Ein Kriegskind in Berlin »Ich wischte das Neugeborene mit Heu ab«

Kurz vor Kriegsende war Hans-Joachim Fritz 14 Jahre alt und Hitlerjunge. In Berlin brachte er Flüchtlinge mit dem Pferdekarren in Krankenhäuser, in Ruinen suchte er nach Überlebenden.
Aufgezeichnet von Barbara Halstenberg
Hans-Joachim Fritz als Schüler (um 1938): »Nach Bombenangriffen mussten wir Hitlerjungen zum Einsatz«

Hans-Joachim Fritz als Schüler (um 1938): »Nach Bombenangriffen mussten wir Hitlerjungen zum Einsatz«

Foto: privat

Die Berliner Journalistin Barbara Halstenberg hat mit rund 100 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen über ihre Erfahrungen als Kinder im Zweiten Weltkrieg gesprochen. Ihr Buch »Alles schaukelt, der ganze Bunker schaukelt – die letzten Kriegskinder erzählen«  ist frisch erschienen. Dieser Text ist ein leicht gekürzter Auszug daraus.

Hans-Joachim Fritz (Jahrgang 1929) wuchs in Berlin auf und wurde später Bäcker- und Konditormeister. Hier berichtet er, wie er die letzten Monate des Zweiten Weltkriegs erlebte:

Es war eine schlechte Zeit. Als ich noch klein war, sagte Mutti abends immer: »Ihr müsst beten: Lieber Gott, lass keine Flugzeuge kommen!« (Er weint.) Ja, wenn zweihundert Flieger kommen ... wo die ihre Bomben abluden, war fast alles weg. Einmal traf eine Bombe den Friedhof neben unserem Haus. Danach lag die Leiche unseres Bekannten, Herrn Bodiga, auf dem Friedhofsgang. Die Gräber konnten nicht tief gebuddelt werden, weil es keine kräftigen Leute mehr gab.

Während des Krieges wurden mein Freund Achim und ich als Hitlerjungen in der Verbandstruppe vom Roten Kreuz ausgebildet. Eine Rote-Kreuz-Schwester brachte uns Verbinden bei. Sie wollte auch, dass wir bei einer Krukenberg-Operation zugucken. Kennen Sie die? Bei dieser Operation wird Soldaten, die eine Hand verloren hatten, der Unterarmstumpf in eine Art Schere aufgeteilt. So hatten sie hinterher wieder eine Hand zum Arbeiten. Dabei schiss ich mir als Vierzehnjähriger in die Hosen. Aber ich bewunderte die Ärzte, die so was machten.

Ab Mai 1944 kamen die Flüchtlingszüge aus dem Osten in Berlin an. Alle Hitlerjugend-Gruppen in Dahlem bekamen den Befehl: »Waggons entladen, neue Züge sind bereits unterwegs!«

Eine Mutti starb vor meinen Augen

Das war was ... Achim und ich halfen jeden Tag am überfüllten Bahnhof Grunewald. Kinder suchten Muttis, Muttis suchten Kinder. Männer gab es fast keine mehr, die waren alle im Krieg; nur die alten und schwachen Männer kamen mit den Transporten an. Wir fragten die Frauen, wie lange sie denn gefahren seien. Eine Mutti sagte ganz schwach: »Fünf Tage kein Wasser, keine Toilette, nichts.« Dann war sie tot – gestorben. Vor meinen Augen.

Die Waggons waren rechteckig, an einer Ecke hatten die Insassen den Holzboden kaputt gemacht, damit sie ein Loch als Toilette hatten. Die Menschen mussten durch das Loch pinkeln und kacken. Alle – Männer und Frauen nicht getrennt. Sie halfen sich gegenseitig, Papier gab es nicht. Viele starben auf der Fahrt, es gab viele tote Babys. Die toten Babys konnten während der Fahrt durch das Loch gestoßen werden, die Erwachsenen nicht.

Als drei oder vier tote Erwachsene in einer Ecke übereinanderlagen, hatte einer gesagt: »Das Loch ist zu klein, wir müssen das Loch größer machen.« Aber die Frauen wollten das Loch nicht größer haben, es zog schon so sehr. Solche Geschichten erzählten die Menschen aus den Zügen.

Die Frauen und Kinder waren krank und schwach. Wie sollten wir sie in die Krankenhäuser bringen? Es gab keine Transportmittel mehr in der Stadt, alles wurde für den Krieg gebraucht. Zu Hause hatten wir ein ausgemustertes Kriegspferd. Es war verwundet worden und daher extrem schreckhaft – bei jedem Knall ging es durch. Ich spannte es vor einen kleinen Karren. Achim und ich fuhren damit die Frauen und Kinder ins Krankenhaus. Wenn ich den Karren unter einer S-Bahn-Unterführung durchsteuern musste, passte ich auf, dass kein Zug kam – sonst wäre mir das Pferd durchgegangen.

Wir waren doch erst vierzehn Jahre alt

Im Krankenhaus bekamen wir für unseren Transportdienst einen Teller warme Suppe. (Er weint.) Wir waren doch erst vierzehn Jahre alt. Keiner hatte bisher so viel Elend gesehen. Im ersten Zug, den ich entladen half, lag eine Frau. »Ich bin jetzt gerettet«, sagte sie (er weint), und dann bekam sie ihr Kind. Noch im Waggon. Der Sani sagte zu mir: »Was da aus dem Bauch raushängt, da machste einfach 'nen Knoten rin in den Nabel.«

Ich wischte das Neugeborene mit Heu ab, Stroh wäre ja viel zu hart gewesen. Das waren irre Sachen. Ich brachte der Frau ein Brötchen. Ach, wie freute sie sich! Sie hatte doch schon so lange nichts mehr gegessen. Wissen Sie, ich kann heute gar nicht sehen, wie die Leute mit Lebensmitteln umgehen.

Fünf Tage waren die Menschen unterwegs gewesen. Ohne Halt. Nur wenn die Lokomotive kein Wasser mehr hatte, hielt sie kurz. Dann konnten ein paar Tote abgelegt werden. Ein langer Pfiff ertönte, wer dann nicht auf dem Zug war, blieb zurück. So viele Züge kamen in Grunewald an! Monatelang halfen wir den neu ankommenden Flüchtlingen, versorgten die Verletzten. Immer wieder, immer wieder.

Später im Jahr kamen die Züge mit den Männern von der Front. Die Verwundetenzüge. Wir halfen beim Abbinden. Manche Soldaten kamen mit einem Bein an. Arme Schweine waren das, die Soldaten. Der eine hatte nur noch einen Arm, der andere kein Bein. Die Kameraden halfen sich untereinander. Wer nicht richtig laufen konnte, den nahmen zwei unter den Arm. Die Kameradschaft war enorm.

»Können wir dit?« – »Ja, dit können wa!«

Nach Bombenangriffen klingelte bei uns häufig das Telefon. Dann mussten wir Hitlerjungen zum Einsatz. Ich erinnere mich besonders an einen Einsatz am Südstern. Neben der Kirche stand ein großer Häuserblock. An der Hauswand war in Mannshöhe die Zahl 130 aufgemalt. Daneben zeigten zwei Pfeile nach rechts und links – ein Hinweis für die Rettungskräfte, dass 130 Menschen rechts und links im Luftschutzraum Schutz suchen konnten.

Als wir ankamen, war der ganze Block eingestürzt. Eine Gruppe der Organisation Todt, einer halbmilitärischen Bautruppe, bestand halb aus Sträflingen und aß vor dem Trümmerhaufen Suppe. 40 von den 130 im Luftschutzkeller eingeschlossenen Menschen hatten sie bereits herausholen können. Aber dann war der Kellerausgang immer wieder in sich zusammengestürzt, und sie hatten die Suche abgebrochen.

Achim und ich standen vor dem Trümmerhaufen.
Ich sah ihn an: »Och, Achim, können wir dit?«
»Ja, dit können wa! Aber da müssen wa erst ’nen Teller Suppe haben.«

Der Staub war tödlich

Die Suppe bekamen wir, und dann begannen wir zu schippen, Stein um Stein. Wir schippten weiter, immer weiter, einen richtigen Tunnel. 34 Personen holten wir noch aus den Trümmern. (Er weint.) Den einen legten wir verkehrt herum an die Seite, damit die anderen wussten, dass er tot ist. Wenn ein Haus zusammenstürzt, sind nicht das Feuer oder die Steine schlimm, sondern der Staub, der ist tödlich. Die Kinder waren sofort tot. Die vertragen das nicht.

Als Letztes kam eine Krankenschwester zusammen mit ein paar Kindern durch den Tunnel. Die Kinder hielten sich Lappen vor den Mund. Der Lappen war nass, da durch konnten die Kinder atmen. So hatte die Krankenschwester ihre eigenen Kinder retten können. Den Trick mit den nassen Lappen kannten wir nicht.

Mit meiner Mutter habe ich einmal über diese Erlebnisse geredet. Zu der Geburt im Waggon sagte sie: »Das ist doch schön, du bist ja auch von einer Schwester geholt worden, dann warst du eben die Schwester!« (Er weint.) Sonst habe ich zu Hause nicht viel erzählt.

Ja, das ist es. Mit der Versehrtengruppe haben wir über unsere Erlebnisse nach dem Krieg gesprochen. Sonst mit niemandem. Es war hart für uns, aber wir waren auch glücklich, dass wir helfen konnten. Dass wir etwas Sinnvolles machen konnten in dieser Zeit des Krieges.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.