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Kriegsende in Hamburg

Foto: Willi Beutler/ Landesbildarchiv/ dpa

Zeitzeugen des Kriegsendes 1945 "Heff ju schocklett?"

Als britische Panzer auf Hamburg zurollten, befürchtete die Bevölkerung eine erneute Zerstörungswelle. Doch dann kapitulierte die Stadt kampflos. Martin Klumbies, damals fünf, erinnert sich an die letzten Kriegstage.

Am 30. April erschoss sich Adolf Hitler im Berliner "Führerbunker". Drei Tage später rollten britische Panzer am 3. Mai 1945 in Hamburg ein, viele Stadtteile glichen einem Trümmerfeld. Bereits zwei Jahre zuvor hatten amerikanische und britische Flieger die Hansestadt in einer Serie von Luftschlägen massiv attackiert und unter dem Codenamen "Operation Gomorrha" insgesamt rund 8500 Tonnen Bomben abgeworfen. Etwa 34.000 Hamburger waren im Feuerinferno gestorben.

Weitere Zerstörungen konnten 1945 vermieden werden: Kampfkommandant Alwin Wolz war zwar laut "Führerbefehl" wie andere Militärchefs verpflichtet, Hamburg bis zum Schluss zu verteidigen, wusste aber um die aussichtslose Lage. Stabsarzt Hermann Burchard und Albert Schäfer, Generaldirektor der Harburger Phoenix-Werke, handelten Ende April mit den britischen Militärs einen Plan zur kampflosen Übergabe Hamburgs aus. Schäfer schmuggelte das Kapitulations-Angebot der Briten in seinem Schuh in den Befehlsbunker zu Gauleiter Karl Kaufmann - und der willigte ein.

Martin Klumbies (Jahrgang 1939) erzählt, wie er das Kriegsende zusammen mit seiner Mutter und seiner Schwester in einem Behelfsheim in Hamburg-Iserbrook erlebte.

 

Wahnwitzige Hoffnungen oder gar Überzeugungen auf den deutschen "Endsieg" sollen viele Menschen bis zum Schluss gepflegt haben. Nicht ungefährlich war es, weniger glorifizierend über das Ende des Krieges zu reden. Schon gar nicht durfte man äußern, dass Deutschland besiegt werden könnte. Fanatiker und Denunzianten konnten überall lauern. Keiner wusste sicher, wem man trauen durfte.

In der allgemeinen Anspannung hingen Fragen in der Luft, was kommen könnte und wie es weitergehen würde. Ich glaube, meine Mutter sah der näheren Zukunft nicht besonders unruhig entgegen, eher hoffnungsvoll. Jetzt, wo wir mit mancherlei Schwierigkeiten zu tun hatten, beugte sie sich eines Abends im Schein der Petroleumlampe über den Tisch und flüsterte mir leise zu, was ich wohl als Trost empfinden sollte: "Schlimmer als jetzt kann es nicht kommen."

Sie täuschte sich.

Nicht nur Lebensmittel wurden bald allzu knapp, eigentlich alles, was man zum Leben benötigte. Die Erwachsenen lauschten an den Volksempfängern den Meldungen der deutschen Propaganda. Laut Goebbels' Schreihälsen kämpften deutsche Truppen "heldenhaft" - in Wirklichkeit waren es nur noch zusammengesuchte Reste von Einheiten. Sie zogen sich zwar von "Auffanglinie" zu "Auffanglinie" zurück, aber angeblich nur, um den Feind wirkungsvoller zurückschlagen zu können. Meine Mutter kommentierte: "Das glaubt ihr doch selbst nicht."

Alliierte Verbände näherten sich jedenfalls der Elbe und den Grenzen Hamburgs. Immer häufiger legten wir Jungs, im vermeintlichen Schutz des überstehenden Daches, die Köpfe in den Nacken, um die am Himmel brummenden Bomber und Kampfflugzeuge mit Kurs auf Schleswig-Holstein zu beobachten. Wir waren ziemlich furchtlos, als sagte uns ein Gefühl, dass der Krieg für uns so gut wie beendet sei.

"Die Tommys tun Kindern nichts"

Abends, die Tür und die Fensterläden geschlossen, drehte meine Mutter an den Knöpfen des Radios und lauschte quietschenden Tönen. Wenn dann schicksalsschwer ein Paukensignal ertönte, rückte sie dem Gerät noch näher. Mit höchster Anspannung lauschte sie der Stimme, die auf Deutsch sprach. Die Rede war von Front und Krieg und Ruhe bewahren. Davon, was meine Mutter tat, durfte ich draußen absolut nichts verraten. Wenn ich auch keine Details verstand, so hatte ich doch begriffen, dass das Ende des Krieges nahe war.

DER SPIEGEL

Wenn wir Kinder unter uns waren, redeten wir, denn die jetzige Entwicklung musste einfach erörtert werden. Wir waren ja mit dem Krieg groß geworden, kannten gar nichts anderes. Wie konnte denn plötzlich alles anders sein? Eine Zeit nach dem Krieg, also ein Leben ohne Alarm und Angst und Gefahr - das konnten wir uns nicht richtig vorstellen. Sollten wir uns nie mehr verkriechen müssen? Würden wir reden dürfen, was wir wollten? Uns war klar, dass man sich nicht zu früh freuen durfte. Aber zu uns würden ja die Tommys, die Engländer, kommen und nicht die Russen. "Die Tommys tun Kindern nichts", hieß es. Das wusste meine Mutter ganz genau.

Die Großen besprachen mit uns Kindern ziemlich wenig, die Luft vibrierte vor Spannung. Wir merkten die Unsicherheit der Erwachsenen, wie aufgeregt sie waren, wie sie tuschelten. Nun wurde es für sie höchste Zeit, reinen Tisch zu machen, sich selbstkritisch die Frage zu stellen, inwieweit man in das System der Naziherrschaft involviert war, für was man Verantwortung übernehmen musste. Bilder und Dokumente wurden sortiert - und bald drang viel dunkler Qualm aus den Schornsteinen.

Wer ausgebombt war, hatte jedoch nichts zu verbrennen. Meine Mutter hatte kaum etwas zu befürchten, mein Vater auch nicht. Er war ja nicht mal zu Hause, vielleicht lebte er auch gar nicht mehr. Wir hatte nicht die geringste Ahnung, wo er war. Da in allen Häusern Seemannsfamilien wohnten, waren die meisten Männer noch unterwegs, bei der Kriegsmarine oder der zivilen Schifffahrt.

"Komm, der Krieg ist aus"

Ab und zu stand meine Mutter im Garten mit einer Nachbarin. Neugierig stand ich dabei, ohne zu begreifen, was beredet wurde. Aber ich bekam doch etwas von ihren Befürchtungen mit, dass die Insassen des Polenlagers auf unserem Platz einiges anrichten könnten. Ich hörte etwas von Aufstand, Ausbruch, Befreiung und Vergewaltigung. Viele Ängste beherrschten jetzt die Erwachsenen. Mir schien, als würde meine Mutter die Tommys voller Ungeduld erwarten. "Damit man weiß, woran man ist", sagte sie.

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Kriegsende in Hamburg

Foto: Willi Beutler/ Landesbildarchiv/ dpa

Die erste Zeit unter einer Besetzung konnte sich chaotisch entwickeln. Würde eine raubende und mordende Soldateska über uns herfallen? Die Nazipropaganda hatte Schreckliches verbreitet, was man von Russen erwarten müsste. Würden die Engländer sich auch austoben wollen? Hatten die fremden Soldaten nicht Grund genug, Rache zu üben an den Deutschen? Plötzlich, es war der 3. Mai, hing morgens auf dem Platz ein großes Plakat:

Bekanntmachung! 

Der Befehlshaber der britischen Besatzungstruppen hat folgende Anordnungen erlassen:

Heute Mittag beginnt der Einmarsch der Besatzungstruppen.

Ab 13 Uhr besteht Ausgehverbot für die Bevölkerung, mit Ausnahme der Angehörigen der Versorgungsbetriebe (Elektrizitäts-, Gas- und Wasserwerke).

Die Dauer des Ausgehverbots wird von der Disziplin der Bevölkerung abhängig gemacht.

Die Verantwortung für die Durchführung dieser Maßnahme wird der Hamburger Polizei übertragen.

Bei Nichtbefolgen wird außerdem die Besatzungsmacht mit Waffengewalt einschreiten.

Der gesamte Verkehr wird um 12 Uhr eingestellt.

Hamburg, den 3. Mai 1945

In Windeseile verbreitete sich die Neuigkeit. Nach und nach kamen die Bewohner des Platzes und lasen von ihrer Befreiung. Wahrscheinlich begriffen die wenigsten in diesem Moment, dass sie genau diese gerade erleben: die Befreiung vom Naziregime und Kriegsterror. Vereinzelt redeten Erwachsene miteinander, aber eigentlich herrschte eine eigentümliche Ruhe. Mütter begaben sich gefasst mit ihren Kindern zu ihren Buden.

Auch meine Mutter nahm mich an die Hand und sagte: "Komm, der Krieg ist aus!" Als wir an unserem Schutzloch vorbeigingen, sagte sie: "Da brauchen wir jetzt auch nicht mehr reinzukriechen." Sie nahm meine kleine Schwester Annelise, die im Garten gestanden hatte, aus dem Kinderwagen und legte sie in die Sofaecke. Dann holte meine Mutter Wasser vom Hahn vor dem Haus und schloss sorgfältig die Haustür.

Qualmwolken und Höllenlärm

Hamburg wurde fünf Tage vor der deutschen Gesamtkapitulation den Engländern übergeben - kampflos, ohne Widerstand. Das Ausgehverbot bestand nur rund 24 Stunden, bis neun Uhr am 4. Mai. Für uns Kinder bedeutete dieses Datum die größte Freude: spielen im Freien und keine Angst vor Bomben und Granatsplittern.

An Jubel, Umarmungen, Freudentänze kann ich mich nicht erinnern. Bei meiner Mutter muss ein Gefühl der Erleichterung überwogen haben: Fliegeralarm brauchten wir nun nicht mehr zu fürchten. Dieser Schrecken und die Angst um die Kinder waren ab sofort vorbei. Strikt verboten wurde, mit Munition zu spielen. Alles andere musste man abwarten.

Kurz darauf saß ich auf dem Fußweg der Sülldorfer Landstraße in einer Reihe mit meinen Spielkumpanen und bestaunte eine nicht enden wollende Kolonne von Panzern. Sie stießen stinkende, bläuliche Qualmwolken aus und rollten mit einem Höllenlärm in Richtung Schleswig-Holstein. Es waren Engländer, die den Sieg über Nazideutschland auch im Nordwesten des Landes bis zur dänischen Grenze sichern sollten. Männer mit Lederhauben auf den Köpfen reckten sich aus ihren Panzertürmen. Andere Soldaten saßen auf der Verkleidung der Fahrzeuge und genossen offenbar die Fahrt im Freien.

Unsere erste Scheu hatte sich gelegt. Das also waren unsere Feinde - alle winkten uns freundlich zu. Wir winkten zurück, unter uns machte sich eine euphorische Stimmung breit. Einige Kinder und Jugendliche riefen den Engländern etwas zu. Ich verstand nicht, was da so aufgeregt gerufen wurde. Erst als ein älterer Junge mich aufklärte, stimmte ich ein und streckte, wie die anderen, den Kriegskolossen meine Hand entgegen und rief "Heff ju schocklett?" Dies waren meine ersten Worte auf Englisch. Doch ich ergatterte keine Schokolade. Wie sie schmeckte, das wusste ich nicht.

Aber sie musste etwas Herrliches sein.

Auswahl und Bearbeitung: Sandra Mühlbach

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