Anschlagsversuche Gift im Kugelschreiber

Im Kalten Krieg hatte die CIA klare Vorstellungen davon, wie Kubas Staatschef Fidel Castro sterben sollte: getötet von einem Auftragsmörder, einem Tausendsassa - und auf spektakuläre Weise.
Von Rüdiger Falksohn
Castro bei einem Interview im Auto 1964

Castro bei einem Interview im Auto 1964

Foto: NEW YORK TIMES / REDUX / LAIF

Dieser Text stammt aus SPIEGEL BIOGRAFIE: "Kuba und der ewige Revolutionär - Fidel Castro".

Die Zauberworte hießen: freie Hand. Nichts war unmöglich, nichts unvorstellbar, wenn es gegen Moskau und seine Vasallen ging, gegen die kommunistischen Diktaturen des Ostblocks und gegen deren Sympathisanten in der Dritten Welt.

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, der Kalte Krieg war bereits voll entbrannt, gab es bei den amerikanischen Geheimdiensten ein glasklares, definitives Feindbild: dort schwarz, hier weiß, hier gut, dort böse. Und bei der CIA schienen die Mittel damals unerschöpflich, die Methoden skrupellos, stets auf der technischen Höhe ihrer Zeit und häufig filmreif - ein bisschen James Bond, ein bisschen Frankenstein, ein bisschen Doktor Mabuse.

Milzbranderreger beispielsweise gehörten von Anfang an zum Repertoire der Einsatzkommandos, und wie die Konkurrenz vom KGB experimentierten auch die Amerikaner mit Wahrsagern, Parapsychologen und sonstigen Spökenkiekern. Ein Ressort namens "Technischer Service" des Dienstes aus Langley nahe der Hauptstadt Washington versuchte sogar, Testpersonen zu Tötungsmaschinen umzupolen. Es pumpte Menschen mit LSD, Meskalin und anderen Drogen voll und ließ Gehirne operieren in der Absicht, das Gedächtnis zu manipulieren.

Das "Komitee zur Veränderung des Gesundheitszustands", dessen Name heute wie eine Ausgeburt der Fantasie George Orwells klingt, hatte hingegen eine ganz altmodische Bestimmung: Attentate. Und nach Fidel Castros Machtübernahme 1959 gab es plötzlich ein neues Ziel von höchster Priorität.

Da baute jemand, knapp 150 Kilometer von den USA entfernt, ein Regime auf, das den amerikafreundlichen Diktator Fulgencio Batista vertrieben hatte und sich immer enger der Sowjetunion anschloss. Da galt es eigentlich nur noch, einen verlässlichen Killer zu finden und ihn in unmittelbarer Nähe zu Castro zu positionieren. Dieser Auftragsmörder durfte keine Flatternerven haben. "Können wir einen richtig gefährlichen Kubaner kriegen, einen Tausendsassa von der Insel?", erkundigte sich Dick Drain, der CIA-Operationsleiter der Einsatzkräfte für die Insel.

Sam Giancana 1956

Sam Giancana 1956

Foto: Corbis:/ © Bettmann/CORBIS

Doch solch einen kaltblütigen Profi gab es anscheinend nicht. Also heuerte die Agentenzentrale Handlanger in der US-amerikanischen Unterwelt an. Das schien allemal schlauer zu sein, als jemanden aus den eigenen Reihen loszuschicken, ein Misserfolg wäre kompromittierend gewesen.

Ein ehemaliger FBI-Agent namens Robert Maheu stellte also über den Gangster Johnny Roselli Verbindungen her zu zwei Mafiosi mit den Decknamen "Sam Gold" und "Joe". Bürgerlich hießen die Herren Momo Salvatore Giancana und Santos Trafficante, beide zählten zu den meistgesuchten Verbrechern der USA.

150.000 Dollar Kopfgeld wurde dem Trio in Aussicht gestellt, aber um sich als aufrechte Patrioten und Ehrenmänner zu erweisen, signalisierten die drei ihre Bereitschaft, den Auftrag selbstverständlich auch umsonst zu erledigen. Es solle nicht geschossen werden, schlug Giancana vor. Vielmehr plante er, sechs Giftpillen aus dem CIA-Labor nach Havanna zu schmuggeln und einem Kontaktmann zuzuspielen, der in Castros Lieblingsrestaurant arbeitete. Vergebens: Der ebenso charismatische wie misstrauische Máximo Líder wurde zuverlässig abgeschirmt, und es bleibt ein Geheimnis des Geheimdienstes, ob die Tabletten überhaupt auf die Zuckerinsel eingeschleust worden sind.

Castros damalige Gefährtin, die 1939 geborene Deutsche Marita Lorenz, gab später an, gegen Bezahlung zwei Giftpillen in einem Cremedöschen nach Havanna geschmuggelt zu haben - unverbrüchlich war die Liebe der Bremer Kapitänstochter zu dem revolutionären Sohn eines Zuckerbarons wohl doch nicht.

Die Salbe habe der Konterbande gar nicht gutgetan, erinnerte sich Lorenz: "Die Tabletten hatten sich aufgelöst. Es war wie ein Omen, und ich dachte: Zur Hölle damit, lass die Geschichte ihren Lauf nehmen." Leicht aufgelöst scheint allerdings auch Lorenz' Gedächtnis; sie verbreitete nämlich auch die Version, sie habe die Tabletten, während sie auf Castro in einem Hotelzimmer wartete, in einem Bidet weggespült.

Wie auch immer: Vorübergehend nahm die CIA Abstand von weiteren Gifteinsätzen. Kennedy wurde Präsident, nach der gescheiterten Schweinebucht-Invasion wurde die Mafia zunächst zurückgepfiffen, denn noch eine Blamage wollte Washington nicht riskieren. Unverändert aber deklinierten die Amerikaner Möglichkeiten durch, Castro zu beseitigen.

Schon im April 1962 nahm die CIA einen neuen Anlauf nach altem Muster. Im Rahmen des Projekts "Rifle" war erneut der Gangster Roselli der Mittelsmann, aber diesmal sollte ein prominenter Exil-Kubaner namens Tony Varona zur Tat schreiten, auch er mit Giftpillen. Varona bat zudem um Waffen, vielleicht zum Selbstschutz, womöglich auch, um Castro kurzerhand zu erschießen, aber er gelangte offenbar nicht in dessen Nähe.

Deutsche Gefährtin Marita Lorenz Filmbild aus "Lieber Fidel" (2000)

Deutsche Gefährtin Marita Lorenz
Filmbild aus "Lieber Fidel" (2000)

Foto: DDP IMAGES

Der Autor Tim Weiner weiß in seinem Buch "CIA - Die ganze Geschichte" zu berichten, dass Kennedys einflussreicher Bruder Robert "wie von Sinnen" gewesen sei - nicht über das Komplott an sich, sondern über die Beteiligung der Mafia.

Immerhin, Castro lebte fortan gezwungenermaßen unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen. Mit 80 Jahren noch beschuldigte er US-Präsident George W. Bush, Tötungsdirektiven gegen ihn gegeben zu haben. Insgesamt habe man im Laufe von fast fünf Jahrzehnten mehr als 600 Mordversuche registriert, ließ die kubanische Regierung wissen.

Das wäre knapp einer pro Monat - eine Zahl aus dem Legendennebel des Agentenwesens, und natürlich hat die CIA sie nicht bestätigt. Sie wäre in der Tat ein Nachweis abgrundtiefen Unvermögens.

"Mindestens acht Anschläge" habe man zwischen 1960 und 1965 konkret geplant, teilte dagegen das sogenannte Church Committee mit, ein Untersuchungsausschuss des US-Senats, der 1975/76 tagte. Acht Pleiten in sechs Jahren, das klingt nicht ganz so dilettantisch, bleibt aber mit dem Selbstverständnis der CIA unvereinbar.

Viele Anläufe hatten einen eher kuriosen Charakter. Womöglich wollte die CIA Kubas ersten Mann auch durch ihren Aktionismus und die ständige Drohkulisse bloß zermürben. Doch selbst die Parapsychologen im Hauptquartier von Langley hätten per Ferndiagnose erkennen können, dass die selbstgewisse Zielperson nicht wirklich einzuschüchtern war.

Einfallsreich waren die Jungs von der CIA auf jeden Fall. So kamen sie etwa auf die Idee, die Luft in jener Radiostation, wo Castro oft und gern Volksreden hielt, mit Aerosolen zu kontaminieren, die wie LSD wirken. Dieser Plan erwies sich als derart abgedreht, dass man ihn nicht umsetzte. Und so sprach Castro sein Lebtag lang weiter, wann immer ihm danach war, stundenlang improvisierend, in ungetrübter Studioatmosphäre.

Eine Obsession des Presidente, und folglich auch der CIA, waren Havanna-Zigarren, Kubas beliebtester Exportartikel, bevor die Amerikaner die Insel mit einem Wirtschaftsboykott belegten. Wieder dachte das "Komitee zur Veränderung des Gesundheitszustands" an Gift, womöglich ließe sich ja eine Kiste derart präparieren, dass der prominente Schurke durch das Qualmen die Orientierung verlöre oder gar seinen Bart. Peinlicher Haarausfall als Folge eines rundum gelungenen geheimdienstlichen Einsatzes - es war zu schön, um wahr zu werden. Immerhin hatte dieses Planspiel nicht den Zweck, Castro ins Jenseits zu befördern, wie der CIA-Fachmann für Lateinamerika Jacob Esterline später erklärte, derselbe Esterline, der als Projektleiter das Schweinebucht-Fiasko verbockt hatte.

Ähnlich kurios war die Nummer mit dem Thallium-Salz, einer Substanz, die Amerikanerinnen früher zur Enthaarung benutzten. Man wollte es dem Revolutionsführer im Wortsinn in die Schuhe schieben, wieder mit dem Hintergedanken, zumindest sein Markenzeichen zeitweise verschwinden zu lassen, den strubbeligen Kommunistenbart. Auch dieser Plan endete in der Abteilung Pleiten, Pech und Pannen.

Die Inkarnation des Bösen zu infizieren, zumindest physisch lahmzulegen, wenn schon ein Mord nicht klappte, dies war auch der Auftrag des New Yorker Anwalts James Donovan. Er verhandelte im Auftrag der USA 1962 mit Castro über die Freilassung der Schweinebucht-Gefangenen - eine günstige Gelegenheit?

Besessen von der Vorstellung, dem Revolutionsführer beizukommen, wollte die CIA den Juristen überreden, Castro einen inwendig mit einem Pilz präparierten Taucheranzug zu überreichen, ein modernes Danaergeschenk. Biologen hatten eine Fungus-Art ausgeguckt, die eine chronische Hautkrankheit bewirkt. Außerdem sollte das Atemgerät mit Bakterien besprüht werden, die Tuberkulose hervorrufen, idealiter den Tod auf Raten. Auch den Neoprenanzug hatten sie schon beschafft, nur war ihnen vor lauter Eifer entgangen, dass James Donovan einen ähnlichen Einfall gehabt hatte. Er hatte Castro bereits in Eigeninitiative einen Taucheranzug überreicht, und dieses Exemplar war unverseucht.

Dennoch kombinierten die Amerikaner weiter. Wenn Castro schon in einwandfreier Montur zu Wasser ging, dann sollte es doch zumindest möglich sein, ihn beim Tauchen zu erwischen, in bester Freizeitlaune. Das Stichwort hieß "Muschelfalle": Eine besonders große, schöne, dem Präsidentenauge schmeichelnde Muschel sollte dort platziert werden, wo Amerikas Staatsfeind Nummer eins für gewöhnlich in den Atlantik stieg. Sie sollte mit Sprengstoff präpariert werden, und wenn Fidel sie hocherfreut aufhöbe - aus der Traum vom Kommunismus unter Palmen.

Desmond FitzGerald, der die kubanischen Operationen der CIA leitete, hatte sich eigens zwei Fachbücher über die Spezies der Karibischen Mollusken besorgt.

Geheimdienstzentrale in Langley, Virginia, 1967

Geheimdienstzentrale in Langley, Virginia, 1967

Foto: Corbis:/ ? Bettmann/CORBIS

Dann aber nahm man einmal mehr Abstand von einem eigentlich raffinierten Hinterhalt, weil auch diese Variante, wie sich herausstellte, nicht so einfach umzusetzen war. Unter anderem wäre es erforderlich gewesen, ein Mini-U-Boot in kubanische Hoheitsgewässer einzuschleusen. Zu kompliziert das Ganze, entschieden die enttäuschten CIA-Leute, das Zeitfenster wäre zu klein gewesen.

Ein weiteres im Nachhinein bekannt gewordenes Abenteuer lief unter der Bezeichnung "AM/LASH"; es war benannt nach Rolando Cubela, einem langjährigen Intimus Castros, dessen Codename AM/LASH lautete. Die CIA hatte ihn kontaktiert, der zuständige Offizier Nestor Sánchez traf ihn erst im brasilianischen Porto Alegre und am Tage von John F. Kennedys Ermordung, dem 22. November 1963, noch einmal in Paris.

Dort wurde Cubela eine mit Gift gefüllte Kugelschreiber-Spritze übergeben. Der als hypernervös, redselig und gewalttätig geltende Castro-Hasser wollte mit dem Instrument den Diktator umbringen oder sich selbst, falls die Sache schiefliefe. Seine Devise war, "Fidel zu eliminieren, notfalls durch Exekution". Zuvor hatte er bereits ein Hochgeschwindigkeitsgewehr mit aufgesetztem Fernrohr von seinen Auftraggebern gefordert.

Als dann doch nichts passierte, machte die CIA den hitzköpfigen AM/LASH mit Manuel Artime bekannt, dem Anführer einer 300 Mann starken, von der CIA finanzierten Guerilla, die in Mittelamerika operierte. Artime und sein neuer Partner Cubela entwickelten nun den Plan, Castro am 26. Juli 1965 zu ermorden, wenn er im Badeort Varadero seine große Jahresrede an die Nation halten würde.

Alles war geregelt, eine Invasion der Artimes-Truppe sollte den Umsturz auf der Zuckerinsel besiegeln, mit Unterstützung kubanischer Militärs, auf deren konterrevolutionäre Gesinnung man spekulierte. Doch einen Monat vor dem entscheidenden Datum verabschiedete man sich auch von diesem Unternehmen. Irgendwie waren Details durchgesickert, und damit war ein weiterer Versuch gescheitert, Castro zu beseitigen. Acht Attentatsversuche oder 600? Selbst die Vermutung, dass die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegen könnte, entbehrt jeder konkreten Grundlage. Außer dem Bericht des Church Committees und einigen 2007 veröffentlichten CIA-Dokumenten kursieren nur jede Menge Gerüchte über das geheimdienstliche Wirken gegen Fidel Castro.

Der ehemalige Castro-Intimus Rolando Cubela (2.v.r.)

Der ehemalige Castro-Intimus Rolando Cubela (2.v.r.)

Foto: AP

Verbürgt ist lediglich, dass Eisenhower im März 1960 die CIA ermächtigte, den Máximo Líder zu stürzen. Naheliegend ist demnach, dass es rege Aktivitäten gab, über einen langen Zeitraum. Logisch ist auch, dass es an Belegen mangelt, denn solche Pläne verabreden Agenten lieber mündlich, mit kurzen Befehlsketten, die kaum zu rekonstruieren sind.

Auch an deren Enden lässt sich heute nichts mehr in Erfahrung bringen, die meisten Zeugen sind tot, zum Beispiel die beiden erfolglosen Mafiosi Giancana und Roselli. Die verhinderten Castro-Attentäter starben durchaus standesgemäß: Giancana wurde 1975 mit Kopfschüssen in seinem Haus bei Chicago liquidiert, Roselli fand man 1976 erwürgt in Florida - und mit abgesägten Beinen.