Kriegskinder »Mutti war meine Heimat. Eine andere Heimat hatte ich nicht«

Berthild Erika Tourrenc war fünf Jahre alt, als sie Berlin verließ. Mit ihrer Mutter und ihrem Bruder überlebte sie die Flucht, Tiefflieger, Hunger. Hier erzählt sie ihre Geschichte.
Aufgezeichnet von Barbara Halstenberg
Berlin 1941: Berthild Tourrenc mit ihrem Bruder kurz vor der Evakuierung nach Schlesien

Berlin 1941: Berthild Tourrenc mit ihrem Bruder kurz vor der Evakuierung nach Schlesien

Foto:

privat

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Die Berliner Journalistin Barbara Halstenberg hat mit rund 100 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen über ihre Erfahrungen als Kinder im Zweiten Weltkrieg gesprochen. Ihr Buch »Alles schaukelt, der ganze Bunker schaukelt – die letzten Kriegskinder erzählen«  ist frisch erschienen. Dieser Text ist ein leicht gekürzter Auszug daraus.

Vor dem Krieg waren wir oft zu meinen Großeltern aufs Land gefahren. In der Weite des Gartens tollten mein Bruder und ich umher, pflückten Kirschen, Pflaumen, Äpfel, machten kleine Sträuße aus den vielen Flockenblumen, deren Duft überall in der Luft war.

Ab 1943 wurde Berlin heftig bombardiert. Mutter und ich wurden mit der Schule meines Bruders nach Ostpreußen evakuiert, in die Nähe von Angerburg. Wahnsinnig, uns 1943, nach der Schlacht von Stalingrad, so weit nach Osten zu bringen! Mein Bruder war gerade zehn Jahre alt geworden. Ich erinnere mich, wie wir in Angerburg auf dem Bahnsteig standen und die Bauern um uns herumliefen. Sie waren verpflichtet, den Flüchtlingen ein Zimmer abzugeben. Sie betrachteten uns. Plötzlich kam eine Frau auf uns zu und sagte: »Ich nehme Sie mit!« Sie hatte uns ausgesucht, weil sie einen Sohn im Alter meines Bruders hatte, und ihre Tochter war so alt wie ich – fünf Jahre.

Es war eine schöne Zeit. Ich erinnere mich an die Leinenfelder, ein Meer aus blauen Blüten, und die Masurischen Seen, überall Wasser und die Weite der Wälder.

Dann kamen die Russen. Sie waren kurz vor Angerburg. Wir liefen los, meine Mutter, mein Bruder und ich. In meinem kleinen Rucksack trug ich meine Puppe und einen Nachttopf – mehr konnte ich nicht tragen. Ich lief von Angerburg in Ostpreußen bis nach Schlesien. Als Fünfjährige! Wir schliefen draußen unter freiem Himmel und in Scheunen. Tagsüber liefen wir.

Russische Tiefflieger fliegen nur ein paar Meter über uns und schießen. Tote Pferde liegen auf der Straße. Viele tote Menschen liegen im Straßengraben. An den Rändern der Straße liegen tote Kinder. Die Menschen laufen einfach weiter – an den Toten vorbei. Niemand kann sich um die Toten kümmern. Menschen und Tiere werden von den Fliegern erschossen und bleiben liegen. Mutti ruft: »Guckt nicht hin!« Sie will nicht, dass wir hinschauen, wir sollen weiterlaufen.

Unter der grünen Decke fühlen wir uns geschützt

Die russischen Flieger sind immer da. Wir schmeißen uns auf die Erde. Wir hören das Brummen und springen in den Straßengraben oder wir rennen in den Wald, um uns zu verstecken. Mutti hat eine grüne Decke dabei, die legen wir über uns. Unter der Decke fühlen wir uns geschützt. Meine Mutti ist da, also kann uns nichts passieren. Mutti war meine Heimat. Eine andere Heimat hatte ich nicht. Mutti sagte immer: »Wir müssen mit unseren Gebeten Gott vertrauen, dass er uns und Vati am Leben lässt.«

Wir liefen weiter, immer weiter und weiter. Dabei sangen wir oft. Es läuft sich beim Singen besser. Manchmal spielte ich auch beim Laufen, warf Steinchen, sammelte längere und kürzere Stöcke, um den kürzeren mit dem längeren weiterzuschleudern. Viele Nächte schliefen wir draußen. Wir waren so müde vom Laufen! Wenn wir an eine Scheune kamen, legten wir uns ins Stroh. Die Menschen waren großzügig. Wir durften im Stroh übernachten.

Wir hatten nichts zu essen. Ich war rappeldürr, aber das machte nichts. Die Hauptsache war, dass wir lebten. Wir ernährten uns von Löwenzahn und Brennnesseln, manchmal sammelten wir Steckrüben auf den Feldern. Wir aßen alles roh. Wie hätten wir etwas kochen können? Wasser zum Trinken fanden wir auf dem Weg. Wir aßen viele Pilze. Deswegen kenne ich alle Pilze.

Zwei Monate waren wir unterwegs. Darum kann ich immer noch gut laufen. Ich habe es wirklich gelernt. Später brachte ich es meinen Enkelkindern bei und meinen Kindern sowieso – das Laufen.

Über Nacht wurde die Schule zum Lazarett

Wir kamen in Krauschwitz an, in der Oberlausitz. Wieder bekamen wir ein Zimmer bei einem Bauern. Im Herbst 1944 kam ich in die Schule. Wir mussten den Lehrer mit »Heil Hitler« begrüßen. Danach sangen wir das Horst-Wessel-Lied: »Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen!« Eines Morgens ging ich fröhlich in die Schule, die Schule gefiel mir. Auf dem Schulhof angekommen, lagen dort schreiende, blutende Soldaten. Die Schule war über Nacht ein Lazarett geworden. Ich drehte mich um und rannte nach Hause. Weinend sagte ich zu Mutti, dass ich nie mehr in meinen Leben zur Schule gehen wolle. Das war kein Problem, denn die Schulen wurden alle geschlossen.

Wir hatten nicht viel zu essen. Es gab nicht mehr viel gegen Ende des Krieges. Wir lebten von dem, was wir im Wald fanden, von den Pilzen, den Beeren. Es gab viele Preiselbeeren. Die ganze Zeit suchten wir etwas zu essen. Mutti machte aus allem, was wir fanden, etwas zu essen. Wenn der Bauer uns Reste gab, Kartoffelschalen und trockenes Brot, machte Mutti daraus eine Suppe für uns.

Wieder rückten die Russen näher. Mutti kam eines Tages aufgeregt angerannt und sagte: »Die Russen kommen, wir müssen weg! Es gibt einen Zug, der die Maschinen nach Westdeutschland bringt, da können wir uns unter den Maschinen ein Plätzchen ergattern!« Wir rannten los. In meinem Rucksäckchen trug ich wieder meine Puppe Erika und den Nachttopf. Mutti nahm einen Karton und mein Bruder eine Tasche. Wir versteckten uns unter einer Maschine, dann fuhr der Zug auch schon los.

Wieder kamen russische Tiefflieger. Sie wollten die Maschinen zerstören, Maschinen für die Landwirtschaft und zur Produktion von Waffen. Sie sollten nicht in russische Hände fallen, das hatten die Deutschen beschlossen. Es gab nur noch Züge für Juden und für Maschinen. Nicht für Flüchtlinge. Aber das wussten wir damals nicht.

Als die ersten Tiefflieger kamen, konnten wir aus dem fahrenden Zug nicht mehr entfliehen. Es war zu spät. Ich sagte zu Mutti: »Die Flugzeuge können doch gar nicht kommen, die Sirenen heulen doch noch nicht!« In Berlin waren die Flugzeuge immer erst nach dem Sirenengeheul gekommen.

Mutti legt sich auf mich, das verstehe ich nicht

Die Tiefflieger fangen an zu schießen. Mutti legt die grüne Decke über mich, dann legt sie sich auf mich. Das verstehe ich nicht. Ich bekomme kaum mehr Luft. Mutti will mich vor den Bomben beschützen – wenigstens ich soll überleben. Wir spitzen unsere Ohren, der Zug hält an, wir springen runter, werfen uns auf die Erde und legen die grüne Decke über uns. Überall hören wir Schüsse, dann ist es plötzlich still. Wir krabbeln unter der Decke hervor und sehen: Die ersten drei Waggons sind zerstört, der Lokomotivführer ist tot. Ein furchtbarer Anblick!

Wir wissen nicht, was wir mit den Toten unter den Maschinen machen sollen. Wir zogen die Toten raus. Vielleicht lebten sie noch. Aber was hätten wir mit Schwerverwundeten gemacht? Wir hatten nichts zum Verbinden. Mutti war keine Ärztin. Wir konnten nichts machen. Wir mussten die Toten liegen lassen – alle waren tot. Meine Mutti, mein Bruder und ich waren am Leben.

Wir liefen weiter. Mutti hatte nur ein paar Haferflocken dabei. Mit dem Wasser, das wir unterwegs fanden, aßen wir die Haferflocken. Immer nur Haferflocken. Ich konnte später keine Haferflocken mehr sehen. Irgendwann nahmen uns Lastwagen mit, und wir fuhren ein Stück mit dem Zug. Wir kamen in Lüneburg an. Dort war unsere Flucht zu Ende.

Noch jahrelang, ich hatte schon Kinder, stand ein gepackter Rucksack neben unserer Eingangstür. Darin lagen ein Messer, eine Zahnbürste, ein Stück Seife und etwas Haltbares zum Essen – Dinge, die man zum Überleben braucht. Das war wichtig für mich. Die Angst seit der Flucht war immer da. Jahrelang träumte ich immer wieder, dass sich die Wand öffnet und mich jemand ermordet. Jede Nacht. Die Wand öffnet sich, ich sehe einen Dolch und dann einen Mann. Ich springe aus meinem Bett. Mein erster Mann tat mir leid, weil ich so oft schreiend aus dem Bett sprang. Das legte sich erst, als ich zu meinem zweiten Mann nach Frankreich zog. In Frankreich fühlte ich mich sicherer.

Den Bäumen erzählte ich mein Leben

Vom Flüchtlingslager in Lüneburg wurden wir wieder auf die umliegenden Dörfer verteilt. Wir kamen nach Reinstorf, wo wir ein Zimmer beim Dorfbäcker bekamen. Manchmal durfte ich in die Backstube, den Duft des Brotes atmete ich tief ein, einmal bekam ich auch ein warmes Brötchen geschenkt. Als die Engländer Reinstorf besetzten, mussten wir unser Zimmer den englischen Soldaten überlassen.

Zusammen mit anderen Flüchtlingen zogen wir in die Dorfkirche. Dort war es schön. Der Lehrer spielte abends Orgel, und wir Kinder durften auf den Konfirmandenteppichen schlafen – das war gemütlich. In der Kirche wohnten wir vier Monate. Tagsüber spielte ich mit meiner Puppe und mit Stöckchen und Steinen, die ich in der Natur fand. Mein Bruder und ich kletterten auf die Bäume und nahmen aus jedem Nest ein Ei. Ich kannte alle Vögel und auch alle Eier, die sie legten. Wir pusteten die Eier aus und zogen sie auf einen langen Faden.

Wir lebten mit der Natur. Ich kannte eine Trauerweide, unter die setzte ich mich immer, wenn ich traurig war. Und ich kannte einen wunderbaren Nussbaum, unter den setzte ich mich, wenn ich ganz besonders fröhlich war. Diesen Bäumen erzählte ich mein Leben. Ich kannte jede Pflanze, jede Blume. Meine Mutti brachte mir alles bei. »Bildung ist das Einzige, was man mitnehmen kann«, sagte sie immer.

Da wir keine Bücher besaßen, erzählte uns Mutti alles, was sie gelesen hatte. Sie sang mit uns und lernte mit uns Gedichte. Wir liefen, »Freude schöner Götterfunken« singend oder das kleine und große Einmaleins aufsagend, hopsend in den Wald und sammelten alles, was essbar war. Wir waren immer hungrig. Es war Mutti wichtig, dass wir etwas für unseren Kopf tun. Später habe ich mir immer gesagt: Falls ich einmal ins Gefängnis kommen sollte, kann ich mit den Gedichten und Liedern schon alleine durchkommen. Das hat uns die Mutti vermittelt.

Wir lebten von Brennnesseln und Steckrüben

Die Nachkriegszeit begann . Wir verließen die Kirche und zogen in ein Zimmer bei einem Bauern. Mutti arbeitete für Maisbrot und Magermilch in einem Laden. Sie arbeitete als Sekretärin bei einem Arzt, der uns kostenlos versorgte, wenn wir krank waren.

In unserem Zimmer standen zwei Betten, für meine Mutter und meinen Bruder, davor stand mein Kinderbett und ein Tisch mit drei Stühlen. Wir hatten einen Ofen, die Töpfe waren unter den Betten verstaut. Wir mussten alles besorgen. Wir waren mit nichts gekommen, und die Bauern gaben uns nichts. Die Hühner bekamen Eier mit Brennnesseln, wir lebten nur von Brennnesseln und Steckrüben. Wir arbeiteten auf dem Feld für Kartoffeln, wir machten alle Ernten mit.

Nächtelang kochten wir aus Zuckerrüben Sirup. In einem großen Kessel rührten wir 24 Stunden lang die geschälten und geschnipselten Zuckerrüben. Wir wechselten uns ab. Tagsüber rührten wir Kinder und nachts die Erwachsenen. Danach hatten wir wunderbaren Sirup, es gab Maisbrot und Sirup – das war köstlich!

Mein Bruder ging auf das Gymnasium im 13 Kilometer entfernten Lüneburg. Dafür musste er schon um vier Uhr aufstehen, um im Nachbardorf den Arbeiterzug zu bekommen. Wenn er abends zurückkam, machte er oft noch bei Kerzenschein seine Hausaufgaben. Ich fand es gemütlich, wenn ich abends in meinem Bettchen lag und die Mutti meinen Bruder englische und lateinische Vokabeln abfragte. Ich lernte alle mit.

Eine Freundin fürs Leben

Es kostete meine Mutter viel Überzeugungsarbeit, mich in die Schule von Reinstorf zu begleiten, hatte ich doch beschlossen, nie wieder in die Schule zu gehen. Dort angekommen, hängte ich mein Jäckchen im Flur vor dem Klassenzimmer auf. Der Lehrer schickte eine Schülerin zu uns. Als sie mich sah, sagte sie: »Oh, ein Gesicht ohne Sommersprossen ist wie ein Himmel ohne Sterne.« Ich hatte nämlich unendlich viele Sommersprossen im Gesicht. Dieser Satz gefiel mir, ich sagte zu meiner Mutter: »Mutti, hier bleibe ich, dieses Mädchen ist jetzt meine Freundin.« Sie ist es bis heute!

In die Schule gab uns Mutter Maisbrot, zwei Scheiben, mit einer Kartoffel dazwischen als Belag. Wir hatten keine Vitamine. Meine Beine waren von oben bis unten offen – aus Vitaminmangel. Das sind Erinnerungen an eine Zeit, die man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen kann.

Vor unserem Zimmer stand ein Apfelbaum. Einmal versuchte ich, einen heruntergefallenen Apfel durch den Zaun zu greifen. Ein Apfel für uns drei! Die Bäuerin sah mich. Sie sagte zu ihrem Hund: »Ksst, ksst, greif sie!« Der Hund hat mich gebissen. Ich habe danach nie mehr versucht, einen heruntergefallenen Apfel durch einen Zaun zu holen. Seitdem habe ich Angst vor Hunden.

In Reinstorf waren wir die armen Flüchtlinge. Die Dorfbewohner warfen Mutti vor: »Ihr Berliner habt den Krieg begonnen, ihr habt den Krieg verloren, und jetzt müsst ihr es ausbaden!« So war die Meinung. Mutti brachte uns schnell bei: Wir sind die Flüchtlinge und haben bescheiden zu sein. Denn je bescheidener wir sind, desto eher werden wir in einer neuen Gemeinschaft akzeptiert. Mutti schaffte es, dass wir im Dorf gegrüßt wurden – auch das mussten wir uns erobern. Am Anfang wurden wir nicht einmal gegrüßt.

Was ich durch den Krieg erfahren habe? Dass Geld nicht glücklich machen kann. Was zählt im Leben, ist die Liebe, die einen trägt. Das hat uns unsere Mutti gegeben – die absolute Liebe. Sie war immer für uns da. Und sie zeigte uns, wie wichtig es ist, fröhlich zu sein.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.