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Fürs Leben gezeichnet

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Kriegstraumata Verhärmte Seelen

Nach Kampfeinsätzen sind Soldaten oft traumatisiert. "Kriegszitterer" nannte man sie im Ersten Weltkrieg, sie galten als weich, schwach, gar hysterisch. Seitdem hat sich der Blick auf psychische Leiden stark verändert.

Willi Sch. war immer noch verwirrt, als er 1916 in das St. Jürgen-Asyl in Bremen eingeliefert wurde. Zudem sehr schreckhaft, manchmal fing er plötzlich an zu zittern. Der Krieg hatte ihn krank gemacht - "geisteskrank", wie man damals in der Medizin noch sagte.

In seiner Krankenakte aus der Psychiatrie steht: "Am 15. nach dem Angriff kam die Verschüttung. Wann wieder heraus? Ein paar Minuten. Wir liefen alle hin und her. Ich versuchte über die Deckung nach vorn wegzulaufen. Unterwegs traf ich einen Verwundeten und hab ihn mitgenommen. Die Granaten schlugen ein und ich nahm den Kopf des Kameraden mit. Ich kam dann in einen Graben hinein, wo alle Toten lagen, auch Schwarze. Ich lief wieder hin und her und ein Kamerad kam dann dort hin und hat mich mitgenommen. Dann habe ich die Erinnerung verloren."

Aus diesen Zeilen, dokumentiert von der Historikerin Maria Hermes-Wladarsch in ihrem Werk "Krankheit: Krieg", quellen Schlachtfeld-Albträume - Erlebnisse, die Soldatenseelen verwunden. Im Ersten Weltkrieg nannte man die Betroffenen "Kriegszitterer" oder "Kriegsschüttler". Die Stigmatisierung als "Hysteriker" und "Drückeberger" sollte im Zweiten Weltkrieg fortbestehen - auch wenn es schon in den Zwanzigerjahren ambitionierte Ärzte gab, die dem widersprachen. Der Krieg in Vietnam änderte den Blick auf die Erkrankung. Aus einer Schwäche wurde ein anerkanntes psychisches Leiden. Heute spricht man von einer Posttraumatischen Belastungsstörung, kurz PTBS.

Wenn man Verwundungen vergleichen möchte, dann ist eine verhärmte Seele mitunter schlimmer als fehlende Extremitäten. Weil sie den Betroffenen permanent im Würgegriff hält, oft ein Leben lang.

Ein neues Problem

Der "Große Krieg", wie die Deutschen den Ersten Weltkrieg damals nannten, war eine Art Zeitenwende, geht es um die Wahrnehmung von Trauma-Folgeerkrankungen. Zwar wurden schon im amerikanischen Bürgerkrieg 1861 bis 1865 erste Fälle von psychisch Versehrten bekannt. Doch die Dokumentation und die Beachtung war spärlich: "Im deutsch-französischen Krieg von 1870/1871 waren es ganze 13 Fälle, zu denen es Aufzeichnungen gibt", sagt Maria Hermes-Wladarsch.

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Allein im Deutschen Reich brachte der Erste Weltkrieg über 600.000 psychisch kranke Soldaten hervor. Experten wie Hermes-Wladarsch sprechen von einer hohen Dunkelziffer.

So wie den ehemaligen Soldaten Gereon Rath aus "Babylon Berlin" plagten auch Willi Sch. seine Erlebnisse. Die Ärzte attestierten ihm in seiner Akte, er sei "in sehr schwerem Kampf nicht verletzt, aber etwas kopflos geworden" und habe seitdem ein "traumhaftes unzuverlässiges Gedächtnis".

"Tatsächlich war der Erste Weltkrieg ein besonderer Fall, weil es die Schützengräben gab. Da konnten die Soldaten nicht weglaufen, auch wenn sie große Angst hatten. Der Fluchtimpuls entlud sich also im Zittern des Körpers", sagt Dr. Peter Zimmermann, Oberstarzt und Leiter des Psycho-Traumazentrums am Bundeswehrkrankenhaus Berlin.

Auch neue Kampfmittel wie Maschinengewehre und Giftgas beförderten die Angst der Soldaten. Und: Deutsche Soldaten hatten in der Regel nur alle zwei Jahre Fronturlaub. Zwischenzeitliche Erholung gab es kaum. Bei Willi Sch. fing die Traumatisierung wohl mit einem fünftägigen Trommelfeuer an.

Fehlende Sensibilität in zwei Weltkriegen

Aber dass die Kriegserlebnisse und die Erkrankung kausal zusammenhängen, ließen die öffentliche Lehrmeinung wie auch das Gros der Ärzte nicht zu. "Die Kälte, die aus den Aufzeichnungen der Ärzte spricht, kann einen erschrecken. Es wurde dann oft auch gar nicht mehr weiter darauf geschaut, wie die Patienten ihr Leiden verarbeiten", sagt Maria Hermes-Wladarsch, die für ihre Dissertation zum Thema mehrere tausend Krankenakten gesichtet hat.

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Zwar gab es seit dem Ersten Weltkrieg Ärzte, die therapeutisch Neues wagten. So setzte der Hamburger Neurologe Max Nonne etwa Hypnose ein, andere Behandlungsformen wie eine Elektrotherapie durch Stromimpulse sind ebenso dokumentiert. "Oft diente die Behandlung aber nur dem Ziel, den Soldaten wieder kampffähig zu machen", sagt Historikerin Maria Hermes-Wladarsch. Die deutsche Lehrmeinung in medizinischen Zeitschriften und auf Ärztekongressen blieb recht einseitig. Der kausale Zusammenhang Kriegserlebnis und psychische Erkrankung wurde weiter nur selten hergestellt.

"Schwächliche Konstitution" und "erbliche Belastung" waren für die Truppenärzte meist die Ursache für "traumatische Neurosen" und "Hysterie"; für die meisten Patienten gab es auch keine angemessene psychotherapeutische Behandlung.

"Auch bei Willi Sch. wurde ererbte schwächliche Konstitution diagnostiziert", sagt Maria Hermes-Wladarsch. Sozialdarwinismus und später Rassenhygiene griffen damals in der Lehre Raum. Vor allem dem einfachen Soldaten wurde im Gegensatz zu erkrankten Offizieren aus höheren gesellschaftlichen Kreisen Weichheit attestiert.

Die Symptome ändern sich, die Krankheit bleibt

Im Zweiten Weltkrieg variierten die Symptome der Erkrankung. Während davor vor allem gezittert wurde oder die Soldaten temporäre Sehschwächen und Taubheit erlitten, plagten Soldaten im Zweiten Weltkrieg vor allem Magen-, Darm-, sowie Herz- und Kreislauferkrankungen. Sehr oft psychosomatisch.

In der Wehrmacht gab es sogar ganze "Magen-Bataillone", in denen Soldaten mit entsprechenden psychosomatischen Leiden zusammengefasst wurden. "Die wurden dann meist hinter den Frontlinien eingesetzt", sagt Dr. Zimmermann. Auch für kriegsgestresste Piloten habe es Ruhepausen gegeben. Dr. Maria Hermes-Wladarsch spricht davon, "dass Magenkranke auch in zusammengefassten Verbänden als Kanonenfutter vorneweg in den Kampf geschickt wurden".

"Interessant ist, dass dann in den Kämpfen um Stalingrad das Zittern als Symptom erneut aufkam. Weil wieder die Situation eintraf, dass die Soldaten festsaßen und nicht flüchten konnten", sagt Dr. Zimmermann.

Einer, dem der Krieg auf den Magen schlug, war Wilhelm Kollmann, 1994 mit 92 Jahren verstorben. Er entwickelte psychosomatisch im Dienst als Pionier an der Front in Polen mehrere Magengeschwüre. Unter höllischen Schmerzen suchte er einen Truppenarzt auf.

Kollmann schreibt in seinen persönlichen Aufzeichnungen: "Ich wurde nach Reschow zur Untersuchung geschickt. Ich bekam den Magen ausgehoben mit einem dicken Gummischlauch, den ich aber sofort mit Mageninhalt dem Sani ins Gesicht spuckte, weil es mich so gewürgt hatte. In diesem Augenblick kam der Divisionsarzt durch den Raum und sagte, das müsse man diesen Drückebergern alle Tage machen. Der Befund zeigte aber, daß ich kein Drückeberger war, sondern wirklich am Magen operiert werden sollte."

Aus den Sätzen scheint ein enormer Druck zur Rechtfertigung. Später schreibt er: "Aber bald meldete sich mein Magenleiden zurück." Er wurde schließlich als nicht verwendungsfähig aus dem Kriegsdienst entlassen. Das rettete ihm sein Leben. Seine Einheit sollte wenig später aufgerieben werden, niemand überlebte.

Vietnam: Alles auf Null

Der Vietnamkrieg (1964 bis 1975) wurde dann zur eigentlichen Zäsur, in der die Medizin einen Schritt weiterkam. Die Krankheit war sichtbarer geworden: Bis heute leben viele Vietnam-Veteranen in den USA auf der Straße, weil ihnen ihr eigenes Leben völlig entglitt, nachdem sie die Grausamkeiten des Krieges gesehen hatten. Zu dieser Zeit nannte man das Phänomen noch "combat stress".

Die Psychiatrie achtete genau darauf, welche Merkmale bei erkrankten Soldaten immer wieder auftraten. Die Symptome und Merkmale der Vietnam-Veteranen entsprechen dem heutigen Krankheitsbild von PTBS: Schlaflosigkeit, Alpträume, Traurigkeit bis hin zur Depression, Aggressivität gegen sich selbst und andere, Flashbacks, Suchtsymptomatik und Selbstmordgedanken. Die Bewältigung der Krankheit ist eine Lebensaufgabe.

"Die Bewertung posttraumatischer Krankheiten hat sich völlig geändert", sagt der US-amerikanische Psychiater Frank Ochberg. Ochberg gehörte zu den Wissenschaftlern und Ärzten, die den Begriff PTSD (Posttraumatic Stress Disorder), auf Deutsch PTBS, mitdefinierten und ihn als Titel für eine Trauma-Folgeerkrankung einordneten. Seit 1980 ist die Erkrankung offiziell anerkannt. Offen dafür gekämpft hatte neben den Wissenschaftlern eine Allianz aus Frauenrechtlerinnen und Kriegsveteranen.

"Der große Unterschied war, dass die Betroffenen jetzt offener über ihre Leiden sprachen und PTSD als Verwundung angesehen wurde, nicht als Schwäche", sagt Ochberg.

Und auch die Behandlungsformen änderten sich grundsätzlich. Es wurden neue Trauma-Therapien entwickelt, oft Konfrontationstherapien, die darauf abzielen, die Erlebnisse wieder hervorzuholen und neu abzuspeichern. Das Ganze funktioniert wie das Defragmentieren einer Festplatte. Auch der Einsatz von Antidepressiva wurde Standard.

Probleme von heute

Etwa drei Prozent der deutschen Soldaten, die im Auslandseinsatz in Afghanistan waren, kommen mit einer PTBS zurück, schätzt die Bundeswehr. In den USA gehen Experten von einer deutlich höheren Quote in ihren Truppen aus.

Die Soldaten werden heute fundiert behandelt. Was oft fehlt, sind Angebote für die Familien. Patricia Leck aus Hessen ist mit einem Einsatzveteranen zusammen. Was sie moniert: "Man muss sich alles selbst zusammensuchen. Familien erkranken ja quasi mit." Leck hat mit viel Selbsteinsatz dafür gesorgt, dass sie und ihr Mann eine Therapie mit Pferden machen konnten, "die besser gewirkt hat als jede Seelenklempnerei", wie sie sagt.

Trotzdem bleiben Kriegstraumata ein Stigma. Die Betroffenen werden in der Truppe als verweichlicht und manchmal auch immer noch als Drückeberger angesehen. Nicht alles hat sich seit den Weltkriegen verändert.

Wilhelm Kollmann, 1994 verstorbener Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg, war der Großvater des Autors Christoph Wöhrle.