte er später zu seinem Entschluss, auf Seiten des Feindes zu kämpfen. "Wir beabsichtigten zu warten, bis wir Waffen besaßen. Darin sahen wir unsere Chance. Wir schworen uns, Rache zu nehmen."

Lautloser Angriff mit Messern

Mehrmals schmiedeten die Georgier Pläne für einen Aufstand - zunächst, als sie noch auf dem holländischen Festland stationiert waren. Sie versorgten Widerstandskämpfer mit Sprengstoff und Waffen aus den deutschen Depots. Sie diskutierten sogar ernsthaft einen Marsch auf Amsterdam. Ende 1944 ließen sie den wahnwitzigen Plan jedoch fallen. Kurz danach wurden sie nach Texel verlegt und nahmen dort sofort Kontakt zum Widerstand auf. Unter dem Tarnamen "Tag der Geburt" reifte erneut ein Plan zum Aufstand.

Und diesmal schlugen die Georgier wirklich zu. Den Anlass gaben die Deutschen selbst, als sie planten, 500 Georgier auf das Festland zu verlegen und sie in die völlig aussichtslose Schlacht gegen die Alliierten zu werfen. Jetzt wollten auch die größten Zauderer lieber gegen die Deutschen kämpfen als womöglich auf dem Festland Stalins Roter Armee in die Hände zu fallen.

In der Nacht zum 6. April 1945 griffen die Georgier an - lautlos, mit scharfen Messern, die sie sonst zum Rasieren benutzten. "Es wurde vorher genau geplant, wie viele Deutsche getötet werden sollten und wer wen töten musste", erinnert sich Jewgeni Artimidze, den seine Gefolgsleute nur den "kleinen Stalin" nannten. "Einige mussten acht bis zehn Deutsche umbringen."

Der Plan funktionierte. Die Georgier töteten einen Großteil der deutschen Besatzung und besetzten das Hauptquartier "Texla". Gefangene machten sie nicht, der Gegner wurde sofort exekutiert. Ganz oben auf der Todesliste stand Kommandant Klaus Breitner. Nur knapp entkam er und schlug sich zu der deutschen Batterie im Süden der Insel durch. "Ich lief beinahe einer georgischen Patrouille in die Arme, die Deutsche anhielt und direkt erschoss", erinnert sich Breitner an seine wilde Flucht, bei der er rücksichtslos seinem Begleitoffizier befahl, vorzulaufen - bis der tödlich von einer Kugel getroffen wurde.

"Alle Georgier liquidieren!"

Als Hitler in Berlin von dem Aufstand erfuhr, reagierte er mit einem wütenden Befehl: "Alle Georgier sofort liquidieren!". Verstärkung wurde auf die Insel geschickt. "Wir schlugen hart und fanatisch zurück", erzählte Kommandeur Breitner nach dem Krieg stolz. "Georgier, die überlaufen wollten oder gefangengenommen wurden, haben wir direkt erschossen", sagte er - und betonte, dass sei alles "in Übereinstimmung mit dem Kriegsrecht" geschehen.

Die Situation kippte. Die Deutschen feuerten von zwei Stellungen im Süden und im Norden der Insel, die nicht von den Georgiern überwältigt werden konnten, 2000 Granaten auf die Hauptstadt Den Burg. Dabei töteten sie auch Kinder und Zivilisten, konnten schon bald aber das Hauptquartier "Texla" und den wichtigen Hafen in Oudeschild zurückerobern. Nach und nach wurden die Georgier in den Norden zurückgedrängt und entschlossen sich nun zur Partisanentaktik. Damit begann ein zäher, wochenlanger Kampf, den beide Seiten mit großer Grausamkeit führten.

Georgische Scharfschützen verübten etliche Anschläge aus dem Hinterhalt. Deutsche Soldaten wiederum bestraften holländische Zivilisten, die den Aufständischen halfen, indem sie ihre Höfe abbrannten oder sie erschossen. Gefangene Georgier mussten ihr eigenes Grab schaufeln und ihre Wehrmachtsuniform ausziehen, bevor sie exekutiert wurden. Die Verräter waren in Augen der deutschen Kämpfer unwürdig, um in deutscher Uniform zu sterben.

Hass bis zum Schluss

Allein um den Flugplatz und den Leuchtturm entbrannte ein wochenlanger Kampf. Doch auch als die Wehrmacht Ende April diese strategisch wichtigen Stützpunkte erobert hatte, ging der Partisanenkampf weiter. Die versprengten Georgier versteckten sich in den Kiefernwäldern, in Scheunen und Erdlöchern oder zogen sich in die Minenfelder zurück, in die sich ihre Verfolger nicht trauten.

Während Hitlers "Tausendjähriges Reich" längst in Trümmern lag, tobte auf der jahrelang friedlichen Insel eine surreal-sinnlose Schlacht. "Jeder ahnte: Wir waren im Begriff, den Krieg zu verlieren", gab Kommandant Breitner später zu. "Aber vorher wollten wir uns noch an den Georgiern rächen." Als am 8. Mai der Krieg beendet war, kämpften beide Parteien unermüdlich weiter.

Am Ende konnte es nur Verlierer geben. Vermutlich starben etwa 3000 Menschen seit dem Aufstand im April bis zur Landung des 1. kanadischen Armeekorps am 20. Mai. Dessen Kommandant bezifferte die Verluste der Georgier auf 470 Mann, die der Deutschen auf 2347. Auch 117 Texelaner wurden getötet.

Kommandant Breitner befand sich zu dem Zeitpunkt mental immer noch im Krieg. Kurz vor der Ankunft der Kanadier befahl er, alle Akten und Karten zu vernichten. Zuletzt ließ Breitner, "um unsere Missachtung auszudrücken", symbolisch die Bataillonsfahne der Georgier ins Feuer werfen.

Zum Weiterlesen:

Dick van Reeuwijk: "Sondermeldung Texel. Aufstand der Georgier", Verlag Het Open Boek 1984.

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