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Militärspielzeug nach 1945: Der Krieg unterm Bett

Militärspielzeug nach 1945 Heimatfront im Kinderzimmer

Abrüstung der Kleinen: Nach dem Zweiten Weltkrieg beschlossen Politiker ein Verbot von Kriegsspielsachen. Doch durch Tricks der Hersteller und politische Schiebereien rollten nicht nur weiterhin Panzer durch die Kinderzimmer - in den Siebzigern feierte sogar Hitler ein Spielzeug-Comeback.

1949 war es geschehen. Die Nürnberger Spielzeugfirma Arnold brach ein Tabu. Vier Jahre nach Kriegsende brachte sie einen Miniatur-Jeep vom Typ "Willys" der US-Streitkräfte auf den Markt, der Groß und Klein in der amerikanischen Besatzungszone wohl vertraut war. Seit 1945 war in Deutschland kein Kriegsspielzeug mehr hergestellt worden. Das Spielzeugauto wurde ein Verkaufsrenner und zog einen regelrechten Boom von Militärspielsachen fürs Kinderzimmer nach sich.

Ein Verkaufserfolg, der eine große politische Debatte nach sich zog. Nichts Geringeres als einen Sieg der Moral und eine Abrechnung mit Militarismus und Nazi-Vergangenheit schrieben sich die Abgeordneten des Deutschen Bundestags auf die Fahnen, als sie am 23. Juni 1950 in Bonn zur Abstimmung über Gesetz zum Verbot von Kriegsspielzeug schritten. Sprecher aus den Fraktionen hatten zuvor emotionale Reden gehalten, die alle nur ein Thema hatten: Die verderbende Wirkung solcher Spielsachen auf Kinder und Jugendliche.

Es waren die CDU-Frauen, von denen die Debatte über den Krieg im Kinderzimmer ins Rollen gebracht worden war. In einem Antrag forderten sie von der Bundesregierung, "Herstellung und Vertrieb von Kriegsspielzeug jeglicher Art in dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zu verhindern". Die FDP unterstützte den Antrag und schickte eine ihrer besten Kräfte nach vorn ans Rednerpult. Die Abgeordnete Margarete Hütter, forderte mit viel Pathos "dass der Gedanke an alles mit dem Krieg Verbundene, wie Schießgewehre, Pistolen, Kanonen, Panzer und Soldaten, selbst Atombomben en miniature, wie sie kürzlich auf einer Nürnberger Spielzeugmesse verkauft wurden, aus der Umgebung des Kindes ausgeschaltet werde".

Kriegsspielzeugverbot? Nur für deutsche Kinder

Viele Abgeordnete brachten in ihren Reden auch persönliche Erfahrungen aus der Nazi-Zeit und dem Zweiten Weltkrieg unter. Dabei herrschte eine seltene Einigkeit unter den Politikern, die das "Dritte Reich" entweder als Verfolgte, als innere Emigranten oder als Mitläufer erlebt hatten. Margarete Hütter selbst war pikanterweise Mitglied der NSDAP und der NS-Frauenschaft gewesen, zeigte sich nach 1945 aber scheinbar geläutert.

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Militärspielzeug nach 1945: Der Krieg unterm Bett

Allein der wortgewaltige Franz-Josef Strauß von der CSU, der einige Jahre später als Verteidigungsminister seine Hand begierig nach deutschen Atomwaffen ausstrecken sollte, leistete gegen diese allgemeine Verurteilung des Kriegsspielzeugs Widerstand. In einem Änderungsantrag plädierte er dafür, Moral doch bitte Moral sein zu lassen und die Exportinteressen der deutschen Spielwarenindustrie nicht zu gefährden. Das Vertriebsverbot für Kriegsspielzeug solle deshalb nur für deutsche Kinder gelten. Ein Grund für diese Haltung: Die Bedeutung der Spielzeugfabrikation im Raum Nürnberg, das zu Strauߑ bayerischer Heimat gehörte.

Es kam den Sozialdemokraten zu, Strauß in die Schranken zu weisen: "Wir sollten nicht bereit sein, in diesem Falle unsere hohen sittlichen Prinzipien um einiger Silberlinge willen zu kompromittieren." Strauß wurde düpiert, in der abschließenden Abstimmung votierten die Abgeordneten mit großer Mehrheit für den Antrag.

Hitlers Spielzeug-Comeback in den Siebzigern

Es blieb ein Sieg auf dem Papier. Panzer, Jeeps und Schießgewehre liefen auch noch nach der Bundestagsabstimmung in immer größeren Stückzahlen vom Band. Denn die Regierung unter Bundeskanzler Adenauer tat - nichts. Für Adenauer kam eine solche Diskussion ebenso wie für die Spielwarenindustrie zur Unzeit. Schließlich führte der Bundeskanzler mit den Amerikanern bald Gespräche über einen westdeutschen Verteidigungsbeitrag.

Die Debatte über das Kriegsspielzeug war damit nicht nur eine moralische Frage, sie war auch hochpolitisch. Die Deutschen waren kriegsmüde, in Umfragen lehnten fast drei Viertel aller Befragten eine Militarisierung Deutschlands strikt ab. So ließ die Regierung das Thema lieber sang- und klanglos im Sande verlaufen, statt über den Nebenkriegsschauplatz Spielzeug die Debatte über echte Waffen in deutscher Hand zu befeuern. Der Spielwarenindustrie war dies mehr als recht.

Es war zunächst vor allem das Kriegsgerät der siegreichen Amerikaner, das seit 1949 im Spielzeugmaßstab hergestellt wurde. Doch in den siebziger Jahren geschah etwas Ungeheuerliches: Hitler und seine untergegangene Wehrmacht gingen als Spielzeug in Serie. Der "Führer", sein Kumpan Göring und andere verblichene Größen des NS-Staates waren im Weihnachtsgeschäft 1977 im gut sortierten Spielwarenhandel zu erhalten. Als Plastikfiguren historisch korrekt mit erhobenem rechten Arm zum Gruß.

Auch die Modellbauhersteller mischten im Geschäft um das "Dritte Reich" im Kinderzimmer kräftig mit. Als "wie geschaffen für junge Kampf-Spieler" priesen Hersteller besonders Bausätze an, mit denen die Kämpfe des Afrika-Korps nachzuspielen waren. "Wirklichkeitsnahe Erdbunker mit Werferrohren für Wurfscheiben, die durch eine Dachklappe geladen werden können", waren der letzte Schrei. Die Spielzeug-Wehrmacht zog mit historisch korrekten Hakenkreuz-Emblemen in die Kinderzimmer ein.

Bleisoldaten zur "Pflege des Wehrgedankens"

Es war nicht das erste Mal, dass Nazi-Spielzeug zum Megaseller wurde. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 läutete für die deutsche Spielwarenindustrie "goldene Jahre" ein. Die nationalsozialistische Führung brauchte die Spielzeughersteller gar nicht auffordern, ideologisches Spielzeug herzustellen. Diese hatte die kriegsverherrlichende NS-Ideologie schon längst als verkaufsfördernde Maßnahme für sich entdeckt.

Die Puppenfirma Käthe Kruse etwa produzierte "Friedebald als SA-Mann", "Friedebald als Hitlerjunge" und "Puppe I als Jungvolk". Ein anderes Unternehmen annoncierte: "Jeder deutsche Junge muß zu Weihnachten wieder Bleisoldaten erhalten zur Pflege des deutschen Wehrgedankens".

1935 zog die Spielwarenindustrie befriedigt Bilanz. 25 Prozent Umsatzsteigerung konnte sie in diesem Jahr verbuchen.

Panzer als "Verteidigungsspielzeug"

Nach der deutschen Kapitulation im Mai 1945 entwaffneten die Alliierten nicht nur die Wehrmacht. Auch die Herstellung und der Vertrieb von Kriegsspielzeug wurden untersagt. Schnell stellten die Spielwarenhersteller - ähnlich wie die echten Waffenfabriken - auf Friedensproduktion um. Bis 1949 mit Gründung der Bundesrepublik wieder Panzer und andere Mini-Militärausrüstung vom Band lief.

Aufkommender Kritik am Handel mit Kriegsspielzeug begegnete der Einzelhandel mit rhetorischen Tricks. So argumentierte das Vorstandsmitglied einer Warenhauskette: "Ich finde es interessant, dass Sie Modelle von Militärfahrzeugen und Waffen als Kriegsspielzeug bezeichnen, denn das für das Militär zuständige Ministerium heißt bei uns Verteidigungsministerium, und dementsprechend könnte man hier eigentlich genausogut von Verteidigungsspielzeug oder meinetwegen auch von Militärspielzeug sprechen."

Letztlich suchten die Unternehmen das besonders in den siebziger Jahren heiß diskutierte Problem durch einen einfachen Kniff zu lösen: Es gab unter ihren Produkten gar kein Kriegsspielzeug. Der Handel führte Modellbausätze, Rollenspiele und Karnevalsbedarf, aber kein Kriegsspielzeug. Mini-Panzer und kleine Plastiksoldaten wurden trotzdem eifrig weiterverkauft. Friedebald aus dem Hause Käthe Kruse kam nach dem Krieg übrigens weiterhin ins deutsche Kinderzimmer - allerdings hatte die SA-Puppe nach dem Krieg die Parteiuniform abgelegt und war nun ein Zivilist in bayerischen Trachtenhosen.

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