Kult-Team Harlem Globetrotters Balla-balla-Basketball

Ein Spiel wie eine Zirkus-Show: Die Harlem Globetrotters verzaubern seit 1929 Millionen Zuschauer mit Charme, Witz und Athletik. 21.000 mal siegten die Basketball-Clowns, so oft wie kein Profiteam der Welt. Dabei waren ihnen die Erfolge egal - sie wollten die Gesellschaft verändern.

Corbis

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Die Szene ist ein Klassiker. Purer Slapstick-Humor, in Zeiten bitterböser YouTube-Clips schon fast anrührend altmodisch. Und sie funktioniert: Ob in Hamburg, Hongkong oder Hollywood - das Publikum biegt sich vor Lachen. Zwei Harlem Globetrotter sind auf dem Feld aneinander geraten, das Spiel wurde unterbrochen. Eine wilde Verfolgungsjagd von Korb zu Korb beginnt, der Jäger trägt einen Eimer bei sich. Seinem Rivalen droht eine kräftige Dusche. Unmittelbar vor der ersten Zuschauerreihe stoppt der Gejagte, duckt sich, der Eimer kippt mit Schwung - und ein gutes Dutzend zahlender Gäste kreischt, wundert sich und lacht erleichtert. Es war nur Konfetti im Eimer.

Es ist immer nur Konfetti im Eimer. Die Einlage ist beinahe so alt wie das Globetrotter-Team selbst. Wenige Sekunden später werden die Protagonisten auf den Platz zurückkehren und den Ball mit Athletik und Kreativität in den Korb hämmern. In der Verbindung von diesen beiden Elementen entfaltet sich der Zauber der Harlem Globetrotters: Sie sind hochtalentierte Basketballer mit Schalk im Nacken und einer perfekten Comedy-Choreografie in der Hinterhand.

Das Ergebnis bei ihren Spielen ist den Basketball-Clowns dabei egal. Es geht nicht um die Anzahl der Körbe, sondern darum, dass jeder Treffer besonders gerät. Besonders spektakulär, besonders unterhaltsam, besonders atemberaubend. Mit dieser Einstellung errang das Team Weltruhm, wurde zur unverwechselbaren Marke - bis heute. Denn ein Globetrotters-Spiel ist immer zugleich Sportveranstaltung und Zirkus-Show. "The Clown Princes of Basketball" touren seit mehr als acht Jahrzehnten um die Welt und haben weit mehr als 20.000 Spiele absolviert. Als Botschafter des Basketball-Sports sind sie vor Königen, Päpsten und Despoten aufgetreten - insgesamt begeisterten sie schon mehr als hundert Millionen Zuschauer.

Die Vision von einem schwarzen Basketballteam

"Wenn Eltern zu einem unserer Spiele kommen, wissen sie genau, was sie erwartet", sagt Billy Ray Hobley, langjähriges Team-Mitglied, auch als "Super-Trotter" bekannt. "Sie und vor allem ihre Kinder sehen eine Gruppe überragender Sportler, die Spaß haben und Mannschaftsgeist und Fairness verkörpern. Deswegen sind wir auch als Botschafter des guten Willens bekannt." Tatsächlich wirken die Globetrotters wie ein Gegenentwurf zum modernen Basketball-Zirkus mit der US-Profiliga NBA als Speerspitze. Dort gelten persönliche Erfolge, individuelle Statistiken und vor allem Multi-Millionen-Dollar-Verträge als Ideal.

Es kommt der Globetrotters-Legende entgegen, dass die Ursprünge des Teams nie ganz geklärt werden konnten. Unbestritten ist, dass der jüdische Geschäftsmann Abe Saperstein die zentrale Rolle in den ersten Jahren spielte. Seine Version - das Team sei 1926 als Attraktion des Savoy Ballrooms, einem Jazz-Club in Chicago, gegründet worden - zerbricht bereits daran, dass der Savoy Ballroom erst 1927 seine Türen öffnete. Ob Saperstein, wie vielfach behauptet, einem damaligen Business-Kollegen sein bestehendes Team abschwatzte oder selbst eines ins Leben rief, ist unklar. Fest steht: Die Wurzeln der Mannschaft liegen im Chicago der späten zwanziger Jahre, das Land schlitterte bereits auf die Weltwirtschaftskrise zu.

Sapersteins Geschäftstüchtigkeit spiegelt sich im Namen der Mannschaft wider. Harlem, damals das Zentrum afroamerikanischer Kultur, stand in weiten Teilen der USA als Synonym für Exotik und auch für ein Fünkchen Anrüchigkeit. Dass das Team erst rund 40 Jahre später zum ersten Mal ein "Heimspiel" in Harlem austragen würde und sonst mit dem New Yorker Stadtteil herzlich wenig zu tun hatte, war für Saperstein ein marginales Detail. Seine Vision war klar: Er wollte mit einem rein schwarzen Basketballteam auf Tour gehen und Geld verdienen. In den professionellen Ligen waren afroamerikanische Athleten nicht spielberechtigt, ein komplett schwarzes Team hatte es noch nie gegeben.

Vom Basektballspiel zur Broadway-Vorstellung

Und auch seine Zielgruppe hatte der findige Unternehmer schnell ausgemacht. Abseits der Metropolen der Ostküste, in den verschlafenen Nestern des mittleren Westens waren Afroamerikaner, ob nun Basketballer oder nicht, eine Attraktion. Nicht wenige Zuschauer hatten noch nie einen zu Gesicht bekommen. Also tingelte Saperstein, inzwischen Inhaber, Manager und hin und wieder auch Auswechselspieler, mit seiner Mannschaft durch die Lande. In einem Ford Model T, ohne Heizung, Platz und Komfort. In jeder Kleinstadt rührte Saperstein - ein begnadeter Promoter mit einem Netzwerk aus Journalisten, Veranstaltern und Funktionären - die Werbetrommel. Die Duelle mit den Lokalmannschaften entschieden die Globetrotters meist für sich, ihre überlegene Technik und Athletik machten sie beinahe unschlagbar.

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Harlem Globetrotters: Ball-Clowns mit Vision

Bald erkannte der Manager, dass sein Team ein weiteres Alleinstellungsmerkmal, einen Gimmick brauchen würde. Das Zauberwort hieß Entertainment. Rasch begannen die Spieler, kleine Tricks und Kunststückchen in das Spiel einzustreuen. Sie ließen Bälle auf den Fingern rotieren, dribbelten sie durch die Beine und passten blitzschnell, manchmal ohne hinzuschauen. "Was als Basketballspiel begann, entwickelte sich rasch zu einer Broadway-Vorstellung, bei der die Zuschauer gar nicht aufhören wollten, zu applaudieren", schrieb etwa eine Tageszeitung in South Dakota. Das Publikum nahm das neue Konzept begeistert an. Die Globetrotters konnten sich sicher sein, bei ihrer nächsten Tour wieder gebucht zu werden.

So gern die Zuschauer den exotischen Ballkünstlern zuschauten, so gewaltig gestalteten sich die logistischen Herausforderungen einer landesweiten Kampagne in den rezessionsgeplagten dreißiger Jahren. Nicht zuletzt machte der offene Rassismus vieler Landbewohner den Besuch von Restaurants oder Hotels nahezu unmöglich. Die Legende der Globetrotters jedoch wuchs. Immer wieder spielten sie gegen College-Mannschaften oder sogar Profis. 1948 und 1949 besiegten die Trotters die Mannschaft der Minneapolis Lakers, später Serien-Meister in der NBA, zweimal hintereinander. Die Signalwirkung der Erfolge könnte nicht größer gewesen sein: Hier hatte ein komplett schwarzes ein gänzlich weißes Team bezwungen. Die vermeintlich unterklassigen Showspieler siegten gegen die mächtige Liga, die immer noch keine Afroamerikaner zulassen wollte.

Dribbler in der "Sesamstraße"

Als sich dies Anfang der fünfziger Jahre änderte, mussten auch die Globetrotters reagieren. Ihrer Exotik beraubt, verlagerten sie den Schwerpunkt immer mehr in Richtung Entertainment. Dazu standen erste Auftritte in Übersee auf dem Programm. Auf Staatskosten reiste man 1951 nach Berlin um vor 75.000 Zuschauern aufzutreten. Das Spiel war Teil einer Propagandakampagne gegen die kommunistischen Tendenzen im russisch besetzten Teil der Stadt.

Mit regelmäßigen TV-Auftritten in der "Sesamstraße", der "Ed Sullivan Show" und schließlich eigenen Fernsehsendungen wuchs die Popularität des Teams noch weiter, zugleich mussten sich die Globetrotters jedoch immer wieder gegen Kritik aus der politisch aktiven afroamerikanischen Gemeinschaft wehren. Man erfülle bewusst tendenziell rassistische Klischees und Stereotypen, lautete ein Vorwurf. Das Bild des "dummen Schwarzen", der das vornehmlich weiße Publikum amüsiere, würde bemüht. "Die Slapstick-Einlagen, das ständige Grinsen und die kreischenden Dialoge stehen nicht für ein modernes Amerika", kritisierte ein Kolumnist der "Chicago Sun-Times" 1962.

Nach dem Tod Sapersteins und mehreren Besitzerwechseln standen die Globetrotters 1993 kurz vor dem Konkurs. Mit neuem Investor und ehemaligen Star-Spielern auf wichtigen Posten ist das Unternehmen nun zurück auf Erfolgskurs. Bis zu drei Teams touren gleichzeitig um die Welt, professionelle Strukturen durchziehen den Club. Noch immer ertönt die Hymne "Sweet Georgia Brown" während des legendären Aufwärmzirkels, in dem sich die Spieler den Ball möglichst trickreich zupassen.

Im Jahr 2003 feierten die Globetrotters ihren 21.000 Sieg. Dies macht sie zum erfolgreichsten professionellen Sportteam der Welt. Auch wenn das Ergebnis bei den Spielen eigentlich egal ist.



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